Zinzendorf, Nikolaus von – Priesterliches Flehen.

Mein HErr, ich bitt‘ Dich kindlich,
Weil Du unüberwindlich
All‘ Deine Kinder hegst:
Lass mich, so lang‘ ich lebe,
Und wo ich vor Dir schwebe,
Erfahren, dass Du treu mich pflegst!

Wenn ich mein ganzes Wesen
Will wie ein Buch durchlesen,
So seh‘ ich forschend zu,
Was Dein Wort von den Seelen,
Die sich zu Sündern zählen,
Für gnädige Erwähnung tu‘.

So wahr Du lebst, mein Fürste,
So wahr ich nach Dir dürste,
So wahr Du König bist;
So wahr Du mein Gebieter,
So wahr Dein Geist mein Hüter,
Dein Vater auch mein Vater ist:

So wahr bin ich ein Sünder
Wie andre Menschenkinder
Und jene Sünderin; (Luk. 7,37 ff.)
Denn wahrlich, mein Erlöser,
Ich kenne Niemand böser,
Als ohne Deine Gnad‘ ich bin.

Du liebst mich unbeschreiblich,
Und mir ist’s selbst kaum gläublich,
Wie sehr ich Dich geübt;
Das hat mich auch von Herzen
Und mit recht bittern Schmerzen
Seit meiner Gnadenzeit betrübt.

Da ist wohl Nichts zu sagen,
Als Dich erstaunt zu fragen:
Ist’s möglich, Gottessohn!
Dass Du solch eine Made
Erhöhst zu Deiner Gnade,
Und gar zu Deiner Arbeit Lohn?

Ja, ja, ich muss bekennen:
So wenig ich zu nennen,
So bin ich’s doch einmal;
Ich bin im Blute reine,
Und finde mich als Deine
Im Buch der heil’gen Gnadenwahl!

Manch Jahr ist schon verflossen,
Seitdem ich Dich genossen,
Und doch bin ich nicht satt:
Ich hungre nach viel Herzen
Zum Lohn für Deine Schmerzen;
Mein Sinn und Fuß ist noch nicht matt!

Ich soll auf dieser Erden
Dein ganzes Opfer werden,
Und Deine Freude sein;
Ich soll Dir lieblich grünen,
Und Dir auch fröhlich dienen,
Du König Deiner Kreuzgemein‘!

Sei mir zu diesem Ende
Ein Salböl auf die Hände
Ein Balsam auf mein Haupt,
Ein Segen für mein Herze,
Die Flamme meiner Kerze,
So lange bis ich ausgeglaubt!

Von meinen Lebensjahren
Wollst Du so viele sparen,
Als Du von Ewigkeit
Zu meinem Ziel weißt nötig;
Ich bin dabei erbötig,
Zu tun, was Deine Treu‘ verleiht.

Gib mir und dem Geschwister,
Dass Du in Ein Register (Luk. 10,20.)
Mit mir hinein verfasst,
Im Kleinen solche Triebe,
Wie Du, dreiein’ge Liebe,
Sie ewiglich im Ganzen hast!

(Auf der See im Texel, 1738.)

Zinzendorf, Nikolaus von – Leidensmut

Das ist mir sonnenklar,
Dass ich des Heilands war
von meiner ersten Wiegen;
Ich weiß es an den Zügen,
Die nun seit so viel Jahren
An mir sich offenbaren.

Und das ist auch gewiss,
Dass ich durch keinen Riss
Auf dieser seiner Erde
Von Ihm getrennet werde,
Durch Ehre oder Schande,
Noch durch geheime Bande.

Auch weiß ich, dass mein Sinn
Vor Ihm in Staub sinkt hin,
Und sucht zu Seinen Füßen
In Liebe zu zerfließen,
Weiß sonst von keinem Haupte,
Daran mein Herze glaubte.

Und daran zweifl‘ ich nicht,
Dass Seine Liebespflicht,
Die er am Kreuz geschworen,
Da Er uns auserkoren,
Auch mit auf mich gerichtet,
Und Er mein Bestes dichtet.

Allein, Du Liebessohn!
Bin ich Dein wahrer Lohn,
Bin ich in Allem Deine,
Bin ich so völlig kleine,
Bin ich Dein Waffenträger,
Und einer Deiner Jäger:

Wohlan! so bitt‘ ich Dich,
Mein Haupt, mich inniglich
Dem Vater vorzutragen,
Und für mich gut zu sagen:
Dass ich mit tausend Freuden
Will Seinethalben leiden!

