Gerhard Tersteegen – Die Leiden des Herrn.

1. Fußwaschung.

Du Bild der Demut und der Güte,
Willst du ein Kuecht der Sünder sein?
Ei, wasche doch auch mein Gemüte
Und meinen ganzen Wandel rein.
Lass mich zu aller Menschen Füßen
Mich, als den Mind’sten, bücken gern;
Im Dienst des Nächsten überfließen
Und mich in Liebe ganz verzehr’n.

2. Abendmahl.

O Jesu, willst du mir auch geben
Dein paradisisch Fleisch und Blut,
Das mir bereitet ist zum Leben,
Da du gestorben mir zu gut?
Komm, gib mir denn dich selbst zur Speise,
Halt stets dein Abendmahl mit mir;
Erquick und stärk‘ mich auf der Reise,
Mein mattes Herz verschmachtet schier.

3. Hohepriesterliches Gebet.

Mein Hoherpriester, dessen Beten
Der Vater allezeit erhört,
Du woll’st mich stets also vertreten,
Bis ich in Eins vollendet werd‘;
So lang‘ ich leb‘ und schweb‘ auf Erden,
Dein armes, schwaches Kind bewahr.
Lass mich mit dir ganz Eines werden,
Und in dir mit der Frommen Schar.

4. Gethsemane.

Ach liebster Heiland, du musst zagen,
Du bist betrübt bis in den Tod.
Ich seh‘ der Sünden Last dich tragen,
Ich selber mach dir diese Not.
O Herr, mit dir in Trauern leben,
Ist besser, als viel eitle Freud‘,
Dein Zittern lass‘ mir Kräfte geben
Und Trost in aller Traurigkeit.

Ich sehe dich, mein Jesu, liegen,
Der Leidenskelch dich sehr erschreckt,
Doch kannst du dich so sanfte schmiegen,
Weil dir des Vaters Wille schmeckt;
Hilf mir in meinem Leiden beten,
Dass ich mich beug‘ und traue dir.
Gib, dass mein Will in allen Nöthen
In deinem Willen sich verlier‘.

Ich danke, Jesu, deiner Liebe,
Der du gerungen mit dem Tod,
Da dich die Angst zum Beten triebe,
Und schwitztest Blut in höchster Not.
Mach‘ mich in meinem Kampf beständig,
Ach, stärke meinen blöden Mut!
Ja, bete selbst in mir inwendig,
So kann ich kämpfen bis aufs Blut.

5. Gefangennehmung.

Den Feinden gehst du, Herr, entgegen,
Du küssest den Verräter noch;
Ein Wörtchen kann sie niederlegen,
Und läss’st dich willig greifen doch.
Gib, dass ich auch dein Kreuz mit Freuden
Dir täglich willig trage nach;
Und auch das Werkzeug meiner Leiden
In Liebe gern umfassen mag.

Du läss’st dich binden und dich zwingen,
Unschuldig, doch in sanftem Sinn,
Du läss’st dich führen, schlagen, drängen,
Du stilles Lamm, zur Schlachtbank hin.
Ach, mach mich dir auch so gelassen,
Ach, bind‘ und führ‘ mich ewiglich.
Gib, dass ich schweige gleichermaßen,
Wenn and’re Menschen plagen mich.

6. Hannas.

Man fragt dich aus als den Verräter;
Ich war der tückisch, böse Knecht.
Man schlägt dich als den Übeltäter,
Doch war dein Tun und Reden recht.
Herr, prüf‘ und siehe, wie ich’s meine;
Gib, dass ich ganz aufrichtig leb‘,
Und, wär‘ mein Tun auch noch so reine,
Doch nie dem Bösen widerstreb‘.

7. Petrus.

Es hat dein Leiden, Herr, vermehret,
Dass Petrus noch verrleugnet dich;
Dein holder Anblick ihn bekehret,
Drum weinet er so bitterlich.

Ach, mach mich weis‘ und treu in Allen,
Dass ich an deine Kraft mich halt‘;
Und wenn ich möcht aus Schwachheit fallen,
Dein Anblick mich erneue bald.

8. Das geistliche Gericht.

Auf falsche Anklag‘ du nur schweigest,
Die Läst’rer trägst du in Geduld,
Und da du von der Wahrheit zeugest,
Wirst du verdammet ohne Schuld.
Ich bin, wenn du nach Recht willst richten,
Des Todes und der Hölle wert;
Drum muss ich schweigen, mich mit nichten
Erzürnen, was mir widerfährt.

