unbekannt – Das Welt Gericht (Dies irae)

Es ist gewißlich an der Zeit,
Daß Christ, der Herr, wird kommen
In seiner großen Herrlichkeit,
zu richten Bös‘ und Frommen.
Da wird das Lachen werden theu’r,
Wenn alles wird vergehn durchs Feu’r,
Wie Petrus davon zeuget,

Posaunen wird man hören gahn
Ab aller Werlet Ende;
Denn Gott wird fordern für sein’n Thron
Menschen gar behende.
Da wird der Tod erschrecken sehr,
Wenn er wird hören neue Mähr,
Daß alles Fleisch soll leben.

Ein Buch wird da gelesen bald,
Darinn so steht geschrieben,
Wie Gott will richten Jung und Alt;
Nichts wird verborgen bleiben.
Da wird ein’m jeden komm’n zu Haus,
Was er hie hat gerichtet aus
In seinem ganzen Leben.

Was wird‘ ich armer Sünder dann
Für deinem Richtstuhl sagen?
Was werd‘ ich für ein’n Fürsprech han,
Der meine Sach‘ austrage?
Das wirst du thun, Herr Jesu Christ,
Dieweil daß du gekommen bist,
All‘ Sünder zu erlösen.

Herr Jesu Christ, du machst es lang‘
In diesen bösen Tagen.
Auf Erden ist den Leuten bang;
Laß sie doch nicht verzagen.
Schick ihn’n den Tröster, den heilig’n Geist,
Der sie in alle Wahrheit leit,
Durch Jesum Christum, Amen!

Gryphius, Andreas – Dies Irae (2. Fassung)

Traute Seel‘, was wirst du sagen,
Wenn der Richter dich wird fragen,
Der die Erde will betagen?

Wenn er rechnen wird und rächen
Unterlassen und Verbrechen
Und um Beides dich besprechen!

Tag, o Zorntag! Seid geflissen
Vorzukommen, Gott zu grüßen,
Auf dem Weg‘ ihn noch zu küssen!

Lasset ernste Reu verspüren,
Sucht mit Gnad‘ euch auszuzieren,
Lernt ein besser Leben führen!

E. S. – Dies Irae

Tag des Zorns, der, zu vergelten,
Brennen wird zu Staub die Welten,
Wie Sibyll‘ und David melden.

Welches Zittern, Zagen, Weinen,
Wenn der Richter wird erscheinen,
Prüft das Mark in den Gebeinen.

Die Posaun‘ im Schreckenstone
Schallt durch Gräber jeder Zone,
Treibet Alle zu dem Throne.

Tod und Schöpfung staunend sehen
Alles aus den Gräbern gehen,
Um dem Richter Red‘ zu stehen!

Dieser wird das Buch entfalten,
Das zum Urtheil wird enthalten
Alles Thun und alles Walten.

Setzt der Richter sich zu richten,
Wird er das Verborgne lichten,
Alles, Alles strenge schlichten.

Was kann dann ich Armer sagen?
Wen um Schutz zu bitten wagen,
Wo Gerechte selbst verzagen?

König, furchtbar und erhaben!
Frei verschenkst du deine Gaben,
Lass daran auch mich Theil haben!

Güt’ger Jesus, deinen Erben,
Dem du wolltest leben, sterben,
Lass am Ende nicht verderben.

Mich zu suchen wollt’st du leben,
Dich für mich dem Tod hingeben,
Lass nicht fruchtlos sein dies Streben!

Drum so lass für meine Sünden,
Richter, deine Gnad‘ mich finden,
Eh‘ dein Zorn sich wird entzünden!

Schwer bin ich mit Schuld befangen,
Scham bedecket meine Wangen,
Gott, lass Gnade mich erlangen!

Du hast jenem Weib verziehen,
Hast dem Mörder Heil verliehen,
Lässt auch mir noch Hoffnung blühen.

Zwar auf mich darf ich nicht bauen,
Deiner Huld jedoch vertrauen,
Rett‘ mich vor der Hölle Grauen!

Fern von Böcken, fern von Schlechten,
Zu den Schafen, den Gerechten,
Stelle mich zu deiner Rechten!

Hast du, die im Fluche blieben,
Schambedeckt zur Höll‘ getrieben,
Rufe mich zu deinen Lieben!

Reuzerknirschten Herzens wende
Ich zu dir gefalt’ne Hände:
Nimm dich meiner an am Ende!

