Albert Zeller – Ich nahm von deiner toten Hand den Ring

Ich nahm von deiner toten Hand den Ring,
Den sie von mir am schönsten Tag empfing;
Wie hold sein Schein um all mein Leben floss,
Seit ich als Weib an meine Brust dich schloss!
So schlicht er ist von Ansehn und Gestalt,
So ruht in ihm doch zaubrische Gewalt;
Schau ich ihn an vertieft und unverwandt,
So glänzt er wieder an der warmen Hand,
Die ich so oft an meinen Mund gedrückt,
Die mir die Welt zum Hochzeitsaal geschmückt,
Den Kelch der Freude stets aufs Neu gefüllt,
Und selbst das Leid mit lichtem Schmuck verhüllt,
Mein pochend Herz zur Ruhe sanft bewegt
Und Segen auf der Kinder Haupt gelegt;
Vor der so manche Sorgenschar zerstob,
Wenn sie zu ihrem Gott sich betend hob.
Du Dienerin all ihrer Lieblichkeit,
Wie mahnst du mich an eine selge Zeit;
Das Herz ist mir von Wonn und Leid geschwellt,
Und auf den Ring die heiße Träne fällt.
Einst hat er dich fürs Leben mir gewählt,
Nun hat er mich dir auf den Tod vermählt,
Auf Tod und Leben gilts, und so aufs Neu
Werb ich um dich mit meiner ganzen Treu;
Und höher, reiner hebt sich meine Lust,
Des neuen Himmels selig sich bewusst;
Ich wahre fest das heilge Unterpfand
Und halt in Sturm und Nöten freudig Stand,
Bis mir die Hand im letzten Kampfe sinkt,
Und mir der Preis von dort entgegen winkt.

Zinzendorf, Nikolaus von – Verlangen nach Jesu.

Müde, die der Arbeit Menge
Und der heiße Strahl beschwert,
Wünschen, dass des Tages Länge
Werde durch die Nacht verzehrt,
Dass sie nach so vielen Lasten
Können sanft und süße rasten;
Ich wünsch auch in Dir zu ruh’n:
Jesu, Jesu, komme nun!

Könnt in Deinem Liebserbarmen,
HErr, wie ich mir wünschen wollt,
Die erstarrte Seel erwarmen:
So wollt ich das feinste Gold,
Das in Ophir wird gegraben,
Nicht für diesen Reichtum haben;
Nein, in Dir nur wollt ich ruh’n.
Jesu, Jesu, komme nun!

Andre mögen durch die Wellen
Und durch Wind und Klippen geh’n,
Ihren Handel zu bestellen,
Und da Sturm und Not aussteh’n:
Ich will meine Glaubensflügel
Schwingen zu den Sternenhügel,
Ewiglich in Dir zu ruh’n.
Jesu, Jesu, komme nun!

Vielmal pfleg‘ ich Dich zu fragen,
Vielmal seufze ich dazu:
„Wird mein Hüttlein abgetragen,
Und gelang‘ ich bald zur Ruh‘?“
Denn mein bestes Teil, das würde,
Frei dann von der Leibesbürde,
Ungehindert in Dir ruh’n:
Jesu, Jesu, komme nun!

Doch weil ich die Himmelsauen
Und der Geister Freudensaal
Noch nicht kann nach Wunsche schauen,
Und muss hier im Arbeitstal
Noch am rauen Faden spinnen,
Ei, so sollen Herz und Sinnen
Unterdes doch in Dir ruh’n:
Jesu, Jesu, komme nun!

(1722.)

Zinzendorf, Nikolaus von – Hindurchbrechen!

Jesu, nimm den Sinn,
Nimm mir Alles hin,
In den süßen Liebeswillen,
Da die Segensströme quillen,
In Dein offnes Herz,
Unter allem Schmerz!

Ewig treuer Freund,
Der mich redlich meint;
Unveränderliche Liebe
Voll geheimer Gnadentriebe,
Führ‘ im Herzenshaus
Deine Führung aus!