Du wirst verspottet und verspeiet,
Man schlägt dein göttlich Angesicht,
Damit ich möchte sein befreiet
Von Spott und Pein in dem Gericht;
Hilf, dass ich alle Schand‘ und Plagen
Nicht fürchte, noch mich räche gar;
Die mich auf einen Backen schlagen,
Den andern ihnen biete dar.

9. Das weltliche Gericht.

Man führt dich vor Gericht unschuldig,
Und, ob man dich verleumdet gleich,
Schweigst du doch still und bist geduldig,
Weil du kein irdisch Königreich.
Gib, dass ich auch der Welt absage,
Und such‘, was himmlisch ist, allein;
Dass ich getrost an jenem Tage
Vor deinem Richterthron mag sein.

Du wirst geschleppet und gejaget
Mit Schanden durch die Stadt herum,
Gleichwie ein albrer Narr geplaget,
Gefragt, verklagt, bist dennoch stumm.
Gib, dass ich auch in Schmach und Leide
Mich so gelassen geb‘ dahin;
Viel Wort‘ und Ruhm bei Menschen meide,
Und gern für nichts geachtet bin.

Den Lebensfürsten man verstößet,
Und um den bösen Mörder schrei’t;
Gar schändlich wirst du, Herr, entblößet,
Man geißelt dich mit Grausamkeit.
Ach, lass mich Allem ganz absagen,
Und stets erwählen dich allein.
Willst du mit deiner Zuchtrut‘ schlagen,
So mache mich wur still und klein.

Man krönt dich mit der Dornenkrone,
Man beuget sich aus Spott vor dir.
Nun sitz’st du auf dem höchsten Throne,
Ich beug‘ mich auch im Geist allhier;
Ich grüße dich, mein Herzenskönig;
Mein Herz sei dir ein Königreich;
Trag‘ ich die Dornenkron‘ ein wenig,
So werd‘ ich dir auch droben gleich.

Verspottet und zerkraht, verspeiet,
Wirst du zum Schauspiel hingestellt;
Den Heiland Jeder verabscheuet,
Weil Keinem die Gestalt gefällt.
Du schlechter Jesu bist mir lieber,
Als aller Hoheit falscher Schein;
Dir will ich folgen, sollt‘ ich drüber
Ein Schauspiel aller Menschen sein.

10. Verurteilung.

Du musst das Todesurteil hören,
Doch weiß man deine. Unschuld wohl.
Dein Stilleschweigen kann mich lehren,
Wie ich mich schuldig halten soll.
Wirst du, mein Richter, mir vergeben,
So acht‘ ich Menschenurteil nicht.
Mein alter Mensch, der soll nicht leben,
Mein Geist ihm auch sein Urteil spricht.

Dein Kreuz musst du, o Jesu, tragen,
Mit zween Mördern durch die Stadt;
Man hat dich wohl dazu geschlagen,
Da du so ganz erschöpft und matt.
Lass mich mein Kreuz auch willig nehmen,
Und dir, mein Heiland, tragen nach.
Ich will mich deiner Schmach nicht schämen,
Doch trage mit, weil ich so schwach.

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11. Kreuzigung.

Mit Gallentrank wirst du getränket,
An’s Kreuz genagelt jämmerlich;
Für die, so grausam dich gehenket,
Du bittest noch so gnädiglich.
Lass mich den Leidenskelch nicht scheuen,
Mit dir an’s Kreuz mich bind‘ allhier,
Dass sich mein Herz nicht mög‘ erfreuen
In ein’gen Dingen außer dir.

Du hängst verschmäht am Schädelorte,
Versprichst dem Mörder Gnad‘ und Ruh;
Du redest trostesvolle Worte
Der Mutter und dem Jünger zu..
Nun bist du in dein Reich gekommen,
Herr Jesu, ach, gedenke mein.
Gib, dass ich mög‘ mit allen Frommen
In deiner Lieb‘ vereinigt sein.

12. Der Tod Jesu.

Du schwebst in höchster Not verlassen,
Da du mir Gnad‘ und Heil erwirbst.
Als wenn du wolltest mich umfassen,
So neigest du das Haupt und stirbst.
Mach‘ meinen Eigenwillen neigen
Und mit dir sinken in den Tod.
Ich schenk mich ewig dir zu eigen,
Verlass‘ mich nicht in meiner Not.