(1735.)

Zinzendorf, Nikolaus von – Vorbereitung auf des HErrn Tag.

Der Du die Menschen aus der Nacht
Zu Deinem Licht berufen,
Und bringest sie zu Deiner Pracht
Durch manche Grad‘ und Stufen:
Wir werfen uns allhier
Dir, treuem Herzen, für,
Dieweil wir auch von Deinem Schein
Zum Leben aufgewecket sein.

Darf unser Inn’res kühne sein,
Und Deinem Herzen sagen,
Was wir bisher für eine Pein
Mit uns umher getragen:
So klagen wir uns an
Als die da missgetan,
Als Seelen, die Dich angeblickt,
Dir aber langsam nachgerückt.

Wir wären gerne Deinem Sinn
Und Deinem Herzen näher;
Allein der Geist sinkt immer hin,
Das Fleisch wird immer zäher.
Wenn Deine Liebesglut
Nicht Wunder an uns tut,
So kommen wir in kurzer Zeit
Vom trägen Sinn zur Lauigkeit.

Erwecke die in uns von Dir
Selbst eingelegte Gabe,
Dass Deine Lehre volle Zier
Von unserm Wandel habe!
O dass uns Deine Treu‘
Stets scharf in Liebe sei,
Bis sich der ungewisse Pfad
In Felsengrund gelenket hat!

Du hast uns von der Welt befreit;
Das äußre Babel lieget;
Allein im innern Seelenstreit
Ist noch nicht ganz gesieget:
So lange Leib und Geist
Sich noch geteilt erweist,
Und liebet Etwas außer Dir,
So lange ist noch Babel hier.

Lamm! das überwunden hat,
Vollführe Deine Siege;
Gib in uns keinem Dinge Statt,
Das Dir entgegen liege!
Weil Du uns in Dein Bild
So gern gestalten willt,
So schaffe doch noch in der Zeit
Mehr sichtbarliche Ähnlichkeit.

Wir sagen uns aufs Neue los
Vom ganzen Sündenwesen;
Dir, der Du aus des Vaters Schoß
Zu uns gesandt gewesen,
Sei unser Herz geweiht
Mit voller Willigkeit,
Und Deine Liebe wolle nun
Ganz überschwänglich an uns tun!

Entbind‘ uns nur von alle Dem,
Was sich noch selber meinet,
Und was Dir irgend unbequem
Zu Deinem Dienst erscheinet!
Was Niemand böse glaubt,
Was Jedermann erlaubt,
Das werd‘ uns nimmermehr vergönnt,
Wenn’s nicht Dein Wort für gut erkennt!

Lass unser Herz und Sinn vor Dir
Sich oft im Geist verbinden,
Jetzt in verbundener Begier
Dein süßes Heil verkünden,
Und dann in Deinem Tod
Um fremd‘ und eigne Not
Mit schreiendem Gebet und Fleh’n
Stets zu den Gnadenbergen seh’n! (Ps. 121.)

Es werde das zu aller Zeit
Auch von uns selbst bewiesen,
Was wir von Dir mit Freudigkeit
Den Andern angepriesen.
So gehe Tat und Wort
Mit gleichen Schritten fort,
Damit uns jener große Tag
Erfreu’n und nicht beschämen mag!

Gelobt sei Deine Majestät
In ihrer Offenbarung,
Und mit dem treusten Dank erhöht
Für alle die Bewahrung,
Die Du von Jugend an
Bis heut‘ an uns getan,
Dass Deine väterliche Treu‘
An uns wohl angewendet sei.

Soll unser Wandel auf der Welt
Noch Jahr‘ und Tage währen,
So tu‘ an uns, wie Dir’s gefällt,
Die Schlacken zu verzehren;
Lass sie in Deiner Pein,
O HErr, vernichtet sein!
Von Außen gönn‘ uns, vor wie nach,
Des Kreuzesreiches schöne Schmach!

Erhalte doch die Herrlichkeit
Vom unbekannten Namen, (Jes. 62,2; Offb. 2,17.)
Die unsre Seelen hoch erfreut,
Dem auserwählten Samen,
Dass uns der große Tag
Versiegelt finden mag,
Bis Jesus zur Vergeltungszeit
Eröffnet alle Heimlichkeit!

