Tersteegen, Gerhard – Gebet

Herr, laß mich wandeln, wo ich bin,
vor deinem Angesicht:
Mein Tun und Lassen immerhin
sei lauter, rein und licht.
Dein Auge leite meinen Gang,
daß ich nicht irre geh‘;
Ach bleib‘ mir nah‘ mein Leben lang,
bis ich dich ewig seh‘.

Der Weg zum Glück
Ein Hausbuch für die christliche Familie
von Pfarrer Gustav Hofelich
C. Rieger’sche Verlagsanstalt. Stuttgart – München

Claudius, Matthias – Die Sternseherin Lise

Ich sehe oft um Mitternacht,
wenn ich mein Werk getan
und niemand mehr im Hause wacht,
die Stern‘ am Himmel an.

Sie geh’n da, hin und her zerstreut,
als Lämmer auf der Flur;
in Rudeln auch, und aufgereiht
wie Perlen an der Schnur.

Und funkeln alle weit und breit,
und funkeln rein und schön;
ich seh‘ die große Herrlichkeit
und kann mich satt nicht sehn…

Dann saget, unterm Himmelszelt,
mein Herz mir in der Brust:
„Es gibt was Besser’s in der Welt
als all ihr Schmerz und Lust.“

Ich werf‘ mich auf mein Lager hin
und liege lange wach
und suche es in meinem Sinn
und sehne mich danach.

Der Weg zum Glück
Ein Hausbuch für die christliche Familie
von Pfarrer Gustav Hofelich
C. Rieger’sche Verlagsanstalt. Stuttgart – München

Gerhard Tersteegen – Gebet

Bei aller Arbeit und Beschwerde
beförd’re du dein Werk in mir,
daß einst mein Ziel sei für und für,
daß ich mit dir vereinigt werde
noch auf der Erde.

Bis ich der Unruh überhoben
und, frei von Mühe, Furcht und Pein,
dies einzig mein Geschäft wird sein,
dich schauen, lieben, ehren, loben
auf ewig droben.

Der Weg zum Glück
Ein Hausbuch für die christliche Familie
von Pfarrer Gustav Hofelich
C. Rieger’sche Verlagsanstalt. Stuttgart – München

Dora Rappard – Eile, daß du betest!

Hast du zum Beten weder Lust noch Trieb,
dann eben sollst du beten.
In deiner Armut fleh: „O Vater, gib
mir Kraft, vor dich zu treten!“
Nicht hält die bittre Not den Bettler ab,
zu klopfen an die Pforte;
wohlan, so nimm auch du den Bettelstab,
gestützt auf Gottes Worte.

Warum doch gehn wir oft so trüb einher,
vor Mangel schier verzagend,
das Herz von Freud und Frieden leer,
den Menschen nutzlos klagend?
Und nahe bei uns ist der Überfluß,
ist unsres Gottes Fülle!
Hin, Seele, eile, wirf dich ihm zu Fuß,
daß er dein Dürsten stille.

O welchen Wandel kann doch eine Stund,
verbracht in Gottes Nähe,
im Herzen schaffen, das da matt und wund
sich sehnt, daß ihn es sehe!
Man kommt so arm und kehrt so reich zurück,
tot – und empfängt das Leben,
betrübt kommt man und findet Trost und Glück
Wer fleht, dem wird gegeben.

O wunderbares Vorrecht! Asch und Ton
darf mit dem Höchsten reden,
darf bitten, wie zum Vater spricht ein Sohn;
er hört und merkt auf jeden.
Drum brich hindurch, ob auch dein eigen Herz
dir wollt den Weg vertreten.
Acht nicht auf Lust und Trieb, blick himmelwärts
und eile, um zu beten!

Der Weg zum Glück
Ein Hausbuch für die christliche Familie
von Pfarrer Gustav Hofelich
C. Rieger’sche Verlagsanstalt. Stuttgart – München

Otto Frommel – An Jesus

Nun steige von dem Himmelsthron,
von starken Engeln dicht umstellt,
und schreite als ein Menschensohn
noch einmal durch die dürre Welt!

Und sprich wie einst am Seegestad
noch einmal dein belebend Wort,
und sei mit milder Heilandstat
noch einmal der Elenden Hort.

Aus trüben Augen – fühlst du’s nicht? –
schaut heißes Heimweh nach dir aus,
und Sehnsuchtsruf – vernimmst du’s nicht? –
seufzt auf aus manch zerfallnem Haus.

Komm, lege deine kühle Hand
der Menschheit auf das heiße Herz,
träuf Balsam in der Wunden Brand,
und stille jeden echten Schmerz.

Doch spare auch die Peitsche nicht!
Und – tut es not – zum Schwerte greif,
es ist gar vieles zu Gericht
und Axthieb reif und überreif.

Und steht aufs neu für die der Pfahl
hoch aufgereckt auf Golgatha,
es sind der Treuen diesesmal
mit dir zu bluten manche da.

O steige eilend von dem Thron
und schreite machtvoll durch die Welt:
Wir hören deine Schritte schon
und neigen unsre Stirn, o Held!

Der Weg zum Glück
Ein Hausbuch für die christliche Familie
von Pfarrer Gustav Hofelich
C. Rieger’sche Verlagsanstalt. Stuttgart – München

Otto Frommel – Ohne Gott

Otto Frommel – Ohne Gott

Blüten ohne Feuchte,
Augen ohne Licht,
sind wir, höchste Liebe,
leuchtest du uns nicht.

Welke Arme recken
wir vergebens aus,
rettest aus der Dürre
du uns nicht heraus.

Müde Worte lallet
unser stumpfer Mund;
wie zerfetzte Krieger
bluten wir am Grund.

Überm Brachfeld brütet
graue Finsternis;
keine Sonne lächelt
durch den Wolkenriß.

Blitze nur wie Flüche
rauschen erdenwärts,
jeder Blitz zerspaltet
flammend unser Herz.

Wir vergeh’n, verschmachten,
leuchtest du uns nicht.
Blüten ohne Feuchte,
Augen ohne Licht!

Der Weg zum Glück
Ein Hausbuch für die christliche Familie
von Pfarrer Gustav Hofelich
C. Rieger’sche Verlagsanstalt. Stuttgart – München