Johann Scheffler (Angelus Silesius) – Jesu, komm doch selbst zu mir

Jesu, komm doch selbst zu mir
und verbleibe für und für;
komm doch, werter Seelenfreund,
Liebster, den mein Herze meint!

Tausendmal begehr ich Dich,
weil sonst nichts vergnügte mich;
tausendmal schrei ich zu Dir:
Jesu, Jesu, komm zu mir!

Keine Lust ist in der Welt,
die mein Herz zufriedenstellt;
Jesu, nur Dein „Bei mir sein“
nenn ich meine Lust allein.

Aller Engel Glanz und Pracht,
und was ihnen Freude macht,
ist mir, süßer Seelen-Kuss,
ohne dich nichts als Verdruss.

Keinem andern sag ich zu,
dass ich Ihm mein Herz auftu;
Dich alleine lass ich ein,
Dich alleine nenn ich mein.

Dich alleine, Gottes Sohn,
heiß ich meine Kron und Lohn;
Du für mich verwund’tes Lamm
bist allein mein Bräutigam.

O so komm denn, süßes Herz,
und vermindre meinen Schmerz;
Denn ich schreie für und für:
Jesu, Jesu, komm zu mir.

Nun ich warte mit Gedult,
bitte noch um diese Huld,
dass du wollst in Todes-Prein
mir ein süßer Jesus sein.

Johann Scheffler – Geduldigs Lämmlein, Jesu Christ

1. Geduldigs Lämmlein, Jesu Christ,
Der du all Angst und Plagen,
Alls Ungemach zu jeder Frist
Geduldig hast ertragen,
Verleih mir auch zur Leidenszeit
Geduld und alle Tapferkeit.

2. Du hast gelitten, daß auch ich
Dir folgen soll und leiden,
Daß ich mein Kreuze williglich
Soll tragen auch mit Freuden;
Ach möcht ich doch in Kreuz und Pein
Geduldig wie ein Lämmlein sein.

3. Ich wünsche mir von Herzensgrund,
Dir ähnlich, Herr, zu werden,
Daß ich der Welt zu jeder Stund
Gekreuzigt sei auf Erden;
Doch aber wünsch ich auch dabei,
Daß ich ein Lämmlein Jesu sei.

4. Laß kommen alles Kreuz und Pein,
Laß kommen alle Plagen,
Laß mich veracht, verspottet sein,
Verwundt und hart geschlagen,
Laß aber auch in aller Pein
Mich ein geduldigs Lämmlein sein.

5. Ich weiß, man kann ohn Kreuz und Leid
Zur Freude nicht gelangen,
Weil du in deine Herrlichkeit
Selbst bist durchs Kreuz gegangen.
Wer nicht mit dir leidt Kreuz und Pein,
Kann auch mit dir nicht selig sein.

Quelle: Hymns of the 1912 Lutheran Hymnal for Church, School and Home Evangelical Lutheran Synod of Wisconsin and other States

Johann Scheffler – Ich danke dir für deinen Tod

1. Ich danke dir für deinen Tod,
Herr Jesu, und die Schmerzen,
Die du in deiner letzten Not
Empfandst in deinem Herzen.
Laß die Verdienste solcher Pein
Ein Labsal meiner Seelen sein,
Wenn mir die Augen brechen.

2. Ich danke dir für deine Huld,
Die du mir hast erzeiget,
Da du mit Zahlung meiner Schuld
Dein Haupt zu mir geneiget;
Ach neig dich auch zu mir,
Mein Gott, wenn ich gerat in Todesnot,
Auf daß ich Gnade spüre.

3. Laß meine Seel in deiner Gunst
Aus ihrem Leibe scheiden,
Auf daß an mir nicht sei umsonst
Dein teuerwertes Leiden.
Nimm sie hinauf zur selben Frist,
Wo du, ihr liebster Jesus, bist,
Und laß mich ewig leben.

Quelle: Hymns of the 1912 Lutheran Hymnal for Church, School and Home Evangelical Lutheran Synod of Wisconsin and other States

Johann Scheffler – Die Seele, Christi heilge mich

1. Die Seele, Christi heilge mich,
Sein Geist versenke mich in sich,
Sein Leichnam, der für mich verwundt,
Der mach mir Lieb und Seel gesund.

2. Das Wasser, welches auf den Stoß
Des Speers aus seiner Seiten floss,
Das sei mein Bad, und all sein Blut
Erquicke mir Herz, Sinn und Mut.

3. Der Schweiß von seinem Angesicht
Laß mich nicht kommen ins Gericht,
Sein ganzes Leiden, Kreuz und Pein,
Das wolle meine Stärke sein.

4. O Jesu Christ, erhöre mich,
Nimm und verbirg mich ganz in dich,
Schließ mich in deine Wunden ein,
Daß ich vorm Feind kann sicher sein.

5. Ruf mir in meiner letzten Not,
Und setz mich neben dich, mein Gott,
Daß ich mit deinen Heilgen alln
Mög ewiglich dein Lob erschalln.

Quelle: Hymns of the 1912 Lutheran Hymnal for Church, School and Home Evangelical Lutheran Synod of Wisconsin and other States

Johann Scheffler – O du Liebe meiner Liebe

1. O du Liebe meiner Liebe,
Du erwünsche Seligkeit,
Die du dich aus höchstem Triebe
In das jammervolle Leid
Deines Leidens mir zu gute
Als ein Schlachtschaf eingestellt
Und bezahlt mit deinem Blute
Alle Missetat der Welt!

2. Liebe, die mit Schweiß und Tränen
An dem Ölberg sich betrübt,
Liebe, die mit Blut und Sehnen
Unaufhörlich fest geliebt,
Liebe, die mit allem Willen
Gottes Zorn und Eifer trägt,
Den, so niemand konnte stillen,
Hat dein Sterben hingelegt!

