Zinzendorf, Nikolaus Ludwig Graf von – Neujahrslied.

Heut ist ein Fest von Jesu hohen Namen,
Die uns so oft und nie zu ofte kamen.

Verwundert euch nicht dieser Sache halben,
Ein jeder Name Christi kann uns salben.

Liebreicher Heiland, Du wollst uns vergönnen,
Dir Deine Namen, uns zum Heil, zu nennen!

Du bist ein König über alle Kaiser,
Und doch ein Knecht der ärmsten Pilgerhäuser.

Dein Volk hat in Dir einen treuen Führer,
Und jeder Schritt erkennt Dich als Regierer.

Du bist ein Fels. Wer einmal auf Dir stehet,
Der stehet fest, wenn Alles untergehet;

Ein Eckstein, der dem Bau zu Grunde lieget,
Auf dem so seliglich sich Alles füget;

Ein Schloss, genugsam, Alle zu beschützen,
Die glaubensvoll in seinen Mauern sitzen.

Ein Heerschild, dem man seine Brust vertrauet;
Ein Schwert, das vor uns her in’s Wesen hauet;

Ein Herzog, der im Streit die Spitze bietet;
Und sieht’s der Feind, so hat er ausgewüthet.

Kein Hoherpriester gleichet unsrem Lieben;
Du hast die Seelen in Dein Herz geschrieben,

In deinem Ringen durch die Hand gegraben;
Da kannst Du sie nun kurz beisammen haben. (Hohel. 5,14; Jes. 49,16.)

Prophete, der des Vaters Sinn verkläret,
Du nur bist unser Meister, der uns lehret!

Arabia mit allen seinen Weisen
Und Salomo muß deinen Vorzug preisen.

Ich möchte seh’n, wer mich einmal bethörte,
Wenn ich den Mann, der Rath heißt, immer hörte!

Kraft, die die Schwachheit nimmer läßt erliegen!
Held, der von keinem Krieg weiß, als zum Siegen.

Du, Ewig-Vater, hast Dein Amt gepriesen,
Wie Dir’s Dein großer Vater angewiesen.

Du, Friedefürst, wenn Du kannst Friede machen,
So weiß ich, daß Dir noch das Herz wird lachen!

Der Cherubim und Seraphim Bedecken
Zeigt, wer Jehovah ist, und Satans Schrecken. (Jes. 6.)

HErr, gegen den sich keine Macht darf sperren,
Dein Will‘ ist unser Glück! Wohl uns des HErren!

O Kind, wie groß Du sonst auch anzusehen:
Es ist doch kindlich mit Dir umzugehen!

Und doch begreift kein Mensch Dein Thun und Lassen,
Drum heißt du Wunderbar, und nicht zu fassen.

O Thau, der auch das dürrste Herz befeuchtet!
O Licht, das unserm Fuß die Nacht erleuchtet!

O Leben, ohne das kein Ding bestehet!
O Weg, darauf der Thor nicht irre gehet!

O Wahrheit, die noch keinen Feind betrogen!
O Burg, die all ihr Volk in sich gezogen!

O Wort, das vormals Alles ausgesprochen:
Dein Hauch weckt Herzen, die der Tod gebrochen!

Du Morgenstern, der sonnenmäßig blinket,
Und doch in ein noch finst’res Herze sinket!

Du Alpha und Omega aller Wesen!
Wer Dich kennt, hat die Weisheit selbst erlesen!

Du Sonne, dran auch Felsen selbst verwittern!
Du Flammenstrahl, vor dem die Frevler zittern!

Du Mittler zwischen Gott und uns zum Frieden,
Aus Menschenlieb‘ in David’s Haus beschieden!

Dich mußt‘ ein Kind einst seinen Säugling nennen,
Und du, Gott, wolltest Dich dazu bekennen.

Als Gottes Christ besuchst Du unsre Hürden,
Damit wir All‘ gesalbt und selig würden;

Und ohne Wahl, wer frömmer oder böser,
Wardst du der Welt, der ganzen Welt Erlöser.

Als Heiland wirst Du Deinem Volk bekennet;
Was Wunder, daß Dein Volk Dich Heiland nennet?

