Albert Zeller – Klopft ich noch einmal an

Klopft ich noch einmal an
Von meines Elends Gassen,
Dass du nicht aufgetan,
Wenn Alles mich verlassen?
Hast du nicht tausendmal
Mich selbst hereingerufen,
Wenn ich voll Scheu und Qual
Stand an des Hauses Stufen?

Und trat ich ein bei dir,
Wie hast du mich empfangen,
Als hättest du nach mir,
Nicht ich nach dir Verlangen;
Als hätt ich dir ein Gut,
Ein köstliches, zu bringen,
Dir Herr, in dessen Hut
Der Schatz von allen Dingen!

Du heißt die schwere Last
Mich von den Schultern nehmen,
Wie einen lieben Gast
Mich häuslich zu bequemen;
Sprichst mir so freundlich zu.
Verbindest meine Wunden,
Und lässt in süßer Ruh
Das kranke Herz gesunden.

Du zeigst mir sanft und klar,
Wo ich bin irr gegangen,
Und wo mein Auge war
Von Schein und Trug umfangen;
Lehrst wieder mich mit Fleiß
Des rechten Weges Zeichen,
Dass ich nun besser weiß,
Mein Ziel noch zu erreichen.

Du weißt, wie Leiden tut,
Und hasts für mich erfahren;
Heißt mich, den guten Mut
Erhöhen und bewahren;
Gespeist, getränkt und stark
Greif ich zum Wanderstabe,
Und fühle bis ins Mark,
Was ich empfangen habe.

Manch unaussprechlich Wort
Hab ich von dir vernommen,
Und darf an jedem Ort
Und allzeit wieder kommen,
Wenn meine Kraft versiegt,
Und meine Knie wanken,
Und wenn die Seele fliegt
Zum Jubel und zum Danken.

Könnt ich nur aller Welt
Und jedem Wandrer sagen,
Dem es so sehr missfällt
Hier in der Wallfahrt Tagen,
Was solche Einkehr heißt,
Wie sie den Sinn erquicket,
Wenn sich nur Herz und Geist
In ihre Wohlfahrt schicket!

Einst kommt ein selger Tag,
Da darf ich wohnen bleiben;
Nichts in der Welt vermag
Mich ferner zu vertreiben.
O Gott! wie wird das sein
Ein Jubel ohne Ende:
Ach siehe gnädig drein,
Vollende, Herr, vollende!

Albert Zeller – Das Größte, was du Herr an mir getan

Das Größte, was du Herr an mir getan,
War, dass du nahmst, die du mir einst gegeben,
Dass ich im Nehmen durfte dich empfahn,
Im Tode selbst das lebensvollste Leben.

Wohl saß ich früh zu deiner Boten Fuß,
Und lauschte froh der wundervollen Mähre,
Dass dieses Leben nur der Morgengruß
Aus deiner Ewigkeiten Fülle wäre.

Wohl sagte mir des eignen Herzens Schlag,
Durchzückend mich mit einer heilgen Ahnung,
Dass dieses Sein sei nur der erste Tag
Des ganzen Seins und Alles seine Mahnung.

Ich sah und hörte früh der Erde Not,
Und glaubte fest an deine hohe Sendung,
An deiner Liebe schöpfungsreichen Tod,
Und unsres Jammers gnadenvolle Wendung.

Ich eilte hin am heilgen Ostertag
Zu deinem Grab mit Marie Magdalenen,
Wie noch die Welt in tiefem Schlummer lag,
Und was ich sah, ging über all mein Sehnen.

Ich sah dich kommen und dann wieder gehn
In deines Leibes himmlischer Verklärung
Und alle Toten mit dir auferstehn,
Und meiner tiefsten Fragen Vollgewährung.

Ich sah dir nach, wie du zum Himmel gingst,
Der dich zu unsrem ewgen Heil gesendet,
Und deines Vaters Gotteslohn empfingst,
Nachdem du hier sein großes Werk vollendet:

Und glaubte tief mich selber eingeweiht
In deines Lebens wundervollen Segen,
Und mich von aller Angst und Not befreit,
Und hörte deinen Gruß auf allen Wegen.