(1726.)

Zinzendorf, Nikolaus von – Lied an Christenknaben.

Ihr Knaben, seid um Jesu willen
Gebeten, groß und klein:
Ach, sucht Ihm Seinen Durst zu stillen
Nach eurem Seligsein!

Genießt in Seines Volkes Mitte,
Wie’s Jeder täglich kann,
Vom ersten bis zum letzten Schritte,
Was Er für euch getan!

Er will euch rein und heilig haben,
Und macht euch gerne rein;
Die Liebesmüh‘ an Seinen Knaben
Müss‘ unverloren sein!

Seid ihr bereits hineingegeben
In dieser Erde Not,
So helf Er euch zum neuen Leben
Durch Seinen Kreuzestod!

(um 1746.)

Zinzendorf, Nikolaus von – An die Kinder.

Wir flieh’n zu Jesu Armen;
Wer hilft uns denn dahin?
Ach, einzig Sein Erbarmen,
Sein treuer Liebessinn!
So folgen wir dem Triebe,
Den Er uns selbst verleiht,
Und schmecken Seine Liebe
und Seine Freundlichkeit.

Er segn‘ uns Eins beim Andern
Nach Seiner freien Lieb‘,
Und helf‘ uns fröhlich wandern
Durch Seinen Gnadentrieb;
Sein Haupt, mit Blut beflossen,
Bleib‘ uns stets im Gesicht;
Das Blut, so Er vergossen,
Geleite uns im Licht!

Sein Kreuz, die Schmach, die Ängsten
Erfreuen unser Herz,
Wie Ihn am allerbängsten
Durchdrang der Todeschmerz;
Da lag Er, der Durchbrecher,
Für uns in Not und Graus,
Und trank den bittern Becher
Bis auf den Boden aus.

Verwundert euch nicht, Kinder,
Dass wir euch abermal
Hier reden von der Sünder
Geliebtem Wundenmal;
Denn, wir gestehn’s, wir wüssten,
Und wenn eins sterben müsst‘,
(Wir wären sonst nicht Christen)
Nur vom verwund’ten Christ!

Gib, Heiland, unsern Kindern,
Dass Deines Kreuzes Macht,
Daran so viel sich hindern
In ihrer Trägheitsnacht,
Ihr ganzes Herz hinnehme,
Bis Du als Perlenreih’n
In Deinem Diademe
Sie fügst auf ewig ein!

Wir wünschen uns die Gnade,
Das Lamm am Kreuz zu seh’n,
Und von dem schmalen Pfade
Nie wieder abzugeh’n.
Er, der bei uns in Stillen
Gern wohnt und Gutes schafft,
Geb‘, auch bei kleinen Willen,
Der Seele große Kraft! (Ps. 138,3.)

(Zu Genf 1741 gedichtet.)

Zinzendorf, Nikolaus von – Chorlied für Kinder.

Ich bitt‘ Dich kindlich, Du heil’ger Geist,
Der Du mit Recht unser Meister heißt,
Dass Du unsrer Kleinen nicht wollst vergessen,
Die Dir zu Füßen bisher gesessen,
Du Kinderfreund!

Ich freu‘ mich Deiner gewalt’gen Kraft,
Die mehr, als Worte, bei Kindern schafft;
Die wird noch vollenden, was angefangen,
Und was wir Alle sehr verlangen,
Du Geist der Kraft!

Du hast mit dreierlei Volk zu tun:
Etliche, die noch im Tode ruh’n,
Und von keinem Glauben was wissen wollen.
Sag‘ uns, was wir damit machen sollen.
Wir wissen’s nicht.

Die andere Art hast Du gerührt,
Und Jesu Blut in ihr Herz geführt;
Nahe und gewaltig an Deiner Sonnen
Sind sie nicht anders, denn Wachs, zerronnen,
Und schmelzen noch.

Das dritte Häuflein, es ist nun Dein,
Und gehört völlig in die Gemein‘;
Die sind voll von Sehnsucht nach andern Seelen,
Wenn sie gleich selber noch manchmal fehlen.
O mach‘ sie ganz!

