Zinzendorf, Nikolaus von – Ermutigung in Christo.

Erfreue meinen blöden Geist,
Du freudenreicher Heiland!
Denn wenn Du mir das Herz erfreust
Wird’s anders geh’n, als weiland,
Da Sorgen und Beschwerlichkeit
Mir meine Freude störten,
Und oft in einer kurzen Zeit
Den besten Mut verkehrten.

Zeuch mich aus aller Schwierigkeit,
Die sich bisweilen zeiget,
Und mache selbst Dich an den Streit,
So oft mich’s übersteiget;
Wirst Du mit mir zur Arbeit geh’n,
Und wirst mir helfen machen,
So werd‘ ich nie verlegen steh’n,
Auch in den schwersten Sachen.

Zinzendorf, Nikolaus von – Bitte um gnädige Festhaltung.

Jesu, ach, entzeuch mir nicht
Dein huldreiches Angesicht;
Siehe mich in Gnaden an,
Der Du für mich g’nug getan.

Meine Sündenlast ist groß;
Mache mich derselben los;
Gib, dass Deine Liebeshuld
Überwiege meine Schuld!

Deine starke Liebesglut
Löschet keine Wasserflut;
Sie ist tiefer, als das Meer,
Höher, als das Sternenheer!

Lass mich Dir fein eingesenkt!
Alles, was nicht Du bist, kränkt;
Lass, o liebster Heiland, mich
Völlig stets genießen Dich!

Deines Namens Süßigkeit
Sei versiegelt allezeit
Fest in meines Herzens Grund,
Unser Bund ein ew’ger Bund!

Zinzendorf, Nikolaus von – Von der hohen Abkunft der Seele.

Seele, ach Seele, du kennest dich nicht:
Möchtest du lesen,
Wie du gewesen,
Und durch dies Zeugnis auch wieder genesen,
Prächtig entflammtes, nun schattiges Licht!
Aber, ach Seele, du kennest dich nicht!

Wäre dein Ursprung dir besser bekannt,
Möchtest du wissen,
Was dir entrissen,
Aber auch wiederum werden wird müssen;
Wahrlich, o Seele! du würdest entbrannt,
Wäre dein Ursprung dir besser bekannt!

Siehe, dein Vater, dein Schöpfer und Gut,
Hat dir gegeben,
Oben zu schweben,
Über den andern erschaffenen Leben;
Darum entsprangst du aus göttlicher Glut;
Gott war dein Schöpfer, dein Vater, dein Gut.

Seele! da warst du von oben gezeugt;
Die Kreaturen
Geben dir Spuren,
Ob auch in mancherlei Art und Naturen,
Wie sich doch alles zum Ursprunge neigt:
Seele! und du bist von oben gezeugt.

Sind doch die Kinder (man seh‘ sie nur an)
Denen geneiget,
Die sie gezeuget
Und unter ihre Gebote gebeuget;
Seele, so war es mit dir auch getan,
Also sahst du auch zum Vater hinan.

Jedes Geschöpf ist an Etwas gewöhnt,
Drinnen zu schweben,
Als seinem Leben,
Will auch dasselbige von sich nicht geben;
Seele! so hatt’st du dich aufwärts gewöhnt,
Und nach dem Gut aller Güter gesehnt.

Seele! ach, siehst du mit Ernste zurück:
Wird dein Gewissen
Sagen dir müssen,
Dass du dich los von dem Schöpfer gerissen;
o so erwäge dein ewiges Glück,
Seele! und eile zum Ursprung zurück!

Zinzendorf, Nikolaus von – Herzliche Ermunterung.

Wir wünschen, dass du Fleisch und Blut
An Jesu raues Kreuze schlügest,
Und dich mit keinem Tand mehr trügest:
So würde noch dein Ende gut.

Ergib dich ganz mit Leib und Seel
An unsern und an deinen Heiland,
Und träume nimmermehr wie weiland,
Und denk‘ an den Immanuel:

Damit dir, wann dein müdes Haupt
Einmal das letzte Kissen brauchet,
Und hier dein Feuer ausgerauchet,
Sein Arm und Schoß dort werd‘ erlaubt.

Zinzendorf, Nikolaus von – Von der Reue zur Seligkeit.

HErr! siehe Deinen bösen Knecht
Zu Deinen Füßen liegen,
Und, ferne von dem Kinderrecht,
Sich tief im Staube schmiegen!

Ich kann mir ja kein gut Gesicht
Von meinem HErrn versprechen,
Weil ich Sein gnadenvolles Licht
In mir gesucht zu schwächen.

Wie oft zog dieses Gnadenlicht
Mich hin zu Deinem Sohne!
Wie oft, o König, neigt’st Du nicht
Den Zepter von dem Throne!

Ach aber die in Unverstand
Dahingesunk’ne Seele
Beliebete den Kindertand
Der armen Leibeshöhle.

Jetzt macht mich mein Gewissen rot:
Mich schrecken die Gedanken:
Der Feind verklagt mich, und die Not
Durchreißet alle Schranken.

Ich bin von manchem Herzensstoß
Erschüttert, matt und müde;
Wie werd‘ ich meiner Schulden los?
Wie find‘ ich wieder Friede?

Sieh‘ da, mein Heil! ich kenne Dich
An Deiner Augen Strahlen:
Du kannst, auch glaub‘ ich festiglich,
Du wirst für mich bezahlen!

Zinzendorf, Nikolaus von – Seufzer um Gnade.

Nach Gnade ist mir weh:
Ich weinte eine See,
Wenn ich Den nicht wüsste,
Der Sich für mich hingab,
Dass Er die Sünden büßte,
Unter’m Richterstab,
Und zuletzt herab
Bis zum Tod und Grab.

