Gottfried Arnold – Neues Lebensgefühl.

Strenger Winter, fleuch von hinnen!
Harte Kält,
Die mich hält,
Bindend meine Sinnen,
Hindernd mich an heißer Liebe;
Lasset mich
Inniglich
Folgen Jesu Triebe!

Trübe Wolken, Flut und Regen,
Tränensaat,
Die mir hat
Lange obgelegen:
Weicht! die Freudenzeit ist kommen;
er hat mich
Nun in sich
Selig aufgenommen.

Seine Weisheit hat’s gesehen,
Wie ich noch
Seinem Joch
Feindlich wollt entgehen;
Ja, weil ich’s nicht konnte tragen,
Musste Er
Mir vorher
Meinen Bann zerschlagen.

Da musst ich mühselig werden,
Und die Last
Ohne Rast
Brachte viel Beschwerden,
Dass ich nach Ihm weint‘ und stöhnte,
Bis mein Herz
Unter Schmerz
Sich an Ihn gewöhnte.

Nun Er sich in mir lässt blicken,
Wird sein Strahl
Mir zumal
Lauter Frühling schicken;
Denn die Turteltaub‘ im Grunde
Lockt und girrt;
Ja, es wird
Frühling in der Runde!

Schau, die Feigenbäume grünen,
Brechen vor,
Seh’n empor,
Ihrem Herren zu dienen;
Schau, Blumen in den Lenzen
Lassen Dir
Ihre Zier
Wundersam erglänzen!

Nun ist alles Leid vergessen,
Als wär’s nie
Winter hie,
Niemals Frost gewesen.
Seht, wie meine Sonne scheinet! –
Jetzo seh‘
Ich zur Höh‘:
Du hast’s gut gemeinet!

Sonne! Du gibst meiner Erden
Frühlingslicht;
Lass mir’s nicht
Wieder Winter werden!
Bleibe stets in mir erhöhet,
Bis die Freud‘
Ohne Zeit
Ewig in mir stehet!

Gottfried Arnold – Seligkeit in der Sündenvergebung.

Wie wohl ist mir, dass ich nunmehr entbunden
Von aller Schuld durch Christi Blut und Wunden!
Was ich gesucht so lange mit Begier,
Das ist mir nun durch Christi Tod gegeben,
Weil der Unsterbliche selbst worden ist mein Leben,
Dass mich hinfort kein Tod berühr‘.
Wie wohl ist mir!

Er ist mein Hirt, er weidet meine Seele
Mit Lebensbrot, mit Freudenwein und Öle;
Auf grüner Au‘ werd‘ ich von ihm geführt;
Mich kann kein Unfall, keine Not erschrecken,
Denn Jesus ist bei mir, mich treulich zu bedecken.
Ich weiß, dass mir nichts mangeln wird!
Er ist mein Hirt!

Mein Speis‘ und Trank ist stets mit Dank gemischet,
Und mein Gemüt wird täglich neu erfrischet
Von seiner Kraft, dass ich nicht werde krank.
Ich sorge nicht; Er weiß wohl, was auf Erden
Mir täglich nötig ist; das lässt Er reichlich werden,
Und so genieß‘ ich auch mit Dank
Mein‘ Speis und Trank!

Ich sterbe nicht, nein, nein, ich werde leben,
Und deine Werke preisen und erheben!
Ich glaub‘ an Dich, und komm‘ nicht in’s Gericht.
Und weil Du hast den Tod für mich verschlungen,
So bin ich gleich falls auch zum Leben durchgedrungen:
Ich leb‘ und glaub‘ an Dich, mein Licht!
Ich sterbe nicht!

Gottfried Arnold – Friede Gottes.

Nun hast Du ja dein Wort, o Herr, erfüllet,
Das ich aus seinem Mund in mir gefasst;
Nun wird mein durstig Herz von Dir gestillet,
Nachdem ich lang geschrieen in der Last:
„Ach, dass der Herr doch reden wollt in mir,
Und seinem Volk den Frieden sagen zu!
>Wie süß sollt mir nach Arbeit sein die Ruh‘!
O dass ich noch das Heil erlebte hier!“

Und sieh, nun ist durch Angst und Schmerz geboren,
Was ewig mich froh macht und ruhevoll!
Nicht wusst‘ ich, dass der Krieg zum Fried erkoren,
Dass süße Rast die Last vertreiben soll.
O Gottes-Fried‘, o schönstes Liebeskind!
Bist du durch Müh‘ und Angst hervorgebracht,
So musst du auch hochteuer sein geacht’t;
Nun wach‘ und halt‘ ich dich, da ich dich find‘!

