Gerhard Tersteegen – Siegesfürst und Ehrenkönig,

1. Siegesfürst und Ehrenkönig,
hochverklärte Majestät,
alle Himmel sind zu wenig,
Du bist drüber weit erhöht;
sollt ich nicht zu Fuß Dir fallen,
und mein Herz vor Freude wallen,
wenn mein Glaubensaug entzückt
deine Herrlichkeit erblickt?

2. Seh ich Dich gen Himmel fahren,
seh ich Dich zur Rechten da,
seh ich, wie der Engel Scharen
alle rufen Gloria;
sollt ich nicht zu Fuß Da fallen
nicht mein Herz vor Freude wallen,
da der Himmel jubiliert,
weil mein König triumphiert?

3. Weit und breit, Du Himmelssonne,
deine Klarheit sich enthüllt
und mit neuem Glanz und Wonne
alle Himmelsgeister füllt.
Prächtig wirst Du aufgenommen,
freudig heißt man Dich willkommen;
schau, dein armes Kind auch hier
rufet Hosianna Dir.

4. Sollt ich Deinen Kelch nicht trinken,
da ich deine Klarheit seh?
Sollt mein Mut noch wollen sinken,
da ich deine Macht versteh?
Meinem König will ich trauen,
ohne Furcht und ohne Grauen,
nur in Jesu Namen mich
beugen hier und ewiglich.

5. Geist und Kraft nun überfließen,
lass sie fließen auch auf mich,
bis zum Schemel deinen Füßen
alle Feinde legen sich.
Herr, zu deinem Zepter wende
alles bis zum Weltende;
mache Dir auf Erden Bahn,
alle Herzen untertan.

6. Nun erfüllst du aller Orten
alles durch dein Nahesein:
meines Geistes enge Pforten
stehn dir offen, komm herein!
Komm, Du König aller Ehren,
Du musst auch bei mir einkehren:
ewig in mir leb und wohn
als in deinem Himmelsthron!

7. Scheidend bringst du mir dein Leben,
Gott und Himmel innig nah.
Lass mich stets den Geist erheben
gleich als stündst du sichtbar da,
fremd der Welt, von Zeit und Sinnen,
bei Dir abgeschieden drinnen,
in den Himmel schon versetzt,
da mich Jesus nur ergötzt.

(Autor: Gerhard Tersteegen (1697 – 1769))

Gerhard Tersteegen – Die Blümlein klein und groß

1. Die Blümlein klein und groß
in meines Herren Garten,
wie prangen sie so schön!
Von mancherlei Gestalt,
Koleur1Farbe, Geruch und Arten,
sie durcheinander stehn.

2. Wie prangen sie so schön,
dem Auge sie gefallen,
das Gottes Wunder meint;
da seiner Weisheit Strahl
und Tugenden in allen,
nach jeder Art, erscheint.

3. Hier Herzenseinfalt grünt,
da heil`ge Weisheit blühet;
dort wächst Geduld beim Kreuz;
Hier süße Andacht man,
da Rein – dort Kleinheit siehet,
kurz, Schönheit allerseits.

4. Vom Glauben Paulus schreibt,
Johannes von der Liebe,
die Hoffnung Petrus stärkt.
Jakobus auf die Werk`,
als Glaubensfrüchte triebe,
den Irrtum Judas merkt.

5. Ein Jüngling will zum Kampf,
ein Vater zum Beschauen,
die Braut vom Lieben redet,
ein Herzenskind spricht süß
vom kindlichen Vertrauen,
ein Beter vom Gebet.

6. Mit Jesu Kindheit will
sich dort ein Herz verbinden,
zum Kreuz hat jener Mut,
in Gottes Gegenwart
kann dieser alles finden,
und der in Christi Blut.

7. Maria schweigt dem Herrn,
und kehrt sich nicht am Handel,
die Martha dienet gern;
ein Hirte nutzt durchs Wort,
ein Schaf durch Sinn und Wandel,
doch alle sind des Herrn.

