Elisa von der Recke – Morgenlied eines Kranken.

Nach einer schmerzensvollen Nacht
Seh‘ ich den Morgen wieder.
Dein Auge, Gott, hat mich bewacht;
Dich preisen meine Lieder:
In großer Angst verliehst du mir
Nicht Trost allein, ich danke dir,
Mein Gott! auch Seelenstärke.

So trag‘ ich gern der Krankheit Schmerz
Und jedes meiner Leiden:
Zu dir erhebe sich mein Herz,
Du Geber wahrer Freuden!
Durch Leiden zogst du mich zu dir,
Und nun, mein Vater, bist du mir
Ein Fels, auf den ich baue.

Ich weiß, dass Gott mich nicht verlässt,
Wenn auch der Tod erscheinet,
Ihn hält mein Glaube dann noch fest,
Wenn alles um mich weinet;
Ich bin getrost, wenn, wer mich liebt,
Mein Sterbelager, tief betrübt,
Mit frommen Tränen badet.

Auch sie verlässt mein Vater nicht,
Er stärket ihre Herzen,
Gibt Trost und frohe Zuversicht,
Und mildert ihre Schmerzen;
Ja, dir empfehl ich sie, o Herr!
Sei du ihr Schutz, Allgütiger;
Dann sind sie wohl versorget.

Doch sollten meiner Tage viel
Auf dieser Erden werden,
Wär‘ ich noch fern von meinem Ziel,
Dem Ende der Beschwerden:
So gib mir, Schöpfer, deine Kraft,
Die mir auch Mut im Leiden schafft
Und in der Not mich stärket.

Martin Behm – Wenn man an die Arbeit geht.

1. Das walt Gott Vater und Gott Sohn,
Der heilig Geist im höchsten Thron,
Damit fang ich mein Arbeit an:
Hilf, dass ichs wohl vollbringen kann.

2. O heilige Dreifaltigkeit,
Dein Beistand sei mir jetzt bereit,
Gib mir Verstand, Vernunft und Witz,
Damit ich nicht vergebens schwitz.

3. Meins Leibes Kräfte mehr und stärk,
Dass ich mit Ernst verricht mein Werk;
Hilf mir, dass ich beständig bleib,
Mit Untreu nicht mein Arbeit treib.

4. Lass mich mein Arbeit recht verbringen,
Damit mein Tun mög wohl gelingen.
Das treib ich hier, so lang ich leb
Und in dem Jammertal rumschweb.

5. Wenn ich dann tu mein Augen zu,
So gib mir von der Arbeit Ruh.
Hier ist kein Ruh, dort wird sie sein,
Drum komm, hol mich in Himmel ein.

Amen.

Recke, Elisabeth von der – Morgenlied.

Zu dieses Lebens Sorgen,
Der neuen Tagespflicht,
Weckt mich der junge Morgen;
Allein ich zage nicht.
des guten Vaters Treu,
Die mich im Schlaf bedeckte,
Dass mich kein Unfall weckte,
Erwacht mit ihm aufs neu.

Preis dir, du Gott der Gnade!
O leite mich, dein Kind,
Auch heut auf solche Pfade,
Die dir gefällig sind!
Gib mir Gelegenheit
Viel Gutes auszurichten,
Und zu den schwersten Pflichten
Lust, Mut und Tätigkeit!

Willst du mir Leiden schicken,
So lindre meinen Schmerz!
Soll mich ein Gut beglücken,
Gib mir ein dankbar Herz!
Soll meine Lebenszeit
Kurz oder lange währen;
Stets sei es dir zu Ehren
Und mir zur Seligkeit.

Herman, Nikolaus – Der Morgensegen.

Im Ton: Wo Gott nicht gibt zum Haus rc.

Die helle Sonn leucht jetzt Herfür,
Fröhlich vom Schlaf aufstehen wir.
Gottlob, der uns heint diese Nacht
Behüt hat für des Teufels Macht.

