Claudius, Matthias – An – als ihm die – starb

Der Sämann sät den Samen,
Die Erd‘ empfängt ihn, und über ein kleines
Keimet die Blume herauf –

Du liebtest sie. Was auch dies Leben
Sanft für Gewinn hat, war klein dir geachtet,
Und sie entschlummerte dir!

Was weinest du neben dem Grabe,
Und hebst die Hände zur Wolke des Todes
Und der Verwesung empor?

Wie Gras auf dem Felde sind Menschen
Dahin, wie Blätter! Nur wenige Tage
Gehn wir verkleidet einher!

Der Adler besuchet die Erde,
Doch säumt nicht, schüttelt vom Flügel den Staub, und
Kehrt zur Sonne zurück!

Claudius, Matthias – Als Daphne krank war

Endymion.

Fremder Mann! Weißt du keine Grabstätte für mich?

Der Fremde.

Jüngling, deine Seele liebt!
Sanfter Jüngling! Aber sei nicht betrübt!
Sieh! Der Frühling kommt nun wieder,
Und die Nachtigall,
Und die Blumen kommen wieder,
Und der Widerhall,
Und wir singen Frühlingslieder,
Und denn fallen in den Schall
Tausend weiße Blüten nieder.
Jüngling! Sieh, der Frühling kommt nun wieder,
Und die Nachtigall.

Endymion.

Fremder Mann! Weißt Du keine Grabstätte für mich?

Claudius, Matthias – Als der Hund tot war

Alard ist hin, und meine Augen fließen
Mit Tränen der Melancholie!
Da liegt er tot zu meinen Füßen!
Das gute Vieh!

Er tat so freundlich, klebt‘ an mir wie Kletten,
Noch als er starb an seiner Gicht.
Ich wollt‘ ihn gern vom Tode retten,
Ich konnte nicht.

Am Eichbaum ist er oft mit mir gesessen,
In stiller Nacht mit mir allein;
Alard, ich will dich nicht vergessen,
Und scharr‘ dich ein,

Wo du mit mir oft saß’st, bei unsrer Eiche,
Der Freundin meiner Schwärmerei. –
Mond, scheine sanft auf seine Leiche!
Er war mir treu.

Claudius, Matthias – Phidile

Ich war erst sechzehn Sommer alt,
Unschuldig und nichts weiter
Und kannte nichts als unsern Wald,
Als Blumen, Gras und Kräuter.

Da kam ein fremder Jüngling her,
Ich hatt‘ ihn nicht verschrieben,
Und wußte nicht wohin noch her;
Der kam und sprach von Lieben.

Er hatte schönes langes Haar
Um seinen Nacken wehen;
Und einen Nacken, als das war,
Hab‘ ich noch nie gesehen.

Sein Auge, himmelblau und klar!
Schien freundlich was zu flehen,
So blau und freundlich, als das war,
Hab‘ ich noch keins gesehen.

Und sein Gesicht, wie Milch und Blut!
Ich hab’s nie so gesehen,
Auch, was er sagte, war sehr gut,
Nur konnt‘ ich’s nicht verstehen.

Er ging mir allenthalben nach,
Und drückte mir die Hände,
Und sagte immer Oh und Ach,
und küßte sie behende.

Ich sah ihn einmal freundlich an,
Und fragte, was er meinte;
Da fiel der junge schöne Mann
Mir um den Hals und weinte.

Das hatte niemand noch getan,
Doch war’s mir nicht zuwider,
Und meine beiden Augen sahn
In meinen Busen nieder.

Ich sagt‘ ihm nicht ein einzig Wort,
Als ob ich’s übel nähme,
Kein einziges, und – er flohe fort;
Wenn er doch wieder käme!

Claudius, Matthias – Der Philosoph und die Sonne

Der Philosoph

Du edler Stern am hohen Himmelszelt,
Du Herr und König deiner Brüder!
Du bist so gut gesinnt – du wärmest uns die Welt,
Und schmückst mit Blumen uns das Feld,
Und machst den Bäumen Laub, den Vöglein bunt Gefieder;
Du machst uns Gold, das Wunderding der Welt,
Und Diamant, und seine Brüder;
Kömmst alle Morgen fröhlich wieder,
Und schüttest immer Strahlen nieder –
Sprich, edler Stern am hohen Himmelszelt,
Wie wachsen dir die Strahlen wieder?
Wie wärmest du? Wie schmückst du Wald und Feld?
Wie machst du doch in aller Welt
Dem Diamant sein Licht, dem Pfau sein schön Gefieder?
Wie machst du Gold?
Sprich, liebe Sonn‘, ich wüßt es gern.

Die Sonne.

Weiß ich’s? Geh, frage meinen Herrn.

Claudius, Matthias – Ein Lied, hinterm Ofen zu singen

Der Winter ist ein rechter Mann,
Kernfest und auf die Dauer;
Sein Fleisch fühlt sich wie Eisen an,
Und scheut nicht Süß noch Sauer.

War je ein Mann gesund, ist er’s;
Er krankt und kränkelt nimmer,
Weiß nichts von Nachtschweiß noch Vapeurs,
Und schläft im kalten Zimmer.

Er zieht sein Hemd im Freien an,
Und läßt’s vorher nicht wärmen;
Und spottet über Fluß im Zahn
Und Kolik in Gedärmen.

Aus Blumen und aus Vogelsang
Weiß er sich nichts zu machen,
Haßt warmen Drang und warmen Klang
Und alle warme Sachen.