9. So wirkt der Eine Geist,
nachdem es Ihm gefällt,
den unterschiednen Glanz;
wird dann ein jeder Stein
an seinen Ort gestellt,
so ist der Tempel ganz.

10. O Pracht der Himmelsstadt,
da solche Edelsteine
von tausend Arten seind!
Dies ist die wahre Kirch`,
der heiligen Gemeine,
die hier so arm erscheint.

11. O schönes Paradies,
drin solche Blumen prangen,
und blühen immerfort.
Mögt ich hier blühen schon,
Gestalt und Schmuck erlangen,
der auch noch schön sei dort.

12. Du gloriöses Haupt,
das alle deine Glieder,
mit einem Geist durchdringst,
blas in mich dürres Bein,
bis du`s auch völlig wieder
an seine Stelle bringst.

Tersteegen, Gerhard – NIchts soll mich und JEsum trennen.

NIchts soll mich und JEsum trennen.
Nichts ist das uns scheiden kann.
Ihme soll mein Herze brennen.
Ihme bleib ich zugethan.
Solt auch Erd und Himmel brechen,
Dennoch will ich ohne Scheu
Immer gern und herzlich sprechen:
Lieber todt als ungetreu.

Er ist es, der mich gebildet,
Und mich biß hieher gebracht;
Der mich, da ich sehr verwildet,
Mit der Ruthe zahm gemacht,
Der mich väterlich getragen,
Seine Gnad war täglich neu.
O so soll ich billich sagen:
Lieber todt als ungetreu.

Er hat mich aus Todes Banden
Und Gefahren ausgeführt.
Oft war keine Hilf vorhanden,
Und ich wurde doch curirt.
Es geschah mich zu gewinnen.
Ruf und Zug war mancherley,
Bald von aussen, bald von innen.
Lieber todt als ungetreu.

Aus dem schnöden Laster-Leben
Hat Er mich nicht hingerafft,
Noch dem Satan übergeben,
Noch mit strengem Zorn gestrafft.
Nein, ich mußte mich bekehren
Von der Sünden-Sclavery,
Zu den Buß- und Glaubens-Lehren.
Lieber todt als ungetreu.

Habe Dank du Liebe-Wesen!
Daß du mich vom Schlaff erweckt.
Hilf zum völligen Genesen!
Mache mich ganz unbefleckt,
Rein von groben Laster-Trieben
Und subtilen Heucheley,
Dir zu glauben, Dich zu lieben.
Lieber todt als ungetreu.

Ich versprech mit Mund und Händen,
Daß ich Dir verbunden bin.
Satan soll mich nimmer blenden,
Auch nicht Welt und Fleisches Sinn,
Noch der Menschen Spott und Toben;
Nein, es bleibt, es bleibt dabey.
Ich muß Deinen Namen loben.
Lieber todt als ungetreu.

Es ist besser4 leiblich sterben,
Als, gleich einem wilden Schwein,
Mastung suchen zum Verderben,
Und ein Raub des Teufels seyn.
Aber wer zu JESU dringet,
Wird von Schuld und Sünde3n frey,
Daß er recht von Herzen singet:
Lieber todt als ungetreu!

Lieber Heiland! Wollt ich wanken,
(Ach was thut ein Sünder nicht!)
O so setze Du mir Schranken,
Daß mein Bund und Eyd nicht bricht!
Ende wende mein Beginnen.
Kommt mir Deine Zucht nicht bey,
O so hole mich von hinnen,
Lieber todt als ungetreu!

Gerhard Tersteegen – Nun ist es geschehen

NUn ist es geschehen. Ich bin nicht mehr mein.
Ich hab mich beschlossen, des HErren zu seyn.
Er hat mich erschaffen, und nachmals erkauft.
Sein bin ich auch worden, als man mich getauft.

Nun ist es geschehen. Die Freyheit ist hin.
Weil ich ein Verlobter Immanuels bin.
Was Freyheit? Ich war ein leibeigener Knecht,
Der Welt und des Teufels. Jetzt komm ich zurecht.