Trauertag voll Angst und Wehen,
So wir aus dem Staub erstehen,
Schuldbewusst den Richter sehen!

Jesus, lass nur Gnade gelten;
Führe Alle, Herr der Welten,
Ein zu deinen ew’gen Zelten!

Palmblätter, Würzburg, 1826

Christian Mensch – Dies Irae

Jener Tag der Zornesfülle
Löst die Welt zu Aschenhülle;
David zeugt’s und die Sibylle.

Welcher Schreck wird uns vernichten,
Wann der Richter kommt zu richten,
Aller Leben streng zu sichten!

Die Posaun‘ im Wundertone
Treibt aus Gräbern jeder Zone
Rings uns Alle hin zum Throne.

Tod, Natur, mit Staunen sehen,
Wie Entschlaf’ne auferstehen,
Um zum Richterstuhl zu gehen.

Gottes Buch wird aufgeschlagen,
Wo man Alles eingetragen,
Um der Welt das Recht zu sagen.

Wird der Richter dann beginnen,
Wir Verborgnes Licht gewinnen,
Keine Schuld der Straf‘ entrinnen.

Wie wird mir das Wort vergehen!
Wen soll ich um Schutz anflehen,
Seit Gerechte kaum bestehen?

Grau’nsgott! Born doch der Verzeihung!
Frei ist deine Heilsverleihung,
Schenk‘ auch mir Heilsangedeihung!

Frommer Jesu, für dein Leben
War der Zweck mein Heil, um eben
Jüngsttags mir nicht Tod zu geben.

Ich war Endzweck deines Strebens,
Dein Kreuztod Preis meines Lebens
Solche Müh’n sei’n nicht vergebens!

Richter mit gerechter Waage,
Herr: Verziehen sei’s dir! sage
Mir vor’m letzten Rechnungstage!

Seufzer wollen, Gott! mich tödten,
Scham der Schuld mein Antlitz rödten,
Gnad‘ anfleht mein Jammer-Beten.

Du, der lossprachst einst Marien,
Und dem Schächer hast verziehen,
Lässest mir auch Hoffnung blühen.

Mein Anflehn ist nicht so theuer,
Aber (Gnad‘ um Recht!) o Treuer,
Schirme mich vor’m ew’gen Feuer!

Von den Böcken fern mich stelle,
Zu den Schafen mich geselle,
Deinem Thron zur Rechten stelle!

Hast du, die im Fluche leben,
Flammenqualen Preis gegeben,
Rufe mich zum sel’gen Leben!

Herz zu Staub zermalmet, wende
Ich auf Knie’n zu dir die Hände
Flehend: Sorge für mein Ende!

Thränentag voll grauser Wehen,
Wo aus Staub hervor wird gehen
Sünden-Mensch, vor Gott zu stehen!

Gott, doch seiner schone! schone!
Jesu auf dem Richterthrone,
Gib, dass er im Frieden wohne!

Johann Christoph von Zabuesnig – Dies Irae

Rechtstag, deine Schreckensfülle
Deckt die Welt mit Feuerhülle,
David spricht es und Sibylle.

Schaurig wird die Schöpfung zittern,
Kommt der Richter in Gewittern,
Die Gewissen zu erschüttern.

Auf der Klagposaune Schallen
Müssen aus der Grüfte Hallen
Leichen zum Gerichte wallen.

Tod, Natur, im Widerstreben,
Seh’n den Staub ersteh’n und leben,
Strenge Rechenschaft zu geben.

Aus dem Buch verletzter Pflichten
Wird der Herr die Menschheit sichten,
Und mit scharfer Waage richten.

Hat er seinen Stuhl bestiegen,
Wird Verborgnes offen liegen,
Kein Verbrechen bleibt verschwiegen.

Worte werden mir entgehen,
Einen Schützer anzuflehen,
Wo Gerechte kaum bestehen.

König, furchtbar und erhaben!
Ohn‘ Entgelt sind deine Gaben,
Lass an deiner Huld mich laben!

Guter Jesus, sei beschworen,
Auch für mich bist du geboren;
Schone! gib mich nicht verloren!

War ich Endzweck deines Strebens,
Theil am Opfer deines Lebens,
Sei Dein Aufwand nicht vergebens!

Höre meiner Seufzer Stöhnen,
Lass durch Reue dich versöhnen,
Eh‘ dein Urtheil wird ertönen!