Als Fürsprach stehest Du zu Gottes Rechten,
Dir geben wir denn Alles auszufechten!

O Gnadenstuhl, wie selig anzuschauen!
Wer hat zu Dir wohl allzu viel Vertrauen!

O Gotteslamm, was ward Dir zugemuthet?
Erwürgt zu sein! – doch nun ist’s ausgeblutet.

Du, der Du Dich für mich in Tod gegeben,
Sag‘, Leben! was ist nutz an meinem Leben?

Das machte Dich Dein theures Blut ausschütten,
und mir zu gut ist auch so viel gelitten!

Nun siehst Du Deinen Lohn vor Deinen Augen!
Ich bin’s, wir Alle sind’s, die Gnade saugen.

Und wer beschreibt den Freund bei Seinen Seelen?
Wer kann euch von dem Bruder g’nug erzählen?

Wo ist die Braut des Bräutigams zu finden?
Nicht weit, wenn irgendwo ein Herz voll Sünden.

Ist eine arme Sünd’rin in der Nähe?
Kommt her, daß man des Heilands Braut besehe!

Was wirkt ein solcher Blick in einem Herzen?
Ein Kranksein nach dem treuen Mann der Sdmerzen.

Du hast, o Hirt, das Zeugniß, gut zu weiden;
Die kleine Seerde darf nicht Hunger leiden.

Bei Wassermangel bist du selbst ein Bronnen,
Daraus noch immer gnug umsonst geronnen.

Wer ist Dir gleich, der Seelen Durst zu stillen,
Quell, bis in’s ewige Leben reich zu quillen?

O Lebensbrod! wenn uns die Lasten drücken,
Geht man zu Dir, und ißt, sich zu erquicken!

O Weinstock, störet Etwas unser Bleiben
An Dir: vertilg’s, und hilf uns Früchte treiben!

O Rose, die im Thal der Demuth grünet!
O Saronsblume, die den Geist versühnet!

Vom grünen Baum entstand einst die Verwesung,
Dein blutig Kreuz hat Blätter zur Genesung.

Nun Du bist’s gar das haben wir erfahren!
Ist noch was übrig komm‘, es offenbaren!

Was hülf’s uns aber, wenn Du Alles hießest,
Wenn Du uns an uns selber überließest?

Drum zeiget uns Dein Geist, wie sich’s gebühret,-
Der Namen Kraft, die Du für uns geführet.

Weil Du die Wahrheit bist, wird Nichts gebrochen,
Was Du in Deinem Worte hast versprochen.

Drum regne uns mit allen Deinen Namen
Bis an der Tag‘ ihr End‘ und ewig! Amen.

(1738 in Gemeinschaft mit seiner Gattin gedichtet.)

Zinzendorf, Nikolaus Ludwig Graf von – Am Jahresschluß.

So ist denn nun auch dieses Jahr
Mit Gott zurückgelegt,
Das von besondrer Zeichnung war,
Wenn man es recht erwägt.

Preis Ihm, der Alles herrlich macht!
Er hat uns nicht gefragt,
Und weil man Nichts voraus bedacht,
So hat man nie geklagt.

Gelobt sei Der, der aller Noth,
So leicht als Wind und Wellen,
Durch Sein auch uns bekannt Gebot
Die Grenzen wußt zu stellen.

Wir glauben Ihm (ein Wort, ein Mann!)
Durch alle harten Stände.
Er ruhet nicht, Er bring‘ es dann
Zu einem sel’gen Ende.

Glück zu, zum sel‘gen neuen Lauf,
Ihr treu verbund’nen Brüder!
Es steiget unser Flehen auf
Für alle Seine Glieder.

Herr Gott, sei Allen Sonn‘ und Schild,
Und leuchte und beschütze,
Wenn’s trüb hergehet oder mild,
Daß uns doch Alles nütze!

Laß, Herr, für Arbeit wie für Ruh
Dich überall stets loben:
Bis Du uns führst der Heimath zu,
Die Du uns aufgehoben.

(um 1751.)

Zinzendorf, Nikolaus Ludwig Graf von – An Weihnachten.

