Gerhard Tersteegen – Jesu, den ich meine

Jesu, den ich meine,
Lass mich nicht alleine;
Steh mir stets zur Seiten,
Dass ich nicht mög‘ gleiten.
Gib dass ich dich sehe,
Wo ich geh‘ und stehe.
Jesu, den ich meine,
Lass mich nicht alleine.

Jesu, wer dich kennet,
Dich sein Alles nennet;
Wer dir ganz ergeben,
Kann ohn‘ dich nicht leben.
Lass mich dir gefallen,
Liebster Freund in Allen.
Jesu, rc.

Ich hab‘ mich verschrieben,
Dich, nur dich zu lieben.
Da ist Herz und Seele,
Dich mit mir vermähle!
Schmelz‘ durch deine Flammen
Uns in Eins zusammen!
Jesu, rc.

Du woll’st vor Gefahren
Nun dein Kind bewahren.
Halt mich eingekehret,
Sanft und ungestöret;
Bleib mir nah‘ im Grunde,
Herr, zu aller Stunde,
Jesu, rc.

Jesu, auf mich sehe,
Wo ich geh‘ und stehe.
Wenn ich fall und weiche,
Deine Hand mir reiche.
Tröste mich im Leide,
Stärke mich im Streite.
Jesu, rc.

Soll ich hier noch schweben,
Lass mich mit dir leben.
Mein Gesellschaft seie,
Die mich nur erfreue;
Denn es würd‘ auf Erden
Mir sonst bange werden.
Jesu, rc.

Mit dir schlafen gehen,
Und mit dir aufstehen;
Mit dir essen, trinken,
Und nach deinem Winken
Reden, schweigen, meiden,
Ruhen, wirken, leiden.
Jesu, rc.

Du und ich alleine
Wollen sein gemeine;
Lass mich ohne Sorgeu
In dir steh’n verborgen,
Fremde allen Dingen,
Die nur Unruh bringen.
Jesu, rc.

Dass es mich vergnüge,
Alle Odemzüge.
Tief vor dir mich beugen,
Lieblich in dich neigen,
Dich im Grund umfassen,
Nichts sonst in mich lassen.
Jesu, rc.

Willst du dich verdecken,
Lass mich nicht erschrecken,
Auch im Kreuz dich ehren,
Und nicht auswärts kehren;
Woll’st mich nur durchs Leiden
Dir zur Braut bereiten.
Jesu, rc.

Deine reine Liebe
Meinem Herzen gibe,
Dass ich noch auf Erden
Deine Lust mag werden;
Bis ich dich werd‘ droben
Schauen, lieben, loben:
Jesu, den ich meine,
Lass mich nicht alleine!

Gerhard Tersteegen – Gott ist nahe denen

Gott ist nahe denen,
Die auf ihn sich lehnen,
Und vertrauen bloß;
Die als arme Sünder,
Die als schwache Kinder
Sinken in den Schoß,
Der auch heut‘
Noch angelweit
Offen und ganz nah‘ uns allen.
Lass dich ganz drein fallen!

Wär‘ ich auf der Reise
Stark und schön und weise,
Möcht ich irre geh’n.
Starke sind vermessen,
Weise gottvergessen,
Schöne sich beseh’n.
Armes Kind,
Sei bloß und blind.
Tiefer nur in Gott verborgen,
Lass die Mutter sorgen!

Nun, ich lieb‘ die Kleinheit.
Hätt‘ ich nur die Reinheit,
Die den Kindeern ziemt!
Könnt‘ ich so ergeben
Grundeinfältig leben,
Wie man Kinder rühmt!
Jesu, mein,
Lass mich allein
Dich im Grunde lebend sehen,
So wird’s bald geschehen.

Dir will ich mich lassen;
Woll’st mich ganz umfassen,
Ewig wohl bewahr’n.
O du Schoß der Liebe,
Deinem Zug und Triebe
Lass mich tief erfahr’n.
Nimm mich ein
Und mach mich rein,
Dass ich’s mög‘ in allen Schaen
Wie dein Schoßkind machen.

Gerhard Tersteegen – Wo ist die Schule denn auf Erden

Wo ist die Schule denn auf Erden,
Da große Männer Kinder werden,
Und kleine Kinder heißen groß?
Wo ist die Schule, da man liebet,
Da man sein All’s zum Schulgeld gibet,
Da man zur Schul‘ geht, arm und bloß?

