Gerhard Tersteegen – Die Leiden des Herrn.

1. Fußwaschung.

Du Bild der Demut und der Güte,
Willst du ein Kuecht der Sünder sein?
Ei, wasche doch auch mein Gemüte
Und meinen ganzen Wandel rein.
Lass mich zu aller Menschen Füßen
Mich, als den Mind’sten, bücken gern;
Im Dienst des Nächsten überfließen
Und mich in Liebe ganz verzehr’n.

2. Abendmahl.

O Jesu, willst du mir auch geben
Dein paradisisch Fleisch und Blut,
Das mir bereitet ist zum Leben,
Da du gestorben mir zu gut?
Komm, gib mir denn dich selbst zur Speise,
Halt stets dein Abendmahl mit mir;
Erquick und stärk‘ mich auf der Reise,
Mein mattes Herz verschmachtet schier.

3. Hohepriesterliches Gebet.

Mein Hoherpriester, dessen Beten
Der Vater allezeit erhört,
Du woll’st mich stets also vertreten,
Bis ich in Eins vollendet werd‘;
So lang‘ ich leb‘ und schweb‘ auf Erden,
Dein armes, schwaches Kind bewahr.
Lass mich mit dir ganz Eines werden,
Und in dir mit der Frommen Schar.

4. Gethsemane.

Ach liebster Heiland, du musst zagen,
Du bist betrübt bis in den Tod.
Ich seh‘ der Sünden Last dich tragen,
Ich selber mach dir diese Not.
O Herr, mit dir in Trauern leben,
Ist besser, als viel eitle Freud‘,
Dein Zittern lass‘ mir Kräfte geben
Und Trost in aller Traurigkeit.

Ich sehe dich, mein Jesu, liegen,
Der Leidenskelch dich sehr erschreckt,
Doch kannst du dich so sanfte schmiegen,
Weil dir des Vaters Wille schmeckt;
Hilf mir in meinem Leiden beten,
Dass ich mich beug‘ und traue dir.
Gib, dass mein Will in allen Nöthen
In deinem Willen sich verlier‘.

Ich danke, Jesu, deiner Liebe,
Der du gerungen mit dem Tod,
Da dich die Angst zum Beten triebe,
Und schwitztest Blut in höchster Not.
Mach‘ mich in meinem Kampf beständig,
Ach, stärke meinen blöden Mut!
Ja, bete selbst in mir inwendig,
So kann ich kämpfen bis aufs Blut.

5. Gefangennehmung.

Den Feinden gehst du, Herr, entgegen,
Du küssest den Verräter noch;
Ein Wörtchen kann sie niederlegen,
Und läss’st dich willig greifen doch.
Gib, dass ich auch dein Kreuz mit Freuden
Dir täglich willig trage nach;
Und auch das Werkzeug meiner Leiden
In Liebe gern umfassen mag.

Du läss’st dich binden und dich zwingen,
Unschuldig, doch in sanftem Sinn,
Du läss’st dich führen, schlagen, drängen,
Du stilles Lamm, zur Schlachtbank hin.
Ach, mach mich dir auch so gelassen,
Ach, bind‘ und führ‘ mich ewiglich.
Gib, dass ich schweige gleichermaßen,
Wenn and’re Menschen plagen mich.

6. Hannas.

Man fragt dich aus als den Verräter;
Ich war der tückisch, böse Knecht.
Man schlägt dich als den Übeltäter,
Doch war dein Tun und Reden recht.
Herr, prüf‘ und siehe, wie ich’s meine;
Gib, dass ich ganz aufrichtig leb‘,
Und, wär‘ mein Tun auch noch so reine,
Doch nie dem Bösen widerstreb‘.

7. Petrus.

Es hat dein Leiden, Herr, vermehret,
Dass Petrus noch verrleugnet dich;
Dein holder Anblick ihn bekehret,
Drum weinet er so bitterlich.

Ach, mach mich weis‘ und treu in Allen,
Dass ich an deine Kraft mich halt‘;
Und wenn ich möcht aus Schwachheit fallen,
Dein Anblick mich erneue bald.

8. Das geistliche Gericht.

Auf falsche Anklag‘ du nur schweigest,
Die Läst’rer trägst du in Geduld,
Und da du von der Wahrheit zeugest,
Wirst du verdammet ohne Schuld.
Ich bin, wenn du nach Recht willst richten,
Des Todes und der Hölle wert;
Drum muss ich schweigen, mich mit nichten
Erzürnen, was mir widerfährt.

Du wirst verspottet und verspeiet,
Man schlägt dein göttlich Angesicht,
Damit ich möchte sein befreiet
Von Spott und Pein in dem Gericht;
Hilf, dass ich alle Schand‘ und Plagen
Nicht fürchte, noch mich räche gar;
Die mich auf einen Backen schlagen,
Den andern ihnen biete dar.