Schwer bin ich mit Schuld befangen,
Scham bedecket meine Wangen;
Gott, lass Gnade mich erlangen!

Der Marien hat verziehen,
Der dem Mörder Heil verliehen,
Lässt für mich noch Hoffnung blühen!

Muss ich unwerth mich bekennen,
Darf ich doch dich Mittler nennen,
Lass mich dort nicht ewig brennen!

Weit von Böcken, weit von Schlechten,
Mit den Schafen, mit Gerechten,
Stelle mich zu deiner Rechten!

Hast du, die dir widerstreben,
Höllenflammen Preis gegeben,
Winke mir zum bessern Leben!

Lass mich mit erhobnen Händen
Herzzerknirschet zu dir wenden:
Lass versöhnt mich selig enden!

Tag, wo Thränen nicht versiegen,
Wo der Mensch, dem Grab entstiegen,
Wird vor Gott als Sünder liegen!

Herr, erbarme dich und schone,
Beim Erlöser, deinem Sohne,
Ew’ge Ruhe gib zum Lohne.

unbekannter Verfasser (1823) – Dies Irae

Der Vergeltung Tag, der schwere,
Tilgt die Welt im Flammenmeere,
Laut der heil’gen Seher Lehre.

Welch‘ Entsetzen wird da walten,
Kommt der Richter, Recht zu halten,
und ob Allem streng zu schalten!

Die Posaune hehr, mit Klängen,
So des Erdballs Grüfte sprengen,
Wird zum Thron die Menschen drängen!

Tod dann und Natur erbeben,
Wann die Leichen sich erheben,
Rechenschaft dem Herrn zu geben.

Gottes Schrift, im hellsten Lichte
Zeigend aller Zeit Geschichte,
Rollt sich auf zum Weltgerichte.

Da, vom Throne, Recht zu sprechen,
Wird der Richter die Verbrechen
All‘ enthüllen, Alle rächen.

Ach, was werd‘ ich Armer sagen?
Zum Vertreter wen erfragen,
Wo Gerechte selbst noch zagen?

Herr des Weltalls! furchtbar Hehrer!
Freien Gnadenheils Bescheerer!
Rette mich, du Huldgewährer!

Gnad‘ ist, Jesu, ja dein Wesen!
Kamst du doch, mich zu erlösen!
Lass mich jenes Tags genesen!

Mich erwarbst du, letzten Strebens,
Noch am Kreuz, am Ziel des Lebens,
Solch ein Preis sei nicht vergebens!

Rächer mit gerechter Waage,
Lass die Schuld, die schwer ich trage,
Gnädig nach vor jenem Tage!

Strafbar seufz‘ ich auf voll Bangen,
Scham durchglühet meine Wangen,
Mög‘ ich flehend Gnad‘ erlangen!

Dass der Sünd’rin du verziehen,
Und dem Schächer Heil verliehen,
Lässt auch mir noch Hoffnung blühen.

Nicht verdien‘ ich’s, doch zur Ehre
Deiner Huld, o Heiland, wehre,
Dass nicht ew’ge Glut mich zehre!

Dir zur Rechten lass mich kommen,
Fern der Frevler Rott‘ entnommen,
Gieb mir Raum bei deinen Frommen!

Sind dann Jene überwiesen,
In die Flammenpein verwiesen,
Rufe segnend mich mit Diesen!

Knieend, hochgestreckt die Hände,
Trau’rvoll bet‘ ich: Mittler, wende
Rettend dich zu meinem Ende!

unbekannter Verfasser (1821) – Dies Irae

Schreckenstag und Trauerstunde!
Da die Erd‘ im Feuerschlunde
Glühen wird nach Davids Munde.

Welches Zittern wird entstehen,
Wenn wir einst den Richter sehen,
Ungerührt von unserm Flehen!

Der Posaune Schall wird klingen,
Durch der Erde Gräber dringen,
Alle zum Gerichte zwingen.

Tod, Natur, ihr werdet beben,
Da, erweckt zum neuen Leben,
Rechenschaft der Mensch wird geben.

Gottes Buch wird aufgeschlagen,
Treu enthält es eingetragen
Jede That aus diesen Tagen.

Wenn der ernste Richter schlichtet,
Und der Herzen Dunkel lichtet,
Bleibt nichts Böses ungerichtet.

