Martin Rinkart – Himmel-steigendes Angst-Gebet. Wider Fleischliche Ungeduld.

Im Ton: Herzlich tut mich erfreuen.

1. Geduld wir sollen tragen
In Widerwärtigkeit,
Und nicht an Gott verzagen,
Wie die Unchristen-Leut.
Es fällt ohn seinen Willen
Uns kein Häupt-Härlein ab,
Will sich das Kreuz nicht stillen,
Geht es mit uns ins Grab.

2. Geduld wir müssen tragen
In Widerwärtigkeit,
All Adams-Kinder sagen,
Ob sie zu jeder Zeit
Auf lauter Rosen gangen
Und nicht mit Angst und Not,
So wohl als wir, umfangen
Gewesen bis in Tod.

3. Geduld wir wollen tragen
In Widerwärtigkeit,
Und Gott dem Herren klagen
All unser Herzeleid.
Es steht in seinen Händen,
Ihm sei es heimgestellt,
Er wird es alles wenden,
So bald es ihm gefällt.

4. Geduld will sich nicht finden
In Widerwärtigkeit:
Ach, hilf uns überwinden
In allem Leid und Streit,
Herr Jesu, durch dein Leiden,
Zum Fried- und Freuden-Port,
So wollen wir mit Freuden
Dich preisen hier und dort.

Amen.

Martin Rinkart – Himmel-steigendes Angst-Gebet. Die Meißnische Tränen-Saat.

Im Ton der Wasser-Quelle.

1. Lasset euch, ihr edlen Seelen,
Die betrübte Tränen-Saat
Nicht so übermäßig quälen,
Streuet! streuet früh und spat
Eure Samenkörnlein aus,
Wohl bestellet Feld und Haus,
Die jetzt Tränen-Samen streuen
Werden bald mit Freuden meyen1mähen.

2. Welcher Acker hat getragen
Ungebauet in der Welt?
Sünden- Dornen- Wollust-Haagen2Haag – von einer Hecke umgebenes, umgrenztes Gebiet
Bringet unser Kirchen-Feld,
Wenn es nicht mit Macht und Müh
Wird durchtrieben spat und früh:
Die jetzt Tränen-Samen streuen,
Werden bald mit Freuden meyen.

3. Welcher Ackermann im Felde
Lässet sinken Hand und Mut,
Wenn der Wind geht durch die Wälde,
Und ihm schneiet auf den Hut!
Lenzen-Wetter steht nicht lang,
Ist ein bloßer Übergang:
Die jetzt Tränen-Samen streuen,
Werden bald mit Freuden meyen.

4. Welches Garten- Feld bekleibet3Wurzel schlagen, keimen, zu wachsen, gedeihen beginnen, anwachsen‹ (von Pflanzen o.ä., ütr. z.B. von liebe gesagt),
Wenn man es nicht gräbt zuvor,
Wenn man Würz und Blumen reibet,
Steiget ihr Geruch empor.
Wind und Regen müssen sein,
Will man reichlich ernten ein:
Die jetzt Tränen-Samen streuen,
Werden bald mit Freuden meyen.

5. Welche Ros‘ ist ohne Dörner?
Welche Salb ist ungemischt?
Welche Garben schütten Körner,
Wenn man sie nicht weidlich drischt?
Und wir wollen gar allein
Ohne Kreuz und Leiden sein:
Die jetzt Tränen-Samen streuen,
Werden bald mit Freuden meyen.

6. Stöcke muss man wohl beschneiden,
Wenn die Traube wachsen soll,
Trauben müssen Pressen leiden,
Will man Fässer legen voll.
Durch viel Kreuz und Herzeleid,
Kommen wir zur Himmels-Freud.
Die jetzt Tränen-Samen streuen,
Werden bald mit Freuden meyen.

7. Darum, o ihr edlen Seelen,
Lasset euch die Tränensaat
Nicht so übermäßig quälen,
Streuet, streuet früh und spat
Eure Samenkörnlein aus,
Wohl bestellet Feld und Haus.
Die jetzt Tränen-Samen streuen,
Werden bald mit Freuden meyen.

8. Wenn der Herr uns wird erlösen,
Die gefangne Toten-Schar,
Und uns, frei von allem Bösen,
Lebendig wird stellen dar,
Dann wird’s kommen auf das Wort,
Das wir hier so oft gehort:
Die mit Tränen Samen streuen,
Werden bald mit Freuden meyen.

9. Dann wird unser Mund voll Lachen,
Unser Herz voll Freude sein,
Dann wird unsre Zung erwachen,
Und halb krümmend stimmen ein,
Dann wird rühmen Jedermann,
Was der Herr an ihm getan.
Die jetzt Tränen-Samen streuen,
Werden bald mit Freuden meyen.

