Zinzendorf, Nikolaus Ludwig Graf von – Der Held im roten Gewand.

Sieh‘ da! wer kömmt voll Gottesehr‘
Im blutigen Gewand?
Ein Held, er gehet hoch daher,
Scheut keinen Widerstand!

Wer ist’s, so prächtig angekleid’t,
Daß ihr nichts Schön’res wisst?
Der unser Fried‘ und seiner Leut‘
Allmächtiger Heiland ist!

Warum sieht aber sein Talar
So blutbesprenget aus,
Als käm‘ der König unsrer Schar
Aus einem Kelterhaus?

Er spricht: Nicht ist’s verwunderlich,
Daß mein Kleid Flecken hat,
Weil Niemand da war, außer Ich,
Der Gottes Kelter trat!

Ach ja! Er hemmt den Wunderlauf,
Daß Er die Lasten nehm‘;
Er setzt den Kranz von Dornen auf,
Und lässt das Diadem.

Schweiß, Schrecken, Zähren, Angstgeschrei,
Die Wunden, die Er hat,
Sind, denk ich, Zeugen Seiner Treu‘,
Und Seiner Lieb‘ und Gnad‘.

O was ist doch für ein Beweis
Für Deine große Lieb‘,
O HErr, der blutige Todesschweiß,
Den Dir die Sünd austrieb!

Die Kelter drückte Dich für mich,
Daß Dir das Blut entging,
Wovon die Spur sich feierlich
An Deine Kleider hing!

Zinzendorf, Nikolaus Ludwig Graf von – Jesus in Gethsemane.

So willst Du getrost erwarten,
Was du übernehmen musst!
Also leidest Du im Garten,
HErr, für Adams Gartenlust.
Bebst Du nicht vor diesem Orte?
Drückt Dich nicht der Sünder Schuld
Tödlich nach dem Richterworte?
Nein, Du leidest mit Geduld!

Nein, Du willst der Menschen Schulden,
Unser unermess’nes Leid
Nach des Zorns Gesetz erdulden,
Sohn und Herr der Ewigkeit!
Wir, die schnödesten Geschöpfe,
Rühmten uns der eig’nen Schand‘,
Und der schwächste aller Töpfe
Brach dem Töpfer in der Hand.

Darum kann es nicht geschehen,
Daß der Kelch vorübergeh‘;
Gottes Urteil muss ergehen,
Und das bringt Dir solches Weh.
Aber Du willst gern ertragen,
Was Dein Gott Dich tragen heißt,
Wenn Dein Geist sich gleich vor Zagen
Fast dem müden Leib entreißt.

Lass mich Gottes Zorn erkennen,
Teures Heil, in Deiner Not!
Denn sie war der Hölle Brennen
Und ein Sturm vom andern Tod.
Lass mich aller Sünd‘ entsagen,
Die Dich in den Tod gedrückt!
Lass mich an mir selbst verzagen,
Bis mich Deine Lieb‘ erquickt!

Gibst du mir dereinst zu schmecken
Deines Leidens Bitterkeit,
Mich vom Bösen abzuschrecken,
Ach, so mache mich bereit!
Kann es anders nicht geschehen,
Daß ich komm in’s Vaters Reich,
Ohne gramgebückt zu gehen,
Ach, so stütze mich zugleich!

Ich will gerne stille halten,
Weil ich weiß, daß Du mich liebst,
Und die Gnade lässest walten,
Wenn Du mir das Leiden gibst.
Lernt man erst die Sünde scheuen,
Wenn sie gallenbitter wird,
So kann mich die Reu‘ nicht reuen,
Die mich göttlich neu gebiert.

Mich ermuntert, Herr, Dein Zagen:
Du hast nie umsonst geweint,
Sondern alle Feind‘ erschlagen,
Auch mein Fleisch, den liebsten Feind.
Lass mein Fleisch in Dir verderben,
Lass die Welt vergeh’n in Dir;
Lass in mir die Sünde sterben,
Und Dein Reich erwach‘ in mir!

Zinzendorf, Nikolaus Ludwig Graf von – Die Vorsehung des Heilandes.