Doch, Du musst selber Dich in mir erhalten,
O Jesu, der mein höchster Frieden ist;
Und wenn Dich mein Gehorsam lässet walten,
So weiß ich, dass Du ewig in mir bist!
O ja, lass mich vor deinen Augen steh’n,
Mit deinem Willen ganz zu stimmen ein,
Dir angenehm, vertraut und lieb zu sein!
Die Braut muss auf des Bräut’gams Willen seh’n.

Wird reine Liebe mich nicht Alles lehren,
Da Du bist selbst im Fried- und Freudenreich?
Drum wirst Du auch dem Feind den Krieg verwehren,
Und wenn es in mir stürmet, siegst Du gleich.
Nun tobe, was da will, mit Sturm und Streit:
Kann ich nur stets in meiner Vestung sein,
Darein, als in Dein Wesen, nichts bricht ein,
So bleibt dein Friede mir in Ewigkeit!

Gottfried Arnold – Erneurung der Kreatur.

Lob sei dem Lamm, das uns des Geistes Atem gibet
Zum Lebensunterhalt, durch ihn zu bringen ein
In’s Lebenselement, da keine Furcht uns trübet!
Den neuen Leib durchklärt ein ew’ger Sonnenschein,
Wo Wasserströme klar und göttlich frisch entspringen,
Die ohne Hitz und Frost, doch Kühl und Glut verleih’n,
Wo aller Anmut Klang dem Höchsten Lob muss bringen,
Und Edens Freudenpracht hellschimmernd bricht herein!
Dies ist die Herrlichkeit der wahren neuen Welt,
Die bleibt, wenn diese Erd‘ in Schutt und Trümmer fällt.
Was durch die Sünd‘ eindrang, muss dann im Rauch vergeh’n,
Denn Er macht Alles neu! Ja, ja, so soll’s gescheh’n!

Wie macht Er Alles neu? Er greift erst ernstlich an
Die böse Kreatur, teils mit so manchen Plagen,
Teils mit dem scharfen Wort, das tief einschneiden kann,
Und als ein Hammer auch den härtsten Fels zerschlagen;
Dann schmelzt ein Liebesfeu’r, und macht das Herze rein;
Sein Geist bestraft und lehrt, und züchtigt die Gedanken,
Und richtet jedes Wort, zeigt, was die Werke sein,
Und hält uns immerfort in seiner Weisheit Schranken,
Bis endlich keine Spur des Übels vor Ihm bleibt,
Wenn auf den höchsten Grad Er die Erneurung treibt.

Gottfried Arnold – Um Einheit mit dem ewigen Lichte.

Du nie geschloss’nes Aug‘,
Du Morgenstern der Herzen,
Des Licht ich immer brauch‘
Statt andrer heller Kerzen:
Stell‘ offen Dich ob mich,
Und bleib‘ mein warnend Licht,
Dem ich stets innerlich
Nachfolg‘ in Liebespflicht!

O schönste Harmonie,
Wenn meiner Liebe Sehen
Auf Andres zielet nie,
Wenn beide Augen gehen
Nur auf das Eine zu!
Wer wollte denn nicht hie
Genießen ew’ge Ruh‘?
O süße Harmonie!

Wenn ich so stehen bleib‘,
Und schau‘ nach deinen Winken,
So wird mein neuer Leib
Ganz Licht und feurig blinken;
Die Einfalt gibt mir Licht,
Die Weisheit Rat und Stärk‘;
Mein Kleid wird zugericht’t
Als ein kristallen Werk.

Vereinter Augen Schein
Dringt schärfer in die Gründe
Der tiefsten Gottheit ein,
Und wirft den Strahl geschwinde
Auf alles weit und fern;
Wie sicher lässt sich’s gehn,
Wenn dieser Morgenstern
Den vollen Tag lässt seh’n!

Verdopple so mein Aug‘,
Auge sonder Schatten,
Dass es zu sehen taug‘,
Was wir verloren hatten!
Des Lichtes Herrlichkeit,
Darin Du, Sonne, wohnst,
Sei unser Hochzeitkleid,
Womit Du uns belohnst!

Ach aber, dass ich nicht
So voller Liebe brenne,
Und gegen dein Gesicht
Nicht solche Flammen kenne,
Die mich bewegten, Dich
Zu bitten, dass doch nicht
Dein brennend Aug‘ auf mich
So funkelnd sei gericht‘t!

Ich fühle fein so groß
Und unauslöschlich Feuer
Der Innigkeit, dass bloß
Du über alles teuer
Und köstlich wärest mir.
Weg, schnöde Eigenheit!
O dass ich, liebe, Dir
Anhing‘ in Ewigkeit!

Gottfried Arnold – Um das Feuer der Liebe Christi.