Du läss’st dir öffnen deine Seite,
Woraus uus Blut und Wasser fleußt;
Der Glaube saugt, und auch noch heute
Viel Gnad‘ uud Leben draus geneußt;
So steht mir denn dein Herz nun offen,
O Jesu, zeuch mich tief hinein.
Du hast auch mir mein Herz getroffen,
Ich muss mit dir ein Herze sein.

13. Grablegung.

Du wirst gesalbet und bewunden,
Und in ein neues Grab gelegt.
Ich hab auch dir eiu Grab gefunden,
Doch ist es alt und kalt und schlecht.
Komm aber in mein Herz nur liegen,
So wird es wieder schön und neu.
Gib, dass ich allem Weltvergnügen
Als tot und ganz begraben sei.

Ernst Wilhelm v. Wobeser und Heinrich v. Bruiningk – Du meines Lebens Leben

Du meines Lebens Leben,
Du meines Todes Tod,
Für mich dahingegeben
In tiefste Seelennot,
In Marter, Angst und Sterben,
Aus heißer Liebsbegier,
Das Heil mir zu erwerben:
Nimm tausend Dank dafür!

2. Ich will nun mit dir gehen
Den Weg nach Golgatha;
Lass mich im Geiste sehen,
Was da für mich geschah!
Mit innig zartem Sehnen
Begleitet dich mein Herz,
Und meine Augen tränen
Beim Blick auf deinen Schmerz.

3. Erst komm‘ ich zu der Stätte,
Wo Jesus für mich rang,
Wo Blutschweiß beim Gebete
Ihm aus den Adern drang.
Ach, diese blut’gen Tropfen,
Die Seele, todbetrübt,
Und seines Herzens Klopfen Sohn,
Sagt mir, dass er mich liebt!

4. Da seh‘ ich, dass ich Armer
Des Fluches würdig bin;
Da gibt sich mein Erbarmer
Für mich zum Opfer hin.
Hier flossen seine Klagen,
Sein tränendes Gebet,
Dass ich nicht muss verzagen,
Wann’s einst zum Sterben geht.

5. Mein Heiland wird verraten,
Geführt zu Spott und Qual;
Ach, meine Missetaten,
Die brachten allzumal
Ihn vors Gericht der Heiden
Und in der Feinde Hand;
Ich war’s, ich sollte leiden,
Was da mein Bürg‘ empfand!

6. Seht, welch ein Mensch! Er stehet
Geduldig wie ein Lamm;
Und nun wird er erhöhet,
Ein Fluch, am Kreuzesstamm,
Vollendet da sein Büßen,
Der Welt, auch mir zu gut;
Aus Händen, Seit‘ und Füßen
Strömt sein Versöhnungsblut.

7. Du flehst am Kreuz für Feinde;
Mein Jesu, wer war ich?
Du denkst an deine Freunde;
Gedenk, Herr, auch an mich!
Du machst den Schächer selig,
Verheißest ihm dein Reich;
Das macht mich Sünder fröhlich,
Mich, der dem Schächer gleich.

8. Du klagst voll Angst im Herzen:
„ Mein Gott verlässet mich! “
Du dürstest in den Schmerzen,
Und niemand labet dich.
Nun soll dein Leid sich enden;
Du rufst: Es ist vollbracht!
Empfiehlst des Vaters Händen
Den Geist. Es war vollbracht!

9. Ich seh ‚ mit Lieb‘ und Beugen
Des Heilands letzten Blick,
Ich seh‘ sein Haupt sich neigen;
Das war mein ew’ges Glück.
Mein Bürge stirbt, ich lebe,
So todeswert ich bin;
Er gibt sich mir, ich gebe
Mich ihm zu eigen hin.

10. O du, an den ich glaube,
Und den mein Geist umfasst,
Der du im Todesstaube
Für mich gelegen hast!
Auf dein Verdienst und Leiden
Vertrau‘ ich ganz allein;
Darauf will ich einst scheiden
Und ewig bei dir sein.

11. Erhalt mir deinen Frieden
Und deines Heils Genuss,
Solang‘ ich noch hienieden
In Schwachheit wallen muss,
Bis endlich dir zu Ehren,
Der mich mit Gott versöhnt,
Dort in den obern Chören
Mein Hallelujah tönt!

Christoph Vischer – Dank für Christi Leiden und Sterben.

Wir danken dir, Herr Jesu Christ,
Dass du für uns gestorben bist,
und hast uns durch dein teures Blut
Gemacht vor Gott gerecht und gut.

