Gerhard Tersteegen – Setze dich, mein Geist, ein wenig (Jesus am Kreuz)

Setze dich, mein Geist, ein wenig
Und beschau‘ dies Wunder groß,
Wie dein Gott und Ehrenkönig
Hängt am Kreuze nackt und bloß.
Schau die Liebe, Die ihn triebe
Zu dir aus des Vaters Schoß.

Ob dich Jesus liebt von Herzen,
Kannst du hier am Kreuze sehn.
Schau, wie alle Höllenschmerzen
Ihm bis in die Seele gehn,
Fluch und Schrecken Ihn bedecken.
Höre doch sein Klag’getön.

Seine Seel‘, von Gott verlassen,
Ist betrübt bis in den Tod;
Und sein Leib hängt gleichermaßen
Voller Blut und Wunden rot;
Alle Kräfte, Alle Säfte
Sind erschöpft in höchster Not.

Dies sind meiner Sünden Früchte,
Die, mein Heiland, ängsten dich.
Dieser Leiden schwer Gewichte
Sollt‘ zum Abgrund drücken mich.
Diese Nöthen, Die dich töten,
Sollt‘ ich fühlen ewiglich.

Doch du hast für mich besieget
Sünde, Tod und Höllenmacht;
Du hast. Gottes Recht genüget,
Seinen Willen ganz vollbracht,
Und mir eben Zu dem Leben
Durch dein Sterben Bahn gemacht.

Ach, ich Sündenwurm der Erden,
Jesu, stirbst du mir zu gut?
Soll dein Feind erlöst werden
Durch dein eigen Herzensblut?
Ich muss schweigen Und mich beugeu
Für dies unverdiente Gut.

Seel‘ und Leben, Leib und Glieder
Gibst du Alles für mich hin;
Sollt‘ ich dir nicht schenken wieder
Alles, was ich hab‘ und bin?
Ich bin deine Ganz alleine,
Dir verschreib ich Herz und Sinn.

Dir will ich durch deine Gnade
Bleiben bis im Tod getreu;
Alle Leiden, Schand und Schade
Sollen wich nicht machen schen.
Deinen Willen Zu erfüllen,
Meiner Seele Weise sei.

Tränk‘ mit deinem Blut mich Armen,
Es zerbricht der Sünden Kraft;
Es kann bald mein Herz erwarmen
Und ein neues Leben schafft.
Ach, durchfließe, Ach, durchsüße
Mich mit deinem Lebenssaft.

Zeuch durch deines Todes Kräfte
Mich in deinen Tod hinein;
Lass mein Fleisch und sein Geschäfte
Mit dir angenagelt sein.
Dass mein Wille Sanft und stille,
Und die Liebe werde rein.

Lass in allen Leidenswegen
Deine Leiden stärken mich,
Dass mein Leiden mir zum Segon
Mag gedeihen stetiglich,
Dass mein Herze Auch im Schmerze
Ohne Wanken liebe dich.

Wenn mich schrecken meine Sünden,
Wenn mich Satans List ansicht,
Wenn ich Kraft und Gnad‘ kann finden,
Woll’st du mich verlassen nicht.
Lass dein Sterbeit Mich erwerben
Trost im Tod‘ und im Gericht.

Jesu, nun ich will ergeben
Meinen Geist in deine Hand;
Lass mich dir alleine leben,
Bis ich nach dem Leidensstand
Bei dir wohne In der Krone,
Dich beschau‘ im Vaterland.

 

Ernst Wilhelm v. Wobeser und Heinrich v. Bruiningk – Du meines Lebens Leben

Du meines Lebens Leben,
Du meines Todes Tod,
Für mich dahingegeben
In tiefste Seelennot,
In Marter, Angst und Sterben,
Aus heißer Liebsbegier,
Das Heil mir zu erwerben:
Nimm tausend Dank dafür!

