Zeller, Albert – O stört nicht ihre Seligkeit

O stört nicht ihre Seligkeit
Mit euren Seufzern, euren Klagen!
Es ist nur eine kurze Zeit,
So wird auch euch der Morgen tagen.

Wenn eure Lieben reisen gehn,
Die Herrlichkeit der Welt zu schauen,
Und sehen euch in Tränen stehn
Voll Sorgen, Kummer, Angst und Grauen,

Das nimmt ja ihre beste Lust,
Den reinsten Schmelz der glühnden Farben,
Und lässet ihre treue Brust
Im schönen Paradiese darben.

Gönnt ihnen ihre Seligkeit,
Fühlt ihre treuen Herzen brennen!
Was sie beglückt, was sie erfreut,
Sie möchten es schon jetzt euch nennen.

Ist hier die Wonne schon so groß,
Wie erst auf jenen Lichtgefilden,
Wo aus der Ewigkeiten Schoß
Sich drängt von himmlischen Gebilden.

Sie haben unsern Herrn gesehn
Inmitten aller Herrlichkeiten;
Sie werden uns entgegen gehn,
Auf seinen Glanz uns vorbereiten.

Uns pocht das Herz vor solchem Glück
In irdischen gewaltgen Schlägen:
Sie werden sanft mit selgem Blick
Die Geisterarme um uns legen.

Zeller, Albert – Es ist der alte treue Gott

Es ist der alte treue Gott
Auch mir getreu geblieben,
Und hat des bösen Feindes Rott,
Die Zweifel all vertrieben;
Er hat die schwere Missetat
Von meiner Brust genommen,
Ich darf in seiner großen Gnad
Hinwieder zu ihm kommen.

Er hat mit Blitz und Sturmeswehn
Als Richter sich bezeuget,
Und lässt mich wieder aufrecht gehn,
Nachdem er mich gebeuget.
Es fuhr sein Strahl durch Mark und Bein
In dunkeln Ungewittern;
Ich glaubt, es sollt mein letztes sein,
So musste ich erzittern.

Er helfe mir auch fürder aus
Trotz aller meiner Sünden,
Und lass in Finsternis und Graus
Sich stets als Vater finden.
Er war ja meine Zuversicht
Seit meinen jungen Tagen,
Mein Fels und Stab, mein Stern und Licht,
Mein Hoffen und mein Wagen.

Er hat ein wunderbares Kleid
An meinem Leib bereitet,
Und segnend mit Barmherzigkeit
Mich schon als Kind begleitet;
An seinem Mund und Auge hing
Mein seligstes Verlangen,
Und dennoch bin ich schwach, gering,
Oft in der Irr gegangen.

Ich geh einher in seiner Kraft,
In seiner Lieb und Wehre;
Früh trat ich in die Zeugenschaft
Von seiner heilgen Lehre;
Bin ich um lieb und Lust gebracht,
Es soll mich nimmer hindern,
Zu preisen seine Wundermacht
Der Welt und meinen Kindern.

Wer ist ihm gleich in aller Welt
Dem Höchsten und dem Einen?
Er will in seinem Bundeszelt
Mir stets aufs Neu erscheinen.
Als ihm in höchster Pein und Not
Laut meine Seufzer riefen,
Holt er zum Leben mich vom Tod
Selbst aus der Erde Tiefen.

Ich danke ihm mit Psalterspiel
Für alle seine Treue;
Ich singe zu der Harfe viel
Und sing ihm stets aufs Neue.
Es jauchzet ihm mein Herz und Mund,
Von ihm erlöst, erhalten,
Und dichtet ihm zu jeder Stund
Und preist sein heilges Walten.

Zeller, Albert – Wie zieht ein Wandrer leicht dahin

Wie zieht ein Wandrer leicht dahin,
Der seinen Schatz geborgen weiß!
Was kümmert und was ängstet ihn,
Was Andern machet bang und heiß?
Er zieht durch Schrecken und durch Grauen
Wie über lichte Frühlingsauten.

Im Himmel ist das hohe Gut;
Ihr tragt das Herz in Geisterhänden;
Wer hat die Kraft, wer hat den Mut,
Das teure Kleinod zu entwenden?
Es soll uns unsern frohen Glauben
Nichts Hohes und nichts Tiefes rauben.

Wir sind allhier im fremden Land,
Wer möchte sich da nicht bequemen,
In diesem flüchtgen Reisestand
Mit Allem gern vorlieb zu nehmen?
Und wird es trüb und immer trüber,
Wir sprechen froh: es geht vorüber!

Es geht der lieben Heimat zu,
Wohin wir unsre Schritte wenden,
Und in der ewgen Gottesruh
Muss dieses wilde Jagen enden;
Das Beste ist daheim geblieben:
Daheim, daheim sind unsre Lieben.

