Johann Caspar Lavater – Gott der Tage, Gott der Nächte

1. Gott der Tage, Gott der Nächte,
meine Seele harret Dein,
lehnet sich an Deine Rechte,
nie kannst Du mir ferne sein.
Auch in stiller Nächte Stunden
hat Dich manches Herz gefunden
und sich aus dem Lärm der Welt
einsam bei Dir eingestellt.

2. Vater, viele Menschen weinen,
viele Kranke schmachten nun;
aber Du verlässest keinen,
heißest wachen, heißest ruhn,
trocknest viele tausend Tränen
und erfüllst das heiße Sehnen
unzählbarer Leidenden,
die um Ruh und Lind’rung flehn.

3. Vater, sende Mut den Schwachen,
Licht in jedes dunkle Herz;
allen, die bekümmert wachen,
lind’re Du den heißen Schmerz!
Lass die Witwen, lass die Waisen
Deine Lieb und Treue preisen!
Schenke Kranken sanfte Ruh,
Sterbenden sprich Tröstung zu!

4. O Du treuer Menschenhüter,
Nacht ist vor Dir wie der Tag;
allgewaltiger Gebieter,
Du verwandelst Schmerz und Plag
unversehns in Dank und Freuden.
Auch ich will in meinem Leiden
nur auf Dich allein vertraun,
lass mich Deine Hilfe schaun.

Lavater, Caspar – Um Mitternacht.

Gott der Tage, Gott der Nächte,
Meine Seele harret dein,
Lehnet sich an deine Rechte:
Nie kannst du mir ferne sein,
Vater, nie dein Kind verlassen,
Immer kann ich dich umfassen,
Deine weise Güt und Macht
Leitet mich bei Tag und Nacht.

Kann mein Aug den Schlaf nicht finden,
Ruhet meine Seele nicht,
Schweben meiner Jugend Sünden
Mir vorm müden Angesicht;
Fehler jüngst entwichner Tage,
Werden sie mir Last und Plage;
Jeder dir entzogne Blick,
Fällt er auf mein Herz zurück:

Vater, dann umfass ich wieder,
Küsse kindlich deine Hand;
Milde blickst du auf mich nieder,
Du, den, wer dich suchte, fand.
O, in stiller Nächte Stunden
Hat dich manches Herz gefunden,
Das bei Tage von dir lief,
Einsam wieder nach dir rief.

Vater aller Menschenkinder,
Hüter deiner ganzen Welt,
Dulder auch der frechsten Sünder,
Der die Schwachen führt und hält,
Täglich Gutes zeigt und gibet,
Immer segnet, alle liebet,
Alle fliehet, leitet, kennt,
Allen alles Gute gönnt!

Vater, still an dich zu denken,
D, wie das das Herz erfreut!
Geist und Herz in dich zu senken,
Höchste Menschenseligkeit!
Dich empfinden, dich genießen,
Oder unaussprechlich süßen,
Unaussprechlich nahen Lust!
Unerkannt in jeder Brust!

Gottes Nähe, Gottes Nähe,
Quell der stillsten Wonne mir!
Wie, wenn dich mein Auge sähe,
Eilt die Seele hin zu dir,
Gott, der Tag und Nächte sendet,
Freuden ausströmt, Unglück wendet,
Vater, der bei Tag und Nacht
Über Wurm und Engel wacht!

Vater, dir aus deinem vollen
Herzen quillet Kraft und Geist!
Vater, der die Sonnen rollen,
Sanft den Mond uns leuchten heißt!
Vater, dem von tausend Zungen
Tag und Nacht wird Preis gesungen,
Vater, der bei Tag beglückt,
Leidende des Nachts erquickt!

Vater, viele Brüder weinen,
Viele Schwestern schmachten nun,
Aber du verlässest keinen,
Heißest wachen, heißest ruhn,
Trocknest unzählbare Tränen,
Weckest und erfüllst das Sehnen
Unzählbarer Leidenden,
Die um Ruh und Lindrung flehn.

Vater, sende Mut den Schwachen,
Licht in jedes dunkle Herz;
Allen, die beklommen wachen,
Mildere den heißen Schmerz!
Lass die Witwen und die Waisen,
Vater, deine Liebe preisen;
Gönne Kranken sanfte Ruh,
Sterbenden sei Tröstung du!