2. Herr Christ, den Tag uns auch behüt
Für Sünd und Schand durch deine Güt,
Lass deine lieben Engelein
Unser Hüter und Wächter sein;

3. Dass unser Herz in Ghorsam leb,
Deim Wort und Willn nicht widerstreb,
Dass wir dich stets für Augen han
In allem, das wir heben an.

4. Lass unser Wert geraten wohl,
Was ein Jeder ausrichten soll,
Dass unser Arbeit, Müh und Fleiß,
Gereich zu beim Lob, Ehe und Preis.

Amen.

Blaul, Georg Friedrich – Morgenlied.

Wenn die Sonn‘ emporgestiegen,
Denk ich dein, du ew’ge Sonne,
Quell des Lichts und aller Wonne,
Dein gedenk ich mit Vergnügen.

Hast du doch in allen Nächten,
Die bisher mich schon umfangen;
Stets erhöret mein Verlangen,
Mich bedeckt mit deiner Rechten.

Hast mit väterlichem Walten
Dem geringsten deiner Knechte
In den bangsten seiner Nächte
Leib und Seele wohl erhalten.

Selbst wenn in der Nacht der Sünden
Ich von deinem Weg verirrte,
ließest du, getreuer Hirte,
Mich das Licht doch wieder finden.

Denn die Sonne deiner Gnade
Ging in solchen Finsternissen
Auf, und führt‘ mein irr Gewissen
Wieder hin auf deine Pfade.

Deine Liebe, deine Treue,
Die bisher mich wohl geborgen,
Preis‘ ich d’rum mit jedem Morgen,
Herr, mein Hüter, stets auf’s Neue.

Und aufs Neue sei gebeten:
Hilf mir auch an diesem Tage,
lass mich unter Freud‘ und Plage
Nie von deinen Wegen treten.

Will dir gänzlich halten stille,
Nichts will ich von dir begehren,
Magst mir Freud‘, magst Leid bescheeren,
So geschehe, Herr, dein Wille.

Eins nur, was ich gerne hätte,
Möcht‘ ich, Herr, von dir erlangen:
Wenn mein Tag zu End‘ gegangen,
Gib bei dir mir eine Stätte.

Öffne nach der Nacht des Todes
Einst mein Aug‘ dem ew’gen Lichte,
Das von deinem Angesichte
Strahlt, wie Glanz des Morgenrotes.

Lass mir deine Gnadensonne
Ewig nicht mehr untergehen,
Lass mich dich im Lichte sehen,
Quell des Lichts und aller Wonne.

Selneccer, Nikolaus – Morgensegen.

Mel. Gelobet seist du Jesu Christ.

Gott Lob, der Tag ist nun herbei,
Vom Schlaf sind wir gewecket frei.
Gott hat uns bhüt fürs Teufels Macht
Durch sein Engel in dieser Nacht.
Kyrieleis.

2. Ach Gott, vergieb uns unsre Sünd,
Sei uns gnädig, gut, sanft und lind,
Dein Engel allzeit bei uns sei,
Wider der Teufel steh uns bei.
Kyrieleis.

3. All unsre Arbeit segne du,
Gieb und Geduld und Muth dazu,
Verleih uns ein rechten Verstand,
Regier uns selbst durch deine Hand.
Kyrieleis.

4. Laß uns auf deinem Wege gehn
Und allzeit fest darin bestehn.
Dein heilger Geist leit unser Herz,
Bhüt uns vor Angst und großem Schmerz.
Kyrieleis.

5. In Irrthum laß uns fallen nicht,
Wenn uns der böse Geist anficht.
Vor Sünd und Schand behüt uns Gott,
Und hilf uns frei aus aller Noth.
Kyrieleis.

6. Behüt uns Herr vor Trug und List,
Vor Wucher, Geiz, unrechtem Genieß,
Vor allem Vortheil und vor Tand,
Vor Hader, Zank, Neid, Spott und Schand.
Kyrieleis.