Blut und Wunden,
Haben uns mit Gott verbunden;
Denn Er ehrte unser Blut.
Er ließ sich damit vermählen,
Und sich zu den Menschen zählen;
Das macht unsern Schaden gut.

Wer erzittert,
Daß er seinen Gott erbittert,
Springe jetzt voll Freuden her,
und erseh in dieser Wiegen
Gott als armen Menschen liegen:
Seine Hand ist nicht zu schwer!

Diese Hände
Segnen aller Erden Ende;
Diese sind dieselbe Statt,
Wo Er aller Menschen Seelen,
Die Ihn zum Erlöser wählen,
Treulich aufgezeichnet hat.

Diese Augen
Müssen zur Gesundheit taugen;
Wem die Sünde weh gethan,
Sehe auf zu dieser Schlangen (Joh. 3, 15.)
Und, von Glauben und Verlangen,
Ihre holden Augen an!

Diese Ohren
Lassen sich für uns durchbohren
An des Vaters Gnadenthür,
und der König der Geschlechte
Wird dadurch zu einem Knechte,
In dem irdischen Revier.

Diesem Munde,
Welcher sonst zu aller Stunde
Seinen Vater für uns bat,
Schmecket jetzt, nach Menschenweise
Eine gar geringe Speise,
Weil er Durst und Hunger hat.

Dieser Odem,
Welcher dermaleinst den Todten
Lebensgeister geben kann,
Scheinet jetzund kaum zu wehen,
Und soll noch dazu vergehen,
Beim Beschluß der Lebensbahn.

Diesen Füßen,
Die sich kaum zu regen wissen,
Muß des alten Drachen Wuth
Erst noch in die Fersen stechen,
Bis sie sich vollkommen rächen,
An dem Kopf der Schlangenbrut.

Diese Thränen,
Welche sich nach Labung sehnen,
Werden für der Menschen Schuld
Sich noch öftermals ergießen
Und gleich einem Blutstrom fließen
Von der ewigen Geduld.

Dieser Rücken
Wird sich zu dem Kreuze bücken,
Wann die Leidenszeit regiert,
Und der Ruthen Schläg‘ empfinden,
Welche unsre Bosheit binden
Und ein Mordkind führen wird.

Aus der Seiten
Werden in den letzten Zeiten
Blut- und Wasserströme gehn,
Uns zu waschen und zu heilen,
Uns Erquickung mitzutheilen,
Die wir so verlassen stehn.

Dieses Herze
Reget sich mit Müh und Schmerze;
Und wie leis es jetzo schlägt.
So durchdringend wird es brechen,
Und die armen Herzen rächen,
Die der Seelenfeind erlegt.

Neugebornes
Und von Ewigkeit erkor’nes
Auserwähltes Gnadenkind!
Höre, wie die Menschenkinder,
Die entblößten armen Sünder,
Über Dich erfreuet sind!

Sie umfangen
Voller Liebe Deine Wangen,
Ja, sie küssen Deinen Mund;
Dein noch unverständlichs Lallen
Muß den Seelen süße schallen,
Die der Schlange Zahn verwundt.

Sie erheben
Dein kaum angegang’nes Leben
Sie sind voller Glaubenslust:
Daß Du in den Gnadenzeiten
Ihnen solch ein Heil bereiten
Und ein Kindlein werden mußt.

Herzensknabe!
Aller Erden Gut und Habe
Ist nur Unflath gegen Dich!
Du kannst uns mit wenig Blicken
Millionenmal erquicken;
Wirf auch einen Blick auf mich!

Laß bei Zeiten
Alle andre Eitelkeiten
Mir aus den Gedanken gehn!
Will sich fremde Lust erregen
Und zur Sünde mich bewegen:
Laß mich auf Dein Kripplein sehn,

Wo Du, König,
Dem die Erde unterthänig,
Und der Himmel eigen ist.
So gar elend, und auf Wegen,
Die kein Mensch betreten mögen,
Bei uns eingekehret bist!

Holde Hände!
Nehmt mich auf am letzten Ende;
Denn ich werde nach euch sehn,
Wenn ich als ein Kind gen Himmel
Aus dem Jammer und Getümmel
Dieser Erden werde gehn!