2. Ich will nun mit dir gehen
Den Weg nach Golgatha;
Lass mich im Geiste sehen,
Was da für mich geschah!
Mit innig zartem Sehnen
Begleitet dich mein Herz,
Und meine Augen tränen
Beim Blick auf deinen Schmerz.

3. Erst komm‘ ich zu der Stätte,
Wo Jesus für mich rang,
Wo Blutschweiß beim Gebete
Ihm aus den Adern drang.
Ach, diese blut’gen Tropfen,
Die Seele, todbetrübt,
Und seines Herzens Klopfen Sohn,
Sagt mir, dass er mich liebt!

4. Da seh‘ ich, dass ich Armer
Des Fluches würdig bin;
Da gibt sich mein Erbarmer
Für mich zum Opfer hin.
Hier flossen seine Klagen,
Sein tränendes Gebet,
Dass ich nicht muss verzagen,
Wann’s einst zum Sterben geht.

5. Mein Heiland wird verraten,
Geführt zu Spott und Qual;
Ach, meine Missetaten,
Die brachten allzumal
Ihn vors Gericht der Heiden
Und in der Feinde Hand;
Ich war’s, ich sollte leiden,
Was da mein Bürg‘ empfand!

6. Seht, welch ein Mensch! Er stehet
Geduldig wie ein Lamm;
Und nun wird er erhöhet,
Ein Fluch, am Kreuzesstamm,
Vollendet da sein Büßen,
Der Welt, auch mir zu gut;
Aus Händen, Seit‘ und Füßen
Strömt sein Versöhnungsblut.

7. Du flehst am Kreuz für Feinde;
Mein Jesu, wer war ich?
Du denkst an deine Freunde;
Gedenk, Herr, auch an mich!
Du machst den Schächer selig,
Verheißest ihm dein Reich;
Das macht mich Sünder fröhlich,
Mich, der dem Schächer gleich.

8. Du klagst voll Angst im Herzen:
„ Mein Gott verlässet mich! “
Du dürstest in den Schmerzen,
Und niemand labet dich.
Nun soll dein Leid sich enden;
Du rufst: Es ist vollbracht!
Empfiehlst des Vaters Händen
Den Geist. Es war vollbracht!

9. Ich seh ‚ mit Lieb‘ und Beugen
Des Heilands letzten Blick,
Ich seh‘ sein Haupt sich neigen;
Das war mein ew’ges Glück.
Mein Bürge stirbt, ich lebe,
So todeswert ich bin;
Er gibt sich mir, ich gebe
Mich ihm zu eigen hin.

10. O du, an den ich glaube,
Und den mein Geist umfasst,
Der du im Todesstaube
Für mich gelegen hast!
Auf dein Verdienst und Leiden
Vertrau‘ ich ganz allein;
Darauf will ich einst scheiden
Und ewig bei dir sein.

11. Erhalt mir deinen Frieden
Und deines Heils Genuss,
Solang‘ ich noch hienieden
In Schwachheit wallen muss,
Bis endlich dir zu Ehren,
Der mich mit Gott versöhnt,
Dort in den obern Chören
Mein Hallelujah tönt!

Weiße, Michael – Gelobt sei Gott, der unser Not

1.) Gelobt sei Gott, der unser Not
Und Dürftigkeit wohl hat erkannt,
Derhalben seinen Sohn gesandt.

2.) Auf dass er in diesem Elend
Die Werk seiner göttlichen Händ‘
Führet zum allerbesten End‘:

3.) Sein’n Willen uns zu wissen tät,
Leidend am Kreuze für sie bet,
Damit uns ewiglich verträt,

4.) Ein Priester wär in Ewigkeit,
Bestätiget durchs Vaters Eid,
In großer Ehr‘ und Herrlichkeit.

5.) Denn durch Bocksblut, wie Paulus spricht,
Und durch Brandopfer würden nicht
Unser Sachen vor Gott geschicht.

6.) Niemand, denn nur Christus allein,
Der hier ohn‘ alle Sünd‘ erschien,
Macht uns mit seinem Opfer rein.

