Heinrich Cäsar – In dieser Abendstunde

In dieser Abendstunde
Will ich, o Herr, dir nahn:
Ich lob‘ aus Herzensgrunde,
Was du an mir getan;
Nimm, Herr, mein Beten an!

Ich gebe dir die Ehre,
Mein treuer Herr und Gott!
Hilf, dass ich sie vermehre
In Freud‘ und aller Not,
Auch endlich in dem Tod.

Ich rühme deine Gaben
Und bitte ferner dich:
Woll’st Leib und Seele laben;
Der Sünde Macht zerbrich,
So schlaf‘ ich sicherlich.

Einst werde ich mit Wonne
Dort lieblich schauen an
Dich, Jesu, meine Sonne,
Und nach der Pilgerbahn
Dich ewig umfahn.

Eh‘ ich von hinnen fahre,
Bitt‘ ich, o treuer Gott!
Mich väterlich bewahre
Vor bösem, schnellem Tod;
Hilf mir aus aller Not!

Zu bringen Lob und Ehre,
Bin ich dir, Herr, bereit;
Den schwachen Glauben mehre,
Dann lass mich nach der Zeit
Eingehn zur Herrlichkeit.

Lavater, Caspar – Um Mitternacht.

Gott der Tage, Gott der Nächte,
Meine Seele harret dein,
Lehnet sich an deine Rechte:
Nie kannst du mir ferne sein,
Vater, nie dein Kind verlassen,
Immer kann ich dich umfassen,
Deine weise Güt und Macht
Leitet mich bei Tag und Nacht.

Kann mein Aug den Schlaf nicht finden,
Ruhet meine Seele nicht,
Schweben meiner Jugend Sünden
Mir vorm müden Angesicht;
Fehler jüngst entwichner Tage,
Werden sie mir Last und Plage;
Jeder dir entzogne Blick,
Fällt er auf mein Herz zurück:

Vater, dann umfass ich wieder,
Küsse kindlich deine Hand;
Milde blickst du auf mich nieder,
Du, den, wer dich suchte, fand.
O, in stiller Nächte Stunden
Hat dich manches Herz gefunden,
Das bei Tage von dir lief,
Einsam wieder nach dir rief.

Vater aller Menschenkinder,
Hüter deiner ganzen Welt,
Dulder auch der frechsten Sünder,
Der die Schwachen führt und hält,
Täglich Gutes zeigt und gibet,
Immer segnet, alle liebet,
Alle fliehet, leitet, kennt,
Allen alles Gute gönnt!

Vater, still an dich zu denken,
D, wie das das Herz erfreut!
Geist und Herz in dich zu senken,
Höchste Menschenseligkeit!
Dich empfinden, dich genießen,
Oder unaussprechlich süßen,
Unaussprechlich nahen Lust!
Unerkannt in jeder Brust!

Gottes Nähe, Gottes Nähe,
Quell der stillsten Wonne mir!
Wie, wenn dich mein Auge sähe,
Eilt die Seele hin zu dir,
Gott, der Tag und Nächte sendet,
Freuden ausströmt, Unglück wendet,
Vater, der bei Tag und Nacht
Über Wurm und Engel wacht!

Vater, dir aus deinem vollen
Herzen quillet Kraft und Geist!
Vater, der die Sonnen rollen,
Sanft den Mond uns leuchten heißt!
Vater, dem von tausend Zungen
Tag und Nacht wird Preis gesungen,
Vater, der bei Tag beglückt,
Leidende des Nachts erquickt!

Vater, viele Brüder weinen,
Viele Schwestern schmachten nun,
Aber du verlässest keinen,
Heißest wachen, heißest ruhn,
Trocknest unzählbare Tränen,
Weckest und erfüllst das Sehnen
Unzählbarer Leidenden,
Die um Ruh und Lindrung flehn.

Vater, sende Mut den Schwachen,
Licht in jedes dunkle Herz;
Allen, die beklommen wachen,
Mildere den heißen Schmerz!
Lass die Witwen und die Waisen,
Vater, deine Liebe preisen;
Gönne Kranken sanfte Ruh,
Sterbenden sei Tröstung du!

O du treuer Menschenhüter,
Nacht ist vor dir wie der Tag;
Allgewaltiger Gebieter,
Du verwandelst Schmerz und Plag
Unversehns in Dank und Freuden;
Lass, dass alle, die jetzt leiden
Unerlöst, erlöst aus Pein,
Deiner Vaterhuld sich freun!

