Ja, mich hat der Herr getragen,
Wie ein heilger Sänger spricht,
Wie ein Mann trägt durch die Wüste
Seinen Sohn und wanket nicht.
Was die Welt an Schätzen heget,
Sah ich vor mir aufgetan;
Wie man Mond und Sterne siehet,
Sah ich Gold und Perlen an.
Leicht bin ich hindurchgegangen
Manchen stolzen Fürstensaal,
Funkeln sah ich manches Toten
Krone in lebendgem Strahl,
Und vorüber ging im Geiste
Ihr versunkenes Geschlecht
Und ihr Ringen und ihr Dürsten
Nach Gewalt und Glück und Recht.
Stille folgt ich der lebendgen
Wunderbar verschlungnem Lauf,
Sucht in Hütten und Palästen
Glückliche und Frohe auf,
Suchte, wo bei tausend Flammen
Lust und Leben üppig glüht,
und der Geist der Erde schwärmend
Aus den trunknen Augen sprüht.
Unermesslich sind die Wünsche,
Hundertzüngig das Geschlecht,
Tausendfach des Geistes Sinnen,
Aber Glück sucht Herr und Knecht.
Wie aus Millionen Wesen
Der Korallenbaum sich baut,
Bis er aus den grünen Wogen
Mit den Purpurzweigen schaut,
So aus Millionen Leben
Bauet sich der Menschheit Baum,
Bis er mit den golden Früchten
Steiget aus der Zeiten Schaum.
Als den Wogen leuchtet wieder
Die Koralle rötlich mild:
In sich selber spiegelt wieder
Sich der Menschheit großes Bild;
Doch nur Der, der zu den Welten
Hat den ewgen Plan erdacht,
Kennt des ganzen Baumes Bildung,
Seine letzte, schönste Pracht.
Kategorie: Zeller Albert
Zeller, Albert – Wer eine Blume sinnend bricht
Wer eine Blume sinnend bricht
Und in ihr liebes Angesicht
Mit klarem Geistesauge schaut
Und all den schönen, stillen Zügen
Folgt mit betrachtendem Genügen,
Dem werden Wunderstimmen laut.
Es ist der Riss zur ganzen Welt
In solchem leichten Blütenzelt
Aufs Zarteste ihm aufgeschlagen,
Und was im innersten Gemüt
Von Träumen und von Bildern blüht,
All unser Jubeln, Sehnen, Klagen
Vermag das Feenvolk zu sagen
In allerlieblichsten Gedicht.
Wer wüsste, was es Alles spricht,
Was es im Zauberkreis umfing,
Der trüge Salomonis Ring.
Als sich das Tor geschlossen hat
Vom Paradies und welk und matt
Der Baum des Lebens niederhing,
Sind und die Blumen doch geblieben
Als Album, drin sich Blatt für Blatt
Gott selber liebend eingeschrieben.
Zeller, Albert – Ihr Glaube half ihr, und sie ward gesund
Ihr Glaube half ihr, und sie ward gesund,
Der Herr erhört ihr kindlich stilles Flehen,
Die Bitte wird zum Dank in ihrem Mund:
„Dein Wille, Herr, er soll, er ist geschehen!“
Vom Herzen strömt das neue Element
Mit Wunderkraft durch alle ihre Lieder,
Die Blum‘, die den Tau des Schöpfers kennt,
Erhebt ihr Haupt in seiner Nähe wieder.
Gott, wie unendlich tief und groß
Ist deiner Liebe himmlisches Erbarmen:
Der Heiland liegt in eines Weibes Schoß,
Umfangen sanft von mütterlichen Armen!
Aus eines Kindleins hellem Augenstrahl
Lässt du uns heut dein göttlich Antlitz leuchten!
Die Tränen trocknen, die in stummer Qual
Der armen Menschen bleiche Wangen feuchten.
Der Himmel naht, der Glaube steht und siegt,
Erfüllet ist der Völker heißes Sehnen,
Und an des Vaters ewgem Herzen liegt
Die Welt ein Kind und weinet süße Tränen.
Zeller, Albert – Bist du noch nie, o Freund, vom Mondesstrahl erwacht
Bist du noch nie, o Freund, vom Mondesstrahl erwacht,
Wenn alle Menschen ruhn in stiller Mitternacht,
Die müde Erd ihr Haupt in Silberschleier hüllt,
Und Ein Gedanke groß, die ganze Welt erfüllt?