Nun ist es geschehen. Jetzt werd ich erst frey,
Von Sünden und Schulden erlöset und neu.
Der Welt-Geist besitzet und treibet die Welt.
Ein Christ wird von CHristo in FReyheit gestellt.

Nun ist es geschehen. Nun bin ich verpflicht,
Gottselig zu leben. Ich weigre mich nicht.
Es bleibet (zwar werd ich noch täglich versucht)
Dem Heiland geschworen, die Sünde verflucht.

Nun ist es geschehen. Ihr Lüste hinaus!
Mein Herz wird ein Tempel und seliges Haus
Der heiligen Geistes. O herrlicher Gast!
Du bringest mir Frieden zur täglichen Last.

Nun ist es geschehen. Der HErr ist mein Heil,
Mein Meister auf Erden, im Himmel mein Theil.
Er schalte, Er walte mit Unglück und Glück,
So bin ich’s zufrieden. Ich geh‘ nicht zurück.

Nun ist es gеschehen. O wichtiger Bund!
Ich weyhe dem HErren Zung, Lippen und Mund,
Zum Reden und Schweigen nach seinem Geheiß,
Zum Beten und Singen dem Höchsten zum Preiß.

Nun ist es geschehen. Nun macht euch bereit,
Ihr Glieder und Sinnen! zum christlichen Streit,
Zu ruhen und wirken, nach Christi Gebott,
Dem Höchsten zu Ehren, dem Teufel zum Spott.

Nun ist es geschehen. Nun leb ich in Dir,
Mein Licht und mein Leben! Ach bleibe bey mir.
So folg ich, als Jünger, Dir immerdar nach
Durch süß und durch bitter, durch Ehre und Schmach.

Nun ist es geschehen. Nun sterb‘ ich auch gern.
Mein Michael treibet den Satanam fern.
Der Leib kommt vom Leiden und Arbeit zu Ruh!
Der Seelen Geist fahret dem Himmelreich zu.

Nun ist es geschehen. Zwar fehlet mir viel.
Ich strauchle noch öfters und weiche vom Ziel.
Doch laß ichs nicht gelten. Mein Heiland ist gut.
Er wird es schon machen. Diß stärket den Muth.

Nun ist es geschehen. Mein Heiland es gilt!
Hilf handlen und wandlen, wie Du es nur wilt!
Dir leb ich, Dir sterb ich, Dir bleib ich getreu.
O JEsu! Hilf halten! Es bleibe dabey.

Tersteegen, Gerhard – Nun, wie steht es, meine Seele

So jemand den HErrn JESUM CHristum nicht lieb hat, der sey Anathema Maran atha.
1. Cor. 16,22.

Mel. O du Liebe meiner Liebe! rc.

1. NUn, wie steht es, meine Seele!
Geht es übel oder gut?
Hast du was vom Glaubens-Oele?
Fühlest du der Liebe Glut?
Sollte man wohl JEsum kennen,
Und sein Glied und Jünger seyn,
Und nicht auch in Liebe brennen?
Nein, o Seele! warlich Nein.

2. Wer, was uns die Bibel lehret,
Nicht für eine Fabel acht:
Wer von Christi Leiden höret,
Und sein Mittler-Amt betracht,
Der bleibt nimmer unempfindlich:
(Hitz und Schein gehört zum Licht)
Seine Liebe wachset stündlich.
Wer nicht liebt, der glaubt auch nicht.

3. Welch Geheimnis! GOttes Sohne
Wird ein schwaches Menschen-Kind.
Er saß auf dem Königs-Throne,
Und Er wird, wie Knechte sind.
Mein warum? Daß Er uns Böse,
Seine Feinde, von dem Feind
Und vom Höllen-Pfuhl erlöse.
Welch ein theurer Menschen-Freund!

