Weiße, Michael – Christus, der uns selig macht

1.) Christus, der uns selig macht,
Kein Bös hat begangen,
Der ward für uns in der Nacht
Als ein Dieb gefangen,
Geführt vor gottlose Leut
Und fälschlich verklaget,
Verlacht, verhöhnt und verspeit,
Wie denn die Schrift saget.

2.) In der ersten Tagesstund
Ward er unbescheiden,
Als ein Mörder, dargestellt
Pilato, dem Heiden.
Der ihn unschuldig befand,
Ohn Ursach des Todes.
Ihn derhalben von sich sandt
Zum König Herodes.

3.) Um drei ward der Gottessohn
Mit Geißeln geschmissen
Und sein Haupt mit einer Kron
Von Dornen verrissen.
Gekleidet zum Hohn und Spott ward
Er sehr geschlagen
Und das Kreuz zu seinem Tod
Musst er selber tragen.

4.) Um sechs ward er nackt und bloß
An das Kreuz geschlagen,
An dem er sein Blut vergoss,
Betet mit Wehklagen.
Die Zuseher spotten sein,
Auch die bei ihm hingen,
Bis die Sonn auch ihren Schein
Entzog solchen Dingen.

5.) Jesus schrie zur neunten Stund,
Klaget sich verlassen.
Bald ward Gall in seinen Mund
Mit Essig gelassen:
Da gab er auf seinen Geist
Und die Erd erbebet.
Des Tempels Vorhang zerriss
Und manch Fels zerklöbet.

6.) Da man hatt‘ zur Vesperzeit
Die Schächer zerbrochen,
Ward Jesus in seine Seit‘
Mit ein’m Speer gestochen.
Daraus Blut und Wasser rann,
Die Schrift zu erfüllen,
Wie Johannes zeiget an,
Nur um unsert Willen.

7.) Da der Tag sein Ende nahm
Der Abend war kommen,
Ward Jesus vom Kreuzesstamm
Durch Joseph genommen.
Herrlich nach jüdischer Art
In ein Grab geleget
Allda mit Hütern verwahrt,
Wie Matthäus zeuget.

8.) O hilf, Christe, Gottes Sohn!
Durch dein bitter Leiden
Dass wir dir stets Untertan
All Untugend meiden.
Deinen Tod und sein Ursach‘
Fruchtbarlich bedenken.
Dafür wiewohl arm und schwach,
Dir Dankopfer schenken.

Weiße, Michael – Christe, der du bist Tag und Licht

1.) Christe, der du bist Tag und Licht,
Vor dir ist, Herr, verborgen nicht,
Du väterliches Lichtes Glanz,
Lehr‘ uns den Weg der Wahrheit ganz.

2.) Wir bitten dein‘ göttliche Macht,
Beschirm uns, Herr, in dieser Nacht,
Bewahr uns, Herr, vor allem Leid,
Gott Vater der Barmherzigkeit.

3.) Vertreib den schweren Schlaf, Herr Christ,
Dass uns nicht schad‘ des Feindes List.
Das Fleisch in Züchten reine sei,
So sind wir mancher Sorge frei.

4.) So unsre Augen schlafen ein,
So lass das Herze wacker sein.
Beschirm uns Gottes rechte Hand,
Und lös uns von der Sünden Band.

5.) Beschirmer, Herr der Christenheit
Dein Hilf allzeit sei uns bereit.
Hilf uns, Herr Gott, aus aller Not
Durch dein‘ heil’ge fünf Wunden rot.

6.) Gedenk, o Herr, der schweren Zeit,
Darin der Leib gefangen leigt.
Der Seelen, die du hast erlöst,
Gib, o Herr Jesu, deinen Trost.

7.) Gott Vater sei Lob, Ehr‘ und Preis,
Dazu auch seinem Sohne weis,
Des Heilgen Geistes Gütigkeit
Von nun an bis in Ewigkeit.

Weiße, Michael – Als Jesus Christus, Gottes Sohn

1.) Als Jesus Christus, Gottes Sohn,
Mit seiner leiblichen Person
Von dieser Welt abscheiden woll’n,
Sagt er sein‘ Jüngern unverhohl’n:

2.) Ich geh zu Gottes Majestät,
Ihr aber geht nicht aus der Stätt‘,
Bis euch zuvor himmlische Kraft
Bestätiget zur Ritterschaft.

