Anton Ulrich, Herzog zu Braunschweig und Lüneburg – Nach dir, o Gott, verlanget mich – andere, ältere Fassung

1) Nach dir, o Gott, verlanget mich,
Mein Gott, ich denk allein an dich;
Zieh mich nach dir, nach dir mich wend,
Und nimm mich auf in deine Händ.-

2) Die Sonnenblum folgt ihrer Sonn,
So folg ich dir, o meine Wonn;
Nur wünsch ich, daß ich könnte hier
von Sünden frei recht folgen dir.

3)Ach, ach, es hat die schwere Last
Der Sünden mich so fest umfaßt,
Daß meine schwache Seel nicht kann
Nach dir sich schwingen himmelan.

4) Ach wer wird mich befreien doch
Von diesem schweren Sündenjoch?
Mein Herz, das sehnet sich nach dir,
Befrei es bald, ach komm zu mir.

5) Es ist mein Will nach dir gericht,
Doch das Vollbringen mir gebricht;
Was ich nicht will, das thu ich doch,
Das macht, die Sünd beherrscht mich noch.

6) Ich laufe zwar, doch bin ich matt,
Ach, laß den Willen finden statt.
Erleichtre mir die schwere Last
Und laß mich sein von dir umfaßt.

7) Bedenke, daß ich bin dein Kind,
Drum tilge von mir meine Sünd,
Daß ich zu dir mit freiem Lauf
Mich könne schwingen himmelauf.

8) Vertilg die Welt mit ihrer Rott,
Die Macht des Satans mach zu Spott.
Den Schild des Glaubens mir verleih,
Mit deiner Gnade steh mir bei.

9) Nach dir, mein Gott, soll nun forthin
Gerichtet sein mein Herz und Sinn;
Ich eigne dich mir gänzlich zu
Und such in dir nun meine Ruh.

10) Hinweg, hinweg, du Lust der Welt,
Dir sag ich ab, mir nichts gefällt
Von deinem Thun, weil mir bekannt,
Daß du von Gott mich abgewandt.

11) Ach alles, was mich reißt von dir,
Mein liebster Gott, das treib von mir,
Bei dir, mein Gott bei dir allein
Hinfort soll meine Freude sein.

Selneccer, Nicolaus – Vom Elend des menschlichen Lebens.

Nach eigener Melodie.

Die Welt ist nichts zu unsrer Zeit
Denn ein Spital voll armer Leut,
Die täglich liegen auf der Wart
Und sehn auf ihre Himmelfahrt.

2. Was zeihst du dich denn als ein Gast,
Weil du kein bleibend Wesen hast,
Daß du dich magst mit Sorg beschwern,
Wie du dich wollest lang ernährn.

3. Nichts gilt fürwahr groß Stand und Pracht,
Was hier groß ist wird dort veracht.
All unsre Freud und zeitlich Lust
Gar schnell vergeht und ist umsonst.

4. Drum ist der gar ein weiser Mann,
Der sein Beruf auswarten kann
Daß er an Christum gläubig sei
Und hab ein ruhig Gwissen frei.

5. Der jedem gönnt was Gott bescheert,
Kein fremd vergänglich Gut begehrt,
Zu helfen ist er wohlgesinnt
Allen, die er in Nöthen findt.

6. Leidt Recht und Unrecht mit Geduld
Und strebt allein nach Gottes Huld,
Durch welche er gnug vergewisst,
Daß er ein Kind des Lebens ist.

7. Ein solcher Mensch hat wenig Leidn,
Wenn er von hinnen sich muß scheidn.
Ein solches End bescheer mit Herr,
Und laß mich dienen deiner Ehr.

Selneccer, Nikolaus – Ein Betlied zu Christo.

Nach eigener Melodie.