4. Er, der überselig ware,
Wird gebohren. Wo? Im Stall.
Er trägt über dreyßig Jahre
Creutz und Leiden ohne Zahl.
Armuth, Arbeit, Menschen-Plage,
Satans-Pfeile, Undank, Schmach,
Kampf und Sorgen-volle Tage
Gieng Ihm als ein Schatte nach.

5. Sieh Ihn dort zu Tische sitzen
Als das rechte Osterlamm!
Sieh Ihn in dem Gartenschwitzen!
O welch ein Blut-Bräutigam!
Der für uns sein Blut verdämpfet,
Und den Zorn-Kelch GOttes trinkt,
Zittert, zaget, schreyt und kämpfet,
Und gleich als zur Höllen sinkt!

6. Sieh, wie Ihn die Häscher fassen,
Als Ihn der Verräther küßt,
Wie die Jünger Ihn verlassen,
Wie Er nun gebunden ist,
Wie man Ihn verhört und fraget
Für dem falschen Juden-Rath,
Anklagt, hönt, verspeyt und schlaget!
Was war seine Missethat?

7. Sieh Ihn zu Pilatus schleppen!
O wie ruft die tolle Rott
An der Gaß und auf der Treppen:
Creutz’ge, Creutze! welch ein Spott!
Sieh: Man geisselt Ihn mit Riemen.
Jetzt wird Er hervorgebracht,
Braun und blau von Blut und Striemen.
Ecce Homo! Mensch, hab acht!

8. Sieh, wie rasen jene Heyden.
Alles spricht dem Heiland Hohn.
Da sie Ihn mit Purpur kleiden,
Sticht Ihn eine Dörner-Cron.
Da sie Ihne kniend grüssen,
Schläget Ihn das Zepter-Rohr.
O wie muß die Unschuld büssen,
Als ein Unmensch, als ein Thor!

9. Sieh, nun wird Er ausgeführet
Unter seiner Creutzes-Last.
Da der Pöbel jubiliret,
Seufzet und zergeht Er fast.
Sieh jetzt nimmt man Ihm das Kleide
Auf dem bangen Golgatha.
O betrübte Augen-Waide!
Nackend steht der Heiland da.

10. Sieh, wie man Ihn will ermorden,
Und durch Händ und Füsse sticht!
Mitten unterm Schächer-Orden
Wird sein Galgen aufgericht.
Nun da hängt Er voller Wunden,
Als ein Lamm, das nichts verschuldt,
Angebellt von frechen Hunden,
Doch voll Langmuth und Geduld.

11. Sieh, wie klopft die Brust für Schmerzen.
Ach! Er blutet sich zu todt.
Aller Trost weicht aus dem Herzen,
Es kommt neue Seelen-Noth,
Sieh, wie Er sich krümmt und windet!
Eli, Eli! ruft sein Mund,
Und der Sonne Schein verschwindet.
O wann kommt die neunte Stund?

12. Sieh, jetzt muß das Leben sterben,
Und Er spricht: Es ist vollbracht!
Er ist todt, und wir sind Erben.
Nun ist alles wohl gemacht.
Aber wie? Läßt man Ihn hangen?
Wir Er gar zum Raaben-Aas?
Nein. Es ist die Nacht vergangen
Und des Leidens Stunden-Glas.

13. Zwar man spießt Ihm in die Seite;
Doch drauf löset man Ihn ab.
Reiche Raths- und Ehren-Leute
Tragen Ihne selbst zu Grab.
Und hier bleibt Er unverriegelt.
Er erwacht am dritten Tag.
Da wird Erd und Gruft entsiegelt.
Satan, welch ein Donnerschlag?

14. Sieh Ihn hin und her erscheinen.
Jetzt ist Tod und Höll besiegt.
Sieh, Er wandelt mit den Seinen.
O wie sind sie so vergnügt!
Sieh Ihn auch gen Himmel fahren.
Jetzt regiert Er hier und dort,
Als ein Fürst der Engel-Schaaren.
Glaub und folge seinem Wort!

