Zinzendorf, Nikolaus von – Armut und Niedrigkeit des Herzens.

Solche Leute will der König küssen,
Die, wenn sie sich keinen Rat mehr wissen,
Still hingesunken,
Sich erbitten neue Gnadenfunken.

Solche Leute will der König haben,
Die, wenn sie Ihm bringen ihre Gaben,
Mit Elend prangen,
Und nur bloß an Seiner Gnade hangen.

Solche Leute will der König regnen,
Die, so oft sie einem Knecht begegnen
Von Christi Chören,
Ihn als einen Gottesfürsten ehren.

Solche Leute will der König schützen,
Die Ihm ruhevoll zu Füßen sitzen,
Die Ihm vertrauen,
Bis sie ihre Last gehoben schauen.

Solche Leute will der König lehren,
Die ein jedes Kind mit Nutzen hören,
Und fröhlich wissen,
Dass sie Schüler sind, und lernen müssen.

(1728.)

Zinzendorf, Nikolaus von – Glaubensgehorsam und Zuversicht.

Heil’ger König, durch Dein Blut
Herr der Herzen!
Der Du littest uns zu gut
So viel Schmerzen:
Dank sei Dir in Ewigkeit
Für die Liebe,
Die Dich dazu triebe!

O was für ein großes Glück
Ist uns worden,
Seit des Vaters Gnadenblick
Uns im Orden
Der erlösten Sünderschaft
Ist erschienen
Durch des Sohns Versühnen!

Das vermag kein Menschenmund
Auszusprechen:
Denn wir seh’n zu jeder Stund‘
Unsre Schwächen;
Aber doch seh’n wir uns auch
In dem Bunde:
Gnade liegt zum Grunde.

Das erfreut uns überaus,
Dass wir wissen,
Unser Heiland hilft hinaus
Bis zum Schließen,
Wenn man seine Lektion
Lernt aufsagen,
Und auf Ihn was wagen.

Seine Führung lind und scharf
Kann man fühlen,
Bis man nicht mehr mag und darf
Auf was zielen,
Was uns außer Seinem Heil
Kann vergnügen,
Oder sonst genügen.

Unser Meister ist ein Mann,
Der verstehet,
Wie Er’s ausführt mit dem Plan,
Drauf Er gebet;
Er weiß sich ein Gnadenvolk
Zu bereiten
In den letzten Zeiten.

Darauf wagt man’s freudenvoll,
Ohne Zagen,
Bis die Frucht, die wachsen soll,
Ist getragen.
Unser Fleisch muss in den Tod;
Sein Verwesen
Macht den Geist genesen.

(Um 1737.)

Zinzendorf, Nikolaus von – Menschliche Gesellschaft.

Warum gehet ihr so gerne,
Menschen, in Gesellschaft ein?
Warum tretet ihr so ferne,
Wenn ihr solltet einsam sein?

Weil ihr, ferne von den Andern,
Schmalen Pfad betreten müsst,
Und ihr möchtet lieber wandern,
Wo der Weg am breitsten ist.

Darum wird ein Kind des Höchsten
Bei der Welt nicht auserwählt,
Und man stehet Gott am nächsten,
Wenn man wenig Freunde zählt.

Wenn sich Herzen innig lieben,
Ist oft Er der dritte Mann;
Aber Er wird bald vertrieben,
Wo man nicht recht lieben kann.

Heißet das schon Lieb‘ und Treue,
Wenn ich mich mit einem Freund
Über seine Freud‘ erfreue,
und mitweine, wenn er weint?

Tut das Herz mir gleich zerbrechen,
Wenn man ihm wo widerspricht?
Muss ich Ja zu Allem sprechen?
Nein, so liebt der Höchste nicht!

Lasset uns von Christo lernen,
Dass wir uns von jedem Geist
Weiter, als vom Feu’r, entfernen,
Der nur fromm mit Worten gleißt!

Unser allererstes Fragen
Muss an unsre Freunde sein:
Könnt ihr Leib und Seele wagen?
Sagt ihr redlich Ja und Nein?

Petrus wärmte seine Glieder,
Wo der Weltknecht Feuer schürt‘.
Wer erwärmt die Seele wieder,
Die vielleicht indes erfriert?

Ach, wir Armen! – seht, wir wärmen
Fleißig bei der Welt uns auch,
Doch sich um die Seele härmen
Ist ein seltner Christenbrauch.