Du sel’ge Liebe Du!
Wohl heißest Du verborgen;
Wer kommt in Deine Ruh?
Wer öffnet Deinen Rat!
Der so viel Tiefen hat?
Die Seelen nur allein,
Die ohne Willen sein.

Wer Nichts auf Erden will,
Lässt Gottes Liebe sorgen;
Sein Sinn ist immer still;
Sein Puls schlägt ordentlich,
Sein Herz vergnüget sich;
In allerlei Gefahr
Verbleibt sein Auge klar.

Wie wollte Satanas
Dies stille Wohlsein kränken?
Als daß er irgend was
Im Menschen aufgeregt,
Das nun zu denken pflegt:
„Ach hätt‘ ich’s so und so,
Dann wär‘ ich erst recht froh!“

Seitdem sieht’s also aus:
Der Mensch ist unzufrieden:
Bald dünket ihm sein Haus
Zu groß und bald zu klein;
Bald will er Etwas sein,
Das, wenn er’s worden ist,
Ihm an dem Herzen frisst.

Als nun Christ unser HErr
Vom Himmel uns besuchet,
Und als ein Wanderer
In armer Knechtsgestalt
Die Erde durchgewallt,
Hat Er, nebst andrer Last,
Auch diese aufgefasst.

Allein das war ein Mann,
Der wusste sich zu raten!
Obgleich der ganze Bann
Auf seinen Schultern lag
Bis an den Todestag,
Stand Er doch aufgericht’t;
Warum? Er wählte nicht!

Ach! wüsste dieses Lamm,
Was Eigenwille wäre,
Hätt‘ unser Bräutigam
So sehr, wie Seine Braut,
Auf Fug und Recht gebaut;
Er wär‘ noch immer Gott,
Und wir des Teufels Spott!

Allein, Er wollte nicht;
Er litt nach aller Schwere,
Er war auf Nichts erpicht,
Ging in die tiefste Pein
Nach Vaters Willen ein.
Nun ist Sein Schmerz vorbei,
Und wir sind ewig frei!

Es kann nicht anders sein,
Als: Seine rechten Jünger
Gehn eben dahinein:
Hienieden leiden sie,
Denn Jesus litt auch hie,
Und Seine Herrlichkeit
Ist auch für sie bereit.

Beim Kreuz wuchs unser Held:
Das Herzensfeld ist wüste,
Durch Leiden wird’s bestellt;
Nichts wächset ohne dies,
Und das gedeiht gewiss,
Was nach der Liebe Rat
Hier Grund gefasset hat.

Allein die Erde muss
Sich nicht dagegen härten;
Sonst zeigt sich kein Genuss:
Nur Marter steht sie aus,
Und wird nichts Ganzes draus;
Wird sie gediegen sein,
So dringt die Kraft hinein.

Gott Lob! die Liebe ist
Von uns nur des gewärtig,
Daß man sich selbst vergisst,
Im Herzen Ehrfurcht spürt,
Die Hand zum Munde führt,
Und spricht in tiefer Still‘:
Will’s Gott, wohlan! ich will.

Bald wird ein Gotteskind
Aus Nacht in’s Licht erhoben;
Wenn eig’ne Wahl zerrinnt,
So hört sein Leiden auf;
Es tritt als Sieger drauf,
Und wer es fassen kann,
Spricht: Jesus hat’s getan!

Wer sollte wohl dabei
Nicht von Verwundrung stehen?
Wer sagt nicht froh und frei:
„Du bist ein Wundergott!
Die Weisheit wird zu Spott,
Das größte Klugsein träumt,
Wenn sich’s mit dir nicht reimt.“

Du wunderbares Sein!
Wir wollen nach dir sehen;
Wir wollen kinderklein
Und Dir gelassen, blind,
Wobei man nur gewinnt,
Doch mit geheimem Flehn,
Dir zu Gebote stehn!

Ja, hochgelobtes Lamm!
Wir fallen Dir zu Füßen;
Du Seelenbräutigam!
Komm, mach‘ uns dieses wahr,
Ja, mach‘ es offenbar;
Daß, wer sich dir vertraut,
Auf Felsengründe baut!