Doch wenn die Füchse bellen sehr,
Wenn’s Holz im Ofen knittert,
Und um den Ofen Knecht und Herr
Die Hände reibt und zittert;

Wenn Stein und Bein vor Frost zerbricht
Und Teich‘ und Seen krachen;
Das klingt ihm gut, das haßt er nicht,
Denn will er sich tot lachen.

Sein Schloß von Eis liegt ganz hinaus
Beim Nordpol an dem Strande;
Doch hat er auch ein Sommerhaus
Im lieben Schweizerlande.

Da ist er denn bald dort bald hier,
Gut Regiment zu führen.
Und wenn er durchzieht, stehen wir
Und sehn ihn an und frieren.

Claudius, Matthias – Ein Lied vom Reifen

Sirach, Kap. 43. v. 21.
Er schüttet den Reifen auf die Erde wie Salz.

Seht meine lieben Bäume an,
Wie sie so herrlich stehn,
Auf allen Zweigen angetan
Mit Reifen wunderschön!

Von unten an bis oben ’naus
Auf allen Zweigelein
Hängt’s weiß und zierlich, zart und kraus,
Und kann nicht schöner sein;

Und alle Bäume rund umher,
All‘ alle weit und breit,
Stehn da, geschmückt mit gleicher Ehr‘,
In gleicher Herrlichkeit.

Und sie beäugeln und besehn
Kann jeder Bauersmann,
Kann hin und her darunter gehn,
Und freuen sich daran.

Auch holt er Weib und Kinderlein
Vom kleinen Feuerherd,
Und marsch mit in den Wald hinein!
Und das ist wohl was wert.

Einfältiger Naturgenuß,
Ohn‘ Anfang drum und dran,
Ist lieblich, wie ein Liebeskuß
Von einem frommen Mann.

Ihr Städter habt viel schönes Ding,
Viel Schönes überall,
Kredit und Geld und golden Ring,
Und Bank und Börsensaal,

Doch Erle, Eiche, Weid‘ und Ficht‘
Im Reifen nah und fern –
So gut wird’s euch nun einmal nicht,
Ihr lieben reichen Herrn!

Das hat Natur, nach ihrer Art
Gar eignen Gang zu gehn,
Und Bauersleuten aufgespart,
Die anders nichts verstehn.

Viel schön, viel schön ist unser Wald!
Dort Nebel überall,
Hier eine weiße Baumgestalt
Im vollen Sonnenstrahl

Lichthell, still, edel, rein und frei,
Und über alles fein! –
O aller Menschen Seele sei
So lichthell und so rein!

Wir sehn das an und denken noch
Einfältiglich dabei:
Woher der Reif und wie er doch
Zustande kommen sei?

Denn gestern Abend, Zweiglein rein!
Kein Reifen in der Tat! –
Muß einer doch gewesen sein,
Der ihn gestreuet hat.

Ein Engel Gottes geht bei Nacht,
Streut heimlich hier und dort,
Und wenn der Bauersmann erwacht,
Ist er schon wieder fort.

Du Engel, der so gütig ist,
Wir sagen Dank und Preis.
O mach uns doch zum heil’gen Christ
Die Bäume wieder weiß!

Claudius, Matthias – Der glückliche Bauer

Vivat der Bauer, Vivat hoch!
Ihr seht es mir nicht an;
Ich habe nichts, und bin wohl doch
Ein großer reicher Mann.

Frühmorgens, wenn der Tau noch fällt,
Geh‘ ich vergnügt im Sinn,
Gleich mit dem Nebel ’naus aufs Feld,
Und pflüge durch ihn hin;

Und sehe, wie er wogt und zieht,
Rund um mich nah und fern,
Und sing‘ dazu mein Morgenlied,
Und denk‘ an Gott den Herrn;

Die Krähen warten schon auf mich,
Und folgen mir getreu,
Und alle Vögel regen sich
Und tun den ersten Schrei;

Indessen steigt die Sonn‘ herauf,
Und scheinet hell daher –
Ist so was auch für Geld zu Kauf,
Und hat der König mehr?

Und, wenn die junge Saat aufgeht,
Wenn sie nun Ähren schießt;
Wenn so ein Feld in Hocken steht,
Wenn Gras gemähet ist;

O wer das nicht gesehen hat,
Der hat des nicht Verstand,
Man trifft Gott gleichsam auf der Tat –
Mit Segen in der Hand;

Und sieht’s vor Augen: wie er frisch
Die volle Hand ausstreckt,
Und wie er seinen großen Tisch
Für alle Wesen deckt.

Er deckt ihn freilich, Er allein!
Doch hilft der Mensch, und soll
Arbeiten und nicht müßig sein.
Und das bekömmt ihm wohl.

Denn, nach dem Sprichwort, Müßiggang
Ist ein beschwerlich Ding,
Und schier des Teufels Ruhebank,
Für vornehm und gering.

Mir macht der Böse keine Not;
Ich dresch‘ ihn schief und krumm,
Und pflüg‘ und bau‘ und grab‘ ihn tot,
Und mäh‘ ihn um und um.

Und wird’s mir auch bisweilen schwer,
Mag’s doch! Was schadet das?
Ein guter Schlaf stellt alles her,
Und morgen bin ich baß;

Und fange wieder fröhlich an
Für Frau und Kind. Für sie
Solang ich mich noch rühren kann,
Verdrießt mich keine Müh‘.

Ich habe viel, das mein gehört,
Viel Gutes hin und her. –
Du droben! hast es mir beschert,
Beschere mir noch mehr.

Gib, daß mein Sohn dir auch vertrau‘,
Weil du so gnädig bist;
Lieb‘ ihn, und gib ihm eine Frau
Wie seine Mutter ist.