Johann Anastasius Freylinghausen – Geduld ist not

Weise: Es kostet viel, ein Christ zu sein.

1. Geduld ist not, wenns übel geht
Und uns das schwere Joch des Kreuzes drücket.
Nicht jedermann da in der Prob besteht,
Wenn er geht unter dieser Last gebücket;
Drum mag das Kreuz mit Recht zu nennen sein
Ein Prüfestein.

2. So frech und trotzig unser Mut,
Wenns geht nach unsers Fleisches Lust und Willen
So sehr erschrickt man vor der Kreuzesrut,
Es lässt die Zagheit schwerlich sich verhüllen;
Wie kleinlaut macht der unverhoffte Schmerz
Das blöde Herz!

3. Kaum rührt uns Gottes Finger an,
So fangen wir schon an mit Macht zu schreien:
Herr, schone, schone mein! die Kreuzesbahn
Scheint uns sobald den Untergang zu dräuen.
Vernunft denkt, wenn sie hört ein Lüftlein wehn:
Nun ists geschehn.

4. Ach, dass doch Gott ein Wunder tat!
Spricht man, so bald das erste Weh sich reget,
Ein Wunder, dadurch das, was früh und spät
Mich quält, zu Boden würde stracks geleget.
Das Fleisch erzittert stets vor seinem Tod,
Drum scheuts die Not.

5. Gott aber fraget viel danach,
Was unsre Zärtlichkeit von ihm begehret.
Er mehrt die Glut und presst aus manches Ach,
Anstatt dass er uns unser Bitt gewähret.
Dürft er uns doch auch, wenns nach uns sollt gehn
Kaum scheel ansehn.

6. Der Eigenwill wollt zwar ins Reich
Mit andern treuen Kämpfern gern eingehen;
Dass aber er mit ihren hier zugleich
Erst leiden soll, das will ihm nicht anstehen.
Wie gern wollt er doch mit gekrönet sein,
Nur ohne Pein.

7. Dadurch wird aber Gott sein Spiel
Verderbt, das er mit uns, den Seinen, treibet.
Man kehrt die Ordnung um, die uns zum Ziel
Der Glorie führt und ihr uns einverleibet;
Es wird der weise Rat, den er bedacht,
Zunicht gemacht.

8. Drum tut Gott wohl, dass er sich nicht
An seine zarte Heiligen groß kehret,
Dass er uns ungefragt ein Bleigewicht
Der Zentnernot anhängt und also wehret,
Dass nicht sein Schluss an uns allhier auf Erd
Vereitelt werd.

9. Indessen bleibt er fromm und treu,
Lässt uns nicht ohne Maß geängstet werden;
Sein Gnadenlicht wird bei uns täglich neu,
Dadurch er uns erleichtert die Beschwerden;
Ja, endlich bricht, wenn sein Will ist vollbracht,
Die Kreuzesmacht.

10. Erkenne dies, du armer Staub,
Und lerne dich in Gottes Wege schicken.
Sei nicht stracks wie ein leicht und bebend Laub,
Wenn dich die Not- und Trübsalspressen drücken.
Schau auf die treu und süße Vaterhand
In solchem Stand.

11. Sie will dadurch zu deinem Heil
Nur deine Treu, Geduld und Demut üben.
Drum ehre ihn in solchem deinem Teil,
Sei still und lass dich nichts zu sehr betrüben.
Nur unverzagt! halt einen kleinen Strauß
Ohn Murren aus.

12. Sei männlich und steh felsenfest,
Lass keinen Sturm zum Unmut dich bewegen,
Und wenn er dich ein wenig zappeln lässt,
Getrost! so wird das Wetter sich bald legen.
Denk, wenn er dich führt mitten in den Tod:
Geduld ist not.

Johann Anastasius Freylinghausen – Der Christen Verborgenheit in Gott und zukünftige Herrlichkeit.

Weise: Mein Herzens-Jesu, meine Luft.

1. O Licht vom Licht, o Vaters Glanz,
O Wahrheit und das Leben,
Der du als Gott und Mensch dich ganz
Zum Opfer hingegeben
Für uns, und darauf deine Macht
Aus deines großen Vaters Kraft
Wie ein Held angenommen.