(1720.)

Zinzendorf, Nikolaus Ludwig Graf von – Anbetung zu Weihnachten.

Rath, Kraft und Held und Wunderbar!
Dein Nam‘ ist meiner Seele klar, (1. Joh. 2, 13.)
Die Du mit Deinem Blut erkauft
und mit der Liebesglut getauft.
Mein Bräutigam, an meiner Stirne brennt
Dein Nam‘ und Kreuz, seitdem mein Herz Dich kennt!

Wenn ich, mit allem meinem Fleiß,
Mir nimmermehr zu rathen weiß,
Und meine Ohnmacht, Unverstand
Und Schwachheit kräftiglich erkannt:
So bist ja Du der unerforschte Mann,
Der allen meinen Sachen rathen kann.

Fehlt mir’s an aller Lebenskraft,
Hat meine Rebe keinen Saft,
Und sinke ich vor Mattigkeit
Beinahe hin zu mancher Zeit:
So ist Dein kräftiges Gefühl in mir,
Das hält mir neue Heldenkräfte für.

Wenn ich im schweren Glaubenskampf
Durch manchen dicken Rauch und Dampf,
Durch manche Leib’s- und Geist’s-Gefahr
Mich dränge zu der Siegesschaar:
So bist Du’s, unbezwungner Wunderheld,
Der meinetwegen alle Feinde fällt.

Wenn sich mein Senfkorns-Glaube regt,
Und kindlich Dir zu Füßen legt,
So mag der Feinde Hohngeschrei
Ertönen: daß ich thöricht sei
Ich fürchte mich deswegen doch kein Haar:
Mein Glaub‘ ist Sieg, mein Ziel ist: Wunderbar!

Mein Alles! mehr als alle Welt,
Mein Freund der ewig Treue hält!
Mein weiß- und rother Bräutigam! (Hohel. 5, 10.)
Mein immerwährend Osterlamm!
Mein Leitstern! meine Liebe! meine Zier!
Sei ewiglich mein‘ Zuflucht, mein Panier!

Hast du mich in der Zeit gewollt,
Die räderschnell von dannen rollt,
So miß mir Selbst die Stunden ab,
Sei meiner Reise Wanderstab!
Sei meines Handelns Schöpfer! führe mich,
In Allem Dir zu wandeln würdiglich!

Soll ich viel Jahr im Joche fort,
So zeige mir den Ruheport
Von ferne zeige mir die Stadt,
Die Deine Hand bereitet hat,
Das güldne Seraphinen-Liebeslicht:
So schrecket mich die lange Reise nicht!

Und wenn ich meiner Brüder Zahl
Nach Deiner holden Gnadenwahl
In meinem Theil einst auch erfüllt,
Wenn’s endlich auch Belohnen gilt:
So weiß’st Du, daß mein Lohn, mein Licht und Ruh‘
Nur Du alleine werden sollst, nur Du!

Über Jes 9,6. (1721.)

Zinzendorf, Nikolaus Ludwig Graf von – Weihnachtsgedanken

Das Weihnachtsfest,
Das Gott uns läßt
Auf’s Neue wohl und hoch vergnügt erleben,
Bringt Wonn‘ und Freud‘
Der Christenheit;
Drum laßt uns Gottes Wunderthat erheben!

Gott liebt die Welt,
Weil er sich stellt
Zum Bürgen dar in unsern großen Nöthen;
Gott ist uns hold,
Und hat das Gold
Der Unschuld selbst im Feuer lassen löthen.

Bedenkt den Tod,
Die große Noth.
Die Er um unsertwillen hat gelitten!
Ach, danket Ihm
Mit heller Stimm‘:
Er stillt den Zorn, und stellt sich in die Mitten!

Nachdem er nun,
Dies uns zu thun,
Sich keine Müh‘ und Arbeit lassen dauern,
Wer wollte denn
Nicht fest bestehn,
Wie Stahl und eisenfest erhöhte Mauern?

Erhebet Ihn
und euren Sinn!
Denn Seinen Ruhm kann Niemand gnugsam preisen;
So wird der HErr
Uns auch noch mehr,
Als er bisher verliehen hat, erweisen.