10. Komm, o Jesu, komm und wende
Unsre Sünden-Dienstbarkeit,
Mach es mit der Welt ein Ende,
Und mit allem Leid und Streit,
Hol uns heim und nimm uns an
Ins gelobte Canaan.
Die jetzt Tränen-Samen streuen,
Werden bald mit Freuden meyen.

11. Dass wir so viel Garben bringen,
Als wir Tränen hier gebracht,
Mit so großen Freuden springen,
Als betrübt sie uns gemacht.
Handvoll streuen wir sie aus,
Armvoll bringen wir zu Haus.
Die jetzt Tränen-Samen streuen,
Werden bald mit Freuden meyen.

Martin Rinkart – Der Deutsche Esaia, und sein und seiner im Anfechtungs-Gefängnis geist- und leiblich erstorbenen Glaubens-Genossen wohlverwahrtes Kammer-Lied:

Das 26. Cap. Esaiae:
Zu singen im Ton:
Wo Gott der Herr nicht bei uns hält.

1. Wir haben eine feste Stadt,
Von Gott selbst aufgebauet,
Die Heil und Trost zu Mauern hat,
Auf die man sicher trauet,
Macht auf die Tor in aller Welt,
Das Volk, das Christo Glauben hält,
Soll mit uns Einzug halten.

2. Du hochgelobter Friede-Fürst!
Was du uns hast versprochen,
Du uns getreulich halten wirst,
Du hast es nie gebrochen,
Auf dein und deines Vaters Hand
Soll uns das rechte Vaterland,
Kein Feindes-Schwert nicht rauben.

3. Du beugest bis zur Erden zu,
Die in der Höhe wohnen:
Die stolze Stadt erniedrigst du,
Der kleinen zu verschonen.
Dem schwachen Friedens-Boten-Fuß
Sich alles unterwerfen muss,
Was selig denkt zu werden.

4. Der Auserwählten Weg ist recht,
Den sie im Glauben gehen,
Wenn sie als deine treuen Knecht
In Lieb und Hoffnung stehen,
Wir warten auf dich, unsern Hort,
Und haben Lust zu deinem Wort
Und deines Namens Ehre.

5. O wie so manche liebe Nacht,
Begehr ich dein von Herzen,
Zu schauen dich und deine Macht,
Verlanget mich mit Schmerzen,
Wenn dein Wort ungehindert geht,
Es wohl in allen Landen steht,
In allen Ständ und Orden.

6. Wenn aber den Gottlosen gleich
Das Heil wird angeboten,
So dürfen sie noch wohl dein Reich
Und dich dazu verspotten.
Dein Wort ist ihnen nicht bekannt,
Drum achten sie auf Menschentand,
Bis sie zugrunde gehen.

7. Uns aber bringest du zu Haus
Ins Fried- und Freuden-Leben,
Denn alles was wir richten aus,
Das hast du uns gegeben,
Beherrschen uns gleich böse Leut,
Gedenken wir doch allezeit
Allein an deinen Namen.

8. Die tote Glauben-lose Schar
Hat hier kein ewig Leben,
Und du hast sie schon ganz und gar
Der Höllen übergeben,
Du aber fährest immer fort
Und breitest aus dein Göttlich Wort
Bis an das End der Erden.

9. Wenn Not und Trübsal geht an Mann,
So lehrest du uns beten,
Wenn du uns schärfer greifest an,
Wir näher zu dir treten,
Die liebe Zucht und Vaters-Rut
Tut uns not und sehr viel zu gut,
Dass wir dich emsig suchen.

(10.)

11. Wann werden wir in solcher Angst
Zum Freuden-Anblick kommen?
Wenn wir entschlafen wie vorlangst
Entschlafen alle Frommen.
Da werden deiner Toten Schar
Mit ihrem Leichnam offenbar
Zum Leben auferstehen.

12. Auf, auf, ihr Toten, wachet auf,
Die ihr liegt in der Erden!
Auf, auf, versammlet euch zu Hauf,
Ihr sollt erlöset werden.
Denn dein Tau ist ein grüner Tau,
Herr, dein Himmels-Feld erbau
Und stürze die Gottlosen.

13. Geh hin, mein Volk, in guter Ruh
Zu Gott in die Schlafkammer,
Und schleuß die Türe nach dir zu,
Und dich für Zorn und Jammer
Verbirg ein‘ kleinen Augenblick,
Bis ich dir einen Boten schick
Auf meine Hochzeit-Freude.