Am Himmel hat das Aug der Ewge aufgeschlagen,
Du schauest in sein Licht mit seligem Behagen,
Die Sterne knien umher in wolkenlosen Räumen,
Die fernen Berge schließt ein zauberhaftes Träumen,
Kein Lüftchen reget sich, kein Sehnen, kein Verlangen,
Von Gottes Wesenheit bist gänzlich du umfangen;
Nicht Leib, nicht Seele, du, und Zeit und Ewigkeit,
Und Tod und Leben macht da keinen Unterscheid.
Kein Rätsel, keine Frage, das tiefe Geistermeer
Wallet kristallenklar bis auf den Grund umher.
Leis wandelt sich das Schaun in einen hellen Traum;
Du bist entschlummert längst und fühlest es wohl kaum.
Kommt dann in heilger Früh die Sonne aufgestiegen,
So fragst du sie erstaunt, warum sie dir verschwiegen
Der Wesen innerstes, geheimstes Heiligtum,
Des Werdens, Seins und Sterbens ewges Mysterium;
Sie aber fähret fort, zu leuchten und zu tagen,
Als wollt sie klar und klarer mit ihren Strahlen sagen:
Ist nicht der sanfte Mond mein Bote nur gewesen,
Von deines Geistes Auge die Binde mild zu lösen?
Zeller, Albert – „Geh nur hin, es lebt dein Sohn!“
„Geh nur hin, es lebt dein Sohn!“
Also hast du, Herr, gesprochen,
Das ist deines Glaubens Lohn:
Als dein Herz von Gram gebrochen,
War ich deine Zuversicht,
Ja, dein Sohn, er stirbet nicht!
Zwar er kommt nicht mehr zu dir,
Wie er sonst dir kam entgegen;
Denn ich nahm ihn hin zu mir,
Ihn im Himmel zu verpflegen;
Aber du kommst zu ihm hin,
Weil ich mit euch Beiden bin.
Wer an mich, das Leben, glaubt,
Wird auch mit mir auferstehen,
Für ein Kleines nur geraubt,
Werdet ihr euch wieder sehen:
Was versank in Todesgraun,
Herrlich werd ichs auferbaun.
Was du hier von ihm erblickt,
War in Schwachheit noch gebunden,
Wenn von Liebe ganz erquickt
Du es köstlich auch gefunden;
O wie wird dir dann geschehn,
Siehst du ihn in Klarheit stehn!
Was ihr einstens werdet sein,
Ist ja lang noch nicht erschienen,
Und kein Auge sieht hinein,
Wie sie leuchten, die mir dienen,
Wenn die Kraft, die mich verklärt,
An den Meinen sich bewährt.
Liebe fort! Dein bestes Teil
Ist die Liebe hier auf Erden;
Welche Wonne, welches Heil,
Wird auch sie verkläret werden,
Wenn die angestammte Kraft
Alle ihre Wunder schafft!
Wein und geh im Frieden heim,
Lebe Dem, der ihn gegeben,
Und du schmeckst den Honigseim
Hier schon von dem ewgen Leben:
Der dein Kind in Armen hält,
Ist der Vater aller Welt.
Duld und harre glaubend aus,
Er reift dir, du ihm entgegeni:
Blicke Hoffend nur hinaus!
Im Verborgnen sprosst mein Segen,
Und die Zeit und Stunde kommt,
Wann sie dir an höchsten frommt.
Zeller, Albert – O dass wir weise würden
O dass wir weise würden
In aller unsrer Pein
Und unsres Leidens Bürden
Würfen auf ihn allein,
Den Herrn, den stets Getreuen
Und seinen starken Arm,
Was brauchten wir zu scheuen
Der Hölle ganzen Schwarm!
Wir schwanken und wir beben
Als wie ein Espenlaub;
Will sich ein Sturm erheben,
Sind wir ihm schon ein Raub,
Noch eh er uns erschüttert
Den Stamm mit voller Macht,
Dass er von ihm erzittert
Und seufzt und dröhnt und kracht.
O dass wir fester stünden
In seiner Gnade Hort,
Ach unser Leben fänden
In seiner Treue Wort!
Nur tiefre Wurzeln schlügen
Wir in dem guten Grund
Und bessre Früchte trügen
Wir selbst von solcher Stund!
