Blaul, Georg Friedrich – Der jüngste Tag.

(Am letzten Abende des Jahres 1836.)

So ist es um das Jahr der Sorgen
Mit diesem letzten Glockenschlag,
Noch tagte nicht der ernste Morgen,
Noch brach nicht an der jüngste Tag.
Da die Posaunen noch nicht schallen,
Und zögert der Verwüstung Graus,
So deucht uns armen Menschen allen,
Die Gnad‘ des Herrn sei noch nicht aus.

Noch blickt auf uns die Schaar der Sterne,
Wie einst auf Jesum selbst herab,
Noch sind die Schnitterengel ferne,
Noch öffnet sich kein dunkles Grab.
Nein, freundlich kam uns erst entgegen
Der Christ in unser Herz und Haus;
Uns deucht, wenn wir dies überlegen,
Die Gnad‘ des Herrn sei noch nicht aus.

Wer mag der Zukunft Thor entriegeln?
Den Schleier heben, der sie deckt?
Sie ist ein Buch mit sieben Siegeln,
Der Inhalt noch kein Mensch entdeckt.
Lasst die Vergangenheit uns fragen,
Seht in die Gegenwart hinaus!
Sie und das Buch des Lebens sagen,
Die Gnad‘ des Herrn sei noch nicht aus.

Was sollen wir doch darum sorgen,
Zu welcher Zeit er hält Gericht?
Der Herr hat Tag und Stund‘ verborgen,
Die wissen selbst die Engel nicht.
Und lasst nur wachsam sein und beten,
Bestellen unser Herz und Haus,
Und glauben, wann wir vor ihn treten,
Die Gnad‘ des Herrn sei noch nicht aus.

Albert Knapp – Das Fräulein

„In einem Tal, von Felsen hoch umfasst,
Darüber Sonn‘ und Sterne längst erblasst,
Unheimlich dämmernd, nur von falbem Schein,
Saß eine Tote, kam erst kaum herein;
Auf ihrer Bank sind And’re noch gereiht,
Erst gestern gab man ihr das Grabgeleit.

Die Welt im Herzen, hatte sie gelebt,
Selbstsüchtig, arg, nach Ehre nur gestrebt,
Unrein im Innersten; doch konnte sie
Fromm, edel sich verhüllen, dass man nie,
Ob auch misstrauend, auf die Tiefe kam.
Bis sie des Todes Faust von hinnen nahm.

Dort sitzt sie nun, gerade wie sie war.
Doch schüttelt sie’s: „Warum ist’s hier nicht klar?
„Warum so schauerlich, so todesschwül?
Und die Genossen sind so fremd, so kühl?
Warum nicht bin ich in des Himmels Haus?“
Doch gibt sie drum ihr Innres nicht heraus.

Ein frommes Lied hebt sie zu singen an;
Es tönet schlecht, es ist nicht wohlgetan!
Die Stimme klingt wie hohler Scherbenton:
„Ich glaube doch an Gott und Seinen Sohn!
Ihm weih‘ ich kindlich meinen Lobgesang!“
So lügt sie fort, sie log ihr Lebenlang.

Sie finget fort: „Auf, Seele, sei vergnügt!
Du warest fromm und hast den Tod besiegt.
„Gestorben bin ich zwar das ist mir leid,
Doch trag‘ ich bald ein schönes Ehrenkleid!“
Da dunkelt’s näher um die Berge her,
Graß, wetterleuchtend steigt ein Wolkenmeer.

Dumpf donnert’s, und wie Geißeln fährt der Blitz;
Noch singet sie: „Du kommst von Deinem Sitz
„Zu Deinem Kind, o Vater!“ Sturm und Strahl!
Auf ihrer Stirne flackerts rot und fahl,
Da wird ihr Ton Entsetzen und Geheul!
Und oben wendet sich’s vom ew’gen Greu’l.“

Rambach, Johann Jakob – Gerechter Gott, vor dein Gericht

Gerechter Gott, vor dein Gericht
Muß alle Welt sich stellen,
Und sich vor deinem Angesicht
Ihr Urtheil lassen fällen.
Du schaust von deinem hohen Thron
Ohn‘ alles Ansehn der Person
Auf alle Menschenkinder.