Zinzendorf, Nikolaus Ludwig Graf von – Glaubensmut.

Christenherz, ermanne dich,
Christi Lehre recht zu preisen;
Lass dich Sein Wort sicherlich,
Treue Seele, unterweisen!

Richt’st du dich nach diesem Wind,
Brauchst du dich nicht umzudrehen,
Kannst gerade und geschwind
Gottes Port entgegengehen.

Sollst du streiten, streit getrost!
Sollst du beten, sei versunken;
Scheint dir gleich der Feind erbost:
Ist doch Pharao ertrunken!

Israel wird nicht ereilt;
Israel, lass dir nicht grauen!
Der das rote Meer zerteilt,
Dem ist gut sich anvertrauen.

Wer auf Sein Wort geht und steht,
Darauf kämpft und stille lieget,
Dessen Horn wird hoch erhöht,
Dessen Gegner wird besieget.

Zinzendorf, Nikolaus Ludwig Graf von – Nachfolge Christi.

Der Henne folgt das Küchlein nach;
Es liebet seiner Mutter Sprach‘:
Ach, gib, daß ich Dir folge recht,
Mein Heiland, als ein treuer Knecht!

Dein Leben zeigt mir meine Pflicht;
Du bist mein Spiegel und mein Licht;
Ach, HErr! wie bin ich noch so weit
Von Deines Bildes Ähnlichkeit!

Du stundest stets auf Deiner Hut;
Du kanntest wohl der Feinde Wut;
O lass mich doch nicht sicher sein,
Wo mir der Feind könnt‘ brechen ein!

Von Ehrerbietung war Dein Herz
Vor Deinem Gott, und stets aufwärts
Erhoben: ach! ich bitt‘ um Stärk‘,
Dahin zu richten auch mein Werk.

Ernsthaftig warst Du allezeit,
Von Scherz und Tändeleien weit;
O, daß ich noch so eitel bin,
Und oft verlasse diesen Sinn!

Den Sinnen starbst Du gänzlich ab,
Lebtest in steter Übergab‘
Des Willens bloß an Deinen Gott:
Erfüll‘ in mir auch dies Gebot!

Wie fest war Deine Zuversicht,
Daß Dich einmal würd‘ lassen nicht
Der Vater: O, gib doch auch mir,
Daß ich so hang‘ und Fleh‘ an Dir!

Im Leiden warst Du als ein Lamm,
Schaltst nicht, die Dir ohn‘ Ursach‘ gram;
Du tatest nicht auf Deinen Mund,
Batst für die Feind‘: o Liebesgrund!

Ach! gib mir doch auch die Geduld,
Wenn ich muss tragen viele Schuld,
Daß ich’s von Gottes Hand annehm‘,
Und nicht, als ob’s von Menschen käm‘!

Du warest öfters gern allein,
Und hieltest viel auf Stillesein;
Auf Berg‘, in Wüsten brachtest Du
Oft ganze Nächt im Wachen zu.

Dein Wandel war ein stet Gebet:
O, daß ich auch den Eifer hätt‘!
Ach! Du wollst mir mit Kraft beisteh’n,
Stets betend auch einherzugehn!

Sehr treu und freundlich umzugehn
Mit Armen, Schwachen, Irrenden,
War Deine Weis und steter Brauch:
O wär‘ es doch der meine auch!

Doch wenn’s betraf Dein’s Gottes Ehr‘,
Konntst Du, o Lamm, auch eifern sehr:
Fürchtetest nicht Hoch oder Reich,
Gering, Ansehnlich war Dir gleich.

Gib mir auch unerschrocknen Mut
Und Eifer, wenn’s vonnöten tut;
Doch aber auch Bescheidenheit
Und heilige Fürsichtigkeit!

Wenn man dabei uns Schwärmer schilt,
Wenn als ein Tor Dein Jünger gilt,
Daß ihn die alten Freunde fliehn,
Und selbst Verwandte sich entziehn:

So gingen Deine Jünger all‘
Doch durch viel Elend, Schmach und Qual,
Die nun auf Deinem Berg Zion
Sich ewig freun vor Deinem Thron.

