Zeller, Albert – Hüter! ist die Nacht bald hin?

Hüter! ist die Nacht bald hin?
Ruf ich aus zu jeder Stunde;
Ungesehen fließt die Wunde;
Hüter, Hüter! gib mir Kunde,
Hüter! ist die Nacht bald hin?

Hüter! ist die Nacht bald hin?
Dunkel waren meine Tage,
Banger schallt zur Nacht die Klage,
Voll ist meines Leidens Wage:
Hüter! ist die Nacht bald hin?

Hüter! ist die Nacht bald hin?
Tief im Herzen, welch ein Wühlen!
Heiße Reue, peinvoll Fühlen
Wer wird meine Gluten fühlen?
Hüter! ist die Nacht bald hin?

Hüter! ist die Nacht bald hin?
Um mich lagern Todesschrecken,
Hin ist Mut und Stab und Stecken
Wer wird Leib und Seele Decken?
Hüter! ist die Nacht bald hin?

Hüter! ist die Nacht bald hin?
Wer kann Trost und Hilfe geben?
Gleiches Bangen, gleiches Beben
Rings bei Allen, welche leben
Hüter! ist die Nacht bald hin?

Hüter! ist die Nacht bald hin?
Enden nimmer die Beschwerden?
Will es nimmer Morgen werden?
Bleibt es ewig Nacht auf Erden?
Hüter! ist die Nacht bald hin?

Hüter! ist die Nacht bald hin?
Der die Mitternacht erschaffen,
Auf, empor will er mich raffen,
Kleidet mich in Mittagswaffen:
Ja, die Nacht ist bald dahin!

Hüter! ja die Nacht ist hin!
Weggeschwunden alles Grämen!
Wer will seine Allmacht lähmen?
Mond und Sonne muss sich schämen;
Solche Klarheit ist um ihn.

Alle Todesschatten fliehn;
Alle Hüllen sinken nieder,
Alles Gute kehret wieder;
Preist den Starken, singt ihm Lieder,
Jauchzet ihm: die Nacht ist hin!

Zeller, Albert – Dem großen Gott stirbt Keiner

Dem großen Gott stirbt Keiner,
Vor ihm gibts keinen Tod!
Ach, aber unser Einer
Ist stets von ihm bedroht;
Er will die Liebsten rauben,
Er nimmt uns selber fort,
Vor seinem Drohn und Schnauben
Beschirmet uns kein Hort.

Vom Wiegenlied zur Bahre,
Welch eine Hand voll Zeit!
Für Gott sind tausend Jahre
Ein einzig göttlich Heut;
Eh denn die Berge worden,
Die Erde und die Welt,
Hat er an heim‘schen Orten
Die Herberg uns bestellt.

Er rufet und wir kommen,
Er ruft und wir sind da;
Und wann es uns will frommen,
Ist unser Ende nah;
Er bleibt der Gott der Väter,
Die einst gewesen sind,
Des Lebens Stellvertreter
Bis zu dem letzten Kind.

Geh hin in deine Hammer
Und schließ die Türe zu!
Verbirg nur deinen Jammer,
Der Sturm ist weg im Nu;
Es kommt dein Herr und König,
Er zürnet nicht mit dir;
Harr aus und duld ein wenig!
Sein Wort bleibt dein Panier.

Sieh, deine Toten leben,
Sie kommen einst zu Hauf,
Von Erd und Schlaf umgeben;
O wachet fröhlich auf!
Es stürzt das Land der Toten
Der überstarke Held,
Und seine Lebensboten
Gehn durch das grüne Feld.

Von allen Angesichtern
Wischt er die Tränen ab,
Es strahlt von Himmelslichtern
Um seines Volkes Grab!
Er hat den Tod verschlungen,
Es kommt die gute Zeit;
Es ist der Sieg gelungen
Der selgen Ewigkeit.

Zeller, Albert – O welch ein trotzig und verzagtes Ding

O welch ein trotzig und verzagtes Ding
Ist unser Herz mit allem seinem Pochen!
Wie fährt es hoch einher und wie gering,
Wenn erst der Sturm ist völlig ausgebrochen
Und steuerlos das schwanke Menschenschiff
Entgegen treibt dem schroffen Felsenriff!