2. Als Hoherpriester stirbest du,
Als König hast du wieder
Verlassen deine Todesruh
Und mit dir deine Glieder
Der Höll entführt, hast deinen Lauf
Nach ausgestandner Kreuzestauf
Zum Vater fortgesetzet.

3. Derselbe hat dich, seinen Sohn,
Gesetzt zu seiner Rechten,
Dass du auf deinem Ehrenthron
Für deine Braut sollst fechten
Und ihrer Feinde List und Werk
Durch deine große Löwenstärk
Zu Spott und Schanden machen.

4. So hat durch Todesleiden dich
Mit Preis und Schmuck gekrönet,
O Gott, dein Gott und wunderlich
Den Stein, so da verhöhnet,
Zum Eckstein seiner Kirch gewählt,
Zum Ehrenhaupt, das da beseelt
Die Glieder seines Leibes.

5. Er hat dir alles untertan
Und dir das Reich beschieden;
Doch dieses niemand leugnen kann,
Dass wir, so da hienieden,
Dein Reich und deine Herrlichkeit
Nicht recht erkennen, bis zur Zeit
Der siebenten Posaune.

6. Da wird das Leben, das noch jetzt
In Gott sehr tief verborgen,
Ausbrechen wie ein heller Blitz,
Wenn jener liebe Morgen
Nach vorgegangnem Abendlicht1Sachar. 14, 7.
Wird sein, und jener Bösewicht
Zum Abgrund stark versiegelt.2Offenb. 20, 1 ff.

7. So gehts auch uns, die wir erbaut
Aus deinem Fleisch und Beinen,
Die du dir als dein Weib vertraut
Und die du als die Deinen
Alleine kennest und in dir,
O unbefleckte Gotteszier,
Gezeichnet und geschrieben.

8. Wir sind in deinen Tod getauft
Und samt dir auch begraben;
Da hast du uns, die du erkauft,
Mit Licht, mit Heil und Gaben,
Mit Ehr und Herrlichkeit erfüllt;
Doch ist dies alles noch umhüllt
Mit Sünd und Schwachheitswindeln.

9. Wir sind wohl selig und von dir
Inwendig schön geschmücket;
Doch sind wir uns verborgen schier,
Weil uns noch täglich drücket
Versuchung, Schwachheit, Furcht und Not,
Und dieser Leib zu Staub und Kot
Noch dermaleinst muss werden.

10. Ich selbst sag oft mit jener Braut,
Die du doch dir ernennet:
Ich bin sehr schwarz, auf mich nicht schaut,
Die Sonn hat mich verbrennet;
Mein Jakob und Immanuel,
Ich bin Lea und nicht Rahel,
Wie soll ichs dir verhehlen.

11. Viel weniger will mich die Welt
Erkennen und groß achten,
Weil ich mich schäm, nach Ehr und Geld
Und ihrer Lust zu trachten.
Nenn ich in Demut mich dein Kind,
So wird sie rasend, toll und blind,
Wie Kaiphas, der Heuchler.

12. Also bin ich, Herr Jesu Christ,
Mit dir in Gott verborgen,
So lange bis du kommen wirst
Und vollends von den Sorgen
Dein Zion, die geliebte Braut,
Darauf dein freundlich Auge schaut,
Erlösen und befreien.

13. Dann will ich dir, o Gotteslamm,
Mit Pracht entgegen gehen,
Wie eine Braut dem Bräutigam,
Und dir zur Rechten stehen;
Da soll dein Esther frei vor dir
Am gläsern Meere für und für
Auf ihrer Harfe spielen.3Offenb. 15, 2.

14. Hier ist des Königs Tochter zwar
Inwendig schön gezieret,
Dort aber wird sie ganz und gar
Auswendig sein polieret
Mit schön gestickter Kleider Schein,
Es wird kein Fleck noch Makel sein
An ihrem klaren Leibe.

15. Ach, drum brich auf, mein liebstes Heil,
Damit ich dich bald sehe,
Wenn ich dereinst in meinem Teil
Mit Daniel aufstehe. 4Daniel 12, 13.
Hier bleib ich doch verborgen mir
Und andern, bis du mich zu dir
Ins Paradies wirst führen.