Vater! dieser Nam erweitert
Jede Brust, voll Angst und Schmerz.
Wie der Mond die Nacht erheitert,
Blickst du Ruh in jedes Herz,
Das nach deiner Tröstung weinet,
Eh die Sonne wieder scheinet.
O, wie oft verwandelst du
Heißen Schmerz in süße Ruh!

Jesu Christe, manche Nächte
Hast du für uns durchgewacht,
Hast dem menschlichen Geschlechte
Ruhestunden viel erwacht!
Immer Tröster der Betrübten,
Gönnst du Schlummer den Geliebten,
Weichst von ihnen – schlafen sie,
Oder wachen – weichest nie!

Karl Johann Philipp Spitta – Abendlied

Herr! des Tages Mühen und Beschwerden
Machtest du durch deine Nähe leicht;
Bleib bei mir, da es will Abend werden,
Bleib bei mir, da sich der Tag geneigt!
Wie am Tag du stärkend bei mir weiltest,
O so tritt am Abend auch herzu;
Wie du meine Müh und Arbeit teiltest,
O so teile segnend meine Ruh.

Komm denn nach des Tages lautem Leben,
Komm, du reicher Gast, kehr bei mir ein,
Heil zu spenden, Schulden zu vergeben,
Ruh und Fried und Freude zu verleih‘n!
Des vergang‘nen Tages Wunden, Schmerzen
Heile, lindre und verbanne du,
Und lass mich zuletzt an deinem Herzen
Finden eine sanfte, nächt’ge Ruh!

Amen!

Josua Stegmann – Abendandacht.

Die Sonn hat sich mit ihrem Glanz gewendet
Und, was sie soll, auf diesen Tag vollendet;
Die dunkle Nacht dringt allenthalben zu,
Bringt Menschen, Vieh und alle Welt zur Ruh.

Ich preise dich, du Herr der Nächt und Tage,
Dass du mich heut vor aller Not und Plage
Durch deine Hand und hochberühmte Macht
Hast unverletzt und frei hindurch gebracht.

Vergib, wo ich bei Tage so gelebet,
Dass ich nach dem, was finster ist, gestrebet;
Lass alle Schuld durch deinen Gnadenschein
In Ewigkeit bei dir verloschen sein.

Schaff, dass mein Geist dich ungehindert schaue,
Indem ich mich der trüben Nacht vertraue,
und dass der Leib auf diesen schweren Tag
Sich seiner Kraft fein sanft erholen mag.

Vergönne, dass der lieben Englein Scharen
Mich vor der Macht der Finsternis bewahren,
Auf dass ich vor der Lift und Tyrannei
Der argen Feind im Schlafe sicher sei.

Herr! wenn mich wird die lange Nacht bedecken
Und in die Ruh des tiefen Grabes strecken:
So blicke mich mit deinen Augen an,
Daraus ich Licht im Tode nehmen kann;

Und lass hernach zugleich mit allen Frommen
Mich zu dem Glanz des andern Lebens kommen,
Da du uns hast den großen Tag bestimmt,
Dem keine Nacht sein Licht und Klarheit nimmt.

Nicolaus Herman. – Kurzer Abendsegen.

Hinunter ist der Sonnenschein,
Die finstre Nacht bricht stark herein,
Leucht uns, Herr Christ, du wahres Licht,
Lass uns im Finstern tappen nicht.

Dir sei Dank, dass du uns den Tag
Für Schaden, Fahr und mancher Plag
Durch deine Engel hast behüt
Aus Gnad und väterlicher Güt.

Womit wir habn erzürnet dich,
Desselb verzeih uns gnädiglich
und rechn es unsrer Seel nicht zu,
Lass uns schlafen mit Fried und Ruh.

Durch deine Engel die Wach bestell,
Dass uns der böse Feind nicht fäll.
Für Schrecken, Gespenst und Feuersnot
Behüt uns heint, o lieber Gott.

Amen.

unbekannt – Täglicher Morgen- und Abendsegen.

Des Morgens wenn ich früh aufsteh,
und des Abends zu Bette geh,
Sehn meine Augen, Herr, auf dich,
Herr Jesu! Dir befehl ich mich.

In den heilgen fünf Wunden dein
Da kann ich ruhn und sicher sein
Mit Leib und Seele, Hab und Gut:
Mein Schatz ist nur dein heilges Blut.

Denn, o Herr Christ! am Kreuzesstamm
Dein heilges Blut die Sünd hinnahm;
Drum ich wach oder schlafe ein,
Wollst du, Herr, allzeit bei mir sein.

Dein Engel mir stets halte Wacht;
Drum ich Tod, Teufel, Höll nicht acht,
Denn wo ich bin, bist du bei mir:
Mein Glück und Kreuz kommt alls von dir.