Wir bitten dich, wahr Mensch und Gott,
Durch dein heilig fünf Wunden rot:
Erlös uns vom ewigen Tod
Und tröst uns in der letzten Not.

Behüt uns auch vor Sünd und Schand,
Reich uns dein allmächtige Hand,
Dass wir im Kreuz geduldig sein,
Uns trösten deiner schweren Pein;

Und draus schöpfen die Zuversicht,
Dass du uns werdst verlassen nicht,
Sondern ganz treulich bei uns stehn,
Dass wir durchs Kreuz ins Leben gehn.

Joh. Euseb. Schmidt – Es ist vollbracht!

Es ist vollbracht! vergiss ja nicht
Dies Wort, mein Herz, das Jesus spricht,
Da er am Kreuze für dich stirbet,
und dir die Seligkeit erwirbet,
Da er, der alles, alles wohl gemacht,
Nunmehro spricht: Es ist vollbracht!

Es ist vollbracht am Kreuze dort
Gesetz und der Propheten Wort:
Was wir niemals vollbringen konnten,
Ist nun vollbracht durch Jesu Wunden:
Was Gottes Rat von Ewigkeit bedacht,
Das ist durch seinen Tod vollbracht.

Es ist vollbracht und gnug getan,
Dass man nicht mehr verlangen kann,
Gott ist versöhnt und ganz gestillet,
Weil sein Sohn alles hat erfüllet:
Was ists, dass man in Angst und Sorgen wacht?
Man glaube nur: Es ist vollbracht!

Es ist vollbracht! Was soll ich nun
Dazu noch, o mein Jesu, tun?
Nichts, nichts: denn was von dir geschehen,
Wird schon als mein Werk angesehen;
Auch das, was ich vollbringe Tag und Nacht,
Wird von dir selbst in mir vollbracht.

Es ist vollbracht! ich bin befreit,
Ich habe schon die Seligkeit:
Weil Sünd und Tod sind weggenommen,
Ist Gnad und Leben wiederkommen:
Darum, wenn auch gleich alles bricht und kracht,
Sag ich getrost: Es ist vollbracht!

Es ist vollbracht: vergiss ja nicht
Dies Wort, mein Herz, das Jesus spricht.
und lass es dir auch dazu dienen,
Dass du vollbringst, was dir will ziemen:
So lang du lebst, lass dies nicht aus der Acht,
Dass Jesus spricht: Es ist vollbracht!

Victor von Strauß – Maria und Johannes am Kreuze.

Seht den Herrn am Kreuze schweben,
Seht, die Mutter steht daneben,
Durch die Seel ihr dringt ein Schwert;
Bluten sieht sie ihn, erblassen:
und ihr Herz ist ganz verlassen,
Da er nun von hinnen fährt.

Bei ihr steht in bitterm Leiden,
Dass er von dem Herrn soll scheiden,
Steht der Jünger, den er liebt,
Und sein Herz ist ganz verlassen:
Wen soll seine Lieb umfassen,
Wenn den Herrn der Tod umgibt?

Treuer Jesu, so in Schmerzen
Denkst du noch der armen Herzen,
Eh‘ ihr ganzer Trost zerrann,
Sprichst vom blutgen Kreuzesthrone:
Mutter, nimm ihn an zum Sohne
Sohn, nimm sie zur Mutter an.

Und von Stund an sind verbunden,
Die sich treu am Kreuz gefunden;
Hör’s, o Herz, das einsam fleht:
Keiner darf auf Lieb verzichten,
Keinem fehlts an teuern Pflichten,
Der bei Jesu Kreuze steht.

Woll‘ uns Alle, Herr, die Deinen
unter deinem Kreuz vereinen
Treugesellt zu Freud und Schmerz,
Mit der Mutter reinem Triebe,
Mit des Kindes frommer Liebe
Lass uns schließen Herz an Herz.

Größre Scheidung ist bezwungen:
Kindschaft hast du uns errungen
Allen, die dein eigen sind.
und dein Blick vom Kreuz erhoben
Weist auf Gott im Himmel droben;
Sieh, das ist dein Vater, Kind.

Herr voll Liebe bis zum Sterben,
Deine Liebe lass uns erben,
Dass sie heilge Herz und Sinn,
Dass du, wenn wir überwunden,
Sagest: Sie sind treu erfunden;
Vater, nimm die Kinder hin!

Gottfr. Wilh. von Leibniz – Zueignung des Leidens Christi.

