Zeller, Albert – Nur keinen Abschied meine Lieben

Nur keinen Abschied meine Lieben!
Noch einen Blick und Druck der Hand!
Das Beste ist uns doch geblieben,
Der Glaube an Ein Heimatland,
An eine Nähe unsrer Geister,
An ein Verständnis klar und tief,
An Einen Herrn und Einen Meister,
Der liebend uns zusammenrief.

Es eilt das Schiff mit Adlersflügeln
Hinab mit uns des Lebens Strom,
Vorbei an Schlössern, Städten, Hügeln,
Vorbei an manchem hohen Dom,
Vorbei an mancher lichten Blume,
An manchem Stein der Herrlichkeit,
An trauter Stätte Heiligtume,
An manchem Grab und manchem Leid.

Hier stößt ein Nachen von dem Strande
Und legt mit neuen Pilgern an,
Schnell weben sich der Freundschaft Bande;
Doch alte Freunde nimmt der Kahn:
Ein ewig kommen, ewig Gehen,
Ein Wechsel voller Lust und Leid,
Ein Lebewohl auf Wiedersehen,
Ein Lebewohl auf Ewigkeit.

Doch wie der Sonne letzte Strahlen,
Wenn sie sich neigt am Himmelszelt,
Am herrlichsten und schönsten malen
Die wundervolle Gotteswelt,
So leuchtet in den letzten Blicken
Die Lieb am mächtigsten empor
Trotz allen irdischen Geschicken
Und öffnet uns des Himmels Tor.

Zeller, Albert – Was mich in dieser Feierstunde

Was mich in dieser Feierstunde
In Dank und Wonne still durchbebt,
In meines Geistes tiefstem Grunde
Ale sel’ge Offenbarung lebt,
Es ist zu groß, es ganz zu sagen
Und geht mir über Sinn und Mut:
Denn unter Zittern, unter Zagen
Erhielt mir Gott mein liebstes Gut.

Mein Himmel stand in roten Flammen
Und Blitze zuckten durch die Nacht,
Ich schrak und sank erschöpft zusammen,
Bezwungen von des Jammers Macht,
Erschüttert tief von Furcht und Grauen,
Von grassen Bildern rings umlegt,
Wie wenn das Raubtier seine Klauen
In eines Wandrers Seite schlägt.

O selger Strahl von lichter Höhe,
O Glanz voll ewger Herrlichkeit,
In meines Herzens tiefstes Wehe
Das Zeichen einer bessern Zeit!
Erbarmen, ruft es laut, erbarmen
Will sich der Herr des Lebens dein,
Sie soll in ihres Schöpfers Armen
Geborgen und gerettet sein!

Der Gütige und stets Getreue
Zerbricht nicht das geknickte Rohr;
Verglimmen will das Licht, aufs Neue
Facht ers zur Flamme hell empor;
Er wird es gnädig auch vollenden,
Ich harre sein in Zuversicht,
Er reichet uns mit Vaterhänden,
Was uns an Leib und Seel gebricht.

Lobsingen will ich, ja lobsingen
Dem Retter all mein Leben lang;
Zum Himmel soll mein Lied sich schwingen,
Zum Himmel meines Lebens Gang;
In stiller Demut will ich wandeln,
Gedenkend an mein großes Leid;
In Glauben, Lieben, Hoffen, Handeln
Ihm freudig dienen allezeit.

Ich seh dein ganzes Liebeleben
Vor mir im hellen Sonnenglanz;
Ich seh dich mit der Myrthe schweben,
Seh dich in unsrer Kinder Kranz;
Wer zählt am Himmel alle Sterne,
Der stillen Freuden lichten Zug,
Seit Gottes Engel aus der Ferne
Zu mir dein trautes Lieben trug?

Wohlauf mein Herz und lass das Zagen,
Denk an den Retter in der Not,
Lass deine Seufzer, deine Klagen,
Denk an das selige Gebot:
„Seid froh in Hoffnung, duldet stille,
Wie hoch die Flut der Trübsal geht;
Sprecht, es gescheh sein heilger Wille,
Und haltet treu an dem Gebet!“

Es strömt aus tausend Wunden
Mir Blut und Leben hin
In diesen bängsten Stunden,
Und irre schwankt mein Sinn.
Es zuckt das Herz zusammen
In seines Schöpfers Hand,
Es wühlt in Glut und Flammen
Der ungeheure Brand.

Zeller, Albert – Vorlied

Was ich im stillen Kämmerlein
In meines Herzens Not gesungen,
Ich sang es mir, mir ganz allein;
Doch ist es weiter noch gedrungen,
Und was mir Gott im Leid beschert,
Ich konnt und durft es nicht verschweigen:
Was ist es auch, was uns gehört?
Von dem Empfangnen musst ich zeugen.