Was soll dann ich Sünder sagen,
Wenn auch die Gerechten zagen
Und den Richter kaum ertragen?

Herr, der du erhaben thronest,
Und aus Güte unser schonest,
Sieh‘ auf mich, wenn du belohnest!

Milder Jesus, denk‘ im Segen:
Ich war’s Ziel von deinen Wegen,
Viel war dir an mir gelegen.

Viel hast du für mich ertragen,
Bis man dich an’s Kreuz geschlagen,
Wirst du mir den Werth versagen?

Mit Versöhnungsblut besprenge,
Jesus, meiner Sünden Menge
Vor dem Tage deiner Strenge!

Röthe färbt des Schuld’gen Wangen,
Das Gewissen quält mich Bangen,
Lass, ach lass mich Gnad‘ erlangen!

Marien hast du entsündet,
Selbst dem Mörder Heil verkündet,
Und mein Hoffen fest begründet.

Doch was nützen meine Zähren?
Du nur kannst der Hölle wehren,
Dass mich Himmelsfreuden nähren.

Lass mich zu den Schafen gehen,
Nicht bei Böcken trostlos flehen,
Sondern dir zur Rechten stehen.

Wenn verflucht die Sünder fliehen,
Und zu ihrer Strafe ziehen,
Dann sprich: Dir ist Heil verliehen!

Meine Sünden sind mir leide,
Schmerz durchwühlt mein Eingeweide,
Schon, wenn ich von hinnen scheide!

Schreckenstag, an dem die Bangen
Aus der Gruft vor dich gelangen,
Nach Gebühre zu empfangen.

Dann verschone, Gott, verschone!
Jesus auf dem Richterthrone!
Dass im sel’gen Frieden wohne
Deine Christenschaar. Amen.

Johann Peter Silbert – Dies Irae

Tag des Zornes, furchtbar stille!
Du verglühst des Erdballs Fülle,
Zeugt mit David die Sibylle.

Welch ein Zittern und Erbeben,
Wird im Glanz der Richter schweben,
Streng zu sichten Aller Leben!

Hehr wird die Posaune klingen,
Wird durch ferne Grüfte dringen,
Alle vor den Thron zu zwingen.

Die Natur, der Tod sieht bebend
Das Geschöpf der Gruft entschwebend,
Und dem Richter Antwort gebend.

Und ein Buch erscheint zur Stunde;
Die, entfaltend jede Kunde,
Liegt dem Weltgericht zum Grunde.

Sitzt der Richter zu Gerichte:
Kömmt das Heimlichste zum Lichte,
Dass er rächend Alles schlichte.

Wie werd‘ Aermster ich bestehen,
Ach, zu welchem Schirmer flehen,
Da kaum Fromme sicher stehen!

König schrecklicher Gewalten!
Frei ist deiner Gnade Schalten:
Wolle, Huldquell, mich erhalten!

Denke, Jesu! meiner Klage,
Mir galt deine Last und Plage,
Schirme mich an jenem Tage!

Du hast mich gesucht von Herzen,
Mich am Kreuz erlöst in Schmerzen:
So viel Huld lass nicht verscherzen!

Richter, der du Recht wirst sprechen!
O erlass‘ mir die Verbrechen,
Eh‘ der Tag erscheint zu rächen!

Strafbar seufz‘ ich auf mit Bangen;
Schuld, sie röthet meine Wangen,
Lass mein Flehen Huld erlangen!

Der Marien du vergeben,
Und den Schächer riefst in’s Leben,
Hast auch Hoffnung mir gegeben.

Zwar nicht würdig ist mein Flehen,
Doch in ew’gen Feuers Wehen,
Milder, lass mich nicht vergehen!

Lass in deiner Schafe Schaaren,
Fern den Böcken, mich bewahren,
Und zu deiner Rechten fahren.

Rufe, wenn Vermaledeiten
Flammen sich zur Qual bereiten,
Mich mit den Gebenedeiten.

Tief zerknirscht im Staube wende
Ich zu dir mein Herz: O spende
Mir, o Gott! ein selig Ende!

Anton Passy – Dies Irae

Wird des Zornes Tag herschreiten,
Soll die Welt in Asche gleiten,
Wie die Seher sind zu deuten.

Schrecken werden sich verbreiten,
Wann der Richter naht von Weiten,
Der hinschaut nach allen Seiten.