Allein nach dir, Herr Jesu Christ, verlanget mich,
Weil ich hie leb in dieser Welt auf Erden.
Allein an dich, Herr Jesu Christe, glaube ich,
Hoffend gewiß, der Himmel soll mein werden,
Den du erworben
Mit deinem Blute,
Am Kreuz gestorben
Mir zu gute.
O du Lamm Gottes,
Erhör mein herzliches Flehen,
Mein Augen gen Himmel sehen.
Tröst mich mit deinen Geist, o Herr Gott,
Hilf mir in meiner Noth.
Wenn ich von hinnen fahre,
Mein Seel wollst du bewahren.
Denn in dem Tod und auch im Leben
Hab ich je dir ergebn,
O Herre Jesu Christe,
Mein Seel in deine Hände.
Nimms in deine Hände.

Hermann, Nikolaus – Am Tage Michaelis, von den lieben Engeln.

1. Heut singt die liebe Christenheit,
Gott Lob und Preis in Ewigkeit,
Und dankt ihm für sein Güte,
Daß er der lieben Engel Schaar
Erschaffen hat, die immerdar
Unser pflegen und hüten.

2. Sie glänzen wie der Sonnenschein,
Hell wie ein Feuerflamm sie sein,
Und ganz himmlische Geister,
Und sein die schönste Creatur,
Heilig von Art und ihr Natur,
Christ ist ihr Schöpfr und Meister.

3. Sie sehen stets Gotts Angesicht,
Spiegeln sich in dem klaren Licht
Göttlicher Majestäte.
Dem singen sie Lob, Preis und Ehr,
Heilig, heilig ist Gott der Herr;
Wie anzeigt der Prophete.

4. Ihr Namen uud Ämter sie han,
Von denen, so sie zugethan
Sind hie in diesem Leben.
Denn wie hie unterschieden sein
Die Ständ, also hat ihn Gott fein
Ihr Ordnung auch gegeben.

5. Michael, unser Herre Christ,
Der oberst Engel, Gott gleich ist,
Unter seim Fähnlein schweben
All Engl, und streiten Tag und Nacht
Wider des Teufels List und Macht,
Und seim Mord widerstreben.

6. Der alte Drach, der feiret nicht,
An Augenblick tracht er und ticht,
Wie er uns mög obsiegen;
An Leib und Seel, Ehr, Gut und Hab
Beschädigen und brechen ab,
Mit seinem Mord und Lügen.

7. Erstlich erregt er Ketzerei,
Aufruhr, Mord, Krieg und Tyrannei,
Gotts Ordnung er zerrüttet.
Köng und Fürsten zusamm er hebt,
All Bündniß trennt er und verletzt,
Sein Zorn er gar ausschüttet.

8. Groß Ungewitter er erregt,
Daß oft der Hagel Alls erschlägt,
Die Luft er auch vergiftet.
Die Frücht der Erd gönnt er uns nicht,
Beschmeißt, verderbt Alls der Böswicht,
Und allen Jammer stiftet.

9. Wo ihm nit wehrt der Engel Schaar,
Unser Leib, Seel, Blut, Haut und Haar
Kein Stund blieb unverletzet.
Mit Feur und Wasser, Wind und Schnee
Uns Allen er verderbete,
So hart er uns zusetzet.

10. Wenn wir stehn in der größten Gfahr,
Nehmen die Engel unser wahr,
Und aus der Noth erretten.
Dem Daniel kein Leu was that,
Weil der Engel Gotts bei ihm steht,
Die ihn sonst gfressen hätten.

11. Da Schwefl und Feur vom Himmel kam
Verderbt Sodom und Gomorrham,
Wurd Lot dennoch, der alte,
Mit seim Weib und zwei Töchterlein
Errettet durch die Engelein,
Und beim Leben erhalten.

12. Da Petrus in dem Kerker saß
Und allbereit verurtheilt was,
Herodes wollt ihn tödten,
Da kam sein Engel in der Nacht,
Und ihn von Ketten ledig macht,
Und hulf ihn aus sein Nöthen.