(1712.)

Zinzendorf, Nikolaus Ludwig Graf von – Weihnachts-Harmonie.

Die wahre Gnadensonne
Geht auf zu unsrer Wonne,
Und macht ein Heer von Sündern
Zu frohen Lichteskindern.

Der Erst- und Eingeborne
Besuchet uns Verlorne,
Hat Seinen Schwur gehalten:
Drum laßt Ihn immer walten!

Der HErr ist in dem Orden
Der Sünder Mensch geworden,
Und gleich doch ohne Sünde
Dem schwächsten Erdenkinde.

Er wird ein Knecht auf Erden,
Daß ich ein Herr kann werden:
Den Wechsel gnug zu preisen,
Fehlt’s noch aus Singeweisen.

Seht nur auf dieses Kindlein
Im Kripplein, in den Windlein,
Das euch mit Seinem Blute
Verschaffet alles Gute.

Wenn ich’s im Geiste sehe
In Seiner Gotteshöhe:
So denk‘ ich, ich vergehe,
Bis ich den Menschen sehe.

Gott geht aus Seiner Kammer,
Die Welt aus ihrem Jammer;
Das Kindlein in der Krippe
Hat Honig auf der Lippe.

Er liegt in Seiner Krippen
Und ruft mit süßen Lippen:
Grämt euch nicht, lieben Brüder,
Ich bringe Alles wieder!

O Kind, o süßer Knabe,
Du, den ich lieber habe
In Seinen Kindsgeberden
Als alle Schätz‘ auf Erden;

Laß, Schönster, Dich erblicken,
Mein Herze zu erquicken,
Du seligs, kleines Kindlein,
In Deiner Kripp‘ und Windlein!

Ist das mein lieber Bruder,
Der an der Welten Ruder
Der Alt‘ ist alle Tage?
Ach, Er bejaht die Frage!

Wie soll man dich empfangen?
O aller Welt Verlangen!
Du kommst, die Welt zu segnen;
Wie soll man Dir begegnen?

Ach, sei willkomm’n hienieden,
Du edler Gast, den Müden!
Komm‘, sieh‘, wie’s ihnen gehet,
Du hast sie nie verschmähet!

Du Schöpfer aller Dinge,
Wie wirst Du so geringe!
Der Alles hält alleine,
Wie wirst Du doch so kleine!

Gib dich uns, Herzensknabe,
zu einer Christnachtsgabe!
Du kannst mit wenig Blicken
Millionenmal erquicken.

Ich will hier bei Dir stehen;
Du wirst mich nicht verschmähen,
Wenn ich zur Krippe gehe
Und um ein rein Herz flehe.

Ach, Dein Advent in Fleische,
Der halte Deine keusche,
Sonst sündige Gemeine
Von Stund‘ zu Stunde reine!

Wir lassen uns gefallen,
Die Zeiten durchzuwallen,
Da uns Dein menschlich Leben
Beispiel und Trost gegeben.

Wenn Christnacht und Dein Leiden,
Die Ursach‘ ew’ger Freuden,
Im neuen Lied erscheinen,
Dann wird man nicht mehr weinen.

Dann wird das Lamm, so theuer,
Mit seinem Strahlenfeuer,
Die Engel und die Thronen
Und wir beisammen wohnen!

(um 1752.)

Zinzendorf, Nikolaus Ludwig Graf von – Herz und Herz vereint zusammen

Herz und Herz vereint zusammen
Sucht in Gottes Herzen Ruh‘;
Lasset eure Liebesflammen
Lodern auf den Heiland zu!
Er das Haupt, wir Seine Glieder;
Er das Licht, und wir der Schein;
Er der Meister, wir die Brüder,
Er ist unser, wir sind Sein!

Kommt, ach kommt, ihr Gnadenkinder,
Und erneuert euren Bund!
Schwöret unserm Überwinder
Lieb‘ und Treu‘ von Herzensgrund:
Und wenn eurer Liebeskette
Festigkeit und Stärke fehlt,
O so flehet um die Wette,
Bis sie Jesus wieder stählt!