Doch als ich sah mich selbst ins Grab gesenkt
In ihr, die mir als eignes Ich gegeben,
Da fühlt ich erst, was uns in dir geschenkt,
In deinem Sterben, wie in deinem Leben.

Und wie das Schwert durch meine Seele ging,
Drang erst dein Wort mit ganzer Kraft zum Herzen,
Und unter namenlosem Weh empfing
Mein Geist die Taufe deiner Todesschmerzen.

Dein Ruf war stärker als mein Angstgeschrei;
Die Erde wollte unter mir sich spalten;
Und vor dem Heiligtume riss entzwei
Der Vorhang, der mein Auge noch gehalten.

Und dein und meiner ward ich nun gewiss,
Wie ich es nie zuvor war je gewesen,
Und schloss sich auch vor meinem Aug der Riss,
Ich hatte in dem deinigen gelesen.

Und Blick und Herz und Anker blieb zurück
In deines Tempels heiliger Bewahrung,
Und meines Lebens Licht und Trost und Glück
Ist dieser Stunde selge Offenbarung.

Albert Zeller – Meine Herde will ich weiden

„Meine Herde will ich weiden“
Hast du Herr zu uns gesprochen,
Und du hast zu keinen Zeiten
Je dein heilig Wort gebrochen.
Wie ein treuer Hirte gehet,
Willst du gehn mit deinen Schafen,
Der zu ihren Seiten stehet,
Ob sie wachen, ob sie schlafen.

Und die Lämmer willst du sammeln
In den starken Liebesarmen;
Wenn sie ihre Wünsche stammeln,
Herzlich ihrer dich erbarmen;
Willst sie in dem Busen tragen
Die Verlassenen, die Kleinen;
Wenn sie um die Mütter klagen,
Sie in deinem Schoß vereinen.

Und die Mütter willst du führen
Als der ewig treue Hirte,
Jung und Alt, und milde rühren,
Was sich nur von dir verirrte;

Locken, rufen, heilen, pflegen,
Was sie mögen nur bedürfen,
Dass sie aus dem Quell voll Segen
Stündlich neue Labung schlürfen.

Guter Hirte sonder Gleichen
Sollten wir dir nicht vertrauen?
Willst du uns doch Alles reichen
Gern auf deines Lebens Auen:
Ja, in deine treuen Hände,
Seien Alle wir empfohlen,
Und zu deiner Wege Ende
Wirst du Lämmer, Mütter holen.

Albert Zeller – Und immer neue Kränze leg ich auf dein Grab

Und immer neue Kränze leg ich auf dein Grab,
Ein still Gedächtnis einzig schöner Jahre;
Hängt doch ein ganzer Frühling rings herab;
Ein Kranz ist fertig, eh ich es gewahre.

Wie weit vom Ufer steuert schon das Schiff,
Seitdem ich dich zum letztenmal gesehen;
Wie gings vorbei an manchem Felsenriff,
Wie wohl und weh ist mir indes geschehen!

Wie manche Blüte ward indessen Frucht
Mein Herz und Auge wonniglich entzückend!
Wie manche Knospe in der Tage Flucht
Zur holden Blume, innig mich beglückend!

Und wie viel Keime schlummern noch im Schoß
Des Werdens still und ahnungsreich verborgen!
Und ringen sich allmählig schwellend los
Zu einem frischen wundervollen Morgen!

Wie mancher Stunde überreiches Glück
Ward nur im Flug des Augenblicks genossen;
Wie schau ich dankbar sinnend nun zurück,
Und zähl die Schätze, die es eingeschlossen!

So bin ich arm und reicher als ich war,
Mein Glück und meines Leides Heil bedenkend,
Und meine Seele innig, still und klar
Ins Meer der Liebe bis zum Grund versenkend.

Verschwunden sind im blauen Himmelsschein
Des Kirchhofs enge schmerzerfüllte Mauern;
Ich schaue Leben, Werden, frohes Sein,
Zum Jubel wird das tränenreiche Trauern.

Und nah und immer näher leuchten mir
Die Berge Gottes, die mir Hilfe bringen:
Bei solchem Anschaun solcher Festeszier
Könnt ich am Grabe Hochzeitlieder singen.

