Arndt, Ernst Moritz – Des Reisenden Abendlied

Gegangen ist das Sonnenlicht,
Still schweiget Feld und Hain,
Und hell am Firmamente bricht
Hervor der Sterne Schein,
Und hell aus stiller Seele blitzt
Ein wundersamer Strahl
Von dem, der ewig waltend sitzt
Im hohen Himmelssaal.

Wie wäre doch das Menschenkind
So elend, so allein,
Wenn nicht von oben zart und lind
Ihm käme dieser Schein!
Es wäre nichts als Trug und Wahn,
Ein zitternd Blatt am Baum,
Ein Körnlein Sand im Ocean,
Ein Traumbild fast vom Traum.

Das Leben wallt von Ort zu Ort,
Hat nimmer Ruh noch Rast,
Und treibt im wilden Fluge fort,
Geschnellt durch eigne Hast;
Es brauset wie ein schäumend Meer,
Das keine Ufer kennt,
Und wirft uns Tropfen hin und her
Im wilden Element.

Drum komm, o du, der Frieden bringt,
Du Gott, in stiller Nacht,
Wo hell die Engelglocke klingt
Bei goldner Sterne Pracht –
Komm, wirf den frommen Liebesstrahl
Mir warm ins arm Herz,
Und die Gedanken allzumal
O zieh sie himmelwärts!

Drum komm mit deinem Engelheer,
Du lieber Vater gut!
Du bist die einzig feste Wehr,
Die einzig sichre Hut;
Gar nichtig ist der Menschen Macht,
Die eitle Eitelkeit,
Was Gott bewacht, ist wohl bewacht
Hier und in Ewigkeit.

Arndt, Ernst Moritz – Des Knaben Abendlied

Die Welt thut ihre Augen zu
Und alles wird so still,
Auch ich bin müde und zur Ruh
Ich auch mich legen will:
Ich leg‘ im stillen Kämmerlein
Mich in mein Bettchen warm,
Und Engel sollen Wächter seyn
Vor jedem Trug und Harm.

Du lieber Gott, der uns die Nacht
Mit Mond und Sternen schuf,
Der himmlisch uns das Herz gemacht
Für himmlischen Beruf,
Der uns den lichten Himmelschein
Gesenkt in tiefe Brust,
Damit wir sollen selig seyn
Durch deiner Liebe Lust;

Du lieber Gott, du gehst mit mir
Ins stille Kämmerlein,
Und stellst die Wächter an die Thür,
Die Engel fromm und fein;
Sie treten leis‘ und sanft daher
Und halten treue Hut,
Daß diese Nacht und nimmermehr
Mir nichts was Leides thut.

Nun habe Dank für diesen Tag
Und Dank für jede Freud‘!
Ich weiß nicht, was ich beten mag
Mit rechter Herzlichkeit;
Du weißt am besten, was ich will,
Du liebster, treuster Hort,
Drum bin ich mit den Lippen still,
Gott ist mein einzig Wort.

Arndt, Ernst Moritz – Unendlichkeit Gottes

Wer hat den Sand gezählt,
Welcher im Wasser haust?
Wem hat kein Blatt gefehlt,
Wann der November braust?
Wer weiß im Januar,
Wie viel der Flocken wehn?
Wie viele auf ein Haar
Tropfen auf’s Weltmeer gehn?

Wer mißt den Ocean,
Wo er am tiefsten fließt?
Wer mag die Strahlen fah’n,
Welche die Sonne schießt?
Wer holt das Lichtgespann
Fliegender Blitze ein?
Nenne den Wundermann!
Keiner mag größer seyn.

Gott ist der Ohnezahl,
Vor dem die Zahl vergeht,
Der durch den Sternensaal
Sonnen wie Flocken weht;
Gott ist der Ueberall,
Gott ist der Ohnegrund,
Schneller als Licht und Schall,
Tiefer als Meeresgrund.

Sandkörner zählest du,
Nimmer die Freundlichkeit,
Weltmeere missest du,
Nie die Barmherzigkeit,
Sonnenstrahl holst du ein,
Nimmer die Liebe doch,
Womit sein Gnadenschein
Sündern entgegen flog.

Arndt, Ernst Moritz – Morgengebet

Die Nacht ist nun vergangen,
Der Morgen steht so herrlich da,
Und alle Blumen prangen
Und alle Bäume fern und nah;
Auf Feldern und auf Wiesen,
In Wald und Berg und Thal
Wird Gottes Macht gepriesen
Von Stimmen ohne Zahl.