13. Im feuring Ofen hat dergleich
Der Engel behüt wunderleich
Drei gottselige Knaben,
Gleichwie in einer grünen Au,
Das Feuer wurd ein kühler Thau,
Kein Hitz gefühlt sie haben.

14. Also werd wir noch heut bei Tag
Durch sie behüt für mancher Plag,
Treulich für uns sie wachen,
Streiten und kämpfen Tag und Nacht,
Han uns in guter Hut und Acht
Und wehen dem alten Drachen.

15. Deß dank wir dir, Herr Jesu Christ,
Daß du uns solche Wächter gibst,
Die uns halten in Hute,
Daß uns der Feind nicht übereil,
Und in uns schieß sein giftig Pfeil,
Bewahr uns durch dein Blute

Amen.

Hermann, Nikolaus – Am ersten Sonntag nach Trinitatis. Evangelium vom reichen Mann.

(Luc. 16.)

Es war einmal ein reicher Mann,
Der trug stets Sammet und Seiden an,
Er hätt alls gnug in seinem Haus,
Er banketirt und lebt im Saus.

2. Dagegen war ein armer Mann,
Derselb hat weder um noch an,
Sein ganzer Leib war woller Gschwür,
Er lag fürs reichen Mannes Thür.

3. Er bat nur um die Bißlein Brot,
Daß er nicht stürb für Hungersnoth,
Die sonst fallen vom Tisch herab,
Aber Niemand ihm etwas gab.

4. Sein Schwären ihm die Hündelein
Leckten mit ihren Zungen rein,
Viel größer war ihr Gütigkeit,
Denns reichen Manns Barmherzigkeit.

5. Sein Armuth leidt er mit Geduld,
Gott hat ihn lieb und war ihm hold,
Drum half er ihm von seim Elend,
Und bescheert ihm ein seligs End.

6. Sein Seel die lieben Engelein,
Da er verschied, beleiten (begleiten) sein,
Und brachten sie mit Freuden groß
Dem Abraham in seinen Schoß.

7. Darnach starb auch der reiche Mann,
Sein Gut und Pracht mußt er verlan,
Herrlich war das Begräbniß sein,
Die Seel fuhr in der Höllen Pein.

8. Da er saß in der Höllen Flamm,
Sahe er von ferne Abraham,
Und Lazarum in seinem Schoß
Sitzen, in Wonn und Freuden groß.

9. Da hub er auf die Stimme sein,
Schrie: Abraham, o Vater mein,
Erbarm dich mein, send Lazarum,
Auf daß er mir zu Hülfe komm.

10. Denn ich leid große Qual und Pein,
Laß ihn tunken sein Finger ein,
Daß er erfrisch die Zunge mein,
Mit einem Wassertröpfelein.

11. Darauf Abraham zu ihm sprach:
Gedenk, mein Sohn, der guten Tag,
Die du bei deinem Leben hast,
Da du allzeit nur schlemmst und praßst.

12. Dargegen Lazarus litt Noth,
Du versagst ihm ein Bißlein Brot,
Jetzt hat sichs Blättlein umgekehrt,
Du wirst geplagt, er wird geehrt.

13. Und ob ich ihn gleich senden wollt
Herab, daß er dich trösten sollt,
Ein große Kluft uns hindert dran,
Keiner zum Andern kommen kann.

14. Ach, so nichts werden mag daraus,
So send doch in mein Vaters Haus
Den Lazarum zun Brüdern mein,
Daß er ihn sag mein Noth und Pein.

15. Abraham sprach: Sie han Gotts Wort,
Mosen und die Propheten dort,
Laß sie die hörn mit allem Fleiß,
Das ist die allerbeste Weis.

16. Ah nein, sprach der elende Mann,
So Jemand würd vom Tod aufstahn,
Und ihn solchs alles zeigen an,
So würden sie sich kehren dran.

17. Nein, sprach Abraham, wer veracht
Gotts Wort, und der Propheten lacht,
Der glaubt auch keinen Todten nicht,
So er aufstünd und ihn bericht.