Ich leb odr sterb, so bin ich dein;
Darum ich dir die Seele mein
Befehl jetzund und auch im Tod:
Nimm sie zu dir, o treuer Gott!

Heinrich Puchta – Herr, lass mich heute nicht entschlafen,

Herr, lass mich heute nicht entschlafen,
Bevor ich nicht mit Herz und Mund
In Buß und Tränen neu gereinigt
Den tiefbefleckten Seelengrund.
Lass mich vor deinen Spiegel treten,
Der mir mein ganzes Innre zeigt;
Lass dein Gesetz die Wahrheit sprechen,
Die das betörte Herz verschweigt.

Wenn du mich strafst um meine Sünde,
Wenn der gerechte Mund mir flucht,
Dann wird das Herz von keinem Frieden,
Das Aug‘ von keinem Schlaf besucht.
Wer könnte dein Gericht empfinden
Und sich erfreu’n der süßen Ruh?
Die Einsamkeit wird ihn erwecken,
Die Stille ruft ihm Schrecken zu.

Verbirg dein Antlitz meinen Sünden,
Dein Licht vor meiner Missetat;
Lass mich auf ihn die Hoffnung gründen,
Der meine Schuld getragen hat.
Drück mir den Stachel und den Kummer
Nicht tiefer ins Gewissen ein;
Lass jeden Atemzug im Schlummer
Ein Wehen deiner Gnade sein.

Amen.

Elisa von der Recke – Beim Anblick des gestirnten Himmels

Wie wonnevoll schwillt meine Brust
Schau‘ ich zur Himmels Sphäre!
Dort jauchz‘ ich einst voll reiner Lust
Mit euch, ihr Engel Chöre!
Dort, Weltenschöpfer! schau‘ ich dich:
Wie sehnt mein Geist – wie sehnt er sich
Nach dieser Feierstunde!

Gott schau‘ ich! Der Gedank‘ entreißt
Mich schon der Erde Schranken.
Einst schau‘ ich Gott! wie fühlt mein Geist
Gedränge von Gedanken;
Die über alles Denken weit
zu hocherhabner Seligkeit
Des Himmels mich erheben.

Doch Schatten ist, o Sterblicher,
Dein Bild von jenem Leben.
Die Schöpfung zeigt’s, der Weltenherr
Wird größre Wonne geben!
Drum bild‘ o Seele! bilde dir,
So schön du kannst, die Freuden hier,
Und streb‘ nach höchster Würde.

Freylinghausen, Johann Anastasius – Abendlied.

Eigene Weise.

1. Unerschaffne Lebenssonne,
Licht vom unerschaffnen Licht,
Das die Finsternis durchbricht,
Gehe auf zu meiner Wonne
Und bestrahle meinen Sinn,
Da man spricht: Der Tag ist hin.

2. Finster ist mein ganzes Wesen,
Und Ägyptens dunkle Nacht,
Die die Höll hervorgebracht,
Macht, dass ich nicht kann genesen,
Wo nicht deiner Klarheit Schein
Meine Kräfte nimmet ein.

3. Ach, drum dringet meine Seele
Aus der Sünden Dunkelheit
Hin zu deiner Heiterkeit,
Die ich mir zum Trost erwähle,
Wenn der Finsternis Verdruss
Ich mit Schmerzen leiden muss.

4. Denn die Sünde bringt uns Leiden
Als die aus dem Abgrund ist
Von dem, der durch seine List
Uns geführet in ein Scheiden
Von der Liebe, die so zart
Sich ehmals mit uns gepaart.

5. Aber dein Licht ist das Leben,
Das die Toten wecket auf
Und befördert ihren Lauf;
O was Freude kann es geben!
Nichts als lauter Wollust ist,
Wo du Licht und Leben bist.

6. Lass mich diese Wollust schmecken,
Die so keusch und sauber macht,
Dass ich Fremdes gar nicht acht;
Reiße weg die Sündendecken,
Welche machen, dass dein Glanz
Mein Herz nicht erfüllet ganz.

7. O dass doch der Abend käme,
Da es soll so lichte sein,
Und des Geistes heller Schein
Uns dir machte recht bequeme!
Ja, was mehr, dass ich im Sinn
Hören möcht: Die Nacht ist hin!

8. Nunmehr ist der Tag erschienen,
Der nicht seines Gleichen hat,
Da der güldnen Gottesstadt
Soll zur Sonn und Leuchte dienen
Das Lamm Gottes; Gloria,
Auf, Triumph, der Tag ist da!