Niemand liebet Dich
So herzinniglich,
Dass nicht Deine Liebe größer,
Dass man Dich nicht mehr noch besser
Lieben könnt und sollt,
Wenn man immer wollt‘.

Rüste mich doch zu
Zu der stolzen Ruh‘,
Da die Deinen ewig hausen
Ohne Weltgetös‘ und Brausen:
In der Gnadenzeit
Mache mich bereit!

Jesu, rufe mich,
So ereil‘ ich Dich,
Meiner Seele HErr und König!
Wär‘ es Dir nicht noch zu wenig,
Wenn ich Dir aus Trieb
Leib und Seel verschrieb‘?

Eile näher her,
Mache leicht, was schwer;
Und weil Deine wahren Brüder
(Stürben auch des Leibes Glieder)
Froh und fröhlich sein:
Warum wollt ich schrei’n?

Tue meinem Lauf
Eine Türe auf:
Mache mein Gemüte völlig
Deinem Herzen wohlgefällig;
Lass mich fleißig seh’n,
Was an mir gescheh’n.

Träufle Gnad‘ und Gab‘
Aus der Höh‘ herab!
Deine Liebe ist unendlich,
Und ich war doch unerkenntlich,
Bis mich Deine Lieb‘
Erst in’s Kreuze trieb.

Also fahre fort;
Lieb‘, und schone dort!
Mache mich recht unzerteilig
Und‘ an Leib und Seele heilig;
Und erkenne mich
Jetzt und ewiglich.

(27. Novbr. 1728.)

Zinzendorf, Nikolaus von – Bekenntnis.

Ich stürbe lieber tausendmal,
Als leben in der Höllenqual,
Da, in des alten Menschen Bann,
Man immer will und niemals kann.

Ich danke Gottes teurem Lamm,
Bau‘ auf den Tod am Kreuzesstamm;
Mein Auge weint, die Seele lacht,
Wenn ich’s so bei mir selbst betracht.

Ich seh‘ im Geist die Nägelmal,
Erblick‘ darinnen eine Zahl,
Zu der ich Sünder bin gezählt,
Als Er die Sünder hat erwählt.

Nun bin ich frei, wiewohl ein Staub;
Ich sehe Jesum, fühl’s und glaub‘;
Sein Blut, das hat mich dargestellt
Zum Zeugnis der verderbten Welt.

Das Lamm, das alle unsre Last
Mit Löwenkräften aufgefasst,
Und sie in dunklem Todesgraus
Für uns vor’s Lager trug hinaus:

Das macht mich völlig klein und rein,
Und nennt durch Sein Verdienst mich Sein;
Und bin ich Seine ganz allein,
So zähl‘ ich auch zur Kreuzgemein‘.

(1743.)

Zinzendorf, Nikolaus von – Stille und Gelassenheit des Herzens.

O anbetungswürd’ges Wesen,
Allen Kranken zum Genesen,
Aller Angst zum Trost erlesen:
Meine Augen seh’n auf Dich!

HErr der himmlischen Naturen,
HErr der menschlichen Naturen,
HErr von allen Kreaturen,
Aber auch mein lieber HErr:

Deine Hand ist immer rege,
Aber Deine Stundenschläge
Richten sich doch allewege
Nach dem vorbestimmten Nu.

Ohne Deine Huld zu spüren,
Ohne Deines Geistes Rühren
Kann sich Niemand selig führen;
Ohne Dich gelinget Nichts.

Darum lehr‘ uns stille werden
In den Sinnen und Gebärden!
Dies erspart auf Meer und Erden
Uns viel tausend Sorg‘ und Not.

Haben wir uns Dir verpfändet,
Und nicht von Dir abgewendet,
So wird Alles wohl vollendet,
Früher, später, das ist gleich!

(2. Febr. 1729.)

Zinzendorf, Nikolaus von – Seufzen um Gnade.