18. Das Exempel hat fürgestellt
Uns Christ, der Herr, dem sehr mißfällt,
Wenn man zuschleußt die milde Hand
Dem Dürftigen in unserm land.

19. Ah, was hilft nun dem reichen Mann
Sein Gut und Geld, drum kehrt euch dran,
Die ihr so geitzt, wuchert und scharrt,
Thut Buß, und nicht darin verharrt.

20. Ihr Reichen, nehmt euch an der Noth
Der Armen, denn drum giebts euch Gott;
Was ihr den Armen Guts werdt thun,
Das will euch zahlen Gottes Sohn.

Gebet.

Herr Christ, verleih uns in Armuth
Und Kreuz, Geduld und sanften Muth,
Und tröst all arme Lazaros,
Und hilf ihn bald in Abrahams Schoos.

Amen.

Hermann, Nikolaus – Am Sonntag der heiligen Dreifaltigkeit.

Joh. 3.

Ein fürnehmster Pharisäer,
Unter dem Volk ein Oberster,
Nikodemus mit seinem Nam,
Bei der Nacht zu dem Herren kam.

2. Meister, wir wissen, daß du bist
Von Gott kommen, dein Lehr recht ist,
Dein Wunderthaten zeigens an,
Die kein schlechter Mensch wirken kann.

3. Von dir ich gerne lernen wollt,
Wie ich doch selig werden sollt.
Christ, der Herr, freundlich zu ihm sprach:
Hör, Nikodeme, was ich sag:

4. Du mußt werden aufs nen geborn,
Mit der alten Haut ists verlorn,
Willt du gehn in den Himmel hinein,
Ein spanneuer (ganz neu, wie ein von einem Holz eben abgehauener Span) Mensch mußt du sein.

5. Ach Herr, wie kann ein alter Mann
Wieder in Leib der Mutter gahn,
Daß er aufs Neu geboren werd
Zum andern Mal auf dieser Erd.

6. Nikodeme, vernimm mein Wort,
Ich red von keiner leiblich Geburt,
Geist und Wasser die Eltern sind,
Die gebären ein solches Kind.

7. Denn was vom Fleisch geboren ist,
Ist Fleisch und bleibt zu aller Frist,
Wer aber wird geborn vom Geist,
Ein Geistlicher der ist und heißt.

8. Laß dir das nicht sein wunderlich
Obs dein Vernunft kann fassen nicht,
Hörst du doch den Wind brausen sehr,
Und weißt nicht, von wann er kommt her.

9. So geht’s auch zu mit der Geburt.
Er sprach: Das ist mir unerhört,
Wie mag doch solches nur zugehn?
Meister, ich kanns traun nicht verstehn.

10. Schau, bist du ein Meister der Schrift
In Israel, und weißt das nicht,
Das irdisch ist und sehr gering,
Wie wollst du verstehn himmlisch Ding?

11. Niemand geht durch des Himmels Thor,
Denn der vom Himmel kam zuvor,
Nämlich Christus, des Menschen Sohn,
Der Anfangs ist im Himmelsthron.

12. Gleichwie Moses ein Schlang aufricht,
Daß Alle, die wurden vergift,
Sie ansehen und würden gesund,
Die von Schlangen waren verwundt.

13. Also muß auch des Menschen Sohn
Erhöht werden mit Spott und Hohn,
Daß, wer seim Wort gläubt festiglich,
Durch seinen Tod leb ewiglich.

Hermann, Nikolaus – Am Pfingsttag.

Im Ton: Spiritus sancti gratia,
oder: Erschienen ist der herrlich Tag.

Als nun erfüllet war die Zeit,
Davon Joel hat prophezeit,
Daß Gott seinen heiligen Geist
Ausgießen wollt übr alles Fleisch.