Sternlos die Nacht und nur noch Lcht genug,
Die Größe allen Jammers ganz zu fassen;
Es irrt das Aug nach Hilf in scheuem Flug,
Wir fühlen uns verstoßen und verlassen,
Und wenn der Herr nun plötzlich sich uns weist,
Ein Schrecken, als erschiene uns ein Geist.

Ich raff mich auf zum Glauben und Gebet,
Der Nacht zum Trotz und allem Sturmeswehen,
Und wie der Herr auf Meereswogen geht,
So will auch ich ihm kühn entgegen gehn:
Und kaum hab ich den ersten Schritt getan,
Fast neue Furcht mich und Entsetzen an.

Mein Angstruf schallt, fern ist das sichre Land!
O rette mich, mein Heiland, ich versinke!
Reich mir die treue, starke Freundeshand,
Dass ich nicht in der wilden Flut ertrinke!
Ich klammre mich mit ängstlicher Gewalt
An seine hohe, feste Lichtgestalt.

Er reichet mir in alter Freundlichkeit
Die Hand mit mildem Blick und sanften Worten:
Was zweifelst du? bin ich nicht allezeit
Dein Retter und dein Helfer noch geworden?
Heb ich nicht Alle aus der tiefen Flut,
Bis euer Herz beglückt an Meinem ruht?

Nun ist die Angst mit Einemmal entflohn,
Wie sich auch Wind und Wellen stürmisch jagen;
Ich kenn‘ ihn wieder als der Gottessohn,
Ich fühle mich gehalten und getragen,
Und schäme mich wie ein verzagtes Kind
Vor dem, dem Wind und Meer gehorsam sind.

Zeller, Albert – So halte fest denn, was du hast

So halte fest denn, was du hast,
Halt aus in Treu und Glauben,
Und lasse keine Lust noch Last
Dir deine Seele rauben,
Die Seele, die Gott selbst geliebt,
Für die sein Sohn gestorben,
Für die er Kampf und Sieg geübt,
Das ewge Heil erworben!

Das ewge Heil, das ewge Gut,
Ein Brunnen ohn Versiegen,
Voll Lieb und Lust, voll Trost und Mut,
Voll himmlischem Vergnügen;
Ein Born von unerschöpfter Kraft,
Von unsichtbarer Stärke,
Der Geist und Leben in uns schafft
Zu jedem guten Werke!

Zerbrochen ist des Leidens Joch,
Der Ring, der uns gehalten;
Wir haben nicht und haben doch,
Sind jung, wenn wir veralten;
Es muss sich unter unsrer Hand
Gar Alles fröhlich machen;
Wir sind daheim im Pilgerstand,
Wir weinen und wir lachen.

Kommt Alle, die ihr seid beschwert,
0 kommet ohne Säumnis!
Teilt mit uns, was uns Gott beschert,
Das selige Geheimnis!
Es haltens immerdar bereit
Die allertreusten Hände:
Der Herr ist bei uns allezeit
Bis an der Welten Ende.

Er siehet uns, wir sehn ihn nicht;
Doch wenn die Herzen brennen,
Und wir vor seinem Angesicht
Den heilgen Namen nennen,
Dann wissen wir und glauben fest
Mit männlichem Vertrauen:
Er kommt ja bald und fröhlich lässt
Er uns sein Antlitz schauen;

Und mit ihm Alle, die er nahm
An seine Brust nach oben,
Und die befreit von Leid und Gram
Dort seine Größe loben.
Es ist ja nur Ein Gottesreich
Im Himmel und auf Erden,
Und jenen selgen Siegern gleich
Soll jeder von uns werden.

So halte fest denn, was du hast,
Halt aus in Treu und Glauben,
Und lasse keine Lust noch Last
Dir deine Krone rauben!
Die Arbeit ruft, es ruft der Streit,
Es rufen Lobgesänge;
Es wächst der Bau in Herrlichkeit,
Die Welt wird ihm zu enge.