2. Du bist des Satans Werken feind,
Und hassest gottlos Wesen;
Der ist gewißlich nicht dein Freund,
Der sich zum Zweck erlesen,
Was dein gerecht Gesetz verbeut,
Und der sich wahrer Heiligkeit
Von Herzen nicht befleißet.

3. Es bleibet, was die Bosheit thut,
Von Dir nicht ungerochen;
Ein Abgrund voller Qual und Gluth
Wird denen zugesprochen,
Die sich mit Sündenlust befleckt,
Ja, deine Hand ist ausgestreckt,
Sie hier bereits zu strafen.

4. Der Untergang der ersten Welt,
Die aus der Art geschlagen,
Das Feuer, das auf Sodom fällt,
Egyptens lange Plagen
Und andre Wunder deiner Macht
Bezeugen, wann dein Zorn erwacht,
Wie Du nach Werken lohnest.

5. Bleibt hier viel Böses unbestraft,
Viel Gutes unbelohnet,
So kommt ein Tag der Rechenschaft,
Der keines Sünders schonet;
Da wird sich die Gerechtigkeit,
Die Jedem die Vergeltung beut,
Am herrlichsten beweisen.

Könneritz, Carl von – Dies irae, dies illa

Furchtbar geht vom Zornestage,
Der zu Staub die Welt zerschlage,
Davids und Sibyllens Sage.

Welche schreckensbange Stunde
Harrt ihr aus des Richters Munde
Auf gerechten Spruches Kunde!

Der Posaune Wunderschalle
Folgen aus der Gräberhalle
Zu des Thrones Stufen Alle.

Staunend sehen Tod und Leben,
Was einst war, der Gruft entschweben,
Rechenschaft dem Herrn zu geben.

Und ein Buch zeigt die Geschichte
Alles Thuns im wahren Lichte,
Legt den Grund zum Weltgerichte.

Sitzt der Richter mit der Waage:
Kommt Verhülltes klar zu Tage,
Ohne Spruch bleibt keine Klage.

Wehe meinem armen Leben!
Wird kein Heil’ger Schutz mir geben,
Wo selbst reine Herzen beben?

König furchtumhüllter Mächte,
Huldvoll gleichvertheilter Rechte,
Gieb sein Theil auch deinem Knechte!

Hast du, Jesu, mir zum Frommen
Deine Sendung übernommen:
Hilf, wird jener Tag einst kommen!

Der du mir zum Heil geboren,
Für mich hast das Kreuz erkoren,
Gieb dies Opfer nicht verloren!

Richter der gerechten Rache,
Schenke Nachsicht meiner Sache,
Eh‘ ich zum Gericht erwache!

Seufzend harr‘ ich des Gerichtes,
Schuldgerötheten Gesichtes:
Schone meiner, Herr des Lichtes!

Der Mariens sünd’gem Leben,
Der dem Schächer du vergeben,
Lass auch Hoffnung mich umschweben!

Unwerth fühlt sich mein Gemüthe,
Betend, dass mich deine Güte
Vor dem ew’gen Feuer hüte.

Zu den Schafen mich geselle,
Fern mich von den Böcken stell,
Rechts an deines Thrones Schwelle!

Und wenn der Verdammten Schaaren
Zu der Hölle Gluthen fahren,
Wolle mich dein Ruf bewahren!

Staub zerknirschten Herzen wende
Ich zu dir mich, betend: Sende
Mir dereinst ein selig Ende!

Tag der Thränen, wird zum Leben
Einst der Mensch dem Staub entschweben
Und zu deinem Richtstuhl kommen:

Gnade, Gott, für deine Frommen!
Herr, mein Heiland, mache du
Theilhaft sie der ew’gen Ruh!

Quelle: Zeitschrift für die historische Theologie Zwölfter Band/ Neue Folge. Sechster Band. Leipzig 1843 Verlag von L. H. Bösenberg.

Zwick, Johannes – Von flüechen Christi

Luc. VI.

CHristus hat gleert die säligkeit,
warinn sy stand nach sinem radt
Vnd das gehörind in syn rych
die hie geläbt säligklich. Kyrieleison.

Er zeigt ouch an die straaff vnnd pyn
vnnd das ja gwüß verflucht sond syn
Die hie on glouben hand geläbt
vnd ouch der lieb widerstrebt. Kyrieleison.