Wo lern‘ ich’s, dass ich All’s verlerne,
Und mich von mir und All’m entferne;
Da Ein Kind Einen Meister hört,
Und Eins nur hört, und Eins nur übet;
Und Ein sich an den Einen gibet,
Da man uns gibt, was man uns lehrt?

Da man uns lehrt, nur immer geben,
In Allem ohne Leben leben,
In Allem leiden ohne Leid;
In Allem folgen ohne Fragen,
Auf alle Fragen Ja zu sagen,
In allen Proben steh’n bereit?

Wo lernet man das tiefe Schweigen,
Beschau’n, Anbeten und sich Beugen,
In stiller, veiner Liebesbrunst?
Wo lernet man Gott bloß umfassen,
Das Nichtstun, und das Überlassen,
Wo lernet man die Kinderkunst?

Wo ist die Schule doch zu finden,
Der Ort, da Ort und Zeit verschwinden,
Weil nur ein stetes Jetzt da gilt?
Still Seele, lass dein Sorgen, Fragen,
Gott will dir’s selbst gern geben, sagen,
Im Seelengrund, wenn er dich stillt.

Gerhard Tersteegen – Jedes Herz will etwas lieben

Jedes Herz will etwas lieben;
Liebt’s nicht Jesum, kann’s nicht ruh’n:
Mein Herz, Herr, ist dir verschrieben;
Zu dir will’s, so nimm es nun!

Lass mich alle Welt verhöhnen,
Jesus soll mein Liebster sein:
Schönster unter allen Schönen,
Du gefällst mir nur allein.

Höchst anmutig und holdselig
Ist deins Angesichtes Glanz;
Du bist freundlich, süß und fröhlich,
Lieblich, und die Liebe ganz.

Da ich hasste, warst du günstig,
Gabst für mich dein teures Blut;
Liebst mich auch noch jetzt so brünstig;
Drum lieb ich auch dich, mein Gut.

Ich umfass mit dir dein Leiden,
Deine Armut, deine Schmach;
Ehre, Gut und alle Freuden
Dieser Welt, sind doch nur Plag‘.

Sonst will ich auf nichts mich wenden,
Wär‘ der Vorwand noch so fein,
Nicht die Liebeskraft verschwenden,
Dir gehört sie ganz allein.

Mach‘ dich mehr dem Herzen wichtig,
Täglich lieber, nimmer fern,
Alles Andre wahrlich nichtig,
Dass ich’s mag entbehren gern.

Halt bei dir mein Herz und Liebe,
Dass der Leib nur schwebe hier,
Bis ich, in so reinem Triebe,
Ewig Eines werd‘ mit dir.

Gerhard Tersteegen – Sollt‘ ich nicht gelassen sein

Sollt‘ ich nicht gelassen sein
In des Kreuzes Nacht und Pein,
Da mich Gottes Gnad‘ und Segen
Will von meinem Unflat fegen?

Jesus hat mich so geliebt,
Da er bis zum Tod betrübt;
Sollt‘ ich ihm nun zu behagen,
Nicht ein kleines Kreuzlein tragen?

Sollt‘ der Ton nicht heißen gut,
Was der Töpfer mit ihm tut?
Will mich Gott im Schmerz begraben
Sollt‘ ich’s anders wollen haben?

Nein, ich, leg‘ mich willenlos,
Wie ein Kind, in Vaters Schoß,
Schließ die Augen, streck die Hände:
Herr, wohlan, dein Werk vollende!

Nur in Gnaden schlage zu,
Nur dein Will‘ sei meine Ruh:
Will das Fleisch gleich immer klagen,
Schau nur, was mein Geist will sagen.

Was dich selbst nicht meint, verzehr
Durch des Leidens Gluth, mein Herr.
Sieh, ich lass‘ mich deinen Händen;
Du wollst mich durchs Kreuz vollenden.

Ach, möcht es noch heut gescheh’n!
Ach, wann werd‘ ich’s endlich seh’n,
Dass ich ganz befreit und reine,
Dir nur lebe, dich nur meine!

Nun, ich geb‘ mich völlig dran;
Hilf, Herr, dass ich leiden kann.
Wie du’s willst am liebsten sehen,
Lass es ewig nur geschehen.