Zeller, Alber – Indessen wir im finstern Tal

Indessen wir im finstern Tal
Mit unsern Schmerzen wandern,
Folgt droben in dem Himmelssaal
Ein Freudenfest dem andern;
Und allen denen, die voraus
Die dunkle Bahn gezogen,
Ward schon im ewgen Vaterhaus
Ihr Erbteil zugewogen.
Sie freuen sich im Wiedersehn
Am Lohne ihrer Treue,
Und Alle, die hinübergehn,
Erhöhn das Fest aufs Neue.
Sie sehn das alte Mutterland
Zu ihren Füßen liegen,
Und mit dem Licht- und Schattenband
Die liebe Erde fliegen,
Den Spiel- und Kampfplatz ihrer Zeit
Mit wehmutsvollem Lächeln,
Die Stürme, die um sie gedräut,
Als lindes Frühlingsfächeln,
Die Fluten, die um sie gerollt,
Zum Spiegel ausgegossen,
Hellleuchtend wie der Sonne Gold,
Von Licht und Glanz umflossen;
Den kurzen dunkeln Erdentag
Zur Ewigkeit erweitert,
Geborgen, was versunken lag
Und einst im Sturm gescheitert.
Sie schaun mit Einem vollen Blick
Das Ganze ihrer Führung,
Ihr menschlich göttliches Geschick
Mit tiefster Herzensrührung;
Und eine neue Liebe gibt
Der Herr den Treubewährten,
Sie lieben wie sie sind geliebt,
Die Glücklichen, Verklärten,
Erkennen, wie sie sind erkannt.
O Reichtum sonder Gleichen!
O welch ein göttlicher Verstand!
Wer kann ihn hier erreichen?
Wann sind auch wir so weit gebracht?
Wann ist der Traum zerronnen?
Noch eine Nacht und wieder Nacht,
Dann haben wirs gewonnen!

Zinzendorf, Nikolaus von – Vom Glauben und von der Besprengung des Blutes Christi.

Du ein’ger Glaubensvater,
Der Du die Menschen lehrst,
Und zu dem Heilserstatter,
Dem Sohn, ihr Herze kehrst:
Wir möchten gerne wissen,
Was Glauben auf sich hat,
Wie wir, dem Fluch entrissen,
Verbessern Wort und Tat.

Wenn wir es recht erfahren,
So ist des Glaubens Art,
Dass er mit Unsichtbarem
Und Geistlichem rich paart,
Und hält sich an den Dingen
So fest, so lebhaft au,
Als man es kann vollbringen,
Wenn man sie sehen kann.

Drum haben äußre Sachen
Und Übungen den Sinn,
Uns eingedenk zu machen
Aufs Unsichtbare hin:
Und wer an solchen Werken,
Weil er sie mitgemacht,
Will seinen Glauben merken,
Der hat’s nicht recht bedacht.

Dass wir den Glauben haben,
Beweist auch das noch nicht,
Wenn wir von Gottes Gaben
Mit unser Teil gekriegt:
Das sind Gelegenheiten,
Dabei uns Gottes Güt
Nur immer noch von Weitem
Ein wenig an sich zieht.

Was bleibt denn nun ein Glaube,
Dadurch man Gott gefällt,
Wenn ich Ihm Alles raube,
Was man für Glauben hält?
Merk‘: Glauben heißt vertrauen
Auf das, was wir nicht seh’n,
Und hoffen’s doch zu schauen,
Weil’s unser Wohlergeh’n.

Ein Mensch kann endlich wissen,
Dass Du im Himmel bist:
Man weiß in Finsternissen,
Dass eine Sonne ist;
Allein das heißet gläuben,
Wenn uns ein gut Vertrau’n
und Liebsbegierde treiben,
uns nach Dir umzuschau’n.

Das Herz muss von der Erden,
Daran es feste hangt,
Erst losgerissen werden,
Eh‘ es nach Dir verlangt:
Die Lust der Ewigkeiten
Belustigt in der Tat
Nur Herzen, die in Zeiten
Danach verlanget hat.