15. Seele! Soll es kraftlos bleiben?
Kann dich Christi Creutzes-Lehr
Nicht zur Liebes-Einbrunst treiben:
O so liebst du nimmermehr.
Seele! willst du nicht verschmachten,
O so werd in Liebe heiß.
Laß nicht ab, Ihn zu betrachten..
Er zerschmelzet alles Eiß.

16. Denk, Er ist uns nachgegangen,
Da wir Seiner nicht begeht.
Er hat gern das Creutz umfangen,
Und sich nimmermehr beschwert.
O wer will uns einst erretten,
Wann wir ein so theures Blut
Mit Verachtungs-Füssen tretten?
O wer hemmt des Satans Wuth!

17. Hat St. Paulus nicht geschrieben:
(Welch ein Bann und Schrecken-Spruch)
Wer den Heiland nicht will lieben,
Sey Anathema, ein Fluch.
O dabey wirds freylich bleiben!
Seele, Seele! Lasse dich
Von dem Geist der Liebe treiben!
Seele, liebe brünstiglich!

18. Liebe-Licht, der Gottheit Wesen,
Ist der Christen Element.
Liebe muß sich auserlesen,
Wer den Namen Christi nennt.
Laßt uns Augustinum hören,
Er war auch mit Lieb erfüllt.
Liebe, spricht er, GOtt den HErren,
Und denn thue was du willt.

19. HERR, diß Feuer anzuzünden,
Ist dein Werk und deine Kunst.
Ach, die Höllen-Glut der Sünden
Hindert noch die Himmels-Brunst.
HERR, Du willst uns nicht verdammen,
Du bist unsern Seelen hold;
Taufe denn mit Liebes-Flammen,
Schenke mir des Glaubens Gold.

20. Geist des Glaubens und der Liebe!
Ach! ergiesse Dich in mich!
Deine Zucht und Friedens-Triebe
Fördern uns gar seliglich.
O du reine GOttes-Daube!
Fliege doch mit Macht herbey,
Daß ich glaub, und daß mein Glaube
Durch die Liebe thätig sey.

Gerhard Tersteegen – O liebe Seele, könnt’st du werden

O, liebe Seele, könnt’st du werden
Ein kleines Kindlein noch auf Erden,
Ich weiß gewiss, es käm‘ noch hier
Gott und sein Paradies zu dir.

Ein Kindlein ist gebeugt und stille;
Wie sanft gelassen ist sein Wille!
Es nimmt, was ihm die Mutter gibt,
Es lebet süß und unbetrübt.

Man hebt es auf, man legt es nieder,
Man macht es los, man bind’t es wieder;
Was seine Mutter mit ihm macht,
Es bleibt vergnügt und süße lacht.

Vergisst man sein, es ist geduldig,
Bleibt Allen freundlich und unschuldig;
Durch Schmähen wird es nicht gekränkt,
An Lob und Ehr‘ es auch nicht denkt.

Ein Kind kann nicht in Lust noch Schätzen,
Noch andern Sachen, sich ergötzen;
Man mach‘ es arm, man mach‘ es reich,
Es gilt ihm Alles eben gleich.

Der Menschen Anseh’n gilt ihm wenig,
Es fürchtet weder Fürst noch König;
O Wunder, und ein Kind ist doch
So arm, so schwach, so kleine noch.

Es kennet kein verstelltes Wesen,
Man kann’s aus seinen Augen lesen.
Es tut einfältig was es tut,
Und denkt von Andern nichts als gut.

Mit Forschen und mit vielem Denken
Kann sich ein Kind das Haupt nicht kränken;
Es lebt in süßer Einfalt so
Im Gegenwärtigen ganz froh.

Ein Kindlein lebet ohne Sorgen
In seiner Mutter Schoß verborgen;
Es lässt geschehen, was geschieht,
Und denkt fast an sich selber nicht.