Jesu, dessen Tod und Leiden
Unsre Freud und Leben ist,
Der du abgeschieden bist,
Auf dass wir nicht von dir scheiden,
Sondern durch des Todes Tür
Zu dem Leben folgen dir!

Als der scharfe Speer gestochen,
Herr, in deine Seite dort,
und dein Blut, des Glaubens Hort,
Aus der Seit hervorgebrochen,
Lässt du sehen uns dein Herz
Voll von Lieb und voll von Schmerz.

Deine Arme, ausgestrecket,
Zeigen deine Freundlichkeit,
zu empfangen die bereit,
So dein Kreuz zur Lieb erwecket;
Wer nicht unempfindlich ist,
Sich in deine Arme schließt.

Als sich, Herr, dein Haupt geneiget,
War es, um zu segnen mich;
Da der Geist von dannen wich,
Noch sich deine Liebe zeiget.
Selig, wer auch Zeichen gibt,
Dass er bis in Tod dich liebt.

Lass die matte Seel empfinden
Deiner Liebe süße Flut;
Wem nicht deines Leidens Glut
Kann sein kaltes Herz entzünden,
Jesu, der muss wie ein Stein,
Ohne Lieb und Leben sein.

Albert Zeller – Ich sink an seinem Kreuze nieder

Ich sink an seinem Kreuze nieder
Und knie mit Maria hin,
Wir Alle sind ja Schwestern, Brüder;
Ein Leid beweget unsern Sinn.

Da hängt Er zwischen Erd und Himmel,
Der Sohn, der Erd und Himmel schuf!
Ein rohes, tosendes Getümmel
Verschlingt fast seinen Abschiedsruf.

Ich hab ihn mit ans Kreuz geschlagen,
Und klage mich des jammernd an;
Er aber betet ohne Klagen:
„Sie wissen nicht, was sie getan!“

Der Retter stirbt, der Herr des Lebens,
Er stirbt für uns den Menschentod.
Lass ihn nicht sterben, Mensch, vergebens!
Der Herr des Lebens ist dein Gott!

Da fasst ein Jubel sonder Gleichen
Im Schmerz die Seele wunderbar;
Durch dunkle Wolken niederreichen
Sieht man den Himmel rein und klar.

Vergeben sind sie uns, vergeben,
Die Sünden unsrer Erdenlust:
Ein himmlisch Weinen, Danken, Beben
Erfüllt die sturmzerriss’ne Brust.

Aufs Neu geschenkt sind wir uns Alle;
Das Lied des Heils steigt himmelwärts,
Und den entsühnten Brüdern falle
Entsühnt ich selber an das Herz.

Albertini, Johann Baptist von – Du musstest leiden, Gottes Sohn!

Du musstest leiden, Gottes Sohn!
die Zeit war da – es stand geschrieben
im Buch – es drängte Dich Dein Lieben:
da tauschtest Du ums Kreuz den Thron.

Du musstest leiden! konnte je nur
Ein Gesicht verloren gehen,
was heilge Seher einst gesehen?
Du musstest nach Gethsemane!

Doch, Barmherziger! Warum
stand solche Schrift in Deinem Buche?
warum ward’s Segens Quell zum Fluche,
zur tiefsten Schmach der höchste Ruhm?

Warum beim Blick in künft’ge Zeit
durchbrechen jene Freudensszene
geheimnisvolle Leidenstöne
im Buche der Gerechtigkeit?

Warum, als ihm gelang die Tat,
das Joch des Starken zu zerbrechen,
warum musst ihm die Ferse stechen
der Schlangenkopf, den Er zertrat?

In dichtem Dunkel schreitest du
einher, allwaltendes Verhängnis!
und führst die Geister im Gefängnis:
dich decken Ewigkeiten zu.

Es musste sein! O Gott, umsonst
sahst Du Dich um! Du sannst vergebens
zu schonen Deines Sohnes Lebens,
der Du die Himmel überthronst!

O heiligs Muss! – Notwendigkeit,
der sich der Allmacht Kräfte neigen!
wir beten an in sel’gem Schweigen:
denn du bist unsre Seligkeit.

O seligs Muss der Ewigkeit!
manch hart unselig Muss des Lebens
drückt uns, und spottet Widerstrebens:
doch du, du stillest all dies Leid.

Wenn uns Dein Mund, o Heiland! sagt
in’s Herz hinein, „ich musste leiden!“
so gib, dass wir das Wort nicht meiden,
dass Stolz, Scham, Furcht uns nicht verjagt!