Tragt es unter euch, ihr Glieder,
Auf so treues Lieben an,
Daß ein Jeder für die Brüder
Leib und Leben lassen kann!
So hat uns der HErr geliebet,
So vergoß Er dort Sein Blut:
Denkt doch, wie es Ihn betrübet,
Wenn ihr selbst euch Eintrag thut!

Einer reize doch den Andern,
Kindlich, leidsam und gering
Unserm Heiland nachzuwandern,
Der für uns am Kreuze hing!
Einer soll den Andern wecken,
Alle Kräfte Tag für Tag
Nach Vermögen darzustrecken,
Daß man Ihm gefallen mag!

Nichts nur, als des Bräut’gams Stimme,
Sei die Regel unsrer That,
Weil Er nicht im Löwengrimme
Uns in Staub getreten hat,
Sondern mit gehäuften Strömen
Seines Bluts den Zorn ertränkt,
Ei! so muß sich Jedes schämen,
Das sich Ihm nicht willig schenkt.

Halleluja! welche Höhen,
Welche Tiefen reicher Gnad‘,
Daß wir Dem in’s Herze sehen,
Der uns so geliebet hat!
Daß der Vater aller Geister,
Der der Wunder Abgrund ist,
Daß Du, unsichtbarer Meister,
Uns so sichtbar nahe bist!

Ach Du holder Freund, vereine
Deine Dir geweihte Schaar,
Daß sie sich so herzlich meine,
Wie’s Dein letzter Wille war!
Ja, verbinde in der Wahrheit,
Die Du selbst im Wesen bist.
Alles, was von Deiner Klarheit
In der That erleuchtet ist!

So wird Dein Gebet erfüllet:
Daß der Vater alle die,
Denen Du Dein Herz enthüllet,
Auch in Seine Liebe zieh‘;
Und daß, wie Du Eins mit ihnen,
Also sie auch Eines sei’n,
Sich in wahrer Liebe dienen,
Und einander gern erfreu’n.

Liebe! hast Du es geboten,
Daß man Liebe üben soll:
O so mache doch die todten,
Trägen Geister lebensvoll,
Zünde an die Liebesflamme,
Daß ein Jeder sehen kann:
Wir, als die von Einem Stamme,
Stehen auch für Einen Mann!

Laß uns so vereinigt werden,
Wie Du mit dem Vater bist,
Bis schon hier auf dieser Erden
Kein getrenntes Glied mehr ist;
Und allein von Deinem Brennen
Nehme unser Licht den Schein;
Also wird die Welt erkennen,
Daß wir Deine Jünger sei’n!

(1725.)

Zinzendorf, Nikolaus Ludwig Graf von – Henoch’s Leben. (Vor seinen Augen schweben)

Vor Seinen Augen schweben,
Ist wahre Seligkeit.
Ein unverrücktes Leben
In der Verborgenheit;
Nichts können und Nichts wissen,
Nichts wollen und Nichts thun,
Als Jesu folgen müssen,
Das heißt in Frieden ruh’n.

Man steht von seinem Schlafe
In Christi Freundschaft auf;
Man fürchtet keine Strafe
Im ganzen Lebenslauf;
Man ißt und trinkt in Liebe,
Man hungerte wohl auch;
Man hält im Gnadentriebe
Beständig einen Brauch.

Wann man den Tag vollendet,
So legt man sich zur Ruh;
Von Christo unverwendet
Thut man die Sinne zu,
Und wünschet selbst den Träumen,
Wenn’s ja geträumt soll sein,
Nichts andres einzuräumen,
Als Christi Wiederschein.

Man geht in einer Fassung
Dahin bei Tag und Nacht,
Und ist auf die Verlassung
Der ganzen Welt bedacht:
Man hört und sieht und fühlet,
Hört, sieht und fühlt doch nicht,
Und wenn uns Schmerz durchwühlet,
Hat man doch Freudenlicht.

Gewiß, wer erst die Sünde
In Christi Blut ertränkt,
Und dann, gleich einem Kinde,
Ihm unverrückt anhängt:
Der wird auch heilig handeln,
Und kann bald anders nicht; (1. Joh. 3,8.)
HErr Jesu, lehr‘ uns wandeln
In Deiner Augen Licht!