Nun, heil’ger Meister, der Gott von Art,
Der einst ein Gast in der Welt hie ward,
Dem Du alle Kinder pflegst zuzuführen,
Öffne Dir jetzt bei uns Tor und Türen!
Kehr‘ bei uns ein!

Mach‘ uns dem Kinde für uns zum Lohn;
Mach‘ uns zu Perlen in Seiner Kron‘;
Hilf, dass jedes Räumlein in unserm Hause
Sanft von belebender Heilsluft sause,
Von Geist und Feu’r!

(1738; aus dem Herzen gesungen.)

Zinzendorf, Nikolaus von – Vom Glauben und von der Besprengung des Blutes Christi.

Du ein’ger Glaubensvater,
Der Du die Menschen lehrst,
Und zu dem Heilserstatter,
Dem Sohn, ihr Herze kehrst:
Wir möchten gerne wissen,
Was Glauben auf sich hat,
Wie wir, dem Fluch entrissen,
Verbessern Wort und Tat.

Wenn wir es recht erfahren,
So ist des Glaubens Art,
Dass er mit Unsichtbarem
Und Geistlichem rich paart,
Und hält sich an den Dingen
So fest, so lebhaft au,
Als man es kann vollbringen,
Wenn man sie sehen kann.

Drum haben äußre Sachen
Und Übungen den Sinn,
Uns eingedenk zu machen
Aufs Unsichtbare hin:
Und wer an solchen Werken,
Weil er sie mitgemacht,
Will seinen Glauben merken,
Der hat’s nicht recht bedacht.

Dass wir den Glauben haben,
Beweist auch das noch nicht,
Wenn wir von Gottes Gaben
Mit unser Teil gekriegt:
Das sind Gelegenheiten,
Dabei uns Gottes Güt
Nur immer noch von Weitem
Ein wenig an sich zieht.

Was bleibt denn nun ein Glaube,
Dadurch man Gott gefällt,
Wenn ich Ihm Alles raube,
Was man für Glauben hält?
Merk‘: Glauben heißt vertrauen
Auf das, was wir nicht seh’n,
Und hoffen’s doch zu schauen,
Weil’s unser Wohlergeh’n.

Ein Mensch kann endlich wissen,
Dass Du im Himmel bist:
Man weiß in Finsternissen,
Dass eine Sonne ist;
Allein das heißet gläuben,
Wenn uns ein gut Vertrau’n
und Liebsbegierde treiben,
uns nach Dir umzuschau’n.

Das Herz muss von der Erden,
Daran es feste hangt,
Erst losgerissen werden,
Eh‘ es nach Dir verlangt:
Die Lust der Ewigkeiten
Belustigt in der Tat
Nur Herzen, die in Zeiten
Danach verlanget hat.

Was will ich daran glauben,
Dass ich zwar haben kann,
Allein ich lass mir’s rauben,
Und nehme mich’s nicht an!
Die ganze Art der Sachen
Ist wider meinen Brauch,
Und kann mich traurig machen:
So glaubt der Teufel auch!

Darum, Du großes Wesen,
Der Du die Liebe bist,
Soll eine Seel‘ genesen,
So weißt Du, wie es ist:
Du musst sie glauben lehren,
Zuerst sie von der Welt
Und falschen Lust abkehren,
Da wird sie bloß gestellt.

So kann sie nun nicht bleiben,
Sonst wär’s um sie getan:
Sie fühlt ein ander Treiben;
Fasst nun von Neuem an:
Das dünkt ihr angenehmer,
Und leicht und wunderschön,
Für Leib und Seel‘ bequemer;
Sie möcht’s auch gerne seh’n.

Allein sie wohnt im Leibe,
Drum wird ihr beigebracht:
Du kannst nicht sehen, gläube!
Bis Ich dich frei gemacht.
Da sehnt sich denn die Seele,
Da will sie gerne hin:
Schon in der Leibeshöhle
Belustigt’s ihren Sinn.

Dieweil sie denn nun fühlet,
Dass sie gebunden sei,
Und nach der Freiheit zielet,
So macht sich Gott herbei:
Auf diesen muss sie bauen,
Dass Er ihr helfen kann,
Und seinem Wort vertrauen:
So ist die Sach‘ getan.

Und also kommt der Glaube
Auf Überzeugung an:
Dass ich dem HErrn erlaube,
zu machen, was Er kann;
Wenn ich mein Elend merke,
So trau‘ ich mir nichts zu,
Und such‘ in Gottes Stärke
Für meine Seele Ruh‘.