Dass wir einmal entrännen
Aus unsrer Selbstsucht Haft
Und Gottes Luft gewännen
Und seiner Freiheit Kraft:
Ach unser Götzendienen
Wär gründlich abgetan,
Wir sähn mit heitern Mienen
Tod und Verderben nahn.
Wenn sich die Wetter türmen,
Bliebs Licht in unsrem Land;
Wir jauchzten mit den Stürmen
Und in dem Feuerbrand.
Wann stehn wir so gelassen
Und so gerüstet da,
Wann lernen wir es fassen,
Was uns zu lieb geschah?
O dass wir lebten, stürben
Hinfort uns selbst nicht mehr,
Den Himmel nur erwürben
Ohn anderes Begehr!
Es sind ja alle Leiden
Von dieser armen Zeit
Nicht wert der ewgen Freuden
Und ihrer Herrlichkeit.
Zeller, Albert – Wenn wir nur dir gefallen
Wenn wir nur dir gefallen,
Gilt alles Andre gleich,
Wir sterben oder wallen
Noch in der Sonne Reich.
Wohl mir, dass ich dich kenne,
Dass du das Leben bist,
Dass ich dich Heiland nenne
Und meinen Jesum Christ.
Ob uns ein kurzer Schlummer,
Ob Todesschlaf befällt,
Das macht uns keinen Kummer
Vor dir, du Herr der Welt.
Wir bleiben ja dein eigen,
Du hältst des Lebens Bund,
Und brichst gewiss das Schweigen
Für uns zu rechter Stund.
Schön ists, dieweil ich wohne
In diesem Bau der Zeit;
Noch schöner vor dem Throne
Der ewgen Herrlichkeit.
So lass uns fröhlich wachen
Und ruhig schlafen ein!
Es sind ja deine Sachen;
So müssen sie gedeihn.
Wir sind getrost und heiter
In Lust und in Beschwer,
Wir sind bei dir, und weiter
Begehrt das Herz nicht mehr.
Zeller, Albert – Gibst du, o Erde, deine Toten wieder?
Gibst du, o Erde, deine Toten wieder?
Lebt Alles, was da lebte, wieder neu?
Die Lerche jubelt ihre alten Lieder,
Der Himmel glänzt in alter sanfter Bläu.
Die Quellen rauschen, wie in alten Tagen
Vom Fels hernieder durch den grünen Wald,
Und meine Blumen winken mir und sagen,
Schon nahe mir die teuerste Gestalt.
O welches Ahnen, welches selge Bangen,
Und welcher tiefe Friede wunderbar!
Darf ich die lieblichste aufs Neu umfangen?
Wird Alles wieder, wie es einstens war?
So viel verschwunden und so tief Behagen,
Als wäre Alles fest und wandellos,
Verstummet selbst die leiseste der Klagen,
Ein stilles Ruhen wie im Mutterschoß!
Klar schau ich in den tiefen Strom der Zeiten,
Klar in des eignen Herzens tiefsten Grund,
Klar in der Nähe, in den fernsten Weiten
Der Dinge großen, frohen Lebensbund,
Und was ich selbst in diesem heilgen Kreise,
Ein Mann und Freier schaffen will und soll,
Und Alles rings von meines Gottes Preise,
Von seinem Licht und seiner Gnade voll.
Hat eine Frühlingswolke ungesehen
Mir ihren Tau ins Angesicht gesprengt?
Ich fühle meine Augen übergehen,
Den letzten Bann gelöst, der mich beengt:
Was willst du Herz? Ists Wonne oder Trauer,
Von der dir selber nichts mehr hat geahnt?
Ist es vielleicht ein leiser Geisterschauer,
Der dich noch an die letzte Wandlung mahnt?
Kann dich des Todes finstres Bild erschrecken
In deines Gottes lichter Gegenwart?
Muss es dich nicht zu höherm Leben wecken,
Von seiner Allmacht Wundern rings umschart?
Weißt du doch längst, dass Einer durch die Fluren
Der Erde als ihr Herr und Meister ging,
Siehst du doch rings des großen Siegers Spuren,
Von dem der Tod den Todesstreich empfing!
O leben, süße, teure Himmelsgabe
Aus meines Gottes schöpfungsvoller Hand,
Du reiches Dasein vor und nach dem Grabe,
Du aller Güter heilges Unterpfand,
Du Erdenfrühling, holder Himmelsbote,
Dass alles Schöne ewig wiederkehrt,
Und nur dem warmen Leben, nicht dem Tode,
Das blühnde All zum Eigentum gehört!