2. Der Jünger und Apostel Schaar
Am Pfingsttag all beisammen war,
Sein Zusag ihn der Herre leist,
Sandt ihn vom Vater den heiligen Geist.

3. In einem Brausen sehr geschwind
Kam er, und in eim großen Wind,
Zertheilt gleich wie ein Feuerflamm,
Auf sie satzt er sich allesamm.

4. Bald sich in ihn erzeugt (erregt) sein Kraft,
Sie lobten Gott von ganzer Macht,
Und predigten mit Freudigkeit,
Ihr Furcht verschwand und Blödigkeit.

5. Mit mancher Zungen sie redeten,
Deß sich die Leut verwunderten,
Viel trieben auch daraus ein Spott,
Sonderlich der Schriftgelehrten Rott.

6. Sie gabens Schuld dem süßen Wein,
Sie sprachen: Wie kann das gesein?
Vernimmt doch jeder seine Sprach,
Desgleichen zuvor nie geschah.

7. O höchster Trost der Christenheit,
Unser Patron in Kreuz und Leid,
Tröster und Beistand in der Noth,
O heilger Geist, du wahrer Gott,

8. Laß dir dein armes Häufelein,
Dein heilge Kirch befohlen sein,
Zünd in uns an der Liebe Brunst,
Denn ohn dein Gnad ists alls umsonst.

9. Stärk uns und gib du Herz und Muth,
Daß wir beim Wort, dem höchsten Gut,
Halten steif, und stehn fest darbei,
Im Fall der Noth bekennen frei.

10. Daß uns kein Fahr noch Tyrannei
Abschreck, dein Gnad, Herr, steh uns bei,
Daß unser blödes, schwaches Fleisch,
Stark werd durch dich, o heilger Geist.

11. Lob sei Gott Vater und dem Sohn,
Und heilgem Geist, unserm Patron,
Du heilge Dreifaltigkeit,
Gelobt seist du in Ewigkeit.

Hermann, Nikolaus – Ein Himmelfahrtslied.

Mein Herz für Freud aufspringt
Und mich zu singen zwingt
Ein neuen Lobgesang
Christo zu Preis und Dank,
Der in seiner Menschheit,
Die am Kreuz für uns leidt,
Heut auffährt in die himmlische Freud.

2. All Engel freuen sich fast
Über dem neuen Gast,
Das ganze himmlische Heer
Singt ihm Lob, Preis und Ehr,
Und fröhlich jubilirt,
Daß Christus triumphirt,
Und all sein Feind gefangen führt.

3. Zus Vaters rechte Hand
Sitzt der theure Heiland.
Sein Gaben er ausspendt,
Und führt sein Regiment.
Im Wort durchs Geistes Kraft,
Beweist er all sein Macht.
Ohn End ist sein Reich und Herrschaft.

4. Herrlich am jüngsten Tag,
Nach beider Engel Sag,
In einer Wolken schon
Wird kommen Menschen Sohn;
Dann wird ein Jedermann
Für seim Gericht müssen stahn,
Und sein verdienten Lohn empfahn.

5. Heut ist des Himmels Thor,
Das gesperrt war zuvor,
Geöffnet Jedermann,
Und durch Christ aufgethan.
Gar herrlich er einzog
Mit Freud in Himmel hoch,
Und will sein Brüder holn hernach.

6. Wir bitten dich, Herr Christ,
Steuer des Satans List.
Zerreiß, o Herr, sein Strick,
Und entdeck uns fein Tück.
Mit Hülf von uns nicht weich,
Daß er uns nicht erschleich,
Und abwende von deinem Reich.

7. Vater, Sohn, heiliger Geist,
Hülf, Gnad, Beistand uns leist,
Durch deine milde Güt
Dein Kirch und Volk behüt.
Fremder und falscher Lehr
Durch dein Geist steur und wehr,
Zu deines Namens Preis und Ehr.

Amen.

Hermann, Nikolaus – Die Passion unsers Herrn Jesu Christi.