Gerhard Tersteegen – Ach Gott, es taugt doch draußen nicht

Ach Gott, es taugt doch draußen nicht;
Man kommt um Ruh‘, um Kraft, um Licht.
Ich brauch zur Not Vernunft und Sinnen,
Doch wohn‘ am liebsten bei dir drinnen.

Ich bin der schlechten Dinge satt;
Man sieht, man hört, man denkt sich matt.
Ach, Mutterherz, drein ich mich senke,
Nimm ein dein Kindlein und es tränke.

Unschuldig sanfter Liebesgrund,
Ach lass mich in dir alle Stund
Hinfort nur eingesunken leben,
Dir kindlich, meinem Gott, ankleben.

Mein schmachtend Herz sich offen hält,
Gleichwie ein ausgedorrtes Feld;
Du Geistestau, du sanfter Regen,
Erquicke mich mit Gnad‘ und Segen.

Gerhard Tersteegen – Liebwerter, süßer Gotteswille

Liebwerter, süßer Gotteswille,
Mein Ankergrund, mein sich’res Schloss,
Des Geistes unverrückte Stille,
Ich schmiege mich in deinen Schoß.

O Wille, der mein Wohl verlanget,
Ich geb‘ mich deiner Leitung hin;
Mein Grund an deiner Brust nur hanget,
In still gelass’nem Kindersinn.

Das Bitt’re Gottes Will‘ versüßet,
Gut, alles gut, wenn der geschieht;
Das Beste, so man je genießet,
Schmeckt ohne diesen Willen nicht.

Wenn Welt und Sünd‘ und Teufel stürmen,
Gedenk‘ ich nur: „Gott will es so“,
„Er wird dich stärken und beschirmen!“
So werd‘ ich mutig, still und froh.

Ihr mögt Vernunft und Sinne rasen;
Das eig’ne Leben murre nur;
Mein tiefster Wille sei gelassen.
So stirbt der Wille der Natur.

Kann ich im Finstern dicht nicht sehen,
So halt‘ ich mich im Glauben still;
Dein Will‘ wird doch in mir geschehen,
Wenn ich nichts aus mir selber will.

O willenloses Kinderwesen,
Du engelreiner Seelenstand,
Dich hab‘ ich mir zum Zweck erlesen;
Da liegt mein Will‘ in Gottes Hand.

O Gottes Wille, mein Verlangen,
Mein Brot in Mangel und in Pein;
O Gottes Will‘, nimm mich gefangen,
So wird mein Wille frei und rein.

O Wille, mach es nach Belieben
Mit mir in Zeit und Ewigkeit;
Gib Freude, oder gib Betrüben,
Dich lieben ist die Seligkeit.

Herr, hilf, ertöt‘ das eig’ne Leben,
Die bittern Kräfte der Natur,
Dass ich dir ewig bleib‘ ergeben,
Und deinem Willen lebe nur.

Gerhard Tersteegen – O Jesu, göttlich Wunderkind

O Jesu, göttlich Wunderkind,
Das mir mein ganzes Herz entzünd’t,
Du woll’st mich nicht verschmähen!
Ich seh‘ mich sanft in stillem Sinn,
Im Geist zu deiner Krippe hin,
Und will dich recht besehen.
Lass dein‘ Aug’lein
Mich anblicken, In mich drücken
Deine Klarheit,
Und dein Kinderbild in Wahrheit.

O Unschuld, mehr als engelrein,
Du läss’st kein Sündenstäubchen ein,
O Spiegel ohne Flecken!
Du kleines Lamm nichts Arges denkst,
Bist Allen hold und Keinen kränkst,
Und musst den Tod doch schmecken.
Jesu, Wie du
Lass mich werden, Noch auf Erden;
Fremd dem Bösen,
Rein, unschuldig sei mein Wesen.

Die Einfalt leucht’t dir im Gesicht,
Du bist ganz Wahrheit, Recht und Licht,
Nichts Falsches kann sich regen.
Du suchst, mein Kindchen, nichts für dich,
Du meinst den Vater lauterlich
Ohn‘ eig’nes Überlegen.
Jesu, Wie du
Lass mich werden, Noch auf Erden,
Dass ich meine
Schlecht und recht nur dich alleine.

Du großer Schöpfer aller Ding‘,
Liegst da so klein und ganz gering‘,
O aller Demut Wunder!
Du hältst verborgen deinen Schein,
Du willst veracht’t und niedrig sein;
Wie läss’st du dich herunter!
Jesu, Wie du
Lass mich werden, Noch auf Erden,
Dass ich gerne
Von dir deine Demut lerne.