Wird ein Ton die Luft durchdringen,
Den Befehl den Gräbern bringen,
Alle vor den Thron hinzwingen.

Staunend harret alles Leben,
Da die Todten sich erheben,
Und dem Richter Antwort geben.

Nach dem Buche wird er schalten,
Wo es Alles ist enthalten,
Wie die Welten zu verwalten.

Und das Urtheil wird er sagen,
Die verborg’ne Sünd‘ anklagen,
Ungerächet nichts mehr tragen.

Wo doch, Aermster ich der Knechte,
Find‘ ich den, der mich verfechte,
Wann kaum sicher der Gerechte?

Herr und König voller Schrecken,
Lieget Hülf‘ in deinen Zwecken,
Wollest schützend mich auch decken!

Jesu, denk‘, in jener Stunde
Littest für mich Qual und Wunde,
Lass mich ja nicht geh’n zu Grunde!

Sieh, das Opfer deines Lebens
Und die Krone deines Strebens
Wär alsdann an mir vergebens.

O, gerecht in Lieb‘ und Hasse
Mir die Schulden jetzt erlasse,
Dass mich nicht dein Zorn dort fasse!

Sieh‘ mich, wie Verbrecher, zagen,
Hör‘ in tiefster Scham mich klagen,
Reue darf zu dir sich wagen.

Der verziehen Magdalenen,
Und erhört des Schächers Thränen,
Stillet mir auch all‘ mein Sehnen.

Meinem Flehen lass gelingen,
Bis an deinen Thron zu dringen,
Lass die Höll‘ mich nicht verschlingen.

Wo die Schafe froh hineilen
Wolle mir den Platz ertheilen,
Fern den Böcken lass mich weilen.

Und, wann die Vermaledeyten
In die ew’gen Flammen schreiten,
Ruf‘ mich zu Gebenedeyten!

Müd von Ringen, Kämpfen, Streiten,
Fleh‘ ich zu dir, Herr der Zeiten,
Wolle selbst mein End‘ bereiten!

Johann Friedrich von Meyer – Dies Irae

Johann Friedrich von Meyer – Dies Irae

Jener Zorntag löst im Raube
Auf die Welt zu Asch‘ und Staube;
So bezeugt’s der heil’ge Glaube.

Welch ein Zittern wird das werden,
Wenn der Richter kommt auf Erden
Streng zu sichten die Beschwerden!

Die Posaun‘ im Wundertone
Sprengt die Gräber jeder Zone,
Sammelt Alles vor den Throne.

Tod wird und Natur erbeben,
Wann das Fleisch ersteht zum Leben,
Antwort vor Gericht zu geben.

Und ein Buch wird aufgeschlagen,
Darin Alles eingetragen,
Was den Weltlauf wird verklagen.

Sitzt der Richter nun und richtet,
Wird das Dunkle all‘ gelichtet,
Und kein Greu’l bleibt ungeschlichtet.

Was dann werd‘ ich Armer sagen?
Wen zum Schutz zu rufen wagen,
Wo sogar Gerechte zagen?

Hehrer König, dessen Dulden
Selig macht umsonst von Schulden,
Mach mich selig, Quell der Hulden!

Frommer Jesu, wollst gedenken,
Dass Du kamst, mir Heil zu schenken,
Nicht mich in’s Verderben senken!

Hast du doch um mich geworben,
Bist für mich am Kreuz gestorben,
So viel Müh‘ sei unverdorben!

Richter der gerechten Rache,
Tilge meine böse Sache,
Eh‘ zur Rechnung ich erwache!

Ich erseufze schuldbefangen,
Roth von Scham sind meine Wangen,
Schon‘, o Gott, ich fleh‘, des Bangen!

Der die Sünd’rin rein erkläret,
Und des Schächers Wort erhöret,
Hat auch Hoffnung mir gewähret.

Mein Gebet ist arm und blödig;
Doch du, Guter, handle gnädig,
Sprich der ew’gen Glut mich ledig!

Bei den Schafen Platz bereite,
Von den Böcken weggeleite,
Stell‘ mich dir zur rechten Seite!

Flieh’n dann die Vermaledeyten,
Schmählich herber Pein Geweihten,
Ruf‘ mich mit den Benedeyten!

Flehend ring‘ ich meine Hände,
Staub mein Herz verzehrter Brände:
Trage Sorge für mein Ende!