O du armer Staub der Erden,
Warum sorgst du so für dich?
Einer muss verleugnet werden,
Es sei Jesus oder ich!

Wer sich zu erhalten meinet,
Der verlässt die Lebensbahn;
Wer als Christ ein Heide scheinet,
Ist ein halbbegrabner Mann.

Trifft die Heuchler in der Höllen
Pein und Qual vom andern Tod,
Die zu Satan sich gesellen,
Und bekennen unsern Gott:
Was wird die für Jammer schrecken,
Die das wahre Christentum
Unter einen Scheffel stecken,
Suchen in der Sünde Ruhm!

(1722.)

Zinzendorf, Nikolaus von – Neuer Aufschwung zur Treue.

König, gib uns Mut und Klarheit,
Einen will’gen, einen muntern Jüngersinn,
Helle Augen in die Wahrheit,
Und ein leichtes, lichtes Herze zum Gewinn,
Das einmütig,
Ehrerbietig,
Vor dem Gnadenthrone stehe,
Bis Dein Leben unsern Geist mit Kraft durchgehe!

Gib uns Deines Geistes Regung
Alle Tage, alle Tag‘ empfindlicher,
Deiner Gnade Liebsbewegung
Immer näher, immer herzverbindlicher:
Dass wir stündlich
Treu und kindlich,
Und mit unverwandtem Triebe
Dringen mögen in Dein Herz voll Gnad‘ und Liebe!

Möchten uns die Sonnenaugen,
Die wie Feuerstrahlen zünden, ganz durchseh’n!
Dann würd‘ unser Wandel taugen,
Wir erwärmt und neubelebet vor Dir steh’n,
Voller Liebe,
Voller Triebe
Eines fürstlichen Geblütes,
Eines göttlich unerschrockenen Gemütes.

O wie sind die Seelen glücklich,
Die sich Jesu ohne Ausnahm‘ zugewandt!
Wären wir nur ein geschicklich
Und dem Meister ganz bequemes Gartenland!
O, der Treue
Komm‘, aufs Neue
In dem Innersten zu wohnen:
Es gilt Treue, wenn der Fürst den Kampf soll lohnen.

Höre, Jesu! unser Flehen,
Du zum Segnen aufgelegter Seelenfreund!
Lass die Segen stärker gehen,
Als der Unglaub‘ und die Sorge nimmer meint:
Hilf uns, Deinen Armen Kleinen,
Um auf Deinem Gnadenpfade
Durchzuwandern viele, viele Glaubensgrade!

(1735.)

Zinzendorf, Nikolaus von – Rechtschaffener Wandel in Jesu Nachfolge.

O Sonne! die aufs Nied’re sieht:
Da singt ein armer Staub,
Den Deine Kraft allmächtig zieht: (Luk. 19, 40.)
„Ich rede, denn ich glaub‘!“

Zuerst gesteh‘ ich ohne Scheu,
Jedoch nicht ohne Scham,
Dass ich vom Licht ergriffen sei,
Das auf die Erde kam.

Ich weiß die angenehme Zeit,
Da mir die Gnad‘ erschien;
Da Jesus rief, war ich bereit,
Mit diesem Mann zu zieh’n.

Doch, wie es zu geschehen pflegt,
Die Seele macht sich schwer,
Wenn Er sie auf die Achseln legt:
So ging’s hier eben her.

Der Heiland nahm mich, wie ich war,
Als einen toten Mann,
Bei meiner Seele Tod’sgefahr
Zu Seiner Pflegung an.

Ich bat um Hilfe; da Er nun
Mit Seiner Hilfe kam:
So scheute ich das Wehetun,
Und war den Mitteln gram.

So müht sich unser HErr mit mir
Nun schon gar lange Zeit:
Und hat noch wenig Ehr‘ und Zier
Für Seine Emsigkeit.

Ihr Töchter Salems! seht mich an,
Ob ich Gespielin sei?
Nun ist mein Schleier weggetan,
Nun ist das Herze frei!

Ach, helft mir bitten, was ihr könnt,
Ihr Freunde, helfet mir!
Dass, da mein Herz von Jesu brennt,
Mein Tun die Lehre zier‘.

Was hör‘ ich? Stimmen aus dem Chor,
Da Christus herrscht und ruht:
Sie singen mir gar lieblich vor:
„Auf, Seele, wohlgemut!