3.) Die Jünger glaubten diese Wort‘,
Blieben versammelt an ein’m Ort,
Einträchtig nach christlicher Weis‘,
Betend zu Gott mit allem Fleiß.

4.) Nach Ostern am fünfzigsten Tag,
Den man den Pfingsttag nennen mag,
Neun Tag‘ nach Christi Himmelfahrt
Ward ein groß‘ Wunder offenbart.

5.) Des Morgens um die dritte Stund‘,
Weil sie beten aus Herzensgrund
Kam der Heilige Geist in’s Haus,
Als ein Sturmwind mit großem Braus.

6.) Saß auf ein’m Jeglichen unter ihn‘,
Gab ihnen all’n rechtschaffnen Sinn,
Sagt ihnen Gottes Wundertat
Mit neuen Sprachen ohne Spott.

7.) Auf diesen Sturm lief viel Volk zu
Und sieh, die Jünger red’ten nu
Mit neuen Zungen große Ding,
Das vielen sehr zu Herzen ging.

8.) Derhalben sprachen Etliche:
Die Männer sind aus Galilä,
Wie reden sie denn unsre Sprach‘,
So große Ding vorbringen auch?

9.) Etlich‘ sagten: Sind Wines voll,
Sie reden wie ein Trunkenbold.
Petrus aber, voll Gotteskraft,
Gab ihnen freudig Rechenschaft.

10.) Nahms Wort vor sich aus Joels Buch
Und aus dem Psalter manchen Spruch,
Redet, dass durch viel Herzen drang
und sie also zu reden zwang:

11.) O, lieben Brüder, ratet zu,
Wie wir kommen zu rechter Ruh‘?
Wir finden bei uns nichts, denn Sünd‘,
Sagt, wer uns denn davon entbind’t?

12.) Petrus sprach: Bessert euer Tuns,
Und glaubt an Christum, Gottes Sohn,
Betet ihn an mit eurem Mund,
Lasst euch taufen auf seinen Bund.

13.) Sie taten, wie ihn’n Petrus riet,
Kamen von ihrem bösen Tritt,
Glaubten, empfingen auch die Tauf,
Liefen ein gottsel’gen Lauf.

14.) Ei, nun verleih, Heiliger Geist,
Dass wir uns halten allermeist
Nach dieser ersten Kirchen Weis‘,
Dir, Gott, zu Lob, Dank, Ehr‘ und Preis.

Weiße, Michael – Als der gütige Gott

– Weihnachtslied –

1.) Als der gütige Gott
Vollenden wollt sein Wort,
Sandt er sein Engel schnell,
Des Namens Gabriel,
Ins Galiläisch Land.

2.) In die Stadt Nazareth,
Da er eine Jungfrau hat,
Die Maria genannt,
Joseph nie hat erkannt ,
Dem sie vertrauet war.

3.) Als der Bot’ vor sie kam,
Fing er mit Freuden an
Und macht ihr offenbar,
Was ihm befohlen war,
Und sprach freundlich zu ihr:

4.) Sei gegrüßt holdselig,
Gott der Herr allmächtig,
Ist mit dir allezeit,
O du gebenedeit
Unter allen Frauen.

5.) Als die Jungfrau erhört
So wunderliche Wort
Ward sie bald Trauens voll
Und bedacht’ sich gar wohl,
Was sie drauf sagen sollt’.

6.) Er sprach: ‚Ei, sei getrost,
Denn Gott hat zu dir Lust
Und du wirst empfangen,
Und gebär’n einen Sohn,
Und den heißen Jesum.‘

7.) Maria antwort ihm:
‚Ist doch mein Herz und Sinn
Auf keinen Mann gewandt,
Ist mir auch unbekannt,
Wie solches sollt ergeh’n.‘

8.) Der Engel sprach zu ihr:
‚Der Heil’ge Geist in dir,
Wird so groß Wunder tun,
Und du wirst Gottes Sohn
Unverrückt empfangen.‘

9.) Maria gläubet ihm
Und sprach: ‚Wohlan, ich bin
Des Allerhöchsten Magd,
Er tu wie du gesagt,
Mit mir, wie’s ihm behagt‘.

10.) Bald wirket Gottes Kraft
In ihrer Jungfrauschaft,
Und sie empfing zu Hand,
Christum, der Weltheiland,
Und der Engel veschwandt.

11.) Preis, Lob und Herrlichkeit,
Danksagung und Klarheit
Sei dir in Ewigkeit,
O Herre Jesu Christ,
Der du Mensch worden bist.

