Joh. Andr. Rothe – Ich habe nun den Grund gefunden!

Ich habe nun den Grund gefunden,
Der meinen Anker ewig hält:
Wo anders, als in Jesu Wunden?
Da lag er vor der Zeit der Welt.
Den Grund, der unbeweglich steht,
Wenn Erd und Himmel untergeht.

Es ist das ewige Erbarmen,
Das alles Denken übersteigt;
Es sind die offnen Liebesarmen
Des, der sich zu den Sündern neigt,
Dem allemal das Herze bricht,
Wir kommen oder kommen nicht.

Wir sollen nicht verloren werden;
Gott will, uns soll geholfen sein:
Deswegen kam der Sohn auf Erden
Und nahm hernach den Himmel ein;
Deswegen klopft er für und für
So stark an unsre Herzenstür.

O Abgrund, welcher alle Sünden
Durch Christi Tod verschlungen hat!
Das heißt die Wunde recht verbinden;
Da findet kein Verdammen statt,
Weil Christi Blut beständig schreit:
Barmherzigkeit! Barmherzigkeit!

Darein will ich mich gläubig senken,
Dem will ich mich getrost vertraun
Und, wenn mich meine Sünden kränken,
Nur bald nach Gottes Herze schaun:
Da findet sich zu aller Zeit
Unendliche Barmherzigkeit…

Wird alles andre weggerissen,
Was Seel und Leib erquicken kann;
Darf ich von keinem Troste wissen
Und scheine völlig ausgetan;
Ist die Errettung noch so weit:
Mir bleibet doch Barmherzigkeit.

Beginnt das Irdische zu drücken,
Ja, häuft sich Kummer und Verdruss,
Dass ich mich noch in vielen Stücken
Mit eitlen Dingen mühen muss;
Ich werde ziemlich sehr zerstreut:
So hoff ich doch Barmherzigkeit.

Muss ich an meinen besten Werken,
Darinnen ich gewandelt bin,
Viel Unvollkommenheit bemerken,
So fällt wohl alles Rühmen hin;
Doch ist auch dieser Trost bereit:
So hoff ich auf Barmherzigkeit.

Es gehe mir nach dessen Willen,
Bei dem so viel Erbarmen ist.
Er wolle selbst mein Herze stillen,
Damit es das nur nicht vergisst;
So stehet es in Lieb und Leid
In, durch und auf Barmherzigkeit.

Bei diesem Grunde will ich bleiben,
So lange mich die Erde trägt.
Das will ich denken, tun und treiben,
So lange sich ein Glied bewegt.
So sing ich ewig höchst erfreut:
Abgrund der Barmherzigkeit.

Johann Rothe – Zeugnis für die Schrift.

Heilig, heilig soll uns bleiben,

Was uns Gott hat lassen schreiben

Von dem Rath zur Seligkeit!

Preis sei Ihm für diese Gabe!

Sie ist unsre beste Habe

In der Armuth dieser Zeit.

 

  1. Gottes Buch ist durchgedrungen

Durch so viele Lästerzungen,

Durch viel bittern Spott und Hohn.

Mancher Strom von Märt’rerblute

Floß im heiligen Glaubensmuthe

Für das Wort vom Menschensohn

 

  1. Unbezwingbar stand es feste,

Wenn, wie Wellen, es die größte

Wuth der Sünder rings umtobt.

Millionen Zungen haben

Seiner Wahrheit Gottesgaben

Durch ein siegreich End‘ erprobt.

 

  1. Der Bekenner große Scharen

Suchten treulich zu bewahren

Dieses Buch in Kreuz und Noth,

Drückten es in tausend Schmerzen

Preisend, liebend an die Herzen,

Und umfaßten es im Tod.

Johann Andreas Rothe

Johann Andreas Rothe, geboren 1688 in Lissa, einem Dorfe bei Görlitz in Schlesien, wo sein Vater Pfarrer war, erhielt seine Gymnasialbildung zu Görlitz und Breslau und bezog darauf 1708 die Universität Leipzig, um Theologie zu studieren. Lange Zeit konnte er sich nicht entschließen, ein Pfarramt anzunehmen, weil ihn mancherlei Gewissensskrupeln beunruhigten und davon abhielten, bis er im Jahre 1722 durch den Grafen Zinzendorf als Pastor nach Berthelsdorf berufen wurde. Hier wirkte er durch seine herzliche und ergreifende Predigtweise mit großem Segen und hatte auch die am Hutberge sich ansiedelnde mährische Brüdergemeinde, Herrnhuter genannt, als Filial zu besorgen. Allein, als später das innige Verhältnis, in welchem er zu Zinzendorf stand, sich auflöste, legte er sein Pfarramt zu Berthelsdorf nieder und wurde 1737 Pastor zu Hermsdorf bei Görlitz und seit 1742 zu Thommendorf bei Bunzlau. Hier starb er auch im Jahre 1758.

Rothe war ein reich begabter und gelehrter Mann, sowie tüchtiger Prediger, der ohne Scheu und Menschenfurcht von der Wahrheit zeugte, und hat auch als Kirchenliederdichter ganz Vortreffliches geleistet, da fast alle seine Lieder, deren er 45 hinterlassen hat, sich durch Kraft und Lebendigkeit des Ausdrucks und durch freudige Entschiedenheit des Bekenntnisses auszeichnen.