Wre den (spricht er), die zytlich gut
lieb hand vnd trösten jren mut,
Daß gnug habind vff hüt vnd morn,
doch wirt jr trost bald verlorn. Kyrieleison.

Wee üch allen, die spyß vnnd tranck
mißbruchend schnöd on Gottes danck:
Sy wurdings bald bruchen mit eer,
so wirt dann nichts helffen mer. Kyrieleison.

Wee dem, der fröud in sünden hat
vnd lacht, wanns glych wol übel gadt:
Klagen vnd hülen wirt die büß,
so er zur hellen tantzen müß. Kyrieleison.

Verflucht ist ouch der sich so halt,
das der gloublosen lüten gfallt:
Die fründtschafft diser wält ist Gott
ein grüwel vnd grosser spott. Kyrieleison.

Wee dem, der schmaach vnd schand anricht
vnd an eim Christen dliebe bricht:
Ertruncken ringer wer imm Meer
dann schmähen die Göttlich eer. Kyrieleison.

Wee den stetten, die Gott erlücht
mit sinem wort vnnd zhimmel zucht
Sy aber bessrend sich nit drab,
biß daß in dhell gstossen hnab. Kyrieleison.

Wee dem menschen, der Gottes wort
angnommen hat vnd wil doch mord
Zurüsten vnd vnschuldig blut
verradten, wie Judat thut. Kyrieleison.

Wee, fluch vnd angst wünscht Christus vil
alln, die sin volck vom rechten zil
Verfürend vnder gutem schyn
vmb zytlich gnieß vnd gwün. Kyrieleison.

Nun bhüt vnnd bschirm der trüwe Gott,
das wir nit syind diser rott,
Die nit gehört in Gottes rych
vnd wirt verflucht ewigklich. Kyrieleison.

Quelle: Quelle in der Glaubensstimme

Ettmüller, Johann Erhard – Vom jüngsten Gericht

Am jüngsten Tag wenn dein Gericht
dem Erdenkreis das Urtheil spricht,
so sey mir Sünder gnädig!
straf‘, Herr! mich nicht, wie ich verdient‘,
ich bin ja durch dein Blut versühn’t
drum sprich der Schuld mich ledig!
mein Fürsprach‘, red‘ du mir das Wort!
mein Richter sey mein gnäd’ger Hort!
mein Bruder, hilf mir aus der Noth!
mein Heiland rett‘ mich von dem Tod!
barmherz’ger Gott, erbarme dich!
erbarme dich! Gott mein Erbarmer, über mich!

Geistlicher Liederschatz
Sammlung der
vorzüglichsten geistlichen Lieder für
Kirche, Schule und Haus
Berlin, bei Samuel Elsner
Gedruckt bei Trowitzsch und Sohn
1832

Hubert, Konrad – Conditor alme syderum

„Hymnus von der zuokunft Christi unsers Herren ins fleische.“

(„Das Newer und gemehret Gesangbüchlin rc. Getruckt zuo Strasburg bey Thiebolt Berger, am Barfüsser platz, Anno 1559,“) in 8°. Seite V. Erst im Straßburger Gesangbuch von 1568 steht der Name, Cuonrad Huober.)

WEltschöpffer, Herr Gott, Jesu Christ,
ein ewigs liecht den deinen bist,
Ein allgemeiner Heiland gut:
erhör die bitt, die dein volck thut.

Du hast bejamert inniglich
der Welt verderben undersich,
Uns gantz verlornen thetstu rath
und schanckst uns alle missethat.

Als nun die Welt zum abend sties,
sein gmach der himlisch Breutgam lies,
Geborn von einer Jungfraw zart,
die wunderbar sein muter ward;

Des macht und krafft so schrecklich ist,
das sich vor jhr zu aller frist
Gantz dienstlich biegen alle knew
im himel und auff erden frey.

Die Son den Nidergang bewart,
der Mon behelt sein bleichlecht art,
Die Sternen durch die leuchten klar
in steiffem lauff gantz wunderbar.

Nun bitten wir dich, heilger Christ,
dieweil du Richter künfftig bist,
Beschirm uns vor des teüffels trug,
mit gnaden allzeit auff uns lug.

Lob, ehr und preis mit freüden thon
Got Vattern sey und seinem Son,
Dem heilgen Geist zugleich bereit
von nun an biß in ewigkeit. Amen.