7. Hilf, daß wir dienen deiner Ehr
Und dich vor Augen haben mehr
Denn alle Welt, Nutz, Ehr und Gwalt,
So werden wir mit Ehren alt.
Kyrieleis.

8. Amen, zur Arbeit gehn wir hin,
Gott kennet unser Herz und Sinn.
Unser Werk, Arbeit, Treu und Fleiß
Gereich zu Gottes Lob und Preis.
Kyrieleis.

9. Weil wir denn so zur Arbeit gehn,
Herr Christ, wollst uns gnädig beistehn.
Bei unserm Schweiß dein Segen sei,
So werdn wir satt und sorgen frei.
Kyrieleis.

10. Laß dein Engel stets bei uns sein,
Die lieben schönen Geisterlein.
Kein Macht an uns der Satan hab,
Dein Engel ihn stets treiben ab.
Kyrieleis.

11. Amen singen wir abermal.
Herr Christ, behüt uns vor Unfall.
Gieb, daß wir dich stets rufen an,
So lang die Zung sich regen kann.
Kyrieleis.

Arndt, Ernst Moritz – Morgengebet

Die Nacht ist nun vergangen,
Der Morgen steht so herrlich da,
Und alle Blumen prangen
Und alle Bäume fern und nah;
Auf Feldern und auf Wiesen,
In Wald und Berg und Thal
Wird Gottes Macht gepriesen
Von Stimmen ohne Zahl.

Die frommen Nachtigallen
Sie klingen hellen Freudenklang,
Die Lerchen höchst vor allen
Zum Himmel tragen sie Gesang,
Der Kuckuck auf den Zweigen
Und auch der Zeisig klein
Sie wollen sich dankbar zeigen,
’s will keiner hinten seyn.

Und ich? Ich sollte schweigen?
Ich, Gottes reiches Ebenbild?
Durch das mit Liebesneigen
Der Feuerstrom der Gottheit quillt,
Dem er die Sternenlichter
Zur Brüderschar geweiht
Und Engelangesichter
Verklärt in Herrlichkeit?

Das Wild im grünen Walde,
Der Vogel auf dem grünen Baum,
Sie priesen also balde
Den Vater überm Sternenraum?
Es sumsete die Imme,
Das Würmchgen seine Lust,
Und ich hätt‘ keine Stimme
Des Lobes in der Brust?

Nein, Vater aller Güte,
Du meiner Seele Freudenlicht,
Wie gern will mein Gemüthe!
Doch meine Worte können nicht.
Wer mag dich würdig preisen,
Durch den die Welten sind,
Von dem die tiefsten Weisen
Kaum lallen wie ein Kind?

O Herr, laß mich auch heute
In deiner Liebe wandeln treu,
Daß ich der Sünden Beute,
Der Eitelkeiten Spiel nicht sey;
Laß mich nach deinem Bilde
Den Weg der Tugend gehn:
So wird der Tag mir milde,
So kommt der Abend schön.

 

Behm, Martin – Ein Morgensegen

1. O heilige Dreifaltigkeit,
O hochgelobte Einigkeit,
Gott Vater, Sohn, Heiliger Geist,
Heut diesen Tag mir Beistand leist.

2. Mein Seel, Leib, Ehr und Gut bewahr,
Daß mir kein Schaden widerfahr,
Und mich der Satan nicht verletz,
Noch mich in Schand und Schaden setz.

3. Des Vaters Macht mich heut anblick,
Des Sohnes Weisheit mich erquick,
Des heilgen Geistes Glanz und Schein
Erleucht meines finstern Herzens Schrein.

4. Mein Schöpfer, steh mir kräftig bei,
Christ, mein Erlöser, hilf mir frei;
O Tröster werth, weich nicht von mir,
Mein Herz mit werthen Gaben zier!

5. Herr, segne und behüte mich,
Herr, leucht mich an ganz gnädiglich,
Herr heb auf mich dein Angesicht,
Dein Frieden auf mich Armen richt.

6. Solch göttlich Benediction
Send mir herab vom Himmelsthron,
Damit ich heut und alle Tag
Durch dich frei sei von aller Plag.