Die frommen Nachtigallen
Sie klingen hellen Freudenklang,
Die Lerchen höchst vor allen
Zum Himmel tragen sie Gesang,
Der Kukuk auf den Zweigen
Und auch der Zeisig klein
Sie wollen sich dankbar zeigen,
’s will keiner hinten seyn.

Und ich? Ich sollte schweigen?
Ich, Gottes reiches Ebenbild?
Durch das mit Liebesneigen
Der Feuerstrom der Gottheit quillt,
Dem er die Sternenlichter
Zur Brüderschar geweiht
Und Engelangesichter
Verklärt in Herrlichkeit?

Das Wild im grünen Walde,
Der Vogel auf dem grünen Baum,
Sie priesen also balde
Den Vater überm Sternenraum?
Es sumsete die Imme,
Das Würmchgen seine Lust,
Und ich hätt‘ keine Stimme
Des Lobes in der Brust?

Nein, Vater aller Güte,
Du meiner Seele Freudenlicht,
Wie gern will mein Gemüthe!
Doch meine Worte können nicht.
Wer mag dich würdig preisen,
Durch den die Welten sind,
Von dem die tiefsten Weisen
Kaum lallen wie ein Kind?

O Herr, la0 mich auch heute
In deiner Liebe wandeln treu,
Daß ich der Sünden Beute,
Der Eitelkeiten Spiel nicht sey;
Laß mich nach deinem Bilde
Den Weg der Tugend gehn:
So wird der Tag mir milde,
So kommt der Abend schön.

Arndt, Ernst Moritz – Himmelssehnsucht

Es lebt ein Geist, durch welchen alles lebt,
Durch den die Sonne kreist,
Der Blumenbusch die goldnen Köpfchen hebt,
Den Lenz der Vogel preist;

Durch den das Menschenherz, das Wunderding,
Vor eignen Wundern bebt,
Wenn er es mächtig zu dem Sonnenring
In tiefster Sehnsucht hebt.

O Geist der Geister! knieend bet‘ ich an,
Was keine Zunge spricht.
Zieh‘, ew’ges Licht, den kleinen Funken an!
Er will zu deinem Licht.

Er floß vom sel’gen Götterlande aus
Herab zur Erdenflur
Und sehnt sich ewig nach dem Sonnenhaus,
Nach himmlischer Natur.

O Geist der Geister, trage mich empor!
Und mache ganz mich dein!
Es ist mein Vaterland, was ich verlor:
Der Himmel ist ja mein.

Arndt, Ernst Moritz – Gegangen ist das Sonnenlicht

1. Gegangen ist das Sonnenlicht,
still schweiget Feld und Hain,
und hell am Firmamente bricht
hervor der Sterne Schein.

2. Und hell aus stiller Seele blitzt
ein wundersamer Strahl
von dem, der ewig waltend sitzt
im hohen Himmelssaal.

3. Wie wäre doch das Menschenkind
so elend und allein,
wenn nicht von oben zart und lind
ihm käme dieser Schein.

4. Es wäre nichts als Trug und Wahn,
ein zitternd Blatt am Baum,
ein Körnlein Staub im Ozean,
ein Traumbild fast von Traum.

5. Das Leben wallt von Ort zu Ort,
hat nimmer Ruh noch Rast
und treibt im wilden Fluge fort,
geschnellt durch eigne Last.

6. Es brauset wie ein schäumend Meer,
das keine Ufer kennt,
wirft uns wie Tropfen hin und her
im wilden Element.

7. Drum komm, o du, der Frieden bringt,
o Gott, in stiller Nacht,
wo hell die Engelsglocke klingt
bei goldner Sterne Pracht!

8. Komm, wirf den frommen Liebesstrahl
mir warm ins arme Herz,
und die Gedanken allzumal,
o zieh sie himmelwärts!

9. Drum komm mit deinem Engelheer,
du Vater, lieb und gut!
Du bist die einzig feste Wehr,
die einzig sich’re Hut.

10. Gar nichtig ist der Menschen Macht,
die eitle Eitelkeit.
Was Gott bewacht, ist wohlbewacht
hier und in Ewigkeit.

 

Text: Ernst Moritz Arndt (1769–1860)
Melodie: Dresden 1667 (Nun sich der Tag geendet hat)
Quelle; GB Württemberg 1912, Nr. 82

Arndt, Ernst Moritz – Gottes Geist

(1854)

O Gottes Geist und Christi Geist,
Der uns den Weg zum Himmel weist,
Der uns die dunkle Erdennacht
Durch seine Lichter heller macht.

Du Hauch, der durch das Weltall weht
Als Gottes stille Majestät,
Du aller Lichter reinstes Licht,
Erleucht uns Herz und Angesicht.