Scheint’s Dem unmöglich, Andern schwer,
So kennen sie nicht Deine Lehr‘,
Noch Deine Liebe; die macht’s leicht,
Daß uns Nichts mehr unmöglich däucht.

In meinem Herzen merk‘ ich doch:
Daß eben sei Dein sanftes Joch
Die richtige und schmale Bahn,
Die geht Dir nach, an’s Kreuz hinan!

Zinzendorf, Nikolaus Ludwig Graf von – Um die Hirtenpflege Jesu.

Brüder, mein Verlangen
Und mein herzlich Flehen
Kannst in sonsten Nichts bestehen,
Als daß wir doch Alle
So durchdrungen würden
Von dem Hirten unsrer Hürden,
Daß der Sinn
Nur dahin Seine Blicke richte,
Sonst nichts Andres tichte.

Er bleibt doch der Schönste!
Nichts ist Ihm zu gleichen;
Alle Herrlichkeit muss weichen.
Auf der ganzen Erden
Wird Nichts so gefunden;
Wer des Hirten Treu‘ empfunden,
Der weiß dies
Ganz gewiss,
Daß bei Ihm zu wohnen
Alle Müh‘ kann lohnen.

Hast du Das erwogen?
Ist dir’s völlig offen,
Daß der’s höchste Glück getroffen,
Der sich diesem Hirten
Völlig übergeben?
Das, nur das heißt selig Leben,
Wenn man sich
Lediglich
Nach ihm hingekehret,
und auf Ihn nur höret!

Herz! schon lange währen
Deine Gnadentage;
Nun ist deines Hirten Frage:
Bist du auch Mein Schäflein?
Bist du Meine Freude?
Kennst du Meine Lebensweide?
Hast auch du
Endlich Ruh
Vor der Eigenliebe?
Hast du sanfte Triebe?

Hör‘ nicht auf zu ziehen,
HErr, in künft’gen Jahren,
Wie wir’s bis daher erfahren!
Du bist oft so kräftig
Unter uns gekommen,
Hast uns mächtig hingenommen.
Nimm der Schar
Ferner wahr!
Gib ihr solch ein Wesen,
Drin Dein Bild zu lesen!

Vater in der Höhe!
Diese Kindesbitten
Dir vor Deinen Thron wir schütten:
Du wirst sie erhören,
Wirst sie nicht beschämen,
Sondern in die Zucht uns nehmen,
Daß wir hier
Deine Zier,
und dem Sohn auf Erden
Noch ein Lustspiel werden.

Zinzendorf, Nikolaus Ludwig Graf von – Bildnisse Jesu.

Wer Dein Porträte
Gesehen hätte,
Und wer recht wüsste,
O Jesu Christe!
Wie Du auf Erden
Warst an Gebärden,
Der bliebe stehen,
Wollt Nichts mehr sehen.

Doch ach, ich bleibe
Nun noch im Leibe,
Und sehe Glieder,
Schwestern und Brüder.
In diesen Chören
Glänzt hinter Flören
Nicht voll im Lichte
Dein Angesichte.

Des Vaters Segen,
Des Geistes Pflegen
Woll‘ uns zur G’nüge,
Lamm, Deine Züge
und Dein Erblassen
Anschauen lassen,
Bis wir zu Füßen
Einst dort Dich grüßen!

Zinzendorf, Nikolaus Ludwig Graf von – Jesu Gnadenführungen.

Wem wollen wir, so lang‘ wir leben, gläuben?
Bei wessen Lehre nun und ewig bleiben?

Wem, Seele, sollst du Hut und Wache halten?
Dem Gott allein der vierundzwanzig Alten; (Offb. 4.)

Dem Gott und HErrn, in dessen heil’gen Wunden
Die Thomaschristen all‘ ihr Heil gefunden; (Joh. 20,27.)

Dem Meister, welchem, als Er ihn erleuchtet,
Nathanael sein ganzes Herz gebeichtet;

Dem Gottessohn, den jener Felsprophete, (Mtth. 16,16.)
Von Gott gelehrt, als Gottes Sohn erhöhte;

Dem Seher, der den Jüngern durch Sein Lehren
Daß Herz im Leibe wusste umzukehren,

Daß es entbrannte und doch nicht verbrannte,
Und Ihn durch lauter Lieblichkeit erkannte.