3. Liebe, die mit starkem Herzen
Alle Schmach und Hohn gehört,
Liebe, die mit Angst und Schmerzen
Nicht der strengste Tod versehrt,
Liebe, die sich liebend zeiget,
Als sich Kraft und Atem endt,
Liebe, die sich liebend neiget,
Als sich Leib und Seele trennt!

4. Liebe, die mit ihren Armen
Mich zuletzt umfangen wollt,
Liebe, die aus Liebeserbarmen
Mich zuletzt in höchster Huld
Ihrem Vater überlassen,
Die selbst starb und für mich hat,
Daß mich nicht der Zorn sollt fassen,
Weil mich ihr Verdienst vertrat!

5. Liebe, die mit so viel Wunden
Gegen mich als seine Braut
Unauflöslich sich verbunden
Und auf ewig anvertraut,
Liebe, laß auch meine Schmerzen,
Meines Lebens Jammerpein
In dem blutverwundten Herzen
Sanft in dir gestillet sein.

6. Liebe, die für mich gestorben
Und ein immerwährend Gut
An dem Kreuzesholz erworben,
Ach wie denk ich an dein Blut.
Ach wie dank ich deinen Wunden,
Du verwundte Liebe du,
Wenn ich in den letzten Stunden
Sanft in deiner Seiten ruh.

7. Liebe, die sich tot gekränket
Und für mein erkaltet Herz
In ein kaltes Grab gesenket,
Ach wie dank ich deinem Schmerz.
Habe Dank, daß du gestorben,
Daß ich ewig leben kann,
Und der Seelen Heil erworben.
Nimm mich ewig liebend an.

Quelle: Hymns of the 1912 Lutheran Hymnal for Church, School and Home Evangelical Lutheran Synod of Wisconsin and other States

Johann Scheffler – Tritt her, o Seel, und dank dem Herrn

1) Tritt her, o Seel, und dank dem Herrn
Für seine tausend Gaben,
Mit denen er dich frei und gern
Geziert hat und erhaben.

2) Er hat aus nichts dich hergebracht,
Wies seiner Huld gefallen,
Zu seinem Bilde dich gemacht,
Dich ausgeschmückt vor allen.

3) Für dich hat er die ganze Welt
Erschaffen und erbauet,
Für dich ist sie so wohl bestellt
Und, was man drinnen schauet.

4) Er gibt den eignen Sohn für dich,
Er liebt dich wie sein Leben
Und will sich endlich ewiglich
Dir schenken und ergeben.

5) Er hat gar seines Herzens Blut
Für deine Schuld vergossen
Uns dich von Banden und der Glut
Der Höllen losgeschlossen.

6) Drauf hat er dich zum Kind und Sohn
Als Vater angenommen
Und will, daß du auf seinen Thron
Sollst ewger Erbe kommen.

7) Drum dank, o Seele, dank dem Herrn
Für seine tausend Gaben,
Mit denen er dich frei und gern
Geziert hat und erhaben.

Quelle: Hymns of the 1912 Lutheran Hymnal for Church, School and Home Evangelical Lutheran Synod of Wisconsin and other States

Johann Scheffler (Angelus Silesius) – Biographie

Johann Scheffler wurde 1624 zu Breslau von lutherischen Eltern geboren und auch in der lutherischen Kirche erzogen. Schon sehr frühe zeigte er jedoch eine vorherrschende Neigung zur religiösen Schwärmerei (Mystik) und gab sich oft und gern schwärmerischen Betrachtungen und Entzückungen hin, um dadurch zur Anschauung Gottes sich zu erheben und in die ewige Liebe sich zu versenken. Reiche Nahrung für diese Geistesrichtung erhielt er durch das Studium der Werke eines Thomas a Kempis, Johann Tauler, Jakob Böhme und anderer, die der Mystik huldigten. Auch selbst sein Studium der Medizin auf der Breslauer Universität mochte seine Neigung noch vermehrt haben. In dieser Gefühlsstimmung fing er sehr frühe zu dichten an. Nach vollendeten Studien, und nachdem er sich noch die medizinische Doktorwürde erworben hatte, begab er sich auf Reisen, namentlich nach Holland, wo er die dortigen zahlreichen Sektenversammlungen besuchte und immer tiefer in seine mystische Gemütsstimmung sich versenkte. Nach seiner Rückkehr wurde er Leibarzt des Herzogs von Württemberg-Öls in Öls und lernte daselbst die Streitigkeiten der strenglutherischen Theologen kennen, die freilich oft genug in dürren Buchstabenzänkereien bestanden und darum auf ihn einen widerlichen Eindruck machten. Er sprach sich darüber öffentlich aus und griff die lutherische Kirche und ihre Satzungen vielfach an. Die Folge davon war, dass er mit den lutherischen Geistlichen in Öls in heftigen Streit geriet und endlich im Jahre 1653 zur katholischen Kirche übertrat. Bei dieser Gelegenheit legte er sich von einem spanischen Mystiker Johann ab Angelis den Namen Johann Angelus bei und setzte auch oft Silesius, d. h. der Schlesier, hinzu, um seine Heimat zu bezeichnen. Er trat nun als Arzt in die Dienste des Kaisers Ferdinand III. und setzte seine Angriffe auf die von ihm verlassene Kirche mit großer Heftigkeit fort. Dadurch erhielt er in der katholischen Kirche bald so großes Ansehen, dass er die katholische Priesterweihe empfing und Rat des katholischen Bischofs zu Breslau wurde. Gegen das Ende seines Lebens zog er sich jedoch in das Jesuitenkloster St. Matthias zu Breslau zurück und starb dort im Jahre 1677.