7.) Als er am Kreuz sein Blut vergoss,
Sich für uns opfert nackt und bloß,
Wusch er uns rein und macht und los.

8.) Dies Opfer wird nun gerühmet,
Denn es hat uns Gott versühnet
Und die Seligkeit verdienet.

9.) Vater, sieh an, wie dieser Mann,
Christus, unser Sünd‘ auf sich nahm,
So schwer Ding trug ans Kreuzes Stamm,

10.) Sich ganz und gar auf dem Altar,
In aller Gnad und Heiligkeit,
Opfert ins Todes Bitterkeit!

11.) O Gott, steh bei und benedei,
Mach uns durch dieses Opfer frei,
Dass unser Herz stets bei dir sei!

12.) Wehr und lass nicht den bösen Wicht
Uns hindern in deiner Pflicht,
Durch Christum unser Zuversicht.

Weiße, Michael – Christus, der uns selig macht

1.) Christus, der uns selig macht,
Kein Bös hat begangen,
Der ward für uns in der Nacht
Als ein Dieb gefangen,
Geführt vor gottlose Leut
Und fälschlich verklaget,
Verlacht, verhöhnt und verspeit,
Wie denn die Schrift saget.

2.) In der ersten Tagesstund
Ward er unbescheiden,
Als ein Mörder, dargestellt
Pilato, dem Heiden.
Der ihn unschuldig befand,
Ohn Ursach des Todes.
Ihn derhalben von sich sandt
Zum König Herodes.

3.) Um drei ward der Gottessohn
Mit Geißeln geschmissen
Und sein Haupt mit einer Kron
Von Dornen verrissen.
Gekleidet zum Hohn und Spott ward
Er sehr geschlagen
Und das Kreuz zu seinem Tod
Musst er selber tragen.

4.) Um sechs ward er nackt und bloß
An das Kreuz geschlagen,
An dem er sein Blut vergoss,
Betet mit Wehklagen.
Die Zuseher spotten sein,
Auch die bei ihm hingen,
Bis die Sonn auch ihren Schein
Entzog solchen Dingen.

5.) Jesus schrie zur neunten Stund,
Klaget sich verlassen.
Bald ward Gall in seinen Mund
Mit Essig gelassen:
Da gab er auf seinen Geist
Und die Erd erbebet.
Des Tempels Vorhang zerriss
Und manch Fels zerklöbet.

6.) Da man hatt‘ zur Vesperzeit
Die Schächer zerbrochen,
Ward Jesus in seine Seit‘
Mit ein’m Speer gestochen.
Daraus Blut und Wasser rann,
Die Schrift zu erfüllen,
Wie Johannes zeiget an,
Nur um unsert Willen.

7.) Da der Tag sein Ende nahm
Der Abend war kommen,
Ward Jesus vom Kreuzesstamm
Durch Joseph genommen.
Herrlich nach jüdischer Art
In ein Grab geleget
Allda mit Hütern verwahrt,
Wie Matthäus zeuget.

8.) O hilf, Christe, Gottes Sohn!
Durch dein bitter Leiden
Dass wir dir stets Untertan
All Untugend meiden.
Deinen Tod und sein Ursach‘
Fruchtbarlich bedenken.
Dafür wiewohl arm und schwach,
Dir Dankopfer schenken.

unbekannt – Die sieben Tagzeiten.

Anfang des sechzehnten Jahrhunderts.

Einzelner Druck, mit zwei andern Liedern zusammen, 3 Bl. 4°. Siehe H. Hoffmann Geschichte d. deutsch. Kirchenliedes S. 192. Vergl. Nr. 153.

Zur mettenzeit gefangen ward
des vaters weisheit feine,
Das ist der gotlich ware Christ
in seiner menscheit reine;
Verraten, verkauft er do wart
den juden, die mit schalle
schlugen seinen leichnam zart,
seine jünger flohen alle.