Was will ich daran glauben,
Dass ich zwar haben kann,
Allein ich lass mir’s rauben,
Und nehme mich’s nicht an!
Die ganze Art der Sachen
Ist wider meinen Brauch,
Und kann mich traurig machen:
So glaubt der Teufel auch!

Darum, Du großes Wesen,
Der Du die Liebe bist,
Soll eine Seel‘ genesen,
So weißt Du, wie es ist:
Du musst sie glauben lehren,
Zuerst sie von der Welt
Und falschen Lust abkehren,
Da wird sie bloß gestellt.

So kann sie nun nicht bleiben,
Sonst wär’s um sie getan:
Sie fühlt ein ander Treiben;
Fasst nun von Neuem an:
Das dünkt ihr angenehmer,
Und leicht und wunderschön,
Für Leib und Seel‘ bequemer;
Sie möcht’s auch gerne seh’n.

Allein sie wohnt im Leibe,
Drum wird ihr beigebracht:
Du kannst nicht sehen, gläube!
Bis Ich dich frei gemacht.
Da sehnt sich denn die Seele,
Da will sie gerne hin:
Schon in der Leibeshöhle
Belustigt’s ihren Sinn.

Dieweil sie denn nun fühlet,
Dass sie gebunden sei,
Und nach der Freiheit zielet,
So macht sich Gott herbei:
Auf diesen muss sie bauen,
Dass Er ihr helfen kann,
Und seinem Wort vertrauen:
So ist die Sach‘ getan.

Und also kommt der Glaube
Auf Überzeugung an:
Dass ich dem HErrn erlaube,
zu machen, was Er kann;
Wenn ich mein Elend merke,
So trau‘ ich mir nichts zu,
Und such‘ in Gottes Stärke
Für meine Seele Ruh‘.

Dann will ich gerne werden,
Wie Gott mich haben will;
Zieht Er mich von der Erden,
So halt‘ ich gerne still;
Ist mir die Zucht empfindlich,
So tut sie mir auch wohl;
Und weil die Liebe gründlich,
So will ich, was ich soll.

Wohlan, Du Glaubenszeuge, (Off. 3,14.)
Dies wirke denn in mir,
Dass sich mein Wille beuge,
Wo ich mein Elend spür‘;
Dass ich von allem Dinge,
So Du nicht bist, entwöhnt,
Gott solch ein Herze bringe,
Das sich nach Christo sehnt!

Zinzendorf, Nikolaus von – Jesus, der gute Weinstock.

Edler Weinstock, dessen Reben
Voller Kraft und Säfte sind,
Lass mich an dem Stocke kleben,
Wo die Traube Kraft gewinnt,
Dass ich, fest um Dich geschlungen,
Gleich dem Efeu grünen mag,
Und, von Deinem Geist durchdrungen,
Wachse auf den Lesetag!

Vater, drohst Du, wegzunehmen,
Was sich nicht zu guter Frucht
Hier bei Zeiten will bequemen!
O so sei der Tand verflucht,
Welcher einen Teufelsglauben,
Der mit bloßem Wissen zahlt,
Schöne, aber tote Trauben
Listig uns vor Augen malt!

Werde mir zum Gnadenlohne,
Abba, Vater! dies beschert,
Dass Dein Leben in mir wohne,
Das mir Saft und Kraft gewährt!
Möge mich Dein Finger beugen,
Der mich in Dein Land versetzt,
Und viel Frucht im Herzen zeugen,
Das Dein Himmelstau benetzt!

Jesu, weil in Dir alleine
Eine Rebe tragen kann,
Also sei auch ich der Deine,
Dir auf ewig zugetan.
Falsche Liebe, stolzes Blähen,
Eigenwille, Selbstvernunft
Müsse ganz an Dir vergeben,
Ich entsage dieser Zunft.

Wollt ihr zürnen, Menschenkinder?
Scheint euch die Philosophie
Eurer Hoffart noch gesünder,
Als dies Kinderlallen hie?
Jesus hat mich hingezogen,
Wo die Einfalt triumphiert,
Und besiegt und überwogen
Die Vernunft in Ketten führt!