Im Ton: Kommt her zu mir, spricht rc.
Oder: Ich hab mein Sach zu Gott gestellt.

Da der Herr Christ zu Tische saß,
Zuletzt das Osterlämmlein ab,
Und wollt von hinnen scheiden,
Sein Jüngern er treulich befahl,
Daß man allzeit verkündigen soll
Sein Tod und bitter Leiden.

2. Denn wer dasselbig recht betracht,
Dem gibt es Stärk, Trost, Muth und Kraft
In Trübsal, Angst und Nöthen,
Sein Kreuz wird ihm nicht halb so schwer,
Ob er gleich kommt in Todsgefahr,
Sein Fleisch der Geist kann tödten.

3. Da er nun an den Ölberg kam,
Drei Jüngr im Garten mit sich nahm,
Die hieß er niedersitzen,
Sprach: Bett und wacht ein kleine Zeit,
Und ging von ihn ein Steinwurfs weit,
Für Angst er Blut that schwitzen.

4. Unser Sünd macht ihm weh und bang,
Mit Teufel, Tod und Höll er rang,
All sein Kraft ihm entginge.
Er sprach: Vater, mag es gesein,
Nimm hin den Kelch und schwere Pein,
Trost er vom Engl empfinge.

5. O Vater, muß dem also sein,
Dein Will gescheh und nicht der mein,
Herzlich gern will ich sterben,
Damit ich nur die Brüder mein
Mag retten von der Höllenpein,
Und ihnn dein Huld erwerben.

6. Judas kam, das verlorne Kind,
Und bracht mit sich das jüdisch Gsind,
Mit Schwerten und mit Stangen;
Mit einem Kuß er ihn verrieth,
Sie griffen ihn und führtn ihn mit,
Gebunden und gefangen.

7. St. Petrus mit dem Schwert schlug drein
Der Herr sprach: Ach nein, stecks nur ein,
Und laß jetzt also gehen,
Es soll und muß gelitten sein,
Sonst etlich tausend Engelein,
Würden bei mir wohl stehen.

8. Sie brachten ihn dem Caiphas dar,
Der dasmal Hoherpriester war,
Den Herren er that fragen
Um seine Jünger und seine Lehr,
Und was sein Thun und Wesen wär,
Das sollt er ihm da sagen.

9. Jesus bald antwort mit eim Wort:
Im Tempel hat man mich gehört
Öffentlich vielmals lehren,
Die mich gehört han, darum frag,
Da gab ein Knecht ein Backenschlag
Dem König aller Ehren.

10. Viel falscher Zeugen stellt man dar,
Der Wahrheit doch nichts ähnlich war,
Caiphas that ihn beschwören
Bei Gott, daß er ihm sagen wollt,
Ob er wär der da kommen sollt,
Und der Messias wäre.

11. Du sagsts, sprach Christ, ich läugn es nicht
Denn ich werd sitzen zu Gericht,
In einer Wolken kommen,
Caiphas gar bald zerreißt sein Kleid,
So hört, was er gibt für Bescheid,
Das habt ihr wohl vernommen.

12. Ein Urtheil drauf gefället war,
Sein Leben mußt er geben dar,
Er wird verspott, verhöhnet,
Sie speiten ihm ins Angesicht,
Kein Schmach sie unterließen nicht,
Sein ward gar nicht verschonet.

13. Gleichwie ein Dieb sie bunden ihn,
Und führten ihn zu Pilato hin,
Fälschlich er ward verklaget.
Da Judas merkt, daß also ging,
Mit einem Strick er sich erhing,
Verzweifelt und verzaget.

14. Pilatus aus der Klag vernahm,
Daß Christus hätt nichts Args gethan,
Herodi ward er gbrachte,
Da er dem nicht gab guten Bescheid,
zog man ihm an ein weißes Kleid,
Verspott ihn und verlachte.