Ach mein verwund’ter Fürste!
Nach Dessen Heil ich dürste,
In Dem mein Sehnen ruht,
An Dessen Liebesherzen
Mir wohl ist, und die Schmerzen
Selbst heilsam für mich sind und gut:

Nach Dir allein verlangen,
Das heißt schon an Dir hangen;
Zu Dir voll Liebe sein,
Das heißet Dich besitzen;
Vor Dienstbegierde schwitzen,
Das schreibst Du schon als Arbeit ein.

Nimm mich mit Liebserbarmen
Beim Herzen, bei den Armen,
Und setz‘ ein Siegel drauf;
Lass mich verschlossen werden
Vor dem Geräusch der Erden,
Dir aber mache selber auf!

(1737.)

Zinzendorf, Nikolaus von – Auf sich selbst.

Liebe, die Du Deine Brüder
Unaussprechlich fest geliebt,
Dir ergeb‘ ich mich hinwieder;
Wohl dem, der sich Dir ergibt!
Ich will, Liebe, Dir allein
Ganz und gar gewidmet sein!

Gib Dich mir, o süße Liebe!
Ruhe, liebster Schatz, in mir!
An der süßen Liebe Triebe
find‘ ich Freude, Lust und Zier,
Und aus Deiner Liebesglut
Nimmt mein Herze neuen Mut.

Du bist meiner Seelen Wonne,
Herrlicher Immanuel!
Eile doch, o Gnadensonne!
Ruft Dein treues Israel,
Reiche mir und Deiner Schar
Viel von Deiner Liebe dar!

Ohne Dich will ich nicht leben:
Nimm mich Dir zu eigen hin!
Zu Dir will ich mich erheben,
In Dir suche ich Gewinn;
Nimm, weil mir Nichts helfen kann,
Treues Heil, Dich meiner an!

Ziehe mich mit Liebesseilen,
Edler Seelenbräutigam!
Nur Dir liebreich nachzueilen,
Dir, o heil’ges Gotteslamm,
Opfre ich den ganzen Lauf
Recht mit allen Freuden auf.

Fliehet von mir, eitle Freuden,
Und lasst Jesum nur allein!
Nichts soll mich von Jesu scheiden;
Dieser soll mein Alles sein.
Pflege mich und sei mein Teil.
O erwünschtes Seelenheil!

Tobe nun, o Welt, und springe;
Treibe nur dein Spiel mit mir:
Einer ist es, dem ich singe,
Nämlich Jesus, meine Zier!
Dieser ist mir Sonn‘ und Schild,
Ob die Welt gleich tobt und brüllt!

Ruhe denn, o mein Gemüte!
Fest in Jesu, der dein Held,
Rühme dessen große Güte,
Fliehe alle Pracht der Welt.
Richte Herze, Mut und Sinn
Ferner stets auf Jesum hin!

(1714; Akrostichon.)

Zinzendorf, Nikolaus von – Bereitschaft zum Heimgang.

Tausend Dank, Du gute Liebe!
Dank für Deine Liebestriebe,
Seit Du mich Dir auserlesen,
Ein so ganz unwürd’ges Wesen!

O Du Langmut ohne Gleichen,
Die mein Sinn nicht kann erreichen,
Die ihr Herz mir aufgesparet
Und im Tod noch offenbaret:

Mir wirst Du zum ew’gen Heile,
Und kein Heuchlerlos zu Teile;
Sind noch Schlacken in dem Herzen:
Komm, sie völlig auszumerzen!

Du verlangest mich hinüber:
Siehe, ich bin da, Du Lieber!
Ja, mein Jesu, ich erscheine,
Doch beschämt, gebeugt und kleine!

Dir befehl ich Deine Glieder,
Meine Schwestern, meine Brüder,
Die ich (Du kennst meine Triebe),
Die ich Alle herzlich liebe.

Gar kein Missvergnügen, keines
Hab‘ ich wider irgend Eines;
Noch bin ich an ihrer Seiten;
Ihr Gebet wird mich geleiten.

Sei Du gnädig meinen Leuten,
Krön‘ sie mit Barmherzigkeiten,
Auch in meinem armen Namen,
Um der Liebe willen! Amen.