Jesu, mein Treuer,
Lass doch dein Feuer
Stets in mir brennen,
Und uns Nichts trennen!

Sollt ich mit Schmachten
Nicht nach Dir trachten?
Aber ich spüre,
Dass ich stets friere.

Wär doch durch’s Lieben
Mein Frost vertrieben!
Wie wollt‘ ich’s treiben,
Stets so zu bleiben!

Halt mich im beständig
Flammend-lebendig,
Höllischem Glühen
Ganz zu entfliehen.

Der mich versühnet,
Du hast’s verdienet,
Dass ich stets bliebe
Voll Lob und Liebe.

Dich hat dein Lieben
Einstmals getrieben,
Himmel zu lassen,
Das Kreuz zu fassen.

Schaffen, erlösten,
Retten vom Bösen,
Sind nun die Triebe
Heiliger Liebe.

Lass dich umfangen,
Wo Du gehangen,
Und mich zum Leben
Ganz Dir ergeben!

Gottfried Arnold – Bundesgesang

Füll uns mit deiner Liebe,
Du Freund der Heiligkeit,
Dass unser Geist sich übe
Mit Freuden allezeit,
Dir liebend anzuhangen,
Getrieben und gefangen
Durch deinen sanften Zug!

Vertraue Dich den Seelen,
Die Dich mit Herz und Mut
In wahrem Sinn erwählen
Zu ihrem höchsten Gut.
lass sie schon hier auf Erden
Ein Herz und Seele werden
Mit Dir durch deinen Geist!

Du suchst ja solche Herzen,
Die, durch dein Licht erhellt,
Durch deine Todesschmerzen
Gestorben sind der Welt;
Die Alles willig lassen,
Was deine Augen hassen,
Was deine Liebe stört.

Lass uns nicht mehr voll Schmerzen,
Wie bisher oft gescheh’n‘,
Entfernt von deinem Herzen
Im äußern Vorhof steh’n!
Komm, führ‘ uns durch die Triebe
Der allerreinsten Liebe
In’s inn’re Heiligtum!

Halt deine Christgemeinde
Im Glauben auferbaut,
Die trotz dem Grimm der Feinde
Auf deine Güte traut!
Umschließ sie voll Erbarmen
Mit seinen Segensarmen,
Versorg‘ und schirme sie!

Stell Dir durch deinen Segen
Viel Gotteskinder dar,
Damit wir sehen mögen
Das Wachstum Deiner Schar;
lass sie den Schmuck erlangen,
Darin sie ewig prangen
Und Dich verklären kann!

Gottfried Arnold – Um völlige Wiedergeburt.

Du höchstes Kleinod reiner Seelen,
Erlöser voller Licht und Lieb‘!
Der Du Dich denen willst vermählen,
Die folgen deinem Geistestrieb:
Wie gerne möcht‘ ich auch im Reihen
Der reinsten Auserwählten steh’n,
Und, statt mich anderer lieb‘ zu weihen,
Dir einzig, o mein Heil, nachgeh’n!

Du forderst von uns reine Herzen;
Wer aber schafft ein solches mir,
Dass es, gleich lichten Himmelskerzen,
Stets brennt in Liebestreu‘ zu Dir?
Ich weiß: hier kann kein Sünder taugen,
Wenn Du nicht deine Weisheit schenkst,
Und uns mit deines Geistes Augen
Zu reiner Freud‘ und liebe lenkst.

Das ist das Heil für Adams Schaden;
Lieb‘ ist die beste Arzenei!
Gib Du mir Gottes Lieb‘ aus Gnaden,
So weiß ich, dass ich sicher sei
Vor aller falschen Liebe Kräften,
Die nur auf Sünd‘ und Schande geh’n,
Und vor des Feindes Mordgeschäften,
Die Tod ins neue Leben sä’n.

Geuß diesen Balsam in mein Leben!
Durchdring‘ mit deiner Feuerkraft.
Mein Inn’res, Liebe mir zu geben,
Die alles tote Werk wegschafft,
Die in mir tötet arge Lüste,
Und in ein göttlich Licht ausbricht!
O wer die reine Liebe wüsste,
Der hungerte nach And’rem nicht!

Greifst Du die angeborne Seuche,
Nicht in der tiefsten Wurzel an,
So bleibt’s, dass sie im Finstern schleiche,
Und hinter’s Licht sich stecken kann.
Das zärtste, geistigste Bewegen
Wird unvermerkt ins Fleisch geführt
Wenn nicht des Geistes starkes Regen
Uns zum Gebet und Wachen rührt.