O süßer Lenz, in dem mit heilgem Schauer
Ich meiner Liebe junge Rose brach,
Du hast mich nicht getäuscht, und selbst der Trauer
Folgt deines Segens reichste Strömung nach.
Was auch der Kelch der ewig frischen Rose
Mir Ungeahntes schweigend noch verhüllt,
Ich traue kindlich meinem Himmelslose,
Bis Gottes letzter Ratschluss sich erfüllt.
Zeller, Albert – Lasst den Toten ihre Toten
Lasst den Toten ihre Toten,
Lasst sie graben Grab für Grab!
Aber ihr, des Lebens Boten,
Greifet froh zum Wanderstab!
Blickt hinauf und nicht zurücke,
Haltet in dem Lauf nicht still,
Wenn das Herz von seinem Glücke
Auch im Tod nicht lassen will!
Suchet nicht in Modergrüften,
Was der Erde längst entschwebt,
Und in reinen Himmelslüften
Auferstanden, selig lebt!
Geht hinaus in alle Weiten,
Tuet, wie der Herr euch heißt,
Und verkündiget mit Freuden
Seine Gnade, seinen Geist!
Rühmt euch keines Staubgebor‘nen,
Wie er auch begnadigt sei,
Trauert nicht als die Verlornen,
Wenn sein ird’scher Tag vorbei!
Eingetragen ist sein Leben
In das göttliche Geschick;
Was Gott gab, das wird er geben
Schöner, als er‘s nahm, zurück.
Alles ist ja euer eigen,
Was von Schätzen ruht und lebt
Und in unsichtbarem Reigen
Durch der Himmel Fülle schwebt,
Tod und Leben, Macht und Krone,
Was vor Gott euch wohlgefällt,
Mag es oben, unten wohnen,
Es sei Kephas, sei die Welt.
Aber ihr, ihr seid des Einen,
Der dazu erschienen ist,
Erd‘ und Himmel zu vereinen,
Ihr gehöret Jesu Christ,
Der mit seinem teuren Blute
Euer Selbst erkaufet hat
Und mit göttlich treuem Mute
Litt und starb an Eurer Statt.
Wenn das Haupt einst der Gemeinde
Gottes ew‘ger Majestät
Als der Sieger aller Feinde
Im Triumph entgegen geht,
Und das Reich im Morgenschimmer
Strahlt von der Vollendung Glanz,
Fehlen auch die Seinen nimmer,
Blätter in dem Siegeskranz.
Zeller, Albert – Was kannst du fordern, als das Deine
Was kannst du fordern, als das Deine,
Du Herr, der mir ja Alles gab?
Was bleibt vom Meinen denn das Meine,
Zieht deine Hand von mir sich ab?
Darf ich von Opfergaben sprechen,
Die ich dir bringen soll und will? –
Wenn du willst Blüten, Früchte brechen,
So hält dir deine Pflanze still.
Trag ich nicht Alles nur zu Leben
Von deiner Allmacht Schöpferhuld?
Was du gebeutst1gebietest, das muss geschehen:
Dein ist das Recht, mein ist die Schuld.
Was ists, das ich zu opfern habe,
Als meines Herzens Widerstreit,
Den Hang und Drang nach süßer Labe,
Nach Glück und ird‘scher Seligkeit?
Du suchest nicht, was uns gehöret,
Du suchest uns, uns ganz und gar;
Wir aber nehmen tief betöret
Nur den Verlust, nicht dich gewahr,
Der du in allen unsern Nöten
Dich selber nur uns geben willst
Und selbst im schmerzenreichen Töten
Nur unser tiefstes Sehnen stillst.
Wärst du nicht selbst für uns gestorben,
Wie könnten wir solch Tun versteh‘n?
Du hast im Tod für uns geworden,
Auf dass wir ein zum Leben geh‘n.
So nimm das Herz, das dir gehöret,
Nimm es mit seinem ganzen Leid!
Wer zu der Fahne Christi schwöret,
Der muss auch halten seinen Eid.
Du nimmst die Lieben uns vom Herzen;
Die Liebe selber nimmst du nicht,
Und aus dem Quell der bitter‘n Schmerzen
Ein Strom von Seligkeiten bricht.
Drum stille von den Opfergaben!
Du warst das Opfer, du allein
Wir aber, was wir sind und haben,
Sind dein und bleiben ewig dein.