Zur primzeit gefüret ward
Jesus vor Pilaten,
Die große falscheit ward fürgekart,
sie war auf in geraten.
Sie schlugen jm halsschläge hart,
sein augen sie jm verunden,
sie spien an sein antlitz zart,
sie schlugen jm vil wunden.

Zur teciezeit spottlich gekleidt,
in purpur und in seiden,
Do rief zumal die judischeit:
am kreuze sol er leiden.
Ein dornekron sein heubt durchgrub,
geschach von unser schulde,
den tramen auch seiner achseln trug,
den tod den mußt er dulden.

Zur sechsten zeit genagelt ward
an das kreuze mit schalle.
So jn von herzen dursten ward,
tränchten sie jn mit galle.
Zwen schächer hiengen sie neben jn,
den ward er gleich geachtet,
das gab der muter traurigen sin,
verfemert und verschmachtet.

Zur none rief der süße Christ:
heli! mit ellende,
Vater, nimm in diser vrist
mein geist in deine hände!
Ein ritter in sein seiten stach
mit einem scharfen spere;
darnach groß erdbeben geschach,
die sonn ward scheine lere.

Jesus vom kreuz genommen ward
zur vesperzeit in leide,
Klägelich tät seine muter zart,
sie tät sam sie wolt verscheiden.
Ein sulchen tod gelitten hat
unsers lebens erzteie,
der eren kron er niderlag
von sünden also freie.

Zur completzeit begraben ward
in trüber handelunge
Der heilige leichnam gottes zart,
des lebens hoffenunge;
Mit salben gut bewart man jn,
die schrift die ward verendet:
den tod nim, mensche, in deinen sin,
so wird dein leid verwendet.

Liscovius, Salomon – Da Jesus an dem Kreuze stund

Die heiligen sieben Worte unsers Herrn.

Nach Anleitung und Wiese des Liedes von Johann Böschenstein: Da Jesus an dem Kreuze stund.

Da Jesus an dem Kreuze stund
Und war bis auf den Tod verwund’t
Von Dornen und von Schlägen,
So lehrt und tröstet doch sein Mund,
Verspricht auch Heil und Segne.

Erst fleht er um der Feinde Schuld:
Vergieb doch, Vater, aus Geduld,
Was sie sich unterfangen!
Dadurch soll Gottes Gnad und Huld
Ein Sünder noch erlangen.

Zum Andern sagt er mit Bedacht:
Johannes, nimm das Weib in Acht,
Weib, pflege deines Sohnes!
So sind auch wir von Gott gemacht
Zu Kindern seines Thrones.

Zum dritten tröstet er gar schön:
Fürwahr, du sollst mit mir eingehn
Zu meinem Paradeise!
So werden wir auch bei hm stehn
Nach unsrer Todesreise.

Zum Vierten klagt er seine Noth:
Warum hast du bis in den Tod,
Mein Vater, mich verlassen?
Hiervor soll uns der treue Gott
Mit süßem Trost umfassen.

Zum Fünften darbt und sehnt er sich:
Mich dürstet sehr, o Mensch, um dich!
Dafür wird uns Gott schenken
Der Seelen Heil, und ewiglich
Mit Wollustströmen tränken.

Zum Sechsten nimmt er guten Nacht,
Läßt uns den Trost: Es ist vollbracht,
Was zur Erlösung dienet!
Nun ist der Mensch mit Gottes Macht
Durch Christum ausgesühnet.

Zum Letzten ruft er mit Begier:
Herr, meinen Geist befehl ich dir
In deine Vaterhände!
Nun bleibet uns gewiß dafür
Ein selig Todesende.

O Jesu, deine Leidensnoth,
Dein Blut und deinen Schmerzenstod
Und deine sieben Worte
Laß sein mein Heil und Lebensbrot,
Mein Licht und Himmelspforte!

Pasig – M. Salomon Liscovius geistliche Lieder