Der König, unser Seelenfreund,
Hat einen solchen Trieb,
Der’s redlich mit uns Allen meint,
Und hat dich herzlich lieb!

So lange man auf Erden ist,
So lange wird gebaut:
Zuletzt kriegt dennoch Jesus Christ
Ein reines Herz zur Braut!

Nur merke dir, mein Herz, dies Wort:
Wenn Jesus winkt, so geh‘;
Wenn Jesus zieht, so eile fort;
Wenn Jesus hält, so steh‘!

Wenn Er dich lobet, beuge dich;
Wenn Er dich liebt, so ruh‘:
Wenn Er dich aber schilt, so sprich:
Ich brauch’s, HErr, schlage zu!

Wenn Jesus Seine Gnadenzeit
Bald hie, bald da verklärt:
So freu‘ dich der Barmherzigkeit,
Die Andern widerfährt!

Wenn er dich aber brauchen will,
So steig‘ in Kraft empor!
Wird dein getreuer Führer still,
So nimm du auch Nichts vor.

Kurz: dein und unser Aller Herz
Sei von dem Tage an
Bei Schmach, bei Mangel und bei Schmerz
Dem Lamme zugetan!“

Gelobet sei der Liebesbund!
Der stürze Babel hin,
Und brauche unsern Geist und Mund
Der Einfalt zum Gewinn.

(1727.)

Nikolaus von Zinzendorf – Kindliche Treue der Pilger

Wenn wir in der künft’gen Zeit
Was verrichten wollen,
Das wir, Ihm zur Herzensfreud‘,
Unternehmen sollen:

Dann erreg‘, o Geist des HErrn,
Uns um Jesu willen,
Denn nur Du kannst nah und fern
Uns die Hände füllen!

Mache uns so klein gesinnt
Bei den größten Sachen,
Wie der Mutter wohl ein Kind
Gern will Freude machen!

Führ‘ durch manche Kleinigkeit
(Denn wir sind auch kleine)
Alles aus zu Seiner Freud‘,
Hüter der Gemeine!

(um 1750.)

Nikolaus von Zinzendorf – Bitte um einen gottseligen Wandel

Gott, mein Erlöser, steh‘ mir bei,
Entreiße mich der Heuchelei;
O mache mich wahrhaftig rein,
Rein von dem schnöden Lügenschein!

Gib mir das wahre Seelengut;
Erhalte den erweckten Mut;
Weil ich von selbsten kalt und arm,
So mache Deine Glut mich warm.

Lass meinen Geist von Sünden frei,
Hier zeitlich Dir ohn‘ alle Scheu
Ergeben sein, und Deine Lieb‘
Lebendig mir zu schmecken gib.

Wasch‘ mir in Deinem Blut mein Kleid,
Bereit‘ mich zur Gerechtigkeit!
Wie viel Gefahr hat jeder Stand!
Drum reiche, HErr, mir Deine Hand!

Ohn‘ Deine Hilf‘ ist alle Tat
Nur Eitelkeit und Torenrat;
Von Dir kommt, was wir richtig tun,
O HErr, und muss auf Dir beruh’n.

Nimm, liebster Vater, Mut und Sinn,
Seel‘, Leib und Blut und Alles hin,
Und brauch’s nach Deiner eig’nen Lust,
Und reiß‘ die Sünd‘ aus meiner Brust!

Hilf, dass mein Leben Dir in Treu‘,
Liebreicher Gott, geopfert sei;
Regier‘, erleuchte Seel‘ und Geist,
Bis Alles himmlisch bei mir heißt!

Töt‘ meinen Feind, und wirf ihn aus,
Ach, treib‘ ihn, HErr, aus Deinem Haus;
Ja, Vater, höre dies mein Schrei’n,
Und lass es Ja und Amen sein!

(1716.)

Zinzendorf, Nikolaus von – Verlangen nach Jesu.

Müde, die der Arbeit Menge
Und der heiße Strahl beschwert,
Wünschen, dass des Tages Länge
Werde durch die Nacht verzehrt,
Dass sie nach so vielen Lasten
Können sanft und süße rasten;
Ich wünsch auch in Dir zu ruh’n:
Jesu, Jesu, komme nun!

Könnt in Deinem Liebserbarmen,
HErr, wie ich mir wünschen wollt,
Die erstarrte Seel erwarmen:
So wollt ich das feinste Gold,
Das in Ophir wird gegraben,
Nicht für diesen Reichtum haben;
Nein, in Dir nur wollt ich ruh’n.
Jesu, Jesu, komme nun!

