Paul Flemming – In allen meinen Taten

1) In allen meinen Taten
lass ich den Höchsten raten,
der alles kann und hat.
Er muss zu allen Dingen,
solls anders wohl gelingen,
mir selber geben Rat und Tat.

2) Nichts ist es spät und frühe
um alle meine Mühe,
mein Sorgen ist umsonst.
Er mag’s mit meinen Sachen
nach seinem Willen machen,
ich stells in seine Vatergunst.

3) Es kann mir nichts geschehen,
als was er hat versehen
und was mir selig ist.
Ich nehm es, wie ers gibet;
was ihm von mir beliebet,
Erwähl‘ auch ich zu jeder Frist.

4) Ich traue seiner Gnaden,
die mich vor allem Schaden,
vor allem Übel schützt.
Leb ich nach seinen Sätzen,
so wird mich nichts verletzen,
und nichts mir fehlen, was mir nützt.

5) Er wolle meiner Sünden
in Gnaden mich entbinden,
durchstreichen meine Schuld!
Er wird auf mein Verbrechen
nicht stracks das Urteil sprechen
und mit mir haben noch Geduld.

6) Leg ich mich spät erst nieder,
erwach ich frühe wieder,
lieg oder zieh ich fort,
in Schwachheit und in Banden,
ob auch viel Not vorhanden,
mich tröstet allezeit sein Wort.

7) Hat er es denn beschlossen,
so will ich unverdrossen
an mein Verhängnis gehn;
kein Unfall unter allen
wird je zu hart mir fallen,
Ich will mit Gott ihn überstehn.

8) Ihm hab ich mich ergeben,
zu sterben und zu leben,
sobald er mir gebeut,
es sei heut oder morgen;
dafür lass ich ihn sorgen,
er weiß allein die rechte Zeit.

9) So sei nun, Seele, seine
und traue dem alleine,
der dich erschaffen hat!
Es gehe, wie es gehe,
dein Vater in der Höhe,
der weiß zu allen Sachen Rat.

Paul Flemming – Biographie

Paul Flemming, geboren 1609 zu Hartenstein im sächsischen Erzgebirge, besuchte die Fürstenschule zu Meißen und studierte in Leipzig Medizin. Hier gab er schon 1631 lateinische und deutsche Gedichte heraus. Der Kriegsunruhen wegen floh er jedoch 1633 nach Holstein und ging mit einer Gesandtschaft des Herzogs von Schleswig-Holstein nach Moskau, von wo er 1635 zurückkehrte. In demselben Jahre unternahm er eine zweite Gesandtschaftsreise nach Persien, die er, obwohl unter großen Mühen und Gefahren zu Wasser und zu Lande, bis 1639 glücklich zurücklegte. Doch hatte seine Gesundheit sehr gelitten, so dass er schon im folgenden Jahre 1640 zu Hamburg starb, wo er sich eben als Arzt niederlassen wollte, nachdem er zuvor mit großem Ruhme zu Leyden in Holland die medizinische Doktorwürde erhalten hatte.

Als Dichter hat er sich besonders der weltlichen Poesie gewidmet und nahm sich dabei Opitz zum Muster. In dessen Manier übersetzte er die Bußpsalmen und schrieb Klagelieder über das unschuldige Leiden und Sterben Christi in schleppenden Alexandrinern und geschmacklosen Bildern. Allein später kam er von dieser bloßen Reimerei zurück und dichtete, namentlich in der letzten Zeit, aus voller Seele und innerem Herzensdrange. Und das gilt im vollsten Maße von dem vorstehenden Liede, das ein herrliches Zeugnis seiner Glaubenskraft und gottseligen Gemütsstimmung ist.