O mein Immanuel!
Erbarm‘ Dich meiner Seel‘:
Sie ist freilich blöde,
Und hat des kein Hehl,
Denn ach, ihr Ruhm ist schnöde,
Dass Du, mein HErr Christ,
Ihr Erlöser bist,
Und sie untreu ist.

Tät‘ ich das sonst Jemand,
Was Dir von mir bekannt,
Wer’s auch immer wäre:
Sein Eifer würd‘ entbrannt,
Ich fühlte seine Schwere;
Das ist’s, was mich nagt,
Wenn das Lamm Nichts sagt,
Und sich nicht beklagt.

Lasst alle Langmut gleich
Im ganzen Gnadenreich,
Bei den Nationen,
Ja unter Gottes Zeug,
In Einem Herzen wohnen,
Ach, ihr guten Leut‘,
Seine Lindigkeit
Übertrifft sie weit.

O der getreue Mann!
Er lässt mich nicht im Bann;
Er bedenkt’s in Liebe,
Dass ich Nichts selber kann,
Und doch gern bei Ihm bliebe:
Der für Feinde bat,
Und Sein Volk vertrat,
Weiß ja immer Rat.

Lieb‘ ist Sein Element,
Den man den Treuen nennt;
Ich bin eine Seele,
An die Er Alles wend’t;
Anstatt dass ich mich quäle,
Bleib‘ ich in der Ruh‘,
Und seh‘ Ihm nur zu,
Was Er Gutes tu‘.

Wer sollte nun von mir
Nicht lauter Gutes hier
In der Zeit erwarten?
Und was für Pracht und Zier
Von meines Herzens Garten?
Aber kümmerlich
Grünt es kaum für Dich;
Ach, wie schäm‘ ich mich!

Mit mir zufrieden sein,
Das ist unmöglich, nein!
Zu dem Vater sagen:
Die Seele hält sich fein;
Und wenn der Feind wird klagen,
Zeugen im Gericht,
Wie ich wandl‘ im Licht:
Ach, das kannst Du nicht!

Verklagt bin ich gewiss,
Und über das und dies,
Mehr noch als ich gläube:
Wie, trittst Du vor den Riss,
Und hilfst dem Glied am Leibe?
Gib mir von dem Thron,
Jesu, Gottes Sohn,
Absolution!

Nun, Jesu Jehova!
Ich stehe wirklich da,
Und besteh‘ in Schande,
Du Selber weißt es ja,
Mit meinem Zeugenstande:
Ich hab’s keinen Hehl;
Bin doch Deine Seel,
Mein Immanuel.

O mein Immanuel!
Gesegne meine Seel,
Salbe sie mit Gnade,
Und mit dem Freudenöl,
Sprich zu der armen Made:
„Deine Schmach ist mein,
Mein Verdienst ist dein,
Du sollst selig sein.“

Ich glaub’s: so tilge dann,
HErr Jesu! allen Bann;
Gib mir Heil und Friede;
Blick mich in Gnaden an,
Und werde mein nicht müde!
Amen, es sei wahr!
Er, der Alles gar,
Mach‘ mich, wie Er war!

Zinzendorf, Nikolaus von – Liebe zu Jesu, dem Gekreuzigten.

Ein selig Herz führt diese Sprach‘:
Lieben, nur lieben ist meine Sach‘;
Meiner Seel‘ (Erretter im Geist umfangen,
Mit meiner Seel‘ an der Seinen hangen,
Das ist mein Teil!

Dass unser Heiland liebt, ist bekannt;
Er hat Sein Blut an die Welt gewandt;
Er liebt die Gemeine, Er liebt die Sünder,
Sonderlich liebt Er die kleinen Kinder;
Er liebt auch mich.

Er liebt so, wie man auf Erden liebt,
Wenn man sich Einem schon ganz ergibt,
Wenn man sich nichts Bess’res gedenkt zu finden,
Mag sich und will sich auch an Nichts binden,
Als nur an Das.

Dass Ihn was Sterbliches lieben mag,
Dies ist auch offenbar g’nug am Tag;
Lazarus, Johannes, Martha, Marie
Fanden dies selige Glück ohne Mühe;
Er liebte sie.

Also, geliebtester Schmerzensmann!
Wollst Du mich lieben wie Sankt Johann;
Wie die Magdalena will ich Dich küssen,
Und sehnlich warten zu Deinen Füßen
Auf Deinen Blick;

Weinen, wenn Du mir nicht immer bist,
Was eine Mutter dem Kindlein ist:
Merkt‘ ich um die Achseln nicht Dein Umarmen,
Fühlt‘ ich im Herzen nicht Dein Erbarmen,
Wär’s aus mit mir.

Verdenkt ihr mir’s, die ihr Helden seid,
Die ihr gewiegt seid im Glaubensstreit,
Und in seinen Proben? Ich will’s gestehen,
Dass ich mit euch nicht zugleich kann gehen;
Ich bin verwöhnt.

Tut ihr nur Taten und bindet euch
Kränze der Gnaden auf jenes Reich!
Ich will in so Hohes mein Herz nicht mengen,
Lasst mich nur immer und ewig hängen
An meinem HErrn!

Heiland! mein sündiges, armes Herz
Kennst Du durch manchen empfund’nen Schmerz;
Glauben, HErr, und Hoffen sind teure Gaben;
Aber das Lieben gehört zum Haben.
Dich hab‘ ich doch!

Und warum hab‘ ich Dich, Seelenmann?
Weil Du Dich gnädig nahmst meiner an;
Hätt’st Du Dich nicht selber an mich gehangen:
Ich wär‘ Dich nimmermehr suchen gangen;
Wer ist wie Du!