Ein Kindlein kann allein nicht stehen,
Geschweige, dass es weit soll gehen;
Es hält die liebe Mutter fest,
Und so sich führ’n und tragen lässt.

Und wenn es je, aus Schwachheit, fället,
Es sich nicht ungebärdig stellet:
Man hebt es auf, man macht es rein,
Es geht hernach nicht mehr allein.

Ein Kindlein kann nicht überlegen,
Es lässt sich heben, tragen, legen;
Denkt nicht an Schaden, noch Gefahr,
Es bleibt nur überlassen gar.

Ein Kindlein weiß von keinen Sachen,
Die And’re tun und And’re machen;
Was ihm vor Augen wird getan,
Schaut es in stiller Unschuld an.

Sein liebstes Werk und höchst’s Vergnügen
Ist, in der Mutter Armen liegen,
Sie anzusehen spät und früh,
Und sanfte zu umarmen sie.

Es schätzet seiner Mutter Brüste
Mehr als die Welt und alle Lüste;
Da sind’t es, was ihm nötig ist,
Da schläft es ein und All’s vergisst.

O süße Unschuld, Kinderwesen!
Die Weisheit hab‘ ich mir erlesen.
Wer dich besitzt, ist hochgelehrt,
Und in des Höchsten Augen wert.

O Kindheit, die Gott selber liebet,
Die Jesu Geist alleine gibet,
Wie sehnet sich mein Herz nach dir!
O Jesu, bilde dich in mir!

O Jesu, lass‘ mich noch auf Erden
Ein solch unschuldig Kindlein werden;
Ich weiß gewiss, so kommt schon hier
Gott und sein Paradies zu mir.

erweitert am 05.10.2025

Tersteegen, Gerhard – Gebet

Herr, laß mich wandeln, wo ich bin,
vor deinem Angesicht:
Mein Tun und Lassen immerhin
sei lauter, rein und licht.
Dein Auge leite meinen Gang,
daß ich nicht irre geh‘;
Ach bleib‘ mir nah‘ mein Leben lang,
bis ich dich ewig seh‘.

Der Weg zum Glück
Ein Hausbuch für die christliche Familie
von Pfarrer Gustav Hofelich
C. Rieger’sche Verlagsanstalt. Stuttgart – München

Gerhard Tersteegen – Gebet

Bei aller Arbeit und Beschwerde
beförd’re du dein Werk in mir,
daß einst mein Ziel sei für und für,
daß ich mit dir vereinigt werde
noch auf der Erde.

Bis ich der Unruh überhoben
und, frei von Mühe, Furcht und Pein,
dies einzig mein Geschäft wird sein,
dich schauen, lieben, ehren, loben
auf ewig droben.

Der Weg zum Glück
Ein Hausbuch für die christliche Familie
von Pfarrer Gustav Hofelich
C. Rieger’sche Verlagsanstalt. Stuttgart – München

Gerhard Tersteegen – Mein Erlöser, schaue doch,

1.) Mein Erlöser, schaue doch,
Wie mein armer Geist, verstricket,
Mit geheimen Banden noch,
Ganz bedränget und bedrücket:
Will ich los, so sinkt mein Herz
Bald in Ohnmacht niederwärts.

2.) Meine Bande mannichfalt
Tiefe Seufzer aus mir zwingen:
Zions Hülfe, komm doch bald!
Laß es mir durch dich gelingen;
Mache mich einst völlig frei
Von der Lüste Sklaverei.

3.) Zwar es hat mich deine Gnad
Groben Sünden längst entrissen.
Ich hab auch nach deinem Rat,
Schon zu wandeln mich beflissen,
Daß vielleicht ein andrer wohl,
Mich für fromm schon halten soll.

4.) Aber dein genaues Licht
Zeigt mir tiefer mein Verderben;
Und wie ich, nach meiner Pflicht,
Muß mir selbst und allem sterben,
Und in wahrer Heiligkeit
Vor dir leben allezeit.