Johann Anastasius Freylinghausen – Der 34. Psalm.

Weise: Folget mir, ruft uns das Leben.

1. Mein Herz soll den Herren loben
Und mein Geist soll stets erhoben
Rühmen seine Güt und Macht,
Die er an mir hat vollbracht.
Meine Seele soll ihn preisen,
Mein Mund soll ihm Dank erweisen,
Dass mein Lob auch tröstlich werd
Allen, die das Kreuz beschwert.

2. Kommt nur her und helft mir singen,
Helft mir ihm Dankopfer bringen,
Dass er mein Gebet und Flehn
Hat so gnädig angesehn.
Da mich große Furcht umfangen,
Ist sein Licht mir aufgegangen;
Da ich dacht, wie wirds noch gehn,
Ließ er Hilfe mir geschehn.

3. Dies ist unsers Gottes Weise;
Sagts nur nach zu seinem Preise,
Dass er keinen hilflos lässt,
Der ihn anschaut und hält fest,
Der wie Jakob mit ihm ringet
Und im Glauben ihn bezwinget;
Deckt ihn gleich die finstre Nacht,
Gott ists, der sie lichte macht.

4. Ich kann selbst nebst vielen andern,
Die durchs Tal des Kreuzes wandern,
Auch hievon ein Zeuge sein,
Dass, wenn uns drückt Not und Pein
Und wir um Errettung schreien,
Er uns Hilfe lässt gedeien;
Eh wir sollten untergehn,
Muss sein Engel für uns stehn.

5. Schmeckt und sehet doch die Liebe,
Die mit freiem, süßem Triebe
Aus dem Herzen Gottes fleußt
Und so reichlich sich ergeußt.
Wohl dem, der sich ihr vertrauet!
Der kann, wenn dem Bösen grauet,
Ruhig und gelassen sein,
Fiel auch gleich der Himmel ein.

6. Denn wer Gott im Glauben ehret,
Seinen Fuß von Sünden kehret,
Dessen Gut bleibt doch bestehn,
Sollt die Welt auch untergehn.
Wenn die Reichen darben müssen,
Hat, wer sich auf Gott beflissen,
Aus des höchsten Gnadenguss
Reichtum, Füll und Überfluss.

7. Drum kommt her und lasst euch lehren,
Wie man soll den Herrn verehren,
Dass man gute Tage seh
Und dem Fluch der Welt entgeh.
Lernet euch vor Gott recht beugen
Und, wenns übel gehet, schweigen;
Tut das Gute, übt nicht Rach,
Suchet Fried und jagt ihm nach.

8. Selig, wer sich lässt so finden!
Wahrlich, man kann nicht ergründen,
Mit wie zarter Liebesbrunst
Gott auf ihn wirft seine Gunst.
Aug und Ohr des Herrn steht offen,
Wenn ihn eine Not betroffen;
Dahingegen Gottes Rach
Andre trifft mit Weh und Ach.

9. Denn Gott liebet nur die Frommen
Und wer bös ist, muss umkommen;
Wer ein niedrig Herze hat,
Wird aus seiner Fülle satt.
Ein zerschlagner Geist empfindet,
Wie sich Gott mit ihm verbindet;
Scheints oft, Gott sei ihm nicht nah,
Eh mans meint, so ist er da.

10. Hier sind noch die Kreuzesstunden,
Sind wir darin treu erfunden,
So kommt eine andre Zeit,
Die nichts weiß vom Tod noch Leid.
Dort wirds erst recht besser werden,
Wenn uns Gott von dieser Erden
Dahin führt, wo er regiert
Und die Liebe triumphiert.

11. Hallelujah sei gegeben
Unserm Gott, der unser Leben
Von so mancher Not macht frei,
Unsre Banden reißt entzwei.
Er helf uns und allen Frommen,
Auch dahin, wo er ist, kommen,
Wo man immer frisch und froh;
Amen, es gescheh also.

Johann Anastasius Freylinghausen – Der 23. Psalm.

Weise: Wie wohl ist mir, o Freund der Seelen.