14. Denn siehe der Herr ist bereit,
Er wird urplötzlich kommen,
In großer Kraft und Herrlichkeit,
Zu richten Bös und Frommen.
Da wird er seiner Knechte Blut
Und der Blut-Männer stolzen Mut
Welt-offenbarlich rächen.

Elisa von der Recke – Bitten.

Du, Vater, wollst mir geben,
Was mich in diesem Leben
Zu jenem tüchtig macht:
Ein mäßig Glück hienieden
Sei mir von dir beschieden,
O du, der für mein Bestes wacht!

Ein dir geweihtes Herze,
Das selbst im bängsten Schmerze
Dich dankbar ehrt und liebt.
Das im beglückten Leben,
Dir, seinem Gott ergeben,
Die Tugend treu und freudig übt.

Ein Herz voll edler Triebe,
Voll warmer Menschenliebe,
Entfernt von Hass und Neid;
Das nie den Nächsten kränket,
Auf Rache niemals denket,
Gern jedem dienet und verzeiht.

Ja, Herr, solch ein Gemüte
Gib mir nach deiner Güte,
Mir die nur darum fleht!
O stärk mich, deinen Willen
Stets freudig zu erfüllen:
Erhör, o Vater, dies Gebet!

Elisa von der Recke – Neujahrslied

Ich blick in das vergangne Jahr
Mit dankerfülltem Herzen;
Du warst mein Retter in Gefahr,
Mein Fels, mein Trost in Schmerzen:
Herr! meine Seel erhebet dich!
Wach auch mit Vaterhuld für mich
In diesem neuen Jahre!

Lass es ein Jahr des Segens sein
So, wie’s dein Rat ersiehet;
Doch lass mich ja kein Glück erfreun,
Das dir mein Herz entziehet!
Das Glück allein, Herr. schenke mir,
Dass ich in diesem Jahre dir
Gefällig leben möge!

Hält deine Weisheit es für gut
Mir Leiden aufzulegen,
So gib der Seele frischen Mut.
Geduld und auch Vermögen,
Dass ich mein Kreuz mit Freudigkeit
Auf mich zu nehmen sei bereit,
Und meinem Heiland folge!

So leite mich denn dieses Jahr
Nach deiner Huld, mein Vater!
Und führest du mich in Gefahr,
So sei auch mein Berater!
Um Erdengüter bitt‘ ich nicht:
Nur gib mir Lust zu jeder Pflicht,
Und Kraft zu jeder Tugend!

Elisa von der Recke – Danklied nach einer Krankheit.

Mit welchem Dank, Gott, soll dich mein Herz erheben?
Nur deine Vaterhuld erhielt mich bei dem Leben.
Du stand’st mit deiner Kraft mir in der Schwachheit bei,
Und von Gefahr und Schmerz bin ich nun wieder frei.

Dem Tode war ich nah: Schon sah ich für mein Leben,
Um meine Lagerstatt, Verwandt‘ und Freunde beben
Allein ich bebte nicht, mich schreckte nicht das Grab,
Gestärkt durch deinen Geist sah ich getrost hinab.

Ich sah des Todes Tal zwar finster vor mir liegen,
Doch lichtvoll, hinter ihm, ein Himmlisches Vergnügen:
Der sieche Körper fand dort Ruh und Sicherheit,
Und meine Seele hier Glück und Unsterblichkeit.

Indessen stärktest du die halberstorbnen Glieder;
Dem Geiste gabst du Mut, den Nerven Kräfte wieder,
Und so, so gibst du mich den Meinigen zurück,
Und dafür dank‘ ich dir: denn Leben ist auch Glück.

Nun, durch dies Leben selbst will ich den Dank beweisen,
Mit meinem Geiste, dich in diesem Leben preisen,
Dir jeden Augenblick von meinen Tagen weihn,
Um ewig einst bei dir des Lebens wert zu sein.

Elisa von der Recke – Morgenlied eines Kranken.

Nach einer schmerzensvollen Nacht
Seh‘ ich den Morgen wieder.
Dein Auge, Gott, hat mich bewacht;
Dich preisen meine Lieder:
In großer Angst verliehst du mir
Nicht Trost allein, ich danke dir,
Mein Gott! auch Seelenstärke.

So trag‘ ich gern der Krankheit Schmerz
Und jedes meiner Leiden:
Zu dir erhebe sich mein Herz,
Du Geber wahrer Freuden!
Durch Leiden zogst du mich zu dir,
Und nun, mein Vater, bist du mir
Ein Fels, auf den ich baue.