Elisa von der Recke – Gott ist die Liebe.

Seligste der Lebensstunden,
Wenn mein Geist empor zu Gott
Sich im kühnsten Fluge schwingt!
Und mir dann im kleinsten Staube,
Wie durch Sonn‘ und Sternenglanz,
Ew’ge Liebe sichtbar wird.

Schmückte sie nicht unsre Fluten?
Schmückte sie den Himmel nicht
Mit der höchsten Schönheit Reiz?
Sind auf der Geschöpfe Leiter
Millionen Wesen nicht,
Die sich ihres Daseins freuen?

Gab zum fröhlichen Genusse
Dieses Lebens, Gott uns nicht
Tugendfreuden ohne Zahl?
Und den Geist, der sie empfindet,
Schuf den Gottes Güte nicht,
Ew’ger Wonne sich zu freun?

O du Wesen aller Wesen,
Deine Güt und Herrlichkeit
Fasset auch der Seraph nicht!
Staunend fühlt er deine Größe
Fühlet, hoher Freude voll,
Dass du unermesslich bist.

Seligste der Lebensstunden,
Wenn mein Geist empor zu Gott
Sich im kühnsten Fluge schwingt!
Unter mir entflieht die Erde:
Vorgefühl der Himmelslust
Hebt mich zu den Seligen.

Elisa von der Recke – Zufriedenheit in Gott

Wenn aufgeklärte Frömmigkeit
Des Menschen Seele schmücket,
Mit welcher Selbstzufriedenheit
Fühlt sie sich dann beglücket!
Sie kennet Gott, ihr Glaube spricht,
In Demutvoller Zuversicht:
Ich habe Gott zum Freunde!

Ist ihr kein irdisch Glück beschert;
Sie weiß es zu entbehren,
Und hält nur Güter wünschenswert,
Die mit ihr ewig währen,
Sie fühlt in ihrem Innersten
Erhabnere Vergnügungen,
Als die der Weltmensch kennet.

Wer fühlt wie sie der Freundschaft Glück,
Der Tugend reine Freuden?
Wer schwingt wie sie mit heiterm Blick
Sich über Grab und Leiden?
Wer kann wie sie der Krankheit Not,
Und wer geliebter Freunde Tod
Mit solchem Mute tragen?

Ja, selig ist der Geist, wann er
Sich ganz in Gott versenket!
Er kennt, wie weise gut und hehr
Der Schöpfer alles lenket.
Wie er mit Tugend Glück vereint,
Wie huldvoll er den Menschenfreund
Bemerkt, und hochbeseligt!

O! wer den guten Gott nicht liebt,
Der kennet nicht die Wonne,
Die echte Gottesliebe gibt.
Sie wirket gleich der Sonne,
Die in die kleinsten Pflanzen bringt,
Und sie zum schönsten Wachstum bringt:
So reift sie uns zum Glücke.

Gottfried Arnold – Bewachung der Gnadentriebe.

Ach Seele, sei gewarnt vor Schaden,
Damit die falsche Freiheit nicht,
Die deinem Sinn von Hoheit spricht,
Dich führe zu des Leichtsinns Pfaden,
Wenn etwa Gottes Licht zur Freude,
Lieb‘, Andacht eine Glut in dir,
Bei seines Geistes süßer Weide,
Erweckt mit starker Lobsbegier!

Denn bleibst du nicht in Demut stehen,
Mit Wachsamkeit und Treu verwahrt,
Im Geist gebücket, nach der Art,
Wie bei der Weisheit Zucht zu sehen:
So wird dein Herz gar bald erkalten,
So weicht sein weiser Liebesgeist;
Du wirst nicht seine Kraft behalten,
Er selber scheint dir fern gereist.

Drum lerne auch mit Fried‘ und Freuden
In tiefgelassner Niedrigkeit
Und wahrer Gottgelassenheit
Im Kreuze ungezwungen leiden!
Dann darfst du nicht um Schaden klagen,
Denn Jesus wird dir Alles sein,
In Freud‘ und Leid wird Er dich tragen;
Senk nur in Ihn dich gänzlich ein!