Tönt doch von Aller Lippen ja
Dieselbe Lust, dieselbe Klage,
Und was dem Einen heut geschah,
Den Andern triffts am andern Tage;
Gibt es da eine süßre Pflicht
Als Gottes Gabe mitzuteilen?
Die Wahrheit nur und kein Gedicht
Kann unsre tiefsten Wunden heilen.

Zeller, Albert – Es muss ja durchgestritten

Es muss ja durchgestritten
Und durchgerungen sein,
Geduldet und gelitten
Bis zu der letzten Pein.

Es strömt aus tausend Wunden
Mir Blut und Leben hin
In diesen bängsten Stunden,
Und irre schwankt mein Sinn.

Es zuckt das Herz zusammen
In seines Schöpfers Hand,
Es wühlt in Glut und Flammen
Der ungeheure Brand.

O Herr erbarm, erbarme
Dich mein in dieser Not,
Es hält mit eisgem Arme,
Umschlungen mich der Tod!

Soll ich denn gar vergehen,
Versinken in ein Nichts?
Hast du von deinen Höhen
Nicht Einen Strahl des Lichts?

Ein Blick des Kreuzesfürsten
Fällt in die dunkle Nacht,
Und meinem heißen Dürsten
Ist schnell ein End gemacht.

Hat er nicht Alles, Alles
Erduldet mehr als du,
Für dich den Sohn des Falles
Und deine Herzensruh.

Er selbst der Herr des Lebens,
Der nur mit Willen starb?
Machst du sein Werk vergebens,
Der rettet, was verdarb?

Und wie er überwunden
Kreuz, Jammer, Todespein,
So kann ich nur gesunden
In seinem Blut allein.

Mit Sterben und mit Scheiden
War er ja nur gesinnt,
Die Stätte zu bereiten,
Wo seine Diener sind.

Er sammelt Alle, Alle
Einst in des Vaters Haus,
Und in des Himmels Halle
Geht unsre Wallfahrt aus.

Zeller, Albert – Wer wälzt den Stein mir von dem Grab

Wer wälzt den Stein mir von dem Grab,
Darin mein Heiland liegt?
Den ich so heiß geliebet hab,
Der liegt vom Tod besiegt.
Nur noch ein Einzig, Einzigmal
Möcht ich sein Antlitz sehn,
Und dann in aller meiner Qual
Getrost von hinnen gehn.
Es steigt in alter Herrlichkeit
Die Sonn auch heut empor,
Ach dass sie nur die kurze Zeit
Den hellen Schein verlor!
Und wie ein Garten Gottes steht
Die Welt auch heute da,
Mit Duft und Blüten übersät,
Und leuchtet fern und nah.
Nun mutig, Herz, nun tritt hinzu
Zu diesem Felsenstein,
Der in der tiefen Grabesruh
Den Meister schließet ein!
Das Grab ist leer, o großer Gott!
Was ist das für ein Trug?
Treibt ihr noch mit dem Toten Spott?
Wars nicht des Hohns genug?
Sag an, sag an, du fremder Mann,
Wo habt ihr meinen Herrn?
Wo habt ihr ihn denn hingetan?
O wollt ihn mir nicht wehrn!
„Maria“ spricht der Gottessohn;
O wie das selig klingt!
Das ist der alte Liebeston,
Der Mark und Bein durchdringt!
Du bists, du bists, du selber ja:
Brich nicht vor Wonne, Herz!
Ein seliges Hallelujah
Wird nun der Trennungsschmerz.
„Zu meinem Vater, eurem klar
Geht nun mein Siegeslauf,
Zu meinem Gott, zu eurem fahr
Ich triumphierend auf.“
Und meinen Schwestern, Brüdern sag
Ich, was er selbst gesagt,
Und preise Gott, wie ich vermag,
Ich benedeite Magd.

Zeller, Albert – Gott sei gelobt, wir wissen

Gott sei gelobt, wir wissen,
Wenn dieser Bau zerfällt
Und Alles wird zerrissen,
Was hier zusammenhält:
Wir haben eine Hütte
Von seiner eignen Hand,
Die stehet in der Mitte
Im neuen Vaterland.

Dieweil wir hier noch wallen,
Sind wir beschwert, gedrückt;
Es will uns nicht gefallen,
Das Glück ist zu zerstückt.
Ein ewiges Verlangen
Beseelet Alt und Jung
Und dennoch will uns bangen
Vor der Verwandelung.

Wir wollen nicht entkleidet,
Nur überkleidet sein,
Wei Leib und Seele scheidet,
Soll es wie Zauber sein.
Es soll der Tod verschlungen
Nur von dem Leben sein:
Dir ist es ja gelungen,
Das selge Los ist dein.

Nur Eine lichte Welle
Brach durch die Sichtbarkeit,
Und warf mit Blitzesschnelle
Um dich des Himmels Kleid;
Gott hat dich schnell erhoben,
Fast ging es mir zu jach;
Mit Weinen und mit Loben
Sah ich dem Fluge nach.