Dem, Seele, Dem gehörst du ganz alleine,
O Seele, kleines Wesen, aber Seine!

So lange Der sich Nichts will nehmen lassen,
So lange kannst du Ihn bei’m Arme fassen,

Und kannst die ganze Welt vergehen sehen
Und glauben: „Mir kann doch kein Leid geschehen!“

Zinzendorf, Nikolaus Ludwig Graf von – Das Wort von Anfang.

Hört! ich will euch nicht verschweigen
Tiefen, so die Höhen zeugen,
Und die Wesen übersteigen,
Einen, welcher Alles ist!

Paulus drang durch’s Sterngebäude
Und die Himmel alle beide,
Und im dritten Saal der Freude
Hört er Unaussprechliches.

Er erblickte Seltenheiten,
Aufgedeckte Heimlichkeiten,
Die Verfassung aller Zeiten,
Und die Ordnung unsers Heils.

Alles sah er dort im Einen,
Große Dinge mit den kleinen;
Alles muss durch Ihn erscheinen,
Alles ist durch Ihn gesetzt.

Was für Pracht hat Christus immer!
Was für majestät’schen Schimmer,
Hingezückt vor’s Königszimmer,
Hat’s Johannes angeschaut! (Offb. Joh. 1, 10 ff.)

Niemand zwar ermisst die Gottheit,
Und die ungeteilte Einheit,
Und die unvermischte Dreiheit;
Doch die Salbung lehret viel.

Leer‘ dich aus! Er wird dich füllen;
Setze dich! Er wird dich stillen;
Schweig‘, so sagt er Seinen Willen;
Wisse Nichts, so lernst du Ihn!

Lass das Tier am Berge stehen;
Zeuch die Schuhe von den Zehen,
Und durchfleug im Geist die Höhen,
Und die Tal‘ der Ewigkeit!

Auf den unterstieg’nen Spitzen
Sieh den Erstgebornen sitzen,
Aus dem alle Wesen blitzen!
Denn Er ist das A und O.

Ihn muss man im Vater grüßen,
Und aus Ihm den Vater schließen,
Und der Geist von Beiden fließen
Als ein hellkristall’ner Strom.

Alles muss auf Ihn sich gründen,
Alles muss Ihn wiederfinden,
In Ihm werden und verschwinden,
Der der Wiederbringer ist.

Alles muss in Ihm sich fassen,
Und Ihn mit sich machen lassen,
Und in Ihm zusammen passen
Zu dem allgemeinen Bau.

Er vermehrt sich nach Gefallen,
Ändert sich nicht in dem Allen;
So viel Sachen aus Ihm wallen,
Bleibt er doch Derselbige.

Er, der Gott-Mensch, ist der Eine,
Ob er auch verschieden scheine,
Und mit Vielem sich vereine;
Er ist sich beständig gleich.

Eins, das sonst gering und kleine,
Und an sich der Zahlen keine,
Ist die größt, und bleibt das Eine,
Wenn es Millionen macht.

Gott, das Wort, hat’s so gehalten;
Er muss aller Dinge walten,
Dringt durch allerlei Gestalten;
Alle Art rührt her von Ihm.

Dieses All kennt keine Zeile,
Ob es schon durch’s Ganze eile,
Und durchwandre alle Teile.
Alles lebet auf in Ihm.

Er lässt alle Ordnung stellen,
Alles Gute von sich schwellen;
Seine unerschaff’nen Quellen
Untermengen Tief‘ und Höh‘.

Wenn auch bloß die Engelchöre
Und kein Mensch gefallen wäre,
Wäre Gott und unsrem Heere
Allemal ein Mittler not.

Zu der reinen Gottheit Stätte
Naht kein menschliches Geräte,
Bis der Eine zwischentrete:
Gottes Sohn von Ewigkeit.

Alle sel’ge Himmelshorden
Und der ganze Menschenorden
Sind in Christo Eins geworden,
Welcher heut‘ und gestern ist.