Sie breiten ihre Arme aus,
Die müden Wandrer zu empfangen;
Du liebes teures Vaterhaus,
Nach dir steht unser ganz Verlangen,
Und tausend frohe Zeichen winken,
Der Liebe bald ans Herz zu sinken.

Zeller, Albert – Mit Dank zurück, mit stillem Hoffen

Mit Dank zurück, mit stillem Hoffen
Der selgen Zukunft zugewandt,
Und Aug und Herz für Alles offen,
Was der Allgütige gesandt,
So tret ich wieder in das Leben
Aus meines Grames Nacht hinein,
Und was die dunkle Nacht gegeben,
Begleitet mich im Sonnenschein.
Ihr seht mich nicht mehr gehn und weinen,
Zu still und heilig ward mein Schmerz;
Ich lächle, traure mit den Meinen
Und teile mit der Welt mein Herz
Dient man doch Gott, dem unsichtbaren,
Nur in den Brüdern, die man sieht;
So soll auch meine Lieb erfahren
Ein Jeder, der vorüberzieht.
Sie soll wie eine Quelle laben,
Die frisch und klar zu Tage geht,
Wenn auch den tiefsten Grund der Gaben
Kein unberufner Blick verrät.

Zeller, Albert – Sollt ich mich meiner Tränen schämen?

Sollt ich mich meiner Tränen schämen?
O habet damit keinen Spott:
Es gibt so tiefes Leid und Grämen,
Und auch die Tränen sind von Gott.

Hat denn nicht Christus selbst geweinet
An seines Freundes frühem Grab?
Und Alle sahn, um ihn vereinet,
Wie lieb er den Entschlafnen hab,

Er, der bereits im Geist gesehen
Des ewgen Vaters Herrlichkeit,
Und den Geliebten auferstehen,
Aus seiner Grabesnacht befreit?

So fließet hin denn meine Tränen,
Strömt aus dem Herzen ungescheut,
Ein Segenstau dem heißen Sehnen,
Den mir der Himmel selber beut!

Zeller, Albert – Was ist im Himmel und auf Erden

Was ist im Himmel und auf Erden
Nicht Gottes Winken untertan,
In welchem alles Sein und Werden
Als seinem letzten Grund begann?
Wohl hat er Macht ja zu dem Seinen,
Und schaffen kann er, was er will;
Wer kann und mag ihm das verneinen?
So schweige jede Klage still!
Allmächtig, frei ist seine Gnade;
Doch gibt sein Herz uns Kindesrecht,
Und was er Schweres auf uns lade,
Es gilt nicht dem verdammten Knecht.
Darum hinweg mit Murren, Grollen!
So geht man nicht zum Himmel ein:
Am Müssen lernen wir das Wollen,
Und an den Fesseln, frei zu sein,
Das Wesen an dem Schein, dem nicht’gen,
Das Ew’ge an der Spanne Zeit,
Das, was da bleibet, an dem Flücht’gen,
Am Sterben die Unsterblichkeit.
So zieht er seine Reichsgenossen
Sich unter Sturm und Sonnenschein:
Darum nur mutig, unverdrossen,
Und immer mehr ins Licht hinein!
Es steigt auf tausend starken Ästen
Der Liebe Baum zum Himmel auf,
Und unter Kämpfen, unter Festen
Vollenden wir den Siegeslauf.

Zeller, Albert – Wie bang hab ich das Haus verlassen

Wie bang hab ich das Haus verlassen,
So lang, Geliebte, du gelebt;
Nun zieh ich freudig meine Straßen
Von deinem Bilde stets umschwebt.

Jetzt bist du mir allgegenwärtig;
Sonst warest du nur hier und dort;
Das macht zu jedem Werk mich fertig
Und lieb und teuer jeden Ort.

Wo könnt ich hin, wo du nicht weiltest,
Und mit dem Besten, was du warst?
Seit du für immer von mir eiltest,
Die letzte Scheidewand zerbarst.

Und wie einst Leib und Seel umschlungen,
Ein unaussprechlich süßer Bund,
So gibt von Gottes Kraft durchdrungen
Sich nun der Geist dem Geiste kund.

Zeller, Albert – Nur keinen Abschied meine Lieben

Nur keinen Abschied meine Lieben!
Noch einen Blick und Druck der Hand!
Das Beste ist uns doch geblieben,
Der Glaube an Ein Heimatland,
An eine Nähe unsrer Geister,
An ein Verständnis klar und tief,
An Einen Herrn und Einen Meister,
Der liebend uns zusammenrief.