O du treuer Menschenhüter,
Nacht ist vor dir wie der Tag;
Allgewaltiger Gebieter,
Du verwandelst Schmerz und Plag
Unversehns in Dank und Freuden;
Lass, dass alle, die jetzt leiden
Unerlöst, erlöst aus Pein,
Deiner Vaterhuld sich freun!

Vater! dieser Nam erweitert
Jede Brust, voll Angst und Schmerz.
Wie der Mond die Nacht erheitert,
Blickst du Ruh in jedes Herz,
Das nach deiner Tröstung weinet,
Eh die Sonne wieder scheinet.
O, wie oft verwandelst du
Heißen Schmerz in süße Ruh!

Jesu Christe, manche Nächte
Hast du für uns durchgewacht,
Hast dem menschlichen Geschlechte
Ruhestunden viel erwacht!
Immer Tröster der Betrübten,
Gönnst du Schlummer den Geliebten,
Weichst von ihnen – schlafen sie,
Oder wachen – weichest nie!

Johann Caspar Lavater – Zacharia’s Lobgesang.

Luc. 1, 67-79.

 

 

Gepriesen sei aus voller Brust

Der Herrscher Israels!

Noch hast Du, Gott, an Juda Lust,

Noch bist Du Jakob’s Fels!

 

  1. Erlösung sendest Du herab,

Besuchst Dein Volk mit Huld,

Bringst Heil und Licht und Kraft herab

Und Schonung und Geduld.

 

  1. Der Zweig des Heiles blüht empor,

Den David schon gepreist;

Singt Brüder, jauchzt im höhern Chor,

Gott hält, was Er verheißt!

 

  1. Er reißt uns aus der Feinde Hand,

Aus jedes Hassers List,

Und macht, daß Mund und Herz und Land

Von Freuden überfließt.

 

  1. Barmherzigkeit war all sein Thun,

Ist stets Barmherzigkeit;

Er denkt des alten Bundes nun

Und an den frühsten Eid.

 

  1. Wir werden, was Er Abrah’m schwur,

Erfüllt, wir Enkel seh’n,

Erlöst von Feinden, Freude nur,

Mit Freuden vor Ihm flehn!

 

  1. Wir werden einst mit frohem Muth

Ihm Herz und Odem weihn,

Gerecht und treu sein, weiß‘ und gut,

An Leib und Seele rein.

 

  1. Verzeihung liegt in seiner Hand,

In seinen Blicken Heil.

Die Wassertaufe sei euch Pfand,

Und Geist sei euer Theil!

 

  1. Die gnadenreiche Herrlichkeit,

Des Himmels Sonne scheint

Herab in jede Dunkelheit,

Wo Schmerz und Sehnsucht weint.

 

  1. Der Weg zum Frieden zeiget sich,

Des Todes Nacht wird hell;

Wir suchen Dich, wir finden Dich,

Der Seligkeiten Quell!

Johann Caspar Lavater – Maria’s Lobgesang.

Luc. 1, 46-55.

 

Erhebe, meine Seele, Gott!

Frohlock‘ in Ihm, mein Geist;

Bet‘ an, o Glaube! schweige Spott!

Gott hält, was Er verheißt.

 

  1. Auf seiner Mägde niedrigste

Sah er mit Gnade doch;

Und Gott mein Heiland ehrete

Die Niedrigste, wie hoch!

 

  1. Mich preiset, mich, die Gott erwählt,

Die fernste Nation;

Das künftigste Geschlecht erzählt

Von mir und meinem Sohn.

 

  1. Allmächtig ist Jehovah! wer

Wer ist so groß, so gut?

So unbeschreiblich huldreich, der

So große Dinge thut?

 

  1. Die ganze Seele jauchzt Dir zu,

Singt: heilig! heilig! Dir

Allmächtiger! was thatest Du,

Allherrlicher! an mir!

 

  1. Wer Dich von Herzen sucht und ehrt

Erfähret deine Treu‘;

Ihm wird, so oft dein Ohr ihn hört,

Herr, deine Gnade neu!

 

  1. Unausgestorben, ungeschwächt

Durch Sünde, Zeit und Ort,

Wirkt von Geschlechte zu Geschlecht,

Herr, deine Wahrheit fort.

 

  1. Herr, deines hohen Armes Kraft,

Wie siegreich wunderbar!

Wie sinkt, wenn sie sich regt und straft,

Vor ihr der Stolzen Schar!