Ich weiß, dass Gott mich nicht verlässt,
Wenn auch der Tod erscheinet,
Ihn hält mein Glaube dann noch fest,
Wenn alles um mich weinet;
Ich bin getrost, wenn, wer mich liebt,
Mein Sterbelager, tief betrübt,
Mit frommen Tränen badet.

Auch sie verlässt mein Vater nicht,
Er stärket ihre Herzen,
Gibt Trost und frohe Zuversicht,
Und mildert ihre Schmerzen;
Ja, dir empfehl ich sie, o Herr!
Sei du ihr Schutz, Allgütiger;
Dann sind sie wohl versorget.

Doch sollten meiner Tage viel
Auf dieser Erden werden,
Wär‘ ich noch fern von meinem Ziel,
Dem Ende der Beschwerden:
So gib mir, Schöpfer, deine Kraft,
Die mir auch Mut im Leiden schafft
Und in der Not mich stärket.

Elisa von der Recke – Zufriedenheit mit den Wegen der Vorsehung.

Was Gott für mich bestimmet hat
Nehm‘ ich mit Dank entgegen.
Ich weiß, sein ewig weiser Rat
Ist lauter Heil und Segen.
Wer ihm vertraut,
Fest auf ihn baut,
Hat Trost in Kümmernissen,
Wo Andre zagen müssen.

Drum zag‘ ich nie, auch bitt ich nicht
Um freudenvolles Leben;
Nur frohen Mut zu jeder Pflicht,
Den wolle Gott mir geben.
Und sinkt mein Herz,
Bei herbem Schmers,
Dann wird mein Gott mich stärken
Zu neuen guten Werken.

Auch bitt‘ ich nicht, Allliebender!
Um Güter dieser Erden;
An Tugend lass, o Gott mein Herr!
Mein Herz stets reicher werden.
Vertraun zu dir,
Dies gib du mir,
Und Kräfte deinen Willen
Mit Freuden zu erfüllen.

Kein langes Ziel erfleh ich mir:
Ein dir geweihtes Leben
Ist nur mein Wunsch, um mich zu dir
Dein würdig zu erheben!
Doch hat mein Ziel
Der Tage viel,
So schenk mir reiche Saaten
Zu dir geweihten Taten.

Und ist ein kranker Leib mein Teil,
Sind traurig meine Tage,
So gib Geduld, o. Gott, mein Heil,
Dass ich auch da noch sage:
Gott ziehet mich
Durch Kreuz zu sich,
Ihn preis‘ ich selbst für Leiden:
Sie sind der Weg zu Freuden.

Elisa von der Recke – Sterbelied.

Das Ziel von meinen Tagen
Ist mir vielleicht bald nah
Doch soll mein Geist nicht zagen,
Wär’s auch schon heute da.
Des Todes Bitterkeiten
Wie bald verfliegen die!
Und gegen Ewigkeiten
Voll Wonne, was sind sie?

Ja, guten frommen Seelen
Gewährt der Tod nur Glück!
Was, kann sie weiter quälen?
Sie schaun befreit zurück.
Der Erden Kümmernisse
Kennt jene Heimat nicht:
Und alle Finsternisse
Verwandeln sich in Licht.

Des Himmels Wonne lehret
Zwar Menschen Weisheit nie:
Kein Ohr hat es gehöret,
Kein Aug‘ erblickte sie.
Wir kommen zu dem Freunde,
Der unser Glück erwarb,
Zu ihm, der selbst für Feinde
Noch flehte da er starb.

Zu dem uns zu erheben
Ist dies nicht wahres Glück?
Drum wart‘ ich ohne Beben,
Tod, deinen Augenblick!
Wann Freunde trostlos weinen,
Dann tröste dies ihr Herz!
Der Tod wird uns vereinen
Und gibt uns Glück für Schmerz.

Elisa von der Recke – Von der Vorsorge Gottes.

Ehe ich noch war, da sorgtest du
Für mich und für mein Leben.
Gott! welch ein Trost, der Seele Ruh
Und Freudigkeit zu geben!
Du übersahst mein Schicksal, Herr!
Und wähltest das, Allliebender,
Was mir zum Besten diente.

Da wählte deine Huld für mich
Voll Weisheit meine Freuden.
Für sie preist meine Seele dich,
So wie für meine Leiden.
Auch die sind heilsam mir und gut:
Nur, Höchster! stärke meinen Mut
Sie standhaft zu ertragen.

Der Welten schuf und sie beglückt,
Der ists auf den ich baue,
Er ist, wenn mich ein Kummer drückt,
Der Helfer, dem ich traue.
Und scheint mir manches wunderbar:
Einst wird es mir doch offenbar,
Wie gut er mich geführet.