Andre mögen durch die Wellen
Und durch Wind und Klippen geh’n,
Ihren Handel zu bestellen,
Und da Sturm und Not aussteh’n:
Ich will meine Glaubensflügel
Schwingen zu den Sternenhügel,
Ewiglich in Dir zu ruh’n.
Jesu, Jesu, komme nun!

Vielmal pfleg‘ ich Dich zu fragen,
Vielmal seufze ich dazu:
„Wird mein Hüttlein abgetragen,
Und gelang‘ ich bald zur Ruh‘?“
Denn mein bestes Teil, das würde,
Frei dann von der Leibesbürde,
Ungehindert in Dir ruh’n:
Jesu, Jesu, komme nun!

Doch weil ich die Himmelsauen
Und der Geister Freudensaal
Noch nicht kann nach Wunsche schauen,
Und muss hier im Arbeitstal
Noch am rauen Faden spinnen,
Ei, so sollen Herz und Sinnen
Unterdes doch in Dir ruh’n:
Jesu, Jesu, komme nun!

(1722.)

Zinzendorf, Nikolaus von – Hindurchbrechen!

Jesu, nimm den Sinn,
Nimm mir Alles hin,
In den süßen Liebeswillen,
Da die Segensströme quillen,
In Dein offnes Herz,
Unter allem Schmerz!

Ewig treuer Freund,
Der mich redlich meint;
Unveränderliche Liebe
Voll geheimer Gnadentriebe,
Führ‘ im Herzenshaus
Deine Führung aus!

Niemand liebet Dich
So herzinniglich,
Dass nicht Deine Liebe größer,
Dass man Dich nicht mehr noch besser
Lieben könnt und sollt,
Wenn man immer wollt‘.

Rüste mich doch zu
Zu der stolzen Ruh‘,
Da die Deinen ewig hausen
Ohne Weltgetös‘ und Brausen:
In der Gnadenzeit
Mache mich bereit!

Jesu, rufe mich,
So ereil‘ ich Dich,
Meiner Seele HErr und König!
Wär‘ es Dir nicht noch zu wenig,
Wenn ich Dir aus Trieb
Leib und Seel verschrieb‘?

Eile näher her,
Mache leicht, was schwer;
Und weil Deine wahren Brüder
(Stürben auch des Leibes Glieder)
Froh und fröhlich sein:
Warum wollt ich schrei’n?

Tue meinem Lauf
Eine Türe auf:
Mache mein Gemüte völlig
Deinem Herzen wohlgefällig;
Lass mich fleißig seh’n,
Was an mir gescheh’n.

Träufle Gnad‘ und Gab‘
Aus der Höh‘ herab!
Deine Liebe ist unendlich,
Und ich war doch unerkenntlich,
Bis mich Deine Lieb‘
Erst in’s Kreuze trieb.

Also fahre fort;
Lieb‘, und schone dort!
Mache mich recht unzerteilig
Und‘ an Leib und Seele heilig;
Und erkenne mich
Jetzt und ewiglich.

(27. Novbr. 1728.)

Zinzendorf, Nikolaus von – Bekenntnis.

Ich stürbe lieber tausendmal,
Als leben in der Höllenqual,
Da, in des alten Menschen Bann,
Man immer will und niemals kann.

Ich danke Gottes teurem Lamm,
Bau‘ auf den Tod am Kreuzesstamm;
Mein Auge weint, die Seele lacht,
Wenn ich’s so bei mir selbst betracht.

Ich seh‘ im Geist die Nägelmal,
Erblick‘ darinnen eine Zahl,
Zu der ich Sünder bin gezählt,
Als Er die Sünder hat erwählt.

Nun bin ich frei, wiewohl ein Staub;
Ich sehe Jesum, fühl’s und glaub‘;
Sein Blut, das hat mich dargestellt
Zum Zeugnis der verderbten Welt.

Das Lamm, das alle unsre Last
Mit Löwenkräften aufgefasst,
Und sie in dunklem Todesgraus
Für uns vor’s Lager trug hinaus:

Das macht mich völlig klein und rein,
Und nennt durch Sein Verdienst mich Sein;
Und bin ich Seine ganz allein,
So zähl‘ ich auch zur Kreuzgemein‘.

(1743.)