7. Laß mich erlangen Trost und Heil,
Daß mir dein Segen werd zu theil;
Vor sichtbarn Feinden mich bewahr,
Und wehr auch der unsichtbarn Schar.

8. Rett mich aus meiner Angst und Noth,
Daß ich nicht werd zu Schand und Spott;
So preis ich dich mit Innigkeit
Allhier und dort in Ewigkeit.

Amen.

Claudius, Matthias – Frau Rebekka mit den Kindern

Kommt, Kinder, wischt die Augen aus,
Es gibt hier was zu sehen,
Und ruft den Vater auch heraus…
Die Sonne will aufgehen!

Wie ist sie doch in ihrem Lauf
So unverzagt und munter!
Geht alle Morgen richtig auf,
Und alle Abend unter!

Geht immer, und scheint weit und breit
in Schweden und in Schwaben,
Dann kalt, dann warm, zu seiner Zeit,
Wie wir es nötig haben.

Von ohngefähr kann das nicht sein,
Das könnt ihr wohl gedenken;
Der Wagen da geht nicht allein,
Ihr müßt ihn ziehn und lenken.

Das Sternenheer hoch in der Höh‘,
die Sonne, die dort glänzet,
Das Morgenrot, der Silbersee
Mit Busch und Wald umkränzet,

Dies Veilchen, dieser Blütenbaum,
Der seine Arm ausstrecket,
Sind, Kinder! „seines Kleides Saum“,
Das ihn vor uns bedecket;

Ein „Herold“, der uns weit und breit
Von ihm erzähl‘ und lehre;
Der „Spiegel seiner Herrlichkeit“;
Der „Tempel seiner Ehre“,

Ein mannichfaltig groß Gebäu,
Durch Meisterhand vereinet,
Wo seine Lieb‘ und seine Treu‘
Uns durch die Fenster scheinet.

Er selbst wohnt unerkannt darin,
Und ist schwer zu ergründen.
Sei fromm, und sucht von Herzen ihn,
Ob ihr ihn möchtet finden.

Claudius, Matthias – Morgenlied eines Bauersmanns

Da kömmt die liebe Sonne wieder,
Da kömmt sie wieder her!
Sie schlummert nicht und wird nicht müder,
Und läuft doch immer sehr.

Sie ist ein sonderliches Wesen,
Wann morgens auf sie geht,
Freut sich der Mensch und ist genesen
Wie beim Altargerät.

Von ihr kommt Segen und Gedeihen,
Sie macht die Saat so grün,
Sie macht das weite Feld sich neuen,
Und meine Bäume blühn.

Und meine Kinder spielen drunter,
Und tanzen ihren Reihn,
Sind frisch und rund und rot und munter,
Und das macht all ihr Schein.

Was hab‘ ich dir getan, du Sonne,
Daß mir das widerfährt?
Bringst jeden Tag mir neue Wonne,
Und bin’s fürwahr nicht wert.

Du hast nicht menschliche Gebärde,
Du issest nicht wie wir;
Sonst holt‘ ich gleich von meiner Herde
Ein Lamm und brächt‘ es dir,

Und stünd‘ und schmeichelte von ferne:
„Iß und erquicke dich,
Iß, liebe Sonn‘, ich geb‘ es gerne,
Und willst du mehr, so sprich.“

Gott in dem blauen Himmel oben,
Gott denn belohn‘ es dir!
Ich aber will im Herzen loben
Von deiner Güt‘ und Zier.

Und weil wir ihn nicht sehen könne,
Will ich wahrnehmen fein,
Und an dem edlen Werk erkennen
Wie freundlich er muß sein!

Oh! bis mir denn willkommen heut,
Bis willkomm, schöner Held!
Und segn‘ uns arme Bauersleute,
Und unser Haus und Feld.

Bring‘ unserm König heut‘ auch Freude,
Und seiner Frau dazu.
Segn‘ ihn und tu ihm nichts zuleide,
Und mach ihn mild wie du!