Wackernagel – Das deutsche Kirchenlied von Martin Luther bis auf Nicolaus Herman und Ambrosius Blaurer

Selneccer, Nikolaus – Wunderbarlich ist Gottes G’richt

1. Wunderbarlich ist Gottes G’richt,
er tut nicht wie man sich’s versieht:
er machet’s wie es ihm gefällt,
sein Urteil ist nicht auf d’ Welt g’stellt.

2. Es geht nicht, wie wir’s denken tun,
die Hoffnung uns betrüget nun.
Was man nicht meint, gewöhnlich g’schieht,
all Menschenrat gar bald verbleicht.

3. Was uns gut dünkt, vernichtet Gott
und hält unser Klugheit für Spott.
Was uns als nichts ansehen tut,
dasselb geschieht. Solch’s halt in Hut,

4. Und richte deine Meinung drauf,
und also Gottes Zorn entlauf.
Dem Herren du allein vertrau,
auf keine Menschenhilfe bau.

5. Wer Gott vertraut, derselb’ besteht,
sonst fällt alles, dorrt und vergeht.
Das sei dir g’sagt zu dieser Zeit,
da Gottes Zorn auf Erden liegt.

Rebhun, Paulus – Von Gottes Weise zu richten.

O Gott, du Richter aller welt,
der du hast selbs bestelt
all Oberkeit und Gwalte,
Du wolst dein ordnung nicht verlahn,
drauff selber achtung han,
wie man darinn sich halte.
Denn dir ja wol bekand:
wo du dein hand
abzeuchst, wies pflegt zu stehen.
Kein freuel ist zu gros,
den man nicht las
der grechtigkeit fur gehen,
wie wir itzund wol sehen.

Die unschuld, so beschützt soll werdn,
erbarmcklich zu der erdn
mit füssen wird getreten;
Des Pharao verstocker mut
jr viel besitzen thut:
vor den kan niemand retten.
Denn du, O Herr und Gott,
der alle not
der deinen selbs erferest,
Und widers teuffels rat
mit wunderthat
jn alls zum besten kerest,
dein kunst an jn bewerest.

Denn das dein art und gwonheit ist,
wie jnn der schrifft man list,
wol dem, der solchs kan mercken,
Das wider aller werlet weis
mit rhat und gutem vleis
dich stelst jnn allen wercken:
Wen du wilt heben endbor,
den last zu vor
ein zeit im elend stehen,
Bis das man denckt, fry aus,
werd nichts mehr draus,
so last dein hülffe erst sehen:
O hilff, das wirs verstehen!

Wackernagel – Das deutsche Kirchenlied von Martin Luther bis auf Nicolaus Herman und Ambrosius Blaurer

Hiller, Philipp Friedrich – Der Tag bricht wie ein Fallstrick ein

Mel.: HErr Jesu Christ, mein’s etc.

1.
Der Tag bricht wie ein Fallstrick ein, O laßt uns ja nicht sicher sein!
Vergeblich heult, wer erst erschrickt, Indem man ihn zum Feu’r bestrickt.

2.
Gefährlich ist die Sicherheit; Gott ist ein Gott, der täglich dräut,
Und eh’ Ihm noch der Frevler glaubt, Fällt schon sein Frevel auf sein Haupt.

3.
Denk nicht: den Tag erleb’ ich nicht; Am Tag des Tod’s hängt dein Gericht,
Wirft der den Strick dir plötzlich an, Was hast du, das dich retten kann?

4.
Ach, treuer Heiland, binde mich Mit Liebesfeilen fest an Dich,
So schläfert mich mit ihrem Wein Die Welt nicht, noch die Hure ein.

5.
Weck’ Du mich stets, so mach’ ich fort; Mein Honig sei Dein süßes Wort,
Das Augen wacker machen kann; So sieg’ ich auch, wie Jonathan.

6.
Wie gut ist’s, wer mit Dir bekannt; Den reißt kein Strick Dir aus der Hand;
Den trennt auch nicht der schnellste Tod, Und kein Gericht und keine Noth.

7.
Hängt meine Seele stets an Dir, So ist Dein Wort mir gut dafür:
Dein Tag brech’ ein, so schnell er mag, Er wird mir zum Erlösungstag!