Dann will ich gerne werden,
Wie Gott mich haben will;
Zieht Er mich von der Erden,
So halt‘ ich gerne still;
Ist mir die Zucht empfindlich,
So tut sie mir auch wohl;
Und weil die Liebe gründlich,
So will ich, was ich soll.

Wohlan, Du Glaubenszeuge, (Off. 3,14.)
Dies wirke denn in mir,
Dass sich mein Wille beuge,
Wo ich mein Elend spür‘;
Dass ich von allem Dinge,
So Du nicht bist, entwöhnt,
Gott solch ein Herze bringe,
Das sich nach Christo sehnt!

Zinzendorf, Nikolaus von – Jesus, der gute Weinstock.

Edler Weinstock, dessen Reben
Voller Kraft und Säfte sind,
Lass mich an dem Stocke kleben,
Wo die Traube Kraft gewinnt,
Dass ich, fest um Dich geschlungen,
Gleich dem Efeu grünen mag,
Und, von Deinem Geist durchdrungen,
Wachse auf den Lesetag!

Vater, drohst Du, wegzunehmen,
Was sich nicht zu guter Frucht
Hier bei Zeiten will bequemen!
O so sei der Tand verflucht,
Welcher einen Teufelsglauben,
Der mit bloßem Wissen zahlt,
Schöne, aber tote Trauben
Listig uns vor Augen malt!

Werde mir zum Gnadenlohne,
Abba, Vater! dies beschert,
Dass Dein Leben in mir wohne,
Das mir Saft und Kraft gewährt!
Möge mich Dein Finger beugen,
Der mich in Dein Land versetzt,
Und viel Frucht im Herzen zeugen,
Das Dein Himmelstau benetzt!

Jesu, weil in Dir alleine
Eine Rebe tragen kann,
Also sei auch ich der Deine,
Dir auf ewig zugetan.
Falsche Liebe, stolzes Blähen,
Eigenwille, Selbstvernunft
Müsse ganz an Dir vergeben,
Ich entsage dieser Zunft.

Wollt ihr zürnen, Menschenkinder?
Scheint euch die Philosophie
Eurer Hoffart noch gesünder,
Als dies Kinderlallen hie?
Jesus hat mich hingezogen,
Wo die Einfalt triumphiert,
Und besiegt und überwogen
Die Vernunft in Ketten führt!

Wisset: Jesus, der Geliebte,
Hat uns ohne sie bekehrt,
Und auch Paulus, der Geübte,
Ihrer Hilfe nie begehrt.
Gib mir, Vater aller Geister,
Einen zarten Kindersinn!
Ziehe mich, Du guter Meister,
In Dein Einfaltswesen hin!

Wer nur Dein, O HErr, begehret,
Wer in Dir nur bleiben will,
Der wird bald von Dir erhöret,
Der erlanget Hüll‘ und Füll‘.
Was befiehlst Du, HErr? ich kenne
Mein Bedürfnis: Eins ist Not;
Darum sehn‘ ich mich, und brenne
Nur nach Deinem Kreuzestod!

Jesus Christus! überzeuge
Die verkehrten Menschen doch,
Dass sich ihre Schulter beuge
Unter Dein so sanftes Joch,
Dass sie Dich in Deiner Krone
Seh’n, Du König alles Lichts,
Und den Vater in dem Sohne,
Und Dich selbst in ihrem Nichts!

So wirst Du den Seelen Alles,
Also werden sie erquickt,
Und vom Würgenetz des Falles
Durch die Gnade losgestrickt.
Also sollen, die auf Erden
In ihr Nichts gegangen sein,
Erst in Dir zu etwas werden,
Aber auch durch Dich allein!

Zinzendorf, Nikolaus von – Einladung zu der gekreuzigten Liebe.

Kommt, Sünder, und blicket dem ewigen Sohne
Ins Herz, in die Nägelmal, unter die Krone,
Und sucht euch noch Mehrere zuzugesellen,
Die sich mit euch vor den Gekreuzigten stellen!

Wer wollte den Glauben durch Zweifeln verhindern?
Ihr Sünder, ich wollte, wir würden zu Kindern,
Und schlügen an’s Krenz alles künstliche Denken!
Der Freund will der Einfalt die Seligkeit schenken!

