Dora Rappard – O Vater, dessen Liebe

O Vater, dessen Liebe
Umfaßt die ganze Welt,
Dir wird aus gläub’gem Triebe
Dies Kind hier dargestellt;
Dir sei’s von dieser Stunde
Zum Eigentum geweiht;
Erhalt’s in Deinem Bunde
Für Zeit und Ewigkeit.

O Jesu, treuer Heiland,
Blick gnädig Du es an,
Und segne es, wie weiland
Den Kleinen Du getan!
Du hast Dein Blut und Leben
Auch für dies Kindlein schon
Aus Liebe dargegeben;
So nimm’s zum Schmerzenslohn.

O Heil’ger Geist! Du bringest
Zurück, was wir verlor’n;
Wo Du ein Herz durchdringest,
Da wird es neu gebor’n!
O komm hernieder frühe
In dieses Kindleins Herz,
Und unaufhaltsam ziehe
Es selig himmelwärts!

In Deinen heil’gen Namen
Wird es getauchet ein;
Dreiein’ger Gott, sprich: Amen!
Sprich: Hinfort bist du mein!
Ja, wahrlich, es ist Deine;
Drauf kann der Glaube ruhn.
Was Du vermagst alleine,
Wir trau’n, Du wirst es tun.

Gerhard Tersteegen – O liebe Seele, könnt’st du werden

O, liebe Seele, könnt’st du werden
Ein kleines Kindlein noch auf Erden,
Ich weiß gewiss, es käm‘ noch hier
Gott und sein Paradies zu dir.

Ein Kindlein ist gebeugt und stille;
Wie sanft gelassen ist sein Wille!
Es nimmt, was ihm die Mutter gibt,
Es lebet süß und unbetrübt.

Man hebt es auf, man legt es nieder,
Man macht es los, man bind’t es wieder;
Was seine Mutter mit ihm macht,
Es bleibt vergnügt und süße lacht.

Vergisst man sein, es ist geduldig,
Bleibt Allen freundlich und unschuldig;
Durch Schmähen wird es nicht gekränkt,
An Lob und Ehr‘ es auch nicht denkt.

Ein Kind kann nicht in Lust noch Schätzen,
Noch andern Sachen, sich ergötzen;
Man mach‘ es arm, man mach‘ es reich,
Es gilt ihm Alles eben gleich.

Der Menschen Anseh’n gilt ihm wenig,
Es fürchtet weder Fürst noch König;
O Wunder, und ein Kind ist doch
So arm, so schwach, so kleine noch.

Es kennet kein verstelltes Wesen,
Man kann’s aus seinen Augen lesen.
Es tut einfältig was es tut,
Und denkt von Andern nichts als gut.

Mit Forschen und mit vielem Denken
Kann sich ein Kind das Haupt nicht kränken;
Es lebt in süßer Einfalt so
Im Gegenwärtigen ganz froh.

Ein Kindlein lebet ohne Sorgen
In seiner Mutter Schoß verborgen;
Es lässt geschehen, was geschieht,
Und denkt fast an sich selber nicht.

Ein Kindlein kann allein nicht stehen,
Geschweige, dass es weit soll gehen;
Es hält die liebe Mutter fest,
Und so sich führ’n und tragen lässt.

Und wenn es je, aus Schwachheit, fället,
Es sich nicht ungebärdig stellet:
Man hebt es auf, man macht es rein,
Es geht hernach nicht mehr allein.

Ein Kindlein kann nicht überlegen,
Es lässt sich heben, tragen, legen;
Denkt nicht an Schaden, noch Gefahr,
Es bleibt nur überlassen gar.

Ein Kindlein weiß von keinen Sachen,
Die And’re tun und And’re machen;
Was ihm vor Augen wird getan,
Schaut es in stiller Unschuld an.

Sein liebstes Werk und höchst’s Vergnügen
Ist, in der Mutter Armen liegen,
Sie anzusehen spät und früh,
Und sanfte zu umarmen sie.

Es schätzet seiner Mutter Brüste
Mehr als die Welt und alle Lüste;
Da sind’t es, was ihm nötig ist,
Da schläft es ein und All’s vergisst.

O süße Unschuld, Kinderwesen!
Die Weisheit hab‘ ich mir erlesen.
Wer dich besitzt, ist hochgelehrt,
Und in des Höchsten Augen wert.

O Kindheit, die Gott selber liebet,
Die Jesu Geist alleine gibet,
Wie sehnet sich mein Herz nach dir!
O Jesu, bilde dich in mir!

O Jesu, lass‘ mich noch auf Erden
Ein solch unschuldig Kindlein werden;
Ich weiß gewiss, so kommt schon hier
Gott und sein Paradies zu mir.

erweitert am 05.10.2025

Dora Rappard – Oh, ich möcht so gern

Oh, ich möcht so gern
Gleich meinem Herrn,
Der voll Lieb‘ und Huld uns ist erschienen;
Möchte, so wie er,
Immer mehr und mehr
Nicht mir dienen lassen, sondern dienen.

Etwas Himmelslust
Senkt sich in die Brust,
Wenn man treu ihm folgt im Erdenleben
Und nicht selbstiglich
Freude sucht für sich,
Sondern sinnt, wie man kann Freude geben.

Jesu, nimm mich hin,
Gib mir Deinen Sinn!
Fülle mich mit Deines Geistes Trieben,
Daß ich ungesucht
Bring‘ solch süße Frucht,
Nicht geliebt will werden, sondern lieben!

Emil Quandt – Geh‘ nicht allein!

Geh‘ nicht allein durchs Leben,
Das ist dir viel zu schwer;
Es gibt so viel zu heben,
Allein drückt dich’s so sehr.
Es gibt so viel zu klagen,
Du darfst nicht einsam sein;
Es gibt so viel zu tragen –
Geh‘ nicht allein.

Geh‘ nicht allein, das Leben
Ist einem viel zu reich;
Man muß dem andern geben,
Sonst bricht der eigne Zweig.
Man muß die Freude teilen
Und teilen seine Pein
Und miteinander weilen –
Geh‘ nicht allein!

Geh‘ nicht allein, im Leben
Schlägt manches Herz wie dein’s,
Find’st du nicht alle eben,
So findest du doch eins;
Und hast du es gefunden,
So sollst du dich ihm weihn,
Ihm bleiben treu verbunden –
Geh‘ nicht allein!