5.) Dies ist auch mein Wille wohl,
Aber, ach! es fehlt Vollbringen;
Was ich auch verrichten soll,
Thu ich noch mit Last und Zwingen:
Seh ich dann mein Bestes an,
So ist’s doch nicht rein gethan.

6.) Schau, wie ich entblößet bin,
Wie mein Geist im Kerker (Elend) stöhnet;
Wie so inniglich mein Sinn
Sich nach Deiner Freiheit sehnet.
Ach! zerreiß den Himmel doch;
Ach! zerbrich des Treibers Joch.

7.) Ach, wo ist der neue Geist,
Den du wolltst den Deinen geben,
Der den Sünden uns entreißt
Und uns bringt dein reines Leben,
Der mit Herzenslust und Kraft
Alles in und durch uns schafft.

8.) Jesu! ach erbarm dich mein,
Laß mich nicht im Elend hangen;
Mach mich gründlich, frei und rein,
Nimm mein Herz dir ganz gefangen:
Komm, und werd mir innig nah,
Du hast mich erkaufet ja.

9.) Ach, wann wird mein Herze frei
Über alles sich erheben,
Und, in reiner Liebestreu,
Nur von dir abhänglich leben,
Abgeschieden, willenlos,
Von mir selbst und allem bloß!

10.) Komm, du lang verlangte Stund!
Komm, du Lebensgeist von oben!
Ach! wie soll mein froher Mund,
Jesu! deine Treue loben,
Wenn mich deine Liebesmacht,
Dir zu dienen, frei gemacht.

11.) Laß dein Evangelium
Mir Gefang’nem Freiheit schenken:
Ich will als dein Eigenthum
Mich in dein Erbarmen senken;
Ich will hoffen, warten, ruhn;
Du wollst alles in mir tun.

12.) Eignes Wirken reicht nicht zu,
Du musst selbst die Hand anlegen;
Ich will still sein, wirke du;
Dämpfe, was sich sonst will regen:
Kehr zu meiner Seele ein,
So wird mir geholfen seyn.

Quelle: Geistliches Blumengärtlein inniger Seelen.
Dreizehnte Original-Auflage
Elberfeld 1826
bei Wilhelm Hassel

Komplettierte Fassung dieses Liedes

Gerhard Tersteegen – Danke dem Herren, o Seele, dem Ursprung der Güter

1.) Danke dem Herren, o Seele, dem Ursprung der Güter.
Der uns erquicket die Leiber und stärkt die Gemüter.
Gebet ihm Ehr: Liebet den Gütigen sehr;
Stimmet die dankenden Lieder!

2.) Du hast, o Güte! dem Leibe die Notdurft bescheret:
Lass doch die Kräfte im Guten nur werden verzehret.
Alles ist dein, (Seelen und Leiber) allein:
Werd auch durch beide geehret.

3.) Lebenswort! Jesu! komm, speise die schmachtenden Seelen;
Laß in der Wüste uns nimmer das Nöthige fehlen:
Gib nur, daß wir Innig stets dürsten nach dir,
Ewig zur Lust dich erwählen.

4.) Nimm die Begierden und Sinnen in Liebe gefangen,
Daß wir nichts neben dir, Jesu! auf Erden verlangen:
Laß uns mit dir Leben verborgen allhier,
Und dir im Geiste anhangen.

3.) Lass uns dein’n Lebens-Geist kräftig und innig durchdringen
Und uns dein göttliches Leben und Tugenden bringen;
Bis nur wird seyn In uns dein Leben allein;
Jesu! du kannst es vollbringen.

4.) Gütigster Hirte, du wollest uns stärken und leiten,
Und zu der Hochzeit des Lammes rechtschaffen bereiten:
Bleib uns hier nah, Bis wir dich ewig allda
Schmecken und schauen in Freuden.

Quelle: Geistliches Blumengärtlein inniger Seelen.
Dreizehnte Original-Auflage
Elberfeld 1826
bei Wilhelm Hassel

Komplettierte Fassung dieses Liedes