9. Das weltliche Gericht.

Man führt dich vor Gericht unschuldig,
Und, ob man dich verleumdet gleich,
Schweigst du doch still und bist geduldig,
Weil du kein irdisch Königreich.
Gib, dass ich auch der Welt absage,
Und such‘, was himmlisch ist, allein;
Dass ich getrost an jenem Tage
Vor deinem Richterthron mag sein.

Du wirst geschleppet und gejaget
Mit Schanden durch die Stadt herum,
Gleichwie ein albrer Narr geplaget,
Gefragt, verklagt, bist dennoch stumm.
Gib, dass ich auch in Schmach und Leide
Mich so gelassen geb‘ dahin;
Viel Wort‘ und Ruhm bei Menschen meide,
Und gern für nichts geachtet bin.

Den Lebensfürsten man verstößet,
Und um den bösen Mörder schrei’t;
Gar schändlich wirst du, Herr, entblößet,
Man geißelt dich mit Grausamkeit.
Ach, lass mich Allem ganz absagen,
Und stets erwählen dich allein.
Willst du mit deiner Zuchtrut‘ schlagen,
So mache mich wur still und klein.

Man krönt dich mit der Dornenkrone,
Man beuget sich aus Spott vor dir.
Nun sitz’st du auf dem höchsten Throne,
Ich beug‘ mich auch im Geist allhier;
Ich grüße dich, mein Herzenskönig;
Mein Herz sei dir ein Königreich;
Trag‘ ich die Dornenkron‘ ein wenig,
So werd‘ ich dir auch droben gleich.

Verspottet und zerkraht, verspeiet,
Wirst du zum Schauspiel hingestellt;
Den Heiland Jeder verabscheuet,
Weil Keinem die Gestalt gefällt.
Du schlechter Jesu bist mir lieber,
Als aller Hoheit falscher Schein;
Dir will ich folgen, sollt‘ ich drüber
Ein Schauspiel aller Menschen sein.

10. Verurteilung.

Du musst das Todesurteil hören,
Doch weiß man deine. Unschuld wohl.
Dein Stilleschweigen kann mich lehren,
Wie ich mich schuldig halten soll.
Wirst du, mein Richter, mir vergeben,
So acht‘ ich Menschenurteil nicht.
Mein alter Mensch, der soll nicht leben,
Mein Geist ihm auch sein Urteil spricht.

Dein Kreuz musst du, o Jesu, tragen,
Mit zween Mördern durch die Stadt;
Man hat dich wohl dazu geschlagen,
Da du so ganz erschöpft und matt.
Lass mich mein Kreuz auch willig nehmen,
Und dir, mein Heiland, tragen nach.
Ich will mich deiner Schmach nicht schämen,
Doch trage mit, weil ich so schwach.

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11. Kreuzigung.

Mit Gallentrank wirst du getränket,
An’s Kreuz genagelt jämmerlich;
Für die, so grausam dich gehenket,
Du bittest noch so gnädiglich.
Lass mich den Leidenskelch nicht scheuen,
Mit dir an’s Kreuz mich bind‘ allhier,
Dass sich mein Herz nicht mög‘ erfreuen
In ein’gen Dingen außer dir.

Du hängst verschmäht am Schädelorte,
Versprichst dem Mörder Gnad‘ und Ruh;
Du redest trostesvolle Worte
Der Mutter und dem Jünger zu..
Nun bist du in dein Reich gekommen,
Herr Jesu, ach, gedenke mein.
Gib, dass ich mög‘ mit allen Frommen
In deiner Lieb‘ vereinigt sein.

12. Der Tod Jesu.

Du schwebst in höchster Not verlassen,
Da du mir Gnad‘ und Heil erwirbst.
Als wenn du wolltest mich umfassen,
So neigest du das Haupt und stirbst.
Mach‘ meinen Eigenwillen neigen
Und mit dir sinken in den Tod.
Ich schenk mich ewig dir zu eigen,
Verlass‘ mich nicht in meiner Not.

Du läss’st dir öffnen deine Seite,
Woraus uus Blut und Wasser fleußt;
Der Glaube saugt, und auch noch heute
Viel Gnad‘ uud Leben draus geneußt;
So steht mir denn dein Herz nun offen,
O Jesu, zeuch mich tief hinein.
Du hast auch mir mein Herz getroffen,
Ich muss mit dir ein Herze sein.

13. Grablegung.

Du wirst gesalbet und bewunden,
Und in ein neues Grab gelegt.
Ich hab auch dir eiu Grab gefunden,
Doch ist es alt und kalt und schlecht.
Komm aber in mein Herz nur liegen,
So wird es wieder schön und neu.
Gib, dass ich allem Weltvergnügen
Als tot und ganz begraben sei.