1. Jehovah ist mein Hirt und Hüter,
Nun wird kein Mangel treffen mich.
Auf grüner Auen seiner Güter
Erquicket er mich süßiglich;
Er leitet mich zu frischen Quellen,
Da häufig sich mir zugesellen
Viel krank und matte Schäfelein.
Wenn ich in Ohnmacht sinke nieder,
So holt er meine Seele wieder
Und flößt ihr Lebensbalsam ein.

2. Er führet mich auf rechten Wegen,
Er geht voran, ich folge nach;
Und wenn ich gleich in finstern Stegen
Und Tälern voller Ungemach
Durch dick und dünn, durch Dorn und Hecken
Muss wandern, soll mich doch nichts schrecken;
Denn du bist bei mir stetiglich,
Du bist mein Licht, mein Stern, mein Führer,
Dein Stab und Stecken mein Regierer,
Auf deinen Achseln ruhe ich.

3. Ein Mahl voll Himmelssüßigkeiten,
Ein Mahl von Fett, von Mark und Wein
Hast du bereitet, dass von weiten
Es sehn, die mir nicht günstig sein.
Du salbest mich mit Öl der Freuden,
Da weiß ich denn von keinem Leiden,
Bin voller Trost und Freudigkeit;
Den Durst des Geistes wohl zu stillen,
Muss mich dein voller Becher füllen,
Der Becher deiner Lieblichkeit.

4. Drum soll mich nun fort nichts bewegen,
Von dir, mein Hirt, zu setzen ab;
Mir folget nichts als lauter Segen
Und Gutes nach bis in mein Grab.
Der Tod mag Leib und Seele trennen,
Ich weiß, du wirst mir dennoch gönnen,
Zu sein ein Kind in deinem Haus;
Der Knecht mag nicht darin verbleiben,
Den Sohn kann niemand draus vertreiben,
Ob er gleich müsst zur Welt hinaus.

5. Hallelujah sei dir gesungen,
O holder Hirt, o süßes Lamm!
Ach, hätt ich hundert tausend Zungen,
Zu rühmen dich, mein Bräutigam!
Doch du willst nicht viel Zungen haben,
Nur Eins ist, das dein Herz kann laben,
Ein Herz, das dich nur liebt allein;
Das wollst du mir, o Jesu, schenken,
So will ich stets bei mir gedenken:
Mein Hirt ist mein und ich bin sein.

Johann Anastasius Freylinghausen – Preis der göttlichen Majestät und Liebe.

Weise: Du unvergleichlichs Gut, wer wollte dich nicht lieben.

1. Monarche aller Ding, dem alle Seraphinen
Mit Ehrerbietigkeit und tiefster Demut dienen,
Lass dein erhabnes Angesicht
Zu meiner Armut sein gericht’t.

2. Du bist die Majestät der höchsten Majestäten,
Vor deinem Glanz muss aller Glanz und Pracht erröten;
Doch bitt ich, zürne nicht mit mir,
Dass ich, der Staub, mich nah zu dir.

3. Du Vollenkommenheit hast zwar nicht deines Gleichen,
Doch darf drum nicht vor dir das Unvollkommne weichen;
Denn du vollkommner Vater du
Rufst deinen schwachen Kindern zu:

4. Kommt alle her zu mir, lasst euch nur nichts erschrecken,
Ich will den Glanz der Majestät mit Liebe decken;
Drum komm ich auch in meinem Teil,
Vor dir zu singen, schönstes Heil.

5. Du bist das A und O, der Anfang und das Ende,
Hilf, dass mein Herz zur dir, dem Anfang, sich stets wende,
Und ich in allem, was ich tu,
In dir als meinem Ende ruh.

6. Du bist das große Licht, dein Licht geht niemals unter,
Der kleinste Strahl von dir macht Leib und Seele munter;
O dass in deiner Heiterkeit
Erstürbe meine Dunkelheit!

7. Du bist die Liebe selbst, die lauter Liebe quillet,
Die aller Engel Herz mit Lust und Lieb erfüllet;
O Lieb, ergieß dich auch in mich,
Dass ich als Liebe schmecke dich!