Es war dein Tun und Streben
Ein lichter Maientag,
Der über meinem Leben
Mit Himmelswonne lag;
Von Treu zu Treu bewähret,
Geführt von Licht zu Licht,
So wurdest du verkläret
Zum Engelsangesicht.

Was soll ich fürder klagen
Gedenkend an mein Weh,
Mit Seufzen und mit Fragen,
Was ich doch nicht versteh?
Ist seine Lieb nicht größer,
Als ich sie bieten kann?
Dein Schöpfer und Erlöser
Hat dir nur wohlgetan.

Du ruhst in seinem Lieben
Am Herz der Seligkeit;
Uns aber ist geblieben
Das Pfand, das uns befreit;
Das ist des Geistes Wehen,
Der uns bereitet still,
Zu ihm und dir heißt gehen
Und rufet, wann er will.

Zeller, Albert – Soll ich der Blumen nicht mehr warten

Soll ich der Blumen nicht mehr warten,
Noch an die Erde fest gebannt,
Weil meine Blum in Gottes Garten,
In ihrem ewgen Vaterland?

Ich will sie still und emsig pflegen
Die kleinen Freuden dieser Welt:
Auf kleinem Tun ruht großer Segen,
Wenn es aufs Ewge ist gestellt.

Ist nicht das beste Tun hienieden
Nur in dem Kleinen Sorg und Treu?
Das Höchste, was uns hier beschieden,
Muss werden jede Stunde neu.

Wir werden müd; die Kräfte fliehen,
Und sei der Geist auch hoch begabt;
Wie will ein Wandrer weiter ziehen,
Wenn er nicht stets aufs Neu sich labt?

In immer neuen, frischen Zügen
Bedürfen wir der Gottesluft,
Wenn auch zu immer kühnern Flügen
Uns auf die innre Stimme ruft.

Nur Schritt für Schritt geht unsre Reise
Zu der verheißnen Gottesstadt,
Wenn sie auch längst in Sonnenweise
Entgegen uns geleuchtet hat.

Wer nicht im Kleinsten und Geringsten
Etwas von Gottes Hauch verspürt,
Für den gibt es kein Fest der Pfingsten,
Auch wenn sich Erd und Himmel rührt.

Zeller, Albert – Ich bin verwelkt und grüne

Ich bin verwelkt und grüne
Doch wie ein Tannenbaum;
Das macht die Gottessühne,
Die lässt zum Himmelsraum
Mich wieder aufwärts steigen
Mit neuverjüngter Kraft;
In Krone, Stamm und Zweigen
Treibt frischer Lebenssaft.

Wie wenn vom Blitz getroffen
Ein Baum nicht untergeht,
Mit allen Adern offen
Den Elementen steht,
Und Erd und Himmel reichen
Kraft, Nahrung, Heilung dar;
Er grünt wie Seinesgleichen,
Er übergrünt sie gar.

Und dennoch will mir dünken,
Es sei ein eitler Schein,
Und bei dem ersten Winken
Sink aller Zauber ein:
Er ist einmal berühret
Vom heilgen Opferstrahl
Und trägt, wie sichs gebühret,
Das ernste Todestal.

Mehr als mein halbes Leben
Steht schon auf ewgem Grund:
Das ist es, was mich eben
Macht fröhlich und gesund.
Wie Wind und Wetter gehe,
Was kümmert das den Kern?
Ich falle oder stehe
Mit Freuden meinem Herrn.

Zeller, Albert – Erloschen und versunken

Erloschen und versunken
Wär jedes Freudenlicht,
Wenn mit dem letzten Funken
Ein treues Auge bricht?
Und was uns Gott zu eigen
Auf dieser Erde gibt,
Das wollt Er uns nur zeigen,
Bis wir es recht geliebt,
In unser Herz geschlossen
Wie unser eigen Blut,
Und es gefühlt, genossen
Als unser liebstes Gut?
Und dann für immer immer
Entzög Ers unserm Blick,
Und dieser flüchtge Schimmer
Wär unser ganzes Glück?
So grausam sollt Er spielen,
Dem alle Lieb entsprang,
Mit unsrem reinsten Fühlen,
Mit unsrem tiefsten Drang,
Damit nur Er geliebet,
Nur Er geehret sei,
All Anderes zerstiebet
Wie nichtger Staub und Spreu?
Er selbst hat sich gegeben
In unsern lieben dar;
Sein Tun ist immer Leben,
Sein Wort bleibt immer wahr;
Er legte voll Erbarmen
Die Treuen uns ans Herz,
Und hebt auf Freundesarmen
Uns Schwache himmelwärts.
Nur immer voller, reiner
Soll es geliebet sein:
Des weigere sich Keiner
Und süßer Lohn ist sein.
Und lieben wir nur freier,
Wenn Einer uns verlässt,
So wird die Totenfeier
Zum heilgen Osterfest.