Was kann uns der Gefahr entnehmen,
Als deines Geistes reine Lieb‘?
Will sich das Herz hiezu bequemen,
Dann fühlt es einen höhern Trieb;
Der führet den gefangenen Willen
In unbekannte Freuden ein,
Und kann das Herz so reichlich stillen,
Dass Weltlust ihm muss Ekel sein.

Lässt Du, mein Gott, kein Bild mehr stehen
Im Herzen neben deinem Bild,
So muss der eitle Sinn vergehen,
Weil Gott den ganzen Menschen füllt!
Da wird tief nach dem Schatz gegraben,
Die Perle sorglich beigelegt.
Kein Sünder kann solch Kleinod haben,
Das Fromme nur zur Lust bewegt.

Wird Jesus selbst zum Grund gesetzet,
Ist er der Eckstein von dem Bau:
Wer ist’s, der diesen Grund verletzet,
Dass man das Herz nicht wachsend schau?
Wenn Lust und Furcht den Geist bestreiten,
Wird Er der Preis vom treuen Kampf,
Weil dieses Licht die Eitelkeiten
Vertreibt, so schnell als einen Dampf.

So triumphiert das Gottesleben
Noch in dem Leib der Sterblichkeit;
Kein Kleinod wird ja Dem gegeben,
Der nicht obsieget in dem Streit.
Wo bliebe sonst die Kunst im Siegen?
Wie hielte man im Beten an,
Wenn nicht auch in den schwersten Kriegen
Der Liebeseifer siegen kann?

Die kleine Müh‘, das kurze Streiten
Bringt unaussprechlich süße Ruh!
Die tiefsten Gotteslieblichkeiten
Von oben fließen Denen zu,
Die alles Dinges sich enthalten
Und nichts Verdächt’ges rühren an;
Wer Jesum nur lässt in sich walten,
Der siehet, was die Liebe kann.

Die Liebe krönt die Auserwählten,
Und führt sie vor des Vaters Thron;
Nur die vom heil’gen Geist Beseelten
Besteh’n vor’m Vater durch den Sohn.
O wen nur Jesu Liebe treibet,
Der bat auf ewig g’nug an ihr,
Und wer als Reb‘ am Weinstock bleibet,
Trägt Lebensfrüchte dort und hier!

Gottfried Arnold – Scheinchristentum.

Armer Mensch! was kann’s dir helfen,
Dass du Gott mit Worten liebest?
Ach, durchsuche doch dein leben:
Ob du dich im Lieben übest?
Hat dein Herze nichts davon,
Was die Zunge Gutes spricht:
Glaube, vor dem hellen Auge
Deines Schöpfers taugt es nicht!
Ist die Richtschnur deiner Lieb‘
Dir bekannt, doch ohne Frucht,
So hat Satan deinen Tod
Zu verdoppeln nur gesucht.

Gottfried Arnold – Falsche und wahre Einsamkeit.

Wo flieh‘ ich hin? wo soll ich bleiben?
Wo wird diese süße Stille sein,
Da ich mich könnte schließen ein,
Um mich nicht mehr umherzutreiben
Im Unruh-Wirbel äuß’rer Dinge?
Ist keine Einsamkeit bereit,
Darin ich Gott ein Loblied singe
Der von Zerstreuung mich befreit?

Mein Geist will in die Wüste ziehen,
Und wünscht sich Taubenflügel an,
Weil er vor Angst nicht bleiben kann
Da, wo die Menschen sich bemühen,
von Gott noch weiter wegzugehen,
Und niemals bei sich selbst zu sein.
Ich kann den Jammer nicht mehr sehen,
Und bleibe selbst dabei nicht rein.

Drum fort, o Seel‘! entzeuch geschwinde
Dich der Gesellschaft dieser Welt!
Zerreiß, was dich gefangen hält,
Damit dein Fuß die Ruhe finde,
Wo kein Geräusche sich verstöret,
Rein Zuspruch Sorgen und Verdruss
Den Umgang Dir mit Gott verwehret,
Der hier oft unterbleiben muss!

Ich freu‘ mich schon auf eine Kammer,
Die mich in sich verschließen wird,
Und durch den engen Raum abführt
von aller Unruh, Streit und Jammer,
Die große Städt‘ und Schlösser haben.
Hier soll nur meine Ruhstatt sein,
Wo Sicherheit und Fried‘ mich laben
Und kein Unfriede bricht herein.

Nun will ich erst recht singen, beten,
Und in der Andacht kommen weit,
Weil ich, nicht durch so viel zerstreut,
Vor Gott mit stillem Geist darf treten;
Da soll kein Feind mich hindern können,
Ich geh‘ in Kanaan schon ein;
Mein Paradies soll man es nennen;
Hier will ich auch begraben sein!