8. Du bist die Lebenskraft, durch die sich alles reget
Was sich zum Guten nur in einger Art beweget;
O dass dein Leben meinen Tod
Verschlünge ganz samt aller Not!

9. Du bist das höchste Gut, nur du bist gut zu nennen;
O lass mich außer dir kein ander Gut erkennen!
Mach aber meinen Sinn und Mut
Durch dich und deine Gutheit gut.

10. So soll mein alles dich mit Ruhm und Preis erheben,
Ja, ich will selbst mich dir zum ganzen Opfer geben,
Und du wirst auch mit Luft in mir
Dein Bild erblicken für und für.

11. Ehr sei dir, großer Gott, du König der Heerscharen,
Des Himmels Chor jauchzt dir bei Millionen Paaren;
Ich jauchze mit schon auf der Erd,
Bis ich ein Himmelsengel werd.

Johann Anastasius Freylinghausen – Selbstermunterung zum Lobe Gottes.

Weise: Jehovah ist mein Licht und Gnadensonne.

1. Auf, auf, mein Geist, auf, auf, den Herrn zu loben!
Auf, auf, erwecke dich und säume nicht!
Was in dir ist, werd still und sanft erhoben
Zu Gott, Jehovah, unsrer Sonn und Licht.
Er ist allein Lob, Ehre, Preis und Ruhm
Zu nehmen würdig stets und überall;
Erhebe ihn mit frohem Jubelschall,
Geh ein in sein erhabnes Heiligtum.

2. Er ist das große Wesen aller Wesen,
Die höchst und einige Vollkommenheit;
Von ihm, durch ihn, zu ihm ist, wie wir lesen,
Das, was nur ist geworden in der Zeit.
Er hat und kennet seines Gleichen nicht;
Wer ist wie er und seine Majestät?
Vor ihr die Kreatur mit Zittern steht,
Sein Wohnhaus ist ein unzugänglich Licht.

3. Man sieht ihn nicht und ist doch wohl zu sehen,
Man gebe nur auf seine Werke Acht;
Da sehn wir ihn als vor den Augen stehen
Im Schmucke seiner weisen Gottheitspracht.
Die Himmel rühmen ihres Schöpfers Ehr,
Die Luft, die Erd und was im Meer sich regt,
Das alles den zu zeigen sich bewegt,
Der ist und heißt Jehovah unser Herr.

4. Was gut und fein nur kann genennet werden,
Was uns mit Lust und Lieblichkeit anlacht,
Was in sich fasst der Himmel samt der Erden,
Der große Bau von Schönheit und von Pracht,
Und was dies Rund nur köstlichs in sich schleußt,
Das kommt aus diesem unerschöpften Meer
Und dessen unerforschter Fülle her,
Er ist die Quell, die immer überfleußt.

5. Er ist das A und O, Anfang und Ende,
Der Erste und wird auch der Letzte sein;
Er ist zu spürn, wo man auch sich hinwende,
Das Heimlichste wird klar in seinem Schein.
Sein Licht ist nicht vermischt mit Dunkelheit,
Die Kraft, so ihm beiwohnt, wird nimmer schwach,
Er weiß in sich von keinem Ungemach,
Er ist und bleibt wie er war vor der Zeit.

6. Was er zusagt, dem kann man sicher trauen,
Die Tat stimmt mit den Worten überein;
Man darf mit ganzem Herzen darauf bauen,
Des Herren Ja ist Ja, sein Nein ist Nein.
Voll Recht und Billigkeit ist sein Gericht,
Er hat Geduld und übet Langmut aus,
Mit Heiligkeit hat er geziert sein Haus,
Er ist die Lieb, ders nie an Lieb gebricht.

7. Wie selig ist doch, der ihn also kennet
Und zu ihm Abba, Vater sagen kann!
Den er auch wiederum den Seinen nennet
Und ihn als Sohn und Tochter siehet an!
Nichts ist so hoch, nichts kann so herrlich sein,
Der höchsten Fürsten hoch erhabner Stand
Ist gegen dies zu rechnen lauter Tand,
Es ist zu schlecht, es bleibt ein öder Schein.