Dieser ist das Haupt von Allen,
Was nur kann in’s Auge fallen,
Und der unsichtbaren Hallen,
Und so weit der Weltkreis geht.

Was der Sohn Geheimes übe,
Der da sitzt im Schoß der Liebe,
Seine allertiefsten Triebe
Siehet nur ein reines Herz.

Süßer Heiland, zeuch mich höher,
Deinem Herzen immer näher,
So gelang‘ ich desto eher
In des Vaters Herz hinein!

Gib mir meine ersten Blicke,
Daß Dein Bild mich wieder schmücke;
So erhalt‘ ich mein Geschicke,
Und Du, Gottmensch, Deinen Zweck!

Dahin eilet unsre Liebe,
Dahin dringen meine Triebe,
Daß ich gerne Eins verbliebe
Mit Dir, teurer Bräutigam!

Du vollführst, was angefangen,
Suchst die Seelen mit Verlangen.
Wenn der Teufel untergangen,
Bleiben Deine Engel noch!

Satans Werk, das muss zu Grunde
Und heraus vom Schöpfungsbunde;
Es ging nicht aus Deinem Munde,
Aber Du zerstörest es.

Was würd‘ das für ein Gesänge,
Wenn mit göttlichem Gepränge
Die mit Blut erkaufte Menge
Das erwürgte Lamm erhebt;

Wenn der Ält’sten Thronenreigen
Und die vier erwählten Zeugen,
Welche Tag und Nacht nicht schweigen,
Harmonie mit uns gemacht! (Offb. 4,4-8.)

Zinzendorf, Nikolaus Ludwig Graf von – Neujahrsgedanken.

Für uns gesalbtes Haupt,
Für uns geborner Same!
Für uns genannter Name,
Für Jeden, der es glaubt:
Du siehst vor Deinen Thronen,
Wo Majestäten wohnen,
Du siehst dies kleine Heer:
Ach, wenn’s das große wär‘!

Wir leben ja darum,
Daß wir dem Jesu leben,
Der sich für uns gegeben;
Wir suchen um und um,
Im Großen wie im Kleinen
Es treu mit Ihm zu meinen:
Wir suchen’s aber, ach!
Das ist noch nicht die Sach‘.

Wir haben abermal
Ein ganzes Jahr erfahren
Viel gnädiges Bewahren,
Viel Langmut ohne Zahl;
Wir greifen’s mit den Händen,
Du lässt Dein Werk nicht schänden:
Wer das nicht sehen kann,
Der ist ein blinder Mann.

Doch wer lebt recht in Gott?
Ihr Brüder, wer kann’s sagen?
Es tut wohl not, zu fragen:
Konnt‘ ein gerechter Lot (2. Petr. 2, 7.)
In Sodoms Sündenmauern
Bei seinem Gotte dauern:
Sollt‘ ich bei Salems Schein
Der Liebe untreu sein?

O lass in Deiner Schul‘
Uns täglich, Dir zu Füßen,
Von Gnad‘ auf Treue schließen,
Vom Kampf auf Christi Stuhl;
Lehr‘ uns Dich ganz erkennen,
Dich unsern Jesum nennen,
Daß Dein Wort in uns haft,
Und werd‘ zu Geist und Kraft!

Erscheine, großer Freund,
In Deiner Kreuzgemeine,
In Herrlichkeit erscheine:
Errette manchen Feind
Zu diesen Gnadenstunden
Durch’s Leuchten Deiner Wunden,
Bis er mit uns zugleich
Wird Mitgenoss‘ am Reich!

Uns aber segne Du
Mit einem neuen Segen
Auf unsren Gnadenwegen;
Gib der Gemeine Ruh‘,
Den Ält’sten Liebesblicke,
Den Wirkenden Geschicke,
Den Wanderern ein Dach,
Den Müden Dein Gemach!

Gib Männern Mut zum Streit,
Den Weibern Sabbatstille,
Den Witwen Deine Hülle,
Den Jungfrau’n Heiligkeit,
Den Junggesellen Beugung,
Den Schülern neue Zeugung,
Sei unsrer Lämmer Hirt
Und unsrer Gäste Wirt.