Es eilt das Schiff mit Adlersflügeln
Hinab mit uns des Lebens Strom,
Vorbei an Schlössern, Städten, Hügeln,
Vorbei an manchem hohen Dom,
Vorbei an mancher lichten Blume,
An manchem Stein der Herrlichkeit,
An trauter Stätte Heiligtume,
An manchem Grab und manchem Leid.

Hier stößt ein Nachen von dem Strande
Und legt mit neuen Pilgern an,
Schnell weben sich der Freundschaft Bande;
Doch alte Freunde nimmt der Kahn:
Ein ewig kommen, ewig Gehen,
Ein Wechsel voller Lust und Leid,
Ein Lebewohl auf Wiedersehen,
Ein Lebewohl auf Ewigkeit.

Doch wie der Sonne letzte Strahlen,
Wenn sie sich neigt am Himmelszelt,
Am herrlichsten und schönsten malen
Die wundervolle Gotteswelt,
So leuchtet in den letzten Blicken
Die Lieb am mächtigsten empor
Trotz allen irdischen Geschicken
Und öffnet uns des Himmels Tor.

Zeller, Albert – Was mich in dieser Feierstunde

Was mich in dieser Feierstunde
In Dank und Wonne still durchbebt,
In meines Geistes tiefstem Grunde
Ale sel’ge Offenbarung lebt,
Es ist zu groß, es ganz zu sagen
Und geht mir über Sinn und Mut:
Denn unter Zittern, unter Zagen
Erhielt mir Gott mein liebstes Gut.

Mein Himmel stand in roten Flammen
Und Blitze zuckten durch die Nacht,
Ich schrak und sank erschöpft zusammen,
Bezwungen von des Jammers Macht,
Erschüttert tief von Furcht und Grauen,
Von grassen Bildern rings umlegt,
Wie wenn das Raubtier seine Klauen
In eines Wandrers Seite schlägt.

O selger Strahl von lichter Höhe,
O Glanz voll ewger Herrlichkeit,
In meines Herzens tiefstes Wehe
Das Zeichen einer bessern Zeit!
Erbarmen, ruft es laut, erbarmen
Will sich der Herr des Lebens dein,
Sie soll in ihres Schöpfers Armen
Geborgen und gerettet sein!

Der Gütige und stets Getreue
Zerbricht nicht das geknickte Rohr;
Verglimmen will das Licht, aufs Neue
Facht ers zur Flamme hell empor;
Er wird es gnädig auch vollenden,
Ich harre sein in Zuversicht,
Er reichet uns mit Vaterhänden,
Was uns an Leib und Seel gebricht.

Lobsingen will ich, ja lobsingen
Dem Retter all mein Leben lang;
Zum Himmel soll mein Lied sich schwingen,
Zum Himmel meines Lebens Gang;
In stiller Demut will ich wandeln,
Gedenkend an mein großes Leid;
In Glauben, Lieben, Hoffen, Handeln
Ihm freudig dienen allezeit.

Ich seh dein ganzes Liebeleben
Vor mir im hellen Sonnenglanz;
Ich seh dich mit der Myrthe schweben,
Seh dich in unsrer Kinder Kranz;
Wer zählt am Himmel alle Sterne,
Der stillen Freuden lichten Zug,
Seit Gottes Engel aus der Ferne
Zu mir dein trautes Lieben trug?

Wohlauf mein Herz und lass das Zagen,
Denk an den Retter in der Not,
Lass deine Seufzer, deine Klagen,
Denk an das selige Gebot:
„Seid froh in Hoffnung, duldet stille,
Wie hoch die Flut der Trübsal geht;
Sprecht, es gescheh sein heilger Wille,
Und haltet treu an dem Gebet!“

Es strömt aus tausend Wunden
Mir Blut und Leben hin
In diesen bängsten Stunden,
Und irre schwankt mein Sinn.
Es zuckt das Herz zusammen
In seines Schöpfers Hand,
Es wühlt in Glut und Flammen
Der ungeheure Brand.

Zeller, Albert – Vorlied

Was ich im stillen Kämmerlein
In meines Herzens Not gesungen,
Ich sang es mir, mir ganz allein;
Doch ist es weiter noch gedrungen,
Und was mir Gott im Leid beschert,
Ich konnt und durft es nicht verschweigen:
Was ist es auch, was uns gehört?
Von dem Empfangnen musst ich zeugen.

Tönt doch von Aller Lippen ja
Dieselbe Lust, dieselbe Klage,
Und was dem Einen heut geschah,
Den Andern triffts am andern Tage;
Gibt es da eine süßre Pflicht
Als Gottes Gabe mitzuteilen?
Die Wahrheit nur und kein Gedicht
Kann unsre tiefsten Wunden heilen.