Nein! lernen lass uns an dem Wort,
bis unser Innerstes durchschüttert
von seiner Allgewalt, erzittert
bis uns sein Schwert das Herz durchbohrt!

O heiligs Licht! o seligs Recht!
dass auf der fluchbeladnen Erde
des ew’gen Segens fähig werde
der Menschen sündiges Geschlecht.

Das musste sein! so hilf uns nun,
dass wir zu Deiner Wahl zum Segen,
du Fluch für uns! die unsre legen,
und Dir am Segensbusen ruhn!

Behm, Martin – Schau an, mein Herz, wie Jesus Christ

Im Ton: Jesu Christe meins Lebens Licht rc.

1. Schau an, mein Herz, wie Jesus Christ
Zuletzt am Kreuz still worden ist,
Nachdem er hat sein Not verbracht,
Damit seins Lebens End gemacht.

2. Gar säuberlich sein Haupt er neigt,
Sich an Gebärden still erzeigt
Und schlief fein sanft und ruhig ein;
Das mag ein Fürst des Lebens sein.

3. Sein Haupt hat er zu uns geneigt,
Damit sein Lieb und Treu bezeigt,
Die er zu uns aus Gnaden trägt,
Weil er in Todes Staub sich legt.

4. Des dank ich dir, Herr Jesu Christ,
Weil mirs zu gut geschehen ist.
Hilf auch, dass ich mich zu dir neig
Und dir Gehorsam stets erzeig.

5. Doch so ich etwa mich verirrt,
Dass ich mein Glauben übel ziert,
So hilf, dass ich mich vor dir bück,
In Demut mich zu bessern schick.

6. Käm denn der Tod und griff mich an,
Des sich kein Mensch erwehren kann,
So hilf, dass ich mich neig zu dir,
Damit er fänd kein Recht an mir.

7. Ich halt mich an dein Testament,
Das ist mein Trost am letzten End.
Das himmlisch Reich ist mir bescheidn,
Das ist mein Trost in meinem Leidn.

8. Weil du geschwächt des Todes Macht
Und hast das Leben wiederbracht,
So bitt ich durch dein Gütigkeit,
Mach mich zum Sterben recht bereit.

9. Damit ich fein vernünftiglich
Einschlaf ganz fein und säuberlich
Und also komm zu guter Ruh,
Sobald ich tu mein Augen zu.

10. Auf dich mein Haupt ich niederleg,
Wenn ich im Leib kein Ader reg.
Hilf, dass mein Sterben so geling,
Dass ich vom Tod ins Leben dring.

Amen.

Elisa von der Recke – Bei dem Andenken des Lebens und der Leiden Jesu.

Durchdenk ich meines Heilands Leben,
Was fühlt für ihn mein liebend Herz!
Welch Beispiel hat er mir gegeben!
Wie heldenmütig ist sein Schmerz!
Wie menschenfreundlich seine Freuden!
Wie mitleidsvoll, wie groß gesinnt
Selbst gegen die, die seiner Leiden
Und seines Todes Stifter sind.

Zwar klagt er auch bei seinen Schmerzen
Doch, welche göttliche Geduld!
Mit seinem ganzen edlen Herzen
Traut er auf seines Vaters Huld.
Lass diesen Kelch vorüber gehn!
Ruft er in seiner Seelenpein,
Doch, Herr, dein Wille soll geschehn,
Der meine nicht, denn ich bin dein.

Die Freuden, die sein Herz empfindet,
Sie gründen bloß auf Wohltun sich.
Wo er Verlassne traurig findet,
Zeigt er als Rat und Helfer sich.
Die Blinden suchet er zu leiten;
Den Hungrigen bricht er das Brot;
Er hält die aufrecht, welche gleiten;
Und hilft den Kranken in der Not.

Und willig ist er zum vergeben!
Wiee fleht er selbst auch noch für die,
Die ihm den Kreuzestod gegeben,
„Erbarme, Herr, dich über sie!
Dies waren seine letzten Bitten,
Und so, so starb der Tugendheld,
Er, der zu unserm Heil gelitten,
zu sein ein Beispiel für die Welt.

Ja! dir, mein Heiland, nachzuahmen,
Verleih mit Stärke, Mut und Treu;
Dass ich nicht nur bloß nach dem Namen
Ein Christ, – nein! — auch durch Taten sei.
Lass mich nie von der Tugend weichen,
Auf dieser rauen Lebensbahn,
Und selbst dein hohes Bild erreichen,
So weit es meine Schwachheit kann.