8. Herrscher, wie soll ich denn gnug erheben
Dich, dass du mich auch denen zugezählt,
Die du in Christo hast gebracht zum Leben
Und sie in ihm zu Kindern auserwählt?
Zwar seh ich dich jetzt nur im dunkeln Licht,
Doch weiß ich, es kommt künftig noch der Tag,
Da ich dich ohne Decke schauen mag
Von Angesicht zu frohem Angesicht.

9. Indes, mein Geist, auf, auf, ihn stets zu loben!
Auf, auf, erwecke dich und säume nicht!
Was in dir ist, werd sanft und still erhoben
Zu Gott, Jehovah, unsrer Sonn und Licht.
Er ist allein Lob, Ehre, Preis und Ruhm
Zu nehmen würdig stets und überall;
Erhebe ihn mit frohem Jubelschall,
Bis er dich bringt ins Himmelsheiligtum.

Johann Anastasius Freylinghausen – Der 42. Psalm.

Weise: Wo ist meine Sonne blieben.
Oder: Meine Armut macht mich schreien.

1. Wie ein Hirsch vom Durst gequälet,
Wenn ihm fehlet
In der Hitz ein frischer Quell,
Schreiend sich nach Wasser sehnet,
Also stöhnet
Nach dir, o Gott, meine Seel.

2. Meine Seele sich verzehret
Und begehret
Von dir, Strom der Süßigkeit,
Noch allhier getränkt zu werden
Auf der Erden
In des Durstes Peinlichkeit.

3. Ach, wenn, spricht sie, solls geschehen,
Dass zu sehen
Ich vermag dein Angesicht?
O wenn soll mit allen Frommen
Ich doch kommen
Hin zu deinem klaren Licht?

4. Denn jetzt bin ich so ungerne
Dir noch ferne;
Jeder Tag hat seine Not,
Weil der finstern Kräfte Scharen
Mich anfahren;
Wo ist, sagen sie, dein Gott?

5. Dürft und könnte ich doch laufen
Mit dem Haufen,
Der mit Preis und Lobgesang
Dich in Salems Hütten ehret
Und vermehret
Deinen Ruhm mit Saitenklang.

6 Aber dies muss ich entbehren
Und mit Zähren
Bei mir schütten aus mein Herz;
Ich muss Klagelieder singen
Und mit Ringen
Täglich häufen meinen Schmerz.

7. Stille, stille, Seele, stille!
Und, o Wille,
Gib dich in Gelassenheit.
Hoff auf Gott, so wird dein Klagen
Samt den Plagen
Sich verwandeln bald in Freud.

8. Unterdessen währts so lange,
Dass mir bange,
Dass ich finde keine Ruh.
Ich muss fühlen seine Ruten,
Seine Fluten
Schlagen ja auf mich nur zu.

9. Aber Gott bleibt doch die Liebe,
Darum übe
In dem Glauben die Geduld;
So wird dich bei Nacht und Tage
Statt der Plage
Noch erquicken seine Huld.

10. Ich will glauben, hoffen, dulden;
Meine Schulden
Haben es gar wohl verschuldt,
Dass mein Fels, der mein vergisset,
Mir zumisset
Tränenbrot statt seiner Huld.

11. Aber wenn die Feinde höhnen
Meine Tränen,
Dies ist mir ein bittrer Tod;
Wenn die Spötter in dem Zagen
Zu mir sagen:
Lieber, wo ist nun dein Gott?

12. Dennoch stille, Seele, stille!
Und, o Wille,
Gib dich in Gelassenheit.
Du sollst, so du nicht wirst wanken,
Ihm doch danken
In der Zeit und Ewigkeit.

Johann Anastasius Freylinghausen – Der 25. Psalm.

Weise: Mein Jesu, dem die Seraphinen.

1. Mein Geist, o Herr, nach dir sich sehnet,
Nach dir, der du ihm alles bist;
Mein Herz sich hoffend auf dich lehnet,
Fels, der bleibet, wie er ist.
Lass mich mit Schanden nicht bestehen,
Damit mein Feind nicht freue sich;
Vielmehr lass den, der wider dich
Sich fest, mit Schanden untergehen.