Komm, leuchte mit dem Gnadenschein
Hell in die weite Welt hinein,
Komm, mach uns in der Finsterniß
Des lichten Himmelwegs gewiß.

Ach, hier ist Alles Staub und Nacht,
Die Wahn und Sünde trübe macht;
Ach, hier ist Alles Noth und Tod,
Geht uns nicht auf dein Morgenroth.

Das Morgenroth der bessern Welt,
Das wie ein Strahl vom Himmel fällt,
Als Gottes Macht und Gottes Lust
Durchblitzt die kranke Menschenbrust.

O Gottes Geist und Christi Geist,
Der uns wie Kinder beten heißt,
Der uns wie Kinder glauben heißt,
O komm! o komm, du heilger Geist!

Komm, Gottes Frieden, Gottes Muth!
Komm, stille Kraft die nimmer ruht!
Komm, gieße deinen Gnadenschein
In Seele Sinn und Herz mir ein:

Dann wandl‘ ich wie ein Kind des Lichts,
Im Glanze deines Angesichts
Schon meinen kurzen Erdenlauf
Stets himmelein und himmelauf.

Ernst Moritz Arndt,
ein Zeuge für den evangelischen Glauben
Albrecht Wolters,
Pfarrer zu Bonn.
Elberfeld
Druck und Verlag der Bädeker’schen Buch- und Kunsthandlung
(A. Martini und Brüttesien)
1860

Arndt, Ernst Moritz – Gebet um das Gebet

Du, der in flammende Gebete
Des Lebens höchste Kraft gelegt
Und aus des Busens tiefster Stätte
Das Herz in süßer Sehnsucht regt,
Du, aller Himmel höchster Meister,
Du, alles Lebens höchster Schein,
Komm, führe in das Land der Geister
Dein sehnend Kind zum Lichte ein!

Wo Myriaden Sonnen kreisen,
Der Morgenröthen Jubelklang
In tausendfach verschiednen Weisen
Ertönt, Ein seliger Gesang,
Wo Millionen Heil’ge knieen
Und schauen dir ins Angesicht,
O Vater! Gott! laß dort mich blühen
Am kleinsten Stral von deinem Licht.

Denn ach! zur kalten Erde wollen
Die Himmelslichter nicht herab,
Und ihre goldnen Lampen rollen
gefühllos über Sarg und Grab;
Der Wechsel hier vom Leid zum Glücke,
Vom Glück zum Leide ist zu schwer:
Es bricht die zarte Geisterbrücke,
Und Paradiese blühn nicht mehr.

Drum Himmel steige! sinke Erde!
Und irdisch Leben unter mir!
Daß ich ein weißer Engel werde,
Steht, weiße Engel, neben mir,
Und helft im Glauben mir vollenden
Der Erde mühevollen Streit,
Und traget mich auf reinen Händen
Empor ins Land der Seligkeit.

Ernst Moritz Arndt – Geistliche Lieder
Weitere Texte des Autors in der „Glaubensstimme“

Arndt, Ernst Moritz – Wir wollen ihm die Krippe schmücken

Wir wollen ihm die Krippe schmücken
Und bei ihm bleiben die ganze Nacht,
Die Händ ihm küssen und sie drücken,
Dieweil er uns so Guts gebracht.

2. Und wollen nimmer von ihm gehen
Und zu ihm beten aller Frist,
Und immerdar von Herzen flehen:
Ach bleib bei uns, Herr Jesu Christ!

3. Du lieber Herr, gib deinen Segen
Den frommen Kindlein, die zu dir flehn;
Geleite sie auf allen Wegen
Und lass uns deine Gnade sehn.

4. Von allen Gaben gibt es keine,
Die hochwillkommen wie diese ist;
Drum bitten wir nur um das Eine:
Ach bleib bei uns, Herr Jesu Christ!

Weitere Texte des Autors in der „Glaubensstimme“

Arndt, Ernst Moritz – Schlafe, Kindlein, hold und süß

Schlafe, Kindlein, hold und süß,
wie im Engelsparadies,
schlaf‘ in stiller, süßer Ruh‘,
tu‘ die kleinen Äuglein zu.

Draußen stehn die Lilien weiß,
haben allerschönsten Preis;
droben in der lichten Höh‘,
stehn die Englein, weiß wie Schnee.

Kommt, ihr Englein, weiß und fein,
wiegt mir schön mein Kindelein,
wiegt sein Herzchen fromm und gut,
wie der Wind der Lilie tut!

Schlafe, Kindlein, schlafe nun!
Sollst in Gottes Frieden ruhn,
denn die frommen Engelein
wollen deine Wächter sein.

Weitere Texte des Autors in der „Glaubensstimme“