Dein Herz ist voller Gütigkeit,
Ich kann die süß’ste Freundlichkeit
Aus deinen Augen lesen.
Holdselig du dich Allen zeigst,
Und Allen deine Gnade reichst,
Du sanftes Kinderwesen.
Jesu, Wie du
Lass mich werden, Noch auf Erden,
Allen gütig,
Ganz gebrochen und sanftmütig.

Wie liegst du so gelassen, ach,
In Elend, Kält‘ und Ungemach,
Du lässest mit dir machen;
Man mag dich legen wie man will,
Du bleibst zufrieden, froh und still,
Die süßen Aeug’lein lachen.
Jesu, Wie du
Lass mich werden, Noch auf Erden,
Still, gelassen,
Was du schickest, zu umfassen.

Du liegst so unbekümmert da,
Und bist so schwach und dürftig ja,
Ein And’rer muss dich halten.
Du läss’st die Hände wickeln ein,
Und willst so recht abhängig sein,
Den Vater läss’st du walten.
Jesu, Wie du
Lass mich werden, Noch auf Erden,
Stets verborgen,
Auf dich trauen ohne Sorgen.

O ewig’s Wort, nun schweigest du,
Dein Geist, der ist in höchster Ruh,
Wie still sind deine Lippen!
Die Schaar der Engel bet’t dich an,
Die Hirten haben’s auch getan,
Doch schweigst du in der Krippen.
Jesu, Wie du
Lass mich werden, Noch auf Erden,
Lehr mich schweigen,
Und im Geist vor dir mich beugen.

Wie bist du nicht ein armes Kind,
Das keinen Raum im Hause find’t,
Bist mit dem Stall zufrieden.
Mich dünkt, dein ganzes Wesen spricht:
Weg Geld und Gut, ich will euch nicht,
Ich halt mich abgeschieden.
Jesu, Wie du,
Lass mich werden, Noch auf Erden,
Armut lieben,
Stets mich im Verleugnen üben.

Da liegst du so veracht’t und schlecht,
Gottes Sohn, gleichwie ein Knecht,
Von einer Magd geboren.
Die Hoheit, Ehr‘ und Herrlichkeit
Verleugnest du als Eitelkeit,
Hast lieber Schmach erkoren.
Jesu, Wie du,
Lass mich werden, Noch auf Erden,
Und begehren
Lieber Schmach als Lob und Ehren.

Du bist wohl recht ein Leidenskind;
Jetzt büßest du schon meine Sünd‘,
Es zeigen’s deine Tränen.
Du willst schon früh im Leiden sein
Und willig dich zu Kreuz und Pein
Von Mutterleib gewöhnen.
Jesu, Wie du,
Lass mich werden, Noch auf Erden,
Wollst mir eben
Solchen Leidenssinn auch geben.

Du schönes, liebes Engelein,
Ich müsst ein harter Felsen sein,
Wenn ich dich nicht sollt‘ lieben.
Was an dir ist, ist liebenswert,
Du bist es, den mein Herz begehrt,
Es sei dir ganz verschrieben.
Jesu, Nur du
Bist’s alleine, Den ich meine,
Lass auf Erden
Mich dein liebes Kind noch werden.

Mein Jesu, ich umarme dich,
Komm, drück‘ dein Kinderbild in mich,
Lass mich dir ähnlich werden.
Ein klein, unschuldig Kindelein,
So geh‘ ich in den Himmel ein
Noch weil ich leb‘ auf Erden;
Lebe, Schwebe
Abgeschieden, Still im Frieden,
Werd‘ auch droben
Dich in Unschuld ewig loben.

Gerhard Tersteegen – Gib Jesu, dass ich dich genieß

Gib Jesu, dass ich dich genieß
In allen deinen Gaben;
Bleib‘ du mir einzig ewig süß,
Du kannst den Geist nur laben.
Mein Hunger geht in dich hinein;
Mach du dich innig mir gemein,
O Jesu, mein Vergnügen!

O Lebenswort, o Seelenspeis,
Mir Kraft und Leben schenke;
O Brunquell reiner Liebe fleuß,
Mein schmachtend Herze tränke!
So leb‘ und fren‘ ich mich in dir,
Ach, hab‘ auch deine Lust in mir,
Bis in die Ewigkeiten.