Ihr Armen! die Armut des Heilands macht reicher,
Sie öffnet der Ewigkeit Scheuren und Speicher,
Und wenn wir aus denen nur sicherlich nehmen,
So darf uns kein Mensch und kein Engel beschämen.

Wer alle Schuld bei sich gesucht und gefunden,
Der hat einen offenen Weg zu den Wunden;
Wer unter den elendsten Schuldnern gesessen,
Wird bei der Erledigung sein nicht vergessen.

So lernt man behaupten die lieblichen Rechte
Der Sünderschaft unter dem Menschengeschlechte;
Kaum gehet die eig’ne Gerechtigkeit unter,
So wird man in Gnade lebendig und munter!

Hat man sich im Geist des Gemütes erneuet,
So wird man gereinigt, gesalbt und geweihet,
Geht Jesu entgegen im heiligen Orden,
Dieweil man zur Jungfrau, die Öl hat, geworden.

Man geht seinen Weg nun behutsam und fröhlich,
Bewahret die Lampe, in Hoffnung schon selig;
Der Friedensgeist fließt auf die wachsamen Glieder
Vom Himmel in herrlichen Strömen hernieder.

Auf! suchet den Bräutigam mit flammenden Kerzen!
Die mindeste Trägheit bringt peinliche Schmerzen;
Vom Zepter des Königes, der uns berühret,
Wird unser begnadigter Heerzug regieret.

Darunter erfährt man mit innigem Beugen,
Wie gut es ist. Jesu sich willig erzeigen:
Das ist unsre Schuldigkeit über und über;
Was aber von Herzen geht. Das hat Er lieber!

Zinzendorf, Nikolaus von – Engel-Lied.

Hier ist Nacht,
Dort ist Pracht!
Dort ist Mut, hier Sorglichkeit;
Der Tag bringt bangen Kummer,
Die Nächte trägen Schlummer;
Hier wacht man, Gift zu schäumen,
Und lässt sich Gutes träumen.
Menschenchöre,
Engelheere,
Einem König
Untertänig:
Dass ihr euch so fremde seid!

Geist des HErrn!
Morgenstern!
Und Du Ursprung der Natur:
Wenn eure Donner red’ten!
Ein Geist in Liebesketten
Kann keine Stimm‘ aufbringen,
Die Geister zu besingen.
O, Du Meister
Aller Geister,
Die Dir grünen,
Die Dir dienen,
Hilf uns selber auf die Spur.

Cherubim,
Seraphim,
Stehend vor dem Morgenstern,
Die all gewalt’gen Herren,
Den Abgrund zu versperren,
Und Eden zu verhauen:
Die bücken sich, zu schauen
Gott mit Demut,
Uns mit Wehmut;
Ihre Flügel
Sind die Siegel
Ihrer Ehrfurcht vor dem HErrn.

Schauet an,
Wer da kann!
Denn es ist kein eitler Traum
Der in die Welt versunk’nen,
Von Eitelkeiten trunknen
Und fleischgeword’nen Wesen,
Das Geisterbuch zu lesen.
Wenn die Sinnen
Licht gewinnen,
Dann, dann taugen
Erst die Augen
Für der Engel heitern Raum!

Fürstenvolk,
Thronenvolk
Um den Stuhl zur Hand der Kraft
Des großen Patriarchen
von allen Gnadenarchen,
Der, göttlich angezogen,
Sitzt auf dem prächt’gen Bogen!
Heilige Wächter
Der Geschlechter
Der erkauften
Und getauften Friedensbunds-Genossenschaft:

Möchten wir
Dies Revier,
Was Gefahr es immer hat,
Mit mächtigem Vertrauen
Auf unsern König bauen!
Er ist der Gott der Geister,
Der Engel Ordensmeister,
Und die Heere
Seiner Ehre
Geh’n und schlagen
Flammenwagen
Rings um unsre Lagerstatt.

Nehmt die Hand
Auf das Band
Einer heil‘gen Brüderschaft!
Wir wollen uns verschwören
Zu Lieb‘- und Lobechören.
Dass Gott und Seinem Sohne,
Wie auch dem Geist im Throne,
Unverweilig:
„Heilig, heilig,
Heilig!“ töne;
Wir sind Söhne,
Wir sind Zeugen eurer Kraft.