15. Für Pilatum er wieder kam,
Der schlug ihn für und Barrabam,
Der ein er los wollt geben,
Vermeint, sie würden bittenlos
Christum, und nicht den Mörder groß,
Den Juden wars nicht eben.

16. Pilatus ließ ihn züchtigen
Mit Ruthen scharf und Geißelen,
Von Dornen auch ein Krone
Flochten die Kriegsknecht zu der Stund,
Damit das heilge Haupt ward wund
Dem Herren, Gottes Sohne.

17. Ein Rohr sie gaben in sein Hand,
Und legten ihm an ein Purpurgwand,
Pilatus ihn h’raus führet.
Da seht doch euren König an,
Mit der Straf wollt euch gnügen lan,
Mehr hat er nicht verdüret.

18. Sie schrieen all: Nimm ihn nur hin
von unsern Augn und kreuzig ihn,
Sonst wirst du nichts Guts schaffen,
Sondern damit du klar beweist,
Daß du kein Freund des Kaisers seist,
Und wollst Aufruhr nicht strafen.

19. Der Red erschrack Pilatus sehr,
Und ließ ihm bringen Wasser her,
Daraus wusch er sein Hände.
Ich bin unschuldig an dem Blut,
Seht drauf, ihr Juden, was ihr thut,
All Schuld auf euch ich wende.

20. Sein Blut (schrie das ganz jüdisch Gsind)
Sei über uns und unser Kind,
Übr uns wirs nehmen wollen:
Gschicht ihm Unrecht an seinem Tod,
So strafs an uns der grechte Gott,
Die Schuld wir tragen sollen.

21. Als er hinaus geführet war,
Da folgt ihm nach ein große Schaar,
Die Weiber weinten sehre;
Weint über euch selbst und eure Kind,
Denn große Straf vorhanden sind,
Zu ihn sprach Christ, der Herre.

22. Zween Schächer man mit ihm ausführt
Zwischen die beid er ghangen wurd,
Christus hub an zu schreien:
O Vater, rechn es ihn nicht zu,
Dieß Volk weiß jetzt nicht, was es thu,
Drum wollests ihm verzeihen.

23. Viel schrieen: Hast du ander Leut
Geholfen, so hilf dir auch heut,
Ein Schächer sprach desgleichen:
Bist du Messias, Gottes Sohn,
So hilf dir selbst und uns davon,
Daß wir dem Tod entweichen.

24. Der ander Schächer straft ihn drum
Und kehret sich zum Herrn herum,
Bat ihn mit ganzem Fleiße:
Gedenk mein in deins Vaters Reich;
Der Herr sprach: Heut mit mir zugleich
Sollst sein im Paradeise.

25. Um sechs Uhr ward ein Finsterniß,
Desgleich nie mehr gewesen ist,
Sich entsetzt die Nature.
Die Erd erbebt, die Felsen hart
Zerrissen, und betrübet ward
Darob all Creature.

26. Zum Vater schrie mit lauter Stimm
Der Herr, sein Seel befahl er ihm,
Damit sein Geist aufgabe,
Darnach Joseph, der fromme Mann
Kam, und nahm sich des Leichnams an,
Bestetigt(Bestattet) ihn zum Grabe.

27. Wir danken dir für deinen Tod,
Herr Jesu, und solch große Noth,
Die du um unsertwillen
Erlitten hast, denn sonst fürwahr
Kein Opfr im Himml und Erden war,
Das Gottes Zorn konnt stillen.

28. Gottes Lamm, Herr Jesu Christ,
Der du für uns geschlachtet bist,
Und ein Sühnopfer worden,
Dadurch du hast all Sünd und Schuld
Für uns bezahlt in großer Gduld
Wehrs Teufels Lügn und Morden.

29. Erhalt für ihm dein Kirch und Wort,
Daß hie zeitlich und ewig dort
Geheiligt werd dein Namen,
Dein Leiden, Kreuz und bitter Tod
Sei unser Trost in aller Noth,
Herr Christ, das helf uns! Amen.