(1731.)

Zinzendorf, Nikolaus Ludwig Graf von – Weil die Worte Wahrheit sind

Weil die Worte Wahrheit sind:
Daß man Nichts bei Gott gewinnt,
Nichts durch des Gesetzes Werke,
Nichts durch eig’ne Kraft und Stärke,
Nichts durch eigenen Verstand,
Nichts durch eine milde Hand;

Nichts durch eig’nes Heiligsein,
Wenn’s gleich mehr als Augenschein,
Wenn’s gleich Kraft und Wesen wäre;
Auch Nichts durch die reine Lehre:
Daß kein Tugendbild die Gnad‘
Näher, als ein Sünder, hat:

So ist’s billig, daß man auch
Jenen sonderbaren Brauch,
Der in heil’ger Schrift zu lesen,
Wohl bedenk‘ im tiefsten Wesen:
Niemand geht zum Himmel ein,
Als ein Kindlein, arm und klein!“

Es ist Einem wahrlich gut,
Wenn man Gottes Willen thut;
Und ein Leidens-Beispiel werden,
Das ist auch ein Glück auf Erden;
Wenn du aber müde bist,
Und dein Herz voll Wehmuth ist:

Dann ist ein ganz leichter Rath
Es bestärket ihn die That:
Man geht und fällt Ihm zu Füßen,
Und sagt Nichts von Thun noch Büßen,
Sondern spricht zum Menschensohn:
„Jesu! bin ich nicht Dein Lohn?

Hast Du etwa mich allein
Nicht erkauft, um Dein zu sein?
Da Dir Deine Müh‘ und Frohnen
Ein unzählbar Heer soll lohnen,
Würdest Du doch meiner froh,
Und ich Deiner ebenso!

Kommt mir etwa in den Sinn:
Ob ich auch in Gnaden bin?
So gedenk‘ ich an die Züge
Deines Vaters, seit der Wiege,
Und daneben denke ich:
Willst Du, Jesu! richte mich!“

Amen hat die Weise nicht, (Offb. 3,14.)
Daß Er sich so widerspricht;
Er, die Stirn voll Freudenöle,
Spricht: „Ich richte keine Seele!“.
Das muß, trotz dem Augenschein,
Eine ew’ge Wahrheit sein!

Aber wie kommt man dazu,
Daß man in der Gnade ruh‘?
Daß man nicht nur nicht verderbe,
Sondern auch den Segen erbe?
Das erfordert zweierlei:
Daß man arm und sündig sei.

Arm, das heißt: man siehet sich
Elend, blind und jämmerlich,
Und weiß nun an keiner Ecke,
Wie man seine Blöße decke;
Armuth stellt sich selber ein:
Doch man muß auch Sünder sein.

Liebe Seelen, sucht’s nicht weit!
Eure Kält‘ und Fremdigkeit
Gegen Jesum seit der Jugend
Macht den Strich durch eure Tugend!
Fühlt doch eure Dürftigkeit,
Und seht, daß ihr Sünder seid!

König Jesu! das ist wahr,
Alles das ist sonnenklar;
Eines fehlet Deiner Taube,
Nur das einzige Wörtlein: Glaube!
Ohne das kriegt Niemand Ruh,
Und wer theilt es aus, als Du?

Nun, ich weiß: mein arm Gebet
Wird vom Heiland nicht verschmäht.
Seine Armuth, seine Thränen
Helfen auch dem stillsten Sehnen.
Ich will kindlich weinen geh’n,
Bis mir ewig wohl gescheh’n.

(In Berlin 1738 seiner Mutter gedichtet.)

/aktualisiert am 20.3.2022/

Zinzendorf, Nikolaus Ludwig Graf von – Christi Blut und Gerechtigkeit

Christi Blut und Gerechtigkeit,
Das ist mein Schmuck und Ehrenkleid;
Damit will ich vor Gott bestehn,
Wenn ich zum Himmel werd‘ eingehn.

Denn tret‘ ich gleich mit vor’s Gericht,
Es kommt zu keiner Klage nicht;
Das macht, ich bin schon absolvirt,
Und meine Schuld ist abgeführt.