Wisset: Jesus, der Geliebte,
Hat uns ohne sie bekehrt,
Und auch Paulus, der Geübte,
Ihrer Hilfe nie begehrt.
Gib mir, Vater aller Geister,
Einen zarten Kindersinn!
Ziehe mich, Du guter Meister,
In Dein Einfaltswesen hin!

Wer nur Dein, O HErr, begehret,
Wer in Dir nur bleiben will,
Der wird bald von Dir erhöret,
Der erlanget Hüll‘ und Füll‘.
Was befiehlst Du, HErr? ich kenne
Mein Bedürfnis: Eins ist Not;
Darum sehn‘ ich mich, und brenne
Nur nach Deinem Kreuzestod!

Jesus Christus! überzeuge
Die verkehrten Menschen doch,
Dass sich ihre Schulter beuge
Unter Dein so sanftes Joch,
Dass sie Dich in Deiner Krone
Seh’n, Du König alles Lichts,
Und den Vater in dem Sohne,
Und Dich selbst in ihrem Nichts!

So wirst Du den Seelen Alles,
Also werden sie erquickt,
Und vom Würgenetz des Falles
Durch die Gnade losgestrickt.
Also sollen, die auf Erden
In ihr Nichts gegangen sein,
Erst in Dir zu etwas werden,
Aber auch durch Dich allein!

Zinzendorf, Nikolaus von – Einladung zu der gekreuzigten Liebe.

Kommt, Sünder, und blicket dem ewigen Sohne
Ins Herz, in die Nägelmal, unter die Krone,
Und sucht euch noch Mehrere zuzugesellen,
Die sich mit euch vor den Gekreuzigten stellen!

Wer wollte den Glauben durch Zweifeln verhindern?
Ihr Sünder, ich wollte, wir würden zu Kindern,
Und schlügen an’s Krenz alles künstliche Denken!
Der Freund will der Einfalt die Seligkeit schenken!

Ihr Armen! die Armut des Heilands macht reicher,
Sie öffnet der Ewigkeit Scheuren und Speicher,
Und wenn wir aus denen nur sicherlich nehmen,
So darf uns kein Mensch und kein Engel beschämen.

Wer alle Schuld bei sich gesucht und gefunden,
Der hat einen offenen Weg zu den Wunden;
Wer unter den elendsten Schuldnern gesessen,
Wird bei der Erledigung sein nicht vergessen.

So lernt man behaupten die lieblichen Rechte
Der Sünderschaft unter dem Menschengeschlechte;
Kaum gehet die eig’ne Gerechtigkeit unter,
So wird man in Gnade lebendig und munter!

Hat man sich im Geist des Gemütes erneuet,
So wird man gereinigt, gesalbt und geweihet,
Geht Jesu entgegen im heiligen Orden,
Dieweil man zur Jungfrau, die Öl hat, geworden.

Man geht seinen Weg nun behutsam und fröhlich,
Bewahret die Lampe, in Hoffnung schon selig;
Der Friedensgeist fließt auf die wachsamen Glieder
Vom Himmel in herrlichen Strömen hernieder.

Auf! suchet den Bräutigam mit flammenden Kerzen!
Die mindeste Trägheit bringt peinliche Schmerzen;
Vom Zepter des Königes, der uns berühret,
Wird unser begnadigter Heerzug regieret.

Darunter erfährt man mit innigem Beugen,
Wie gut es ist. Jesu sich willig erzeigen:
Das ist unsre Schuldigkeit über und über;
Was aber von Herzen geht. Das hat Er lieber!

Zinzendorf, Nikolaus von – Engel-Lied.

Hier ist Nacht,
Dort ist Pracht!
Dort ist Mut, hier Sorglichkeit;
Der Tag bringt bangen Kummer,
Die Nächte trägen Schlummer;
Hier wacht man, Gift zu schäumen,
Und lässt sich Gutes träumen.
Menschenchöre,
Engelheere,
Einem König
Untertänig:
Dass ihr euch so fremde seid!