2. Denn keiner ist zu Schanden worden
Von Anfang bis auf diese Stund,
Der sich gefunden in dem Orden
Der Gläubigen von Herzensgrund.
Du hast der keinen nie verlassen,
Der dich zu seinem Gott gewählt;
Es hat ihm nie kein Gut gefehlt;
Du hassest nur, die dich, Herr, hassen.

3. Drum wollst du deinen Weg mir zeigen,
Den Weg, der mich zum Leben führt.
Zu deinen Steigen wollst du neigen
Mein Herz, das deine Kraft gerührt.
Lass meinen Fuß ja nimmer wanken
Von Wahrheit und Gerechtigkeit,
Von Unschuld und Gottseligkeit;
Dafür will ich dir immer danken.

4. Gedenk, o Herr, an dein Erbarmen,
Das weder End noch Anfang kennt.
Ach, schau in Gnaden auf mich Armen,
Der sich nach deinem Namen nennt.
Gedenke nicht der Kindheit Sünden
Und was die Jugend hat verschuldt,
Hab aber, Herr, mit mir Geduld
Und lass für Recht mich Gnade finden.

5. Der Herr ist gut, ja selbst die Güte,
Er ist von Herzen treu und fromm,
Leutselig, sanft ist sein Gemüte,
Drum spricht er zu dem Sünder: Komm!
Und leitet ihn auf seinen Wegen,
Die voller Ruh und Sicherheit;
Wer elend ist, sich des erfreut,
Für ihn bei Gott ist lauter Segen.

6. Ach ja, des Herren Weg ist richtig,
Wahrheit und Gnade ist sein Pfad.
Wer fromm ist und zum Glauben tüchtig,
Erfährt es wohl recht mit der Tat.
Der Unglaub ist nur nicht zufrieden,
Der Eigenwill sieht sauer aus,
Gott halte, wie er wolle, Haus;
Drum bleibt er auch von ihm geschieden.

7. Ach, siehe nicht an mein Verbrechen,
Bitt ich nochmals aus Herzensgrund;
Lass es dein strenges Recht nicht rächen,
Gedenke doch an deinen Bund,
Und was du bei dir selbst geschworen,
Dass der, so sich von Sünden kehrt,
Und seinem Fuß vom Unrecht wehrt,
Mitnichten solle sein verloren.

8. Wer fromm ist und den Herren scheuet,
Dem zeiget er den besten Weg;
Sein Geist wird immerdar erfreuet,
Er wandelt auf dem Friedenssteg.
Der Segen kömmt auf seinen Samen,
Des Herrn Geheimnis wird ihm kund,
Der Geist eröffnet seinen Mund,
Zu offenbarn des Herren Namen.

9. Zwar legt des Feindes List viel Netze
Dem, der nur Gott erwählet hat;
Er suchet, wie er ihn verletze
Und Schaden tue früh und spat.
Gott aber wachet für die Seinen,
Gibt sie dem Feinde nimmer preis,
Weil er sie wohl zu schützen weiß,
Er lässt sie nicht vergeblich weinen.

10. Drum will ich mich zu dir auch wenden,
Wenn ich elend und einsam bin;
Du wirst mir Hilf aus Zion senden
Und trösten den geängsten Sinn.
Ja, führe mich aus meinen Nöthen,
Vergiss, vergiss die Missetat,
Die dich so hoch betrübet hat,
Dass ich davor nicht dürf erröten.

11. Noch Eins, Herr, will ich von dir bitten:
Bewahre mich durch deine Macht;
Will Gift und Gall der Feind ausschütten,
So hab auf meine Seele Acht.
Lass schlecht und recht sie stets behüten,
Sei gnädig deinem Israel
Und rette deines Volkes Seel
Von aller seiner Feinde Wüten.

12. Ehr sei dem Vater, der regieret
Von Ewigkeit zu Ewigkeit,
Samt seinem Sohne, der uns führet
Aus allem Jammer dieser Zeit.
Der Geist, der Tröster, der uns lehret
Und unsern Geist mit Liebe nährt,
Sei gleichfalls von uns hochgeehrt,
Sein Lob werd immerdar vermehret.

