Arndt, Ernst Moritz – Lang ist die Ewigkeit.

Mein Herz, was hilft dein Sorgen
Hier um das eitle Nichts?
Es leuchtet jeden Morgen
Ein junger Strahl des Lichts,
Es ging viel tausend Jahre
Der Tag im Wechselgang
Hin zwischen Wieg‘ und Bahre:
Die Ewigkeit ist lang.

Mein Herz, was hilft dein Grämen
In der Sekunde Zeit?
Kannst du dir etwa nehmen
Nur einen Tropfen Freud‘?
Kannst du dir etwa geben
Auch nur ein Fünklein Muth?
Ein Andrer hält dein Leben,
Der was ihm liebet thut.

Mein Herz, was hilft dein Streiten,
Dein Ringen für und für?
Dein Haschen, dein Erbeuten?
Es bleibt ja nichts bei dir.
Und bliebe Lust und Habe
Dir treu wohl hundert Jahr,
So schaue hin zum Grabe:
Dort wird dir alles klar.

Aus seinem dunkeln Grunde,
Der nicht mehr lügen kann,
Klingt wie von Gottes Munde
Ein hohes Wort dich an:
Hieher! hier lerne schauen,
Was Tand, was Wahrheit ist;
Hieher! hier lerne bauen
Auf das, was ewig ist.

In diesem dunkeln Grunde,
In diesem blinden Sand,
Du Würmchen der Sekunde,
Hier lerne deinen Stand;
Hier wird der längsten Sonne
Ums helle Leben bang,
Um alle heitre Wonne:
Die Ewigkeit ist lang.

O Ewigkeit du lange!
Wie steh‘ ich kurz vor dir!
O Ewigkeit du bange!
Wie bleib‘ ich fest vor dir?
Wenn selbst die Sonnen zittern
Im Weltenocean,
Wie beb‘ ich nicht, von Splittern
Der allerdünnste Spahn?

O Ewigkeit du lange!
O tiefes tiefstes Graus!
O Ewigkeit du bange!
Wie halt ich vor dir aus?
Ich Pünktlein auf den Wogen
Der Unermeßlichkeit?
Ich Körnlein, das geflogen
Ein Stäubchen in die Zeit?

Mein Herz, ich will dir’s sagen,
Mein armes krankes Herz!
Du mußt den Aufflug wagen
Empor vom Erdenschmerz,
Du mußt die Flügel schwingen
Empor zum Himmelzelt,
Und mit den Lerchen singen:
Dort oben ist die Welt.

Dort oben, ja dort oben
Da ist des Christen Welt,
Wenn was aus Staub gewoben
In Staub hienieden fällt;
Dort oben, ja dort oben
Da ist des Christen Zeit,
Dahin den Flug gehoben!
Lang ist die Ewigkeit.

Dort oben, ja dort oben
Bei Gott und seinem Christ
Ist aller Wahn zerstoben
Und Menschentand und List,
Die eitlen Eitelkeiten,
Die eitle Sorg‘ und Noth,
Worum so viele streiten
Und ringen bis zum Tod.

Drum stell‘, o Herz, dein Grämen,
Den leeren Jammer ein,
Flieg‘ aus den Erdenschemen
Empor zum Himmelschein,
Wirf hin die eitlen Sorgen
Der kurzen Spanne Zeit;
Das Wort hat dich geborgen:
Lang ist die Ewigkeit.