Nun, der Freund hat rufen lassen:
Jetzo geh‘ ich Ihn umfassen,
Singt mir, singt mir Hochzeitlieder!
Stimmt mit ein, ihr müden Glieder!

(1731; auf Anna Nitschmann.)

Zinzendorf, Nikolaus von – Von der völligen Übergabe des Herzens an Jesum.

Mein Jesu, sei gegrüßet,
Sei tausendmal geküsset!
Sei brünstiglich umfangen,
Du, meines Geist’s Verlangen!

Ich kann mich gern bescheiden,
Dass ich die teuren Freuden,
Und was von Heil mir grünet,
Mit Nichts Dir abverdienet.

Du weißest ja, mein König,
Wie arm, gering und wenig
Der Schmuck an meinem Kleide
Für solche Engelweide!

Doch willst Du Dich begnügen,
Wenn wir an Dich uns schmiegen,
Und uns mit Ernst bemühen,
Die Lust der Welt zu fliehen;

Wenn man vom Dienst der Sünden
Sich durch Dich lässt entbinden,
Und sich und was man liebet,
Dem HErrn zum Opfer gibet.

Du bleibest unverborgen
Mit Deinem Rat und Sorgen,
Belohnest Müh‘ und Streiten
Mit tausend Freundlichkeiten.

Nur Dich mit Ernst verlangen,
Nimmt Dir das Herz gefangen.
Dich herzlich, redlich meinen,
Macht, dass Du musst erscheinen.

Du hilfst die Lasten tragen,
Bis wir den Port erjagen,
Trägst uns mit zartem Schonen,
Bis wir des Jochs gewohnen.

Du willst uns selbst bereiten
Zu wahren Seligkeiten,
Und wie Du uns willst haben,
So schenkst Du Deine Gaben.

Nur Dir gelassen gehen
Und zu Gebote stehen,
Nichts neben Dir begehren:
Dies mag uns Heil gewähren.

Nun, Jesu, mach‘ mich fertig,
Gehorsam und gewärtig,
Und fähig, Deinen Willen
Mit Freuden zu erfüllen!

Dass ich Dich bei mir finde,
Und Alles überwinde;
Dass mich kein Fall noch Glücke
Von meinem Ziel verrücke;

Dass ich Dich fröhlich liebe,
Ob’s hell ist oder trübe,
Und Du mein bleiben müssest,
Du schlagest oder küssest.

Sei tausendmal geküsset,
Sei inniglich gegrüßet!
Sei brünstiglich umfangen,
O meines Geist’s Verlangen!

(1728.)

Zinzendorf, Nikolaus von – Hingabe zum völligen Gehorsam in die himmlische Ordnung.

So nimm denn meine Seele an,
Freund! sie ist Dir untertan;
Pflanz‘ Deine tiefe Liebe drein;
Hier soll Dein Ort der Ruhe sein.
Im Königreich des Herzens herrsche Du
Allein, o Bräutigam, mein Licht und Ruh‘!

Mein Glaubensauge sieht auf Dich,
Ach, blicke wiederum auf mich;
Gebiete mir nach Deinem Sinn,
Der ich Dir zugeschworen bin!
Auf Deinen Wink steht mein Gemüt bereit:
Lass mich Dir dienen! das ist Seligkeit.

Ein Jünger folgt des Meisters Spur:
Nach Deiner Regel geh‘ ich nur;
Als Du mich Dir beredet hast,
Kam mir die andre schwere Last,
Haupt und HErr, nicht mehr beschwerlich für;
Ein Joch, ein sanftes Joch erleichtert’s mir.

Nun, Liebe! da ist Hand und Herz,
Ich wähle Deine Schmach und Schmerz;
Gewiss, die Trübsal dieser Zeit
Ist gegen Deine Herrlichkeit
Nicht wert zu nennen oder anzuseh’n;
Nach treuer Arbeit wird mir wohl gescheh’n!

(1731.)