Die Rechnung hängt am Kreuzes holz,
Da siehet sie des Teufels Stolz;
Die Nägel, die das Lamm verwund’t,
Zerrissen ganz den alten Bund.

Wenn er nun noch so hart und schwer
Mit meinem Blut geschrieben wär‘,
So ist’s nun völlig aus damit,
Und ich bin aller Ford’rung quitt.

Ich weiß, der Teufel glaubt’s zuvor,
Daß er uns so durch’s Recht verlor,
Und alle die gefangnen Leut‘
Mit der höchsten Gerechtigkeit.

Nun, das heilig – unschuld’ge Lamm,
Das an dem rauhen Kreuzesstamm
Für meine Seel‘ gestorben ist,
Erkenn‘ ich für den HErrn und Christ.

Ich glaube, daß Sein theures Blut
Das allerunschätzbarste Gut,
Und daß es Gottes Schätze füllt,
Und ewig in dem Himmel gilt.

Nun soll auch Alles Zeuge sein,
Wie ich will in den Himmel ein.
Ihr lieben Engel allzumal,
Hört’s auch mit an in’s Himmels Saal.

Und wär‘ ich durch des HErrn Verdienst
Auch noch so treu in Seinem Dienst,
Gewänn’s auch allem Bösen ab,
Sündigte nicht mehr bis zum Grab:

So will ich, wenn ich zu euch komm‘,
Nicht denken mehr an gut noch fromm,
Sondern: Da kommt ein Sünder her,
Der gern für’s Losgeld selig wär‘.

Da singt der Vater Abraham
Mit allen Heiligen dem Lamm;
Und sieht man in ihr Buch hinein,
So steht’s, daß sie auch Sünder sei’n.

Wird dann die Frage vorgebracht:
Was hast du in der Welt gemacht?
So sprech‘ ich: ich dank’s meinem HErrn,
Konnt ich was Gut’s thun, that ich’s gern.

Und weil ich wußte, daß Sein Blut
Die Sünd‘ wegschwemmt mit einer Flut,
Und daß man nicht muß will’gen ein,
Ließ ich mir’s eine Freude sein.

Wenn nun kam eine böse Lust,
So dankt‘ ich Gott, daß ich nicht mußt‘;
Ich sprach zur Lust, zum Stolz und Geiz:
„Dafür hing unser HErr am Kreuz!“

Da macht‘ ich keinen Disputat,
Sondern das war der kürz’ste Rath:
Ich klagt es meinem HErrn so bloß,
Dann wurd‘ ich’s immer wieder los.

Da werden alle Heil’gen sich
Mit mir erfreuen inniglich,
und preisen unsern Schmerzensmann;
Dann stimm‘ ich auch mit ihnen an:

„Dem Lamm gebühret Alles gar,
Weil es für uns geschlachtet war:
Es hat die Sünde weggebracht,
Hat uns Gott angenehm gemacht!“

Nun, weil ich noch im Leben bin,
So steht mein ganzes Herz dahin,
Daß ich dem Volk der Christenheit
Drauf helfen will zu aller Zeit,

Daß unser hochgeliebter Gott
Mit Seines Kindes Blut und Tod
Uns also hoch geliebet hat,
Daß es kein Mensch faßt in der That.

Gelobet seist Du, Jesus Christ,
Daß Du ein Mensch geboren bist.
Und hast für mich und alle Welt
Bezahlt ein ewig Lösegeld.

Ach, hilf’s uns nun auch predigen,
Und aus der Grub‘ erledigen, (Zach. 11,9.)
Was nur aus Deiner blut’gen Füll‘,
Als Sünder, Gnade nehmen will!

Du Ehrenkönig, Jesu Christ!
Gott Vaters ein’ger Sohn Du bist:
Erbarme Dich der ganzen Welt,
Und segne, was sich zu Dir hält!

Ich will nach meiner Gnadenwahl
Hier fleißig seh’n in’s Wundenmaal,
Und droben prangen in dem Kleid
Dein’s Blutes und Gerechtigkeit.

(Auf St. Eustachius 1738.)
/aktualisiert 20.3.2022/