Johann Anastasius Freylinghausen – Die Zeit ist noch nicht da.

Eigene Weise.

1. Die Zeit ist noch nicht da,
Da Zion triumphieret,
Da ihrer Kinder Hand
Ein güldner Palmzweig zieret.
Sie sind noch nicht gekrönt,
Sie werden noch verhöhnt,
Und ob sie gleich den Feind besiegen,
So müssen sie doch unten liegen.

2. Die stille Sabbatsfeir
Ist noch nicht angebrochen
Für Gottes liebes Volk;
Ihr Blut bleibt ungerochen1ungerächt
Noch bis auf diese Stund;
Ihr aller wahrer Mund
Weiß noch nicht viel von Ruh zu sagen,
Er muss mehr über Unruh klagen.

Wir sehn die Arche noch
Auf Ararat nicht stehen;
Die Flut will, wie es scheint,
So bald noch nicht vergehen;
Sie wächst schier mit der Zeit
Und dürft noch, manches Leid
Dem Noah machen samt den Seinen;
Vor Lachen gehet her das Weinen.

4. Israel ist noch nicht
In Kanaan eingangen;
Es kann mit dessen Glanz
Jetzt nur auf Hoffnung prangen.
Es wallt noch hin und her
Mit Mühe und Beschwer;
Der Amalek sucht es zu dämpfen,
So muss es auch mit Balak kämpfen.

5. Das Gegenbild der Zeit,
Da Salomo regierte
Und über so viel Volk
Den Friedenszepter führte,
Da er dem Herrn ein Haus
Erbaute und es aus,
Mit Gold und Silber prächtig schmückte,
O dass man solches bald erblickte!

6. Die Tochter meines Volks
Muss als gefangen leiden,
Sie hängt ihr Saitenspiel
Vor Trauren an die Weiden.
Die harte Sklaverei
Bricht ihr das Herz entzwei
Und macht sie mit viel tausend Tränen
Nach jener Friedensstadt sich sehnen.

7. Sie muss noch immerfort
Mit nassen Augen säen;
Sie schaut die Frucht noch nicht
An ihren Ähren stehen.
Man säh den Tag so gern,
Da aus der Näh und Fern
Man wird die vollen Garben bringen
Und wie zur Zeit der Ernte singen.

8. Doch was wir noch nicht sehn,
Wird drum nicht gar ausbleiben.
Mein Leben wollt ich selbst
Für Gottes Treu verschreiben,
Wär es nicht viel zu schlecht;
Sein Tun ist immer recht,
Und was sein Mund einmal versprochen,
Das bleibt wohl ewig ungebrochen.

9. Ich höre schon im Geist
Die Sabbatslieder schallen;
Die Wasser werden auch
Zu rechter Zeit noch fallen.
Israel erbt das Land,
Das ihm den güldnen Stand
Des Friedens und der Ruh wird schenken,
Kein Feind soll Zion weiter kränken.

10. Die Ernte rückt herbei,
Der Streit geht fast zu Ende;
Man singt Victoria
Und streckt aus Haupt und Hände
Mit frohem Jubelschall
Und sagt schon überall,
Dass, worauf wir jetzt hoffend trauen,
Wir sollen bald im Wesen schauen.

Johann Anastasius Freylinghausen – Schau meine Armut an.

Weise: Erleucht mich, Herr, mein Licht.

1. Schau meine Armut an,
Herr, nach deiner Treu,
Sei du mein Helfersmann!
Ich weiß sonst keinen nicht,
Du siehst, was mir gebricht,
Und kannst in einem Nu
Mir schaffen Hilf und Ruh.

2. Ich merke keine Kraft,
Zu wirken deine Werke;
Des Geistes Lebenssaft,
Den ich so oft verspürt,
Der meinen Geist berührt,
Ist schier vertrocknet gar:
Ach Herr, nimm meiner wahr!

3. Du bist der Gnadenquell,
Zu dem mein Innres eilet:
Ergieß dich mild und hell,
Dass mir nicht schaden kann
Mein Elend um und an.
Herr, dir sei Dank dafür
In Ewigkeit und hier.