Geist des HErrn!
Morgenstern!
Und Du Ursprung der Natur:
Wenn eure Donner red’ten!
Ein Geist in Liebesketten
Kann keine Stimm‘ aufbringen,
Die Geister zu besingen.
O, Du Meister
Aller Geister,
Die Dir grünen,
Die Dir dienen,
Hilf uns selber auf die Spur.

Cherubim,
Seraphim,
Stehend vor dem Morgenstern,
Die all gewalt’gen Herren,
Den Abgrund zu versperren,
Und Eden zu verhauen:
Die bücken sich, zu schauen
Gott mit Demut,
Uns mit Wehmut;
Ihre Flügel
Sind die Siegel
Ihrer Ehrfurcht vor dem HErrn.

Schauet an,
Wer da kann!
Denn es ist kein eitler Traum
Der in die Welt versunk’nen,
Von Eitelkeiten trunknen
Und fleischgeword’nen Wesen,
Das Geisterbuch zu lesen.
Wenn die Sinnen
Licht gewinnen,
Dann, dann taugen
Erst die Augen
Für der Engel heitern Raum!

Fürstenvolk,
Thronenvolk
Um den Stuhl zur Hand der Kraft
Des großen Patriarchen
von allen Gnadenarchen,
Der, göttlich angezogen,
Sitzt auf dem prächt’gen Bogen!
Heilige Wächter
Der Geschlechter
Der erkauften
Und getauften Friedensbunds-Genossenschaft:

Möchten wir
Dies Revier,
Was Gefahr es immer hat,
Mit mächtigem Vertrauen
Auf unsern König bauen!
Er ist der Gott der Geister,
Der Engel Ordensmeister,
Und die Heere
Seiner Ehre
Geh’n und schlagen
Flammenwagen
Rings um unsre Lagerstatt.

Nehmt die Hand
Auf das Band
Einer heil‘gen Brüderschaft!
Wir wollen uns verschwören
Zu Lieb‘- und Lobechören.
Dass Gott und Seinem Sohne,
Wie auch dem Geist im Throne,
Unverweilig:
„Heilig, heilig,
Heilig!“ töne;
Wir sind Söhne,
Wir sind Zeugen eurer Kraft.

Zinzendorf, Nikolaus von – Freudigkeit bei Christi Führung.

So lange Jesus bleibt der HErr,
Wird’s alle Tage herrlicher;
So war’s, so ist’s, so wird es sein
Bei seiner Blut- und Kreuzgemein‘.

Es bleibt bei dem bekannten Wort,
Von Zeit zu Zeit, von Ort zu Ort:
Christi Blut und Gerechtigkeit
Bleibt Seiner Kirche Herrlichkeit!

Der Lobgesang am gläsern Meer,
Das Losungswort vom kleinen Heer
Ist: „Eines hat uns durchgebracht:
Du Lamm, das für uns ward geschlacht’t!“

Wir sagen Ja, mit Herz und Mund:
Das Lamm ist Seiner Kirche Grund,
Der fest und unbeweglich steht,
Wann Erd‘ und Himmel untergeht!

Du bist und bleibest unser HErr,
Der Leitstern Deiner Wanderer,
Der Kirche teures Oberhaupt,
Dem keiner Feinde Macht sie raubt.

Dein Geist, der Geist der Herrlichkeit,
Mit dem der Vater Dich geweiht,
Der ruht nun auch auf der Gemein‘
Und lehrt uns Deine Zeugen sein.

Da legest Du Dein Licht und Recht
Auf’s Herz all‘ Deiner Mägd‘ und Knecht,
Und öffnest das verschloss’ne Buch
Zum Segen stets auf ihr Gesuch.

Du rüstest sie mit Kräften aus
Zum treuen Dienst in Deinem Haus,
Zum Heilsgeschäft im Heimatstand,
Zum Segen in dem Heidenland.

Denkt man daran, so weiß man nicht,
Wie einem recht dabei geschicht,
Man steht nur da, und sieht Dir zu,
Und denkt: „Gekreuzigter, nur Du!“

Mach‘ Deine Boten herrlicher,
Lamm, Dir und Deinem Volk zur Ehr‘;
Und gib mit uns an Deinem Heil
Der ganzen Welt aus Gnaden Teil!