Gottfried Arnold – Betrug der weltlichen Geschäftigkeit.

Ach Sündentrug! – ihr zauberischen Kräfte
Der falschen Liebe, giftig-süßes Gut
Der falschen Freud‘, ihr scheinbaren Geschäfte
Des falschen Dienst’s – ihr seid’s, die ihr das tut!

Der eitle Wahn, was Nützliches zu lehren,
Zog mich aus mir und meines Jesu Ruh
In fremde Pflicht, Sein Werk in mir zu stören;
Ich ließ mich selbst, und lief auf And’re zu.

Da ward mir Lieb‘ und Zeit und Kraft benommen;
Die Freiheit des Gewissens ward gekränkt.
Der Geist kann nicht zu seiner Fülle kommen,
Wenn ihm die Welt aus ihrem Becher schenkt.

Die Eigensucht macht kleine, schwache Seelen,
Die Zauberei bringt so lang‘ ins Gedräng,
Und kann auch wohl den stärksten Helden quälen,
Bis sie ihn lähmt mit ihrem Netzgepräng;

Da ruft sie alle Feinde über ihn;
Die falsche Kraft verblendet ihm die Augen,
Nimmt vollends gar den letzten Mut dahin;
Wozu soll dann ein so Geschwächter taugen?

Ach, Jesu! gib mir meine vorige Kraft!
Ich will gern mich vor allen Dingen scheiden;
Ich bin nur Dein! Was keinen Frieden schafft,
Herr, das lass mich und alle Seelen meiden!

Gottfried Arnold – Bußklage.

Ach, Herr! wo ist nun meine vorige Kraft?
Kann ich mehr, wie vormals, ein und aus
Vor Dir so gehen, was hat mich daraus
Gebracht, und mir verzehrt den Lebenssaft?

Einst war ich wie ein schnelles, muntres Reh,
Voll Geistesstärke, Leben voller Lieb,
Frei, unverstrickt, geführt von deinem Trieb,
Nichts wissend von der Leidenschaften Weh.

Nun aber ist die Herrlichkeit fast hin,
Der tapf’re Mut, das männlich-wack’re Herz,
Voll Glaubenslicht in Ohnmacht und in Schmerz;
Nun seh‘ ich erst; ich bin nicht, wer ich bin!

Gottfried Arnold – Zeiten der Trockenheit.

O heilge Gotteskraft,
Die neues Leben schafft:
Wie kommt’s, dass mein Gemüte
Oft überreiche Güte
Empfindet in der Tat
Mehr, als es Glauben hat?

Wie muss ich oft dabei,
Von mir und Allem frei,
In Liebe ganz zerfließen,
Wenn Du mich willst begießen
Mit frischem Morgentau
Dass ich dein Antlitz schau‘!

Wie geht’s dann aber zu,
Dass mitten in der Ruh
Du mir das Licht entziehest
Und wie beleidigt fliehest?
Liebst Du doch mich so sehr:
Warum bleibst Du nicht mehr?

Ach Jesu, dies geschieht,
Damit nicht mein Gemüt
Dein überdrüssig werde,
Und halt‘ es für Beschwerde
Mit Dir dein Liebesjoch
Zu tragen weiter noch.

Dein Fliehen lehret mich
Dich suchen inniglich,
Dich, den Gesuchten, halten,
Dich willig lassen walten,
Weil außer Dir gewiss
Nicht Ruhe noch Genieß.

Dennoch ist deine Treu‘
Mir alle Morgen neu;
Die lieb‘ muss Dich fast drücken,
Wenn Du sie nicht kannst schicken
Auf ein unachtsam Herz,
Das sich neigt erdenwärts.

Wie dürstet dein Gemüt,
Bis das Gebet geschieht!
Eh‘ wir noch zu Dir schreien,
Kann uns dein Wort erfreuen:
„Hie bin ich, siehe mich!
Ach halt mich innerlich!“.

Ihr Seelen, kommt heran!
Es such‘ Ihn, wer nur kann!
Es lässt sich immer finden
In tiefen Herzensgründen;
Drum bleibet es dabei,
Dass Er der Liebste sei!