 

  1. Und jede hohe Stirne sinkt;

Der Frechen Heer zerstreut

Sich Spreu gleich, wenn der Höchste winkt,

Wenn Er von ferne dräut.

 

  1. Die Thronen stürzen! Todesraub

Ist Fürsten Majestät,

Wenn Er die Demuth aus dem Staub

Zum Fürstenthron erhöht!

 

  1. Herr, deine Fülle sättigt gern

Den hungermatten Mund;

Der stolze Reiche nur ist fern

Von Dir und deinem Bund.

 

  1. Barmherzigkeit und Leben ist

Dein unzerstörbar Reich;

Erbarmer Israels, Du bist

Dir ewig, ewig gleich!

 

  1. Nie, wenn Du einst Dich offenbarst,

Wird Dich dein Wort gereu’n,

Was Du den frühsten Vätern warst,

Willst Du den Enkeln sein.

Lavater, Johann Caspar – Fortgekämpft und fortgerungen

Fortgekämpft und fortgerungen,
bis zum Lichte durchgedrungen
muß es, bange Seele, sein.
Durch die tiefsten Dunkelheiten
kann dich Jesus hinbegleiten;
Mut spricht er den Schwachen ein.

Bei der Hand will er dich fassen;
scheinst du gleich von ihm verlassen,
glaube nur und zweifle nicht!
Bete, kämpfe ohne Wanken;
bald wirst du voll Freude danken,
bald umgibt dich Kraft und Licht.

Bald wird dir sein Antlitz funkeln;
hoffe, harre, glaub im Dunkeln!
Nie gereut ihn seine Wahl.
Er will dich im Glauben üben;
Gott, die Liebe, kann nur lieben,
Wonne wird bald deine Qual.

Weg von aller Welt die Blicke!
Schau nicht seitwärts, nicht zurücke,
nur auf Gott und Ewigkeit;
nur zu deinem Jesus wende
Aug‘ und Herz und Sinn und Hände,
bis er himmlisch dich erfreut.

Aus des Jammers wilden Wogen
hat dich oft herausgezogen
seiner Allmacht treue Hand.
Nie zu kurz ist seine Rechte;
wo ist einer seiner Knechte,
der bei ihm nicht Rettung fand!

Schließ dich ein in deine Kammer,
geh und schütte deinen Jammer
aus in Gottes Vaterherz.
Kannst du gleich ihn nicht empfinden,
Worte nicht, nicht Tränen finden:
klage schweigend deinen Schmerz.

Kräftig ist dein tiefes Schweigen:
Gott wird sich als Vater zeigen;
glaube nur, daß er dich hört.
Glaub, daß Jesus dich vertreten,
glaube, daß, was er gebeten,
Gott, sein Vater, ihm gewährt.

Drum so will ich nicht verzagen,
mich vor Gottes Antlitz wagen;
Komm ich um, so komm ich um!
Doch mit ihm werd überwinden;
ich, wer sucht, der wird ihn finden:
das ist seiner Gnade Ruhm.

Lavater, Johann Caspar – Vater! Unser aller Vater

Vater! unser aller Vater,
der Du in dem Himmel bist!
Alles preise Dich, o Vater,
was durch Dich lebendig ist!
Alle müssen Dich erkennen;
Dich mit Ehrfurcht Vater nennen!
Unverstand und Laster weiche
Deiner Wahrheit, Deinem Reiche!
Alles bete Dich nur an,
Dir sei Alles unterthan!
Deinen allerbesten Willen
hilf uns, Vater, immerdar
freudig, kindlich, schnell erfüllen,
wie der lieben Engel Schaar,
die Dir stets gehorsam war!
Gib uns heut‘ und allezeit
Brot und Wasser, Dach und Kleid!
Straf nicht Sünden, die uns reu’n,
weil wir Andern auch verzeih’n!
Hilf uns alle Laster meiden,
alles Unglück willig leiden!
Eile, uns von allem Bösen,
allem Unglück zu erlösen!
Du, der Alles gibt und schafft,
hast den Willen, hast die Kraft!
Gott und Vater aller Geister!
Du bist über Alles Meister!
Dein – in Zeit und Ewigkeit
ist die höchste Herrlichkeit!
Drum, in Jesu Christi Namen
sag‘ ich, Vater, freudig Amen!

Das Vater unser