12.) O komm‘ durch deine Güt‘,
Auch in unser Gemüt,
Verleih‘ uns Heiligkeit,
Deine Gerechtigkeit,
Und ew’ge Seligkeit.

Weiße, Michael – Als Christus mit seiner Lehr

1.) Als Christus mit seiner Lehr
Versammelt ein kleines Heer,
Sagt er ihm, dass’s mit Geduld
Sein Kreuz ihm nachtragen sollt.

2.) Sprach: ‚O, lieben Jünger mein,
Ihr sollt allzeit munter sein,
Nichts auf Erden lieben mehr
Denn mich und all‘ meine Lehr.

3.) Die Welt wird euch übel tun,
Anlegen viel Spott und Hohn,
Umjagen und sagen frei
Dass der Teufel in euch sei.

4.) Wenn sie euch lästert und schmäht,
Meinethalben schilt und schlägt:
So seid froh, denn euer Lohn
Ist bereit vor Gottes Thron.

5.) Seht an, ich bin Gottes Sohn
Und hab allzeit wohl getan,
Ich bin je der Allerbest‘,
Noch macht sie mir’s trefflich fest.

6.) Weil sie mich ein’n bösen Geist,
Ein’n argen Verführer heißt
Und mir allzeit widerspricht,
Sie schenkt’s euch auch freilich nicht.

7.) Jedoch fürchtet nicht ein’n Mann,
Der nur den Leib töten kann,
Sondern den ewigen Gott,
Der Macht zu verdammen hat!

8.) Der probiert euch, wie das Gold,
Ist euch als sein’n Kindern hold.
So ihr bleibt in meiner Lehr‘,
Verlässt er euch nimmermehr.

9.) Ich bin euer, ihr seid mein,
Wo ich bin, da sollt ihr sein!
Wer euch plagt, der plagt mein Aug‘,
Weh dann ihm an jenem Tag!

10.) Euer Elend, Angst und Pein
Wird euch dort ein‘ Freude sein,
Und die Schand‘ ein Preis und Ehr‘
Vor allem himmlischen Heer.‘

11.) Die Apostel nahmens an
Und lehreten jedermann:
Wer dem Herrn nachfolgen wollt,
Dass es des‘ gewarten sollt.

12.) O Christe, hilf deinem Volk,
Dass ’s dir von Herzen nachfolg‘
Und durch ein’n seligen Tod
Los werd‘ aller Angst und Not!

Tersteegen, Gerhard – Zwei Dinge sind mir immer klar

1.) Zwei Dinge sind mir immer klar
Prüf ich mein Tun und mein Gemüte
Und will gerecht ich sein und wahr:
Ich bin ein Sünder, Gott ist Güte.
Nur ihm, nicht mir gebühret Ruhm.
Das fühlen, das ist Christentum.

2.) Von eigenem Verdienste bloß
Und fern von eignem Licht und Leben,
Sag ich: Gott, deine Huld ist groß,
Du kannst und willst mir alles geben.
Mein Ruhm verschwinde ganz und gar,
Sei du in mir nur offenbar.

3.) Weg, weg mit aller Frömmigkeit,
Wobei man nur sich sieht und liebet.
Das ist der Tugend Lauterkeit,
Wenn man nur Gott die Ehre gibet.
Du führst die Demut wohl im Mund.
Doch wohnt sie auch im Herzensgrund?

4.) Man nennet sich oft arm und schwach,
Wer glaubt es aber wohl von Herzen?
Und glaubst du es, hält’s dich nicht wach
Vor Unruh und vor großen Schmerzen?
Der Demut bringt es keine Pein.
In Gott ist sie mit Frieden klein.

5.) Ein Tugendbild will ich wohl sein.
Doch nur, dass ich dir Gott, gefalle.
Vor Menschen such ich keinen Schein.
Willst du’s, vergessen mein nur alle!
Sei du nur, Gott, nur du geehrt:
Dann ist der Demut Wunsch gewährt.

6.) Führ‘ mich zu deiner Heiligkeit.
Doch soll’s die Eitelkeit nicht wissen.
Gib mir des Himmels Herrlichkeit,
Ich lege sie zu deinen Füßen.
Getrost, mein Gott, entsterb‘ ich mir.
Entzückt geb‘ ich, Gott, alles dir!

Tersteegen, Gerhard – Zu mir, zu mir, ruft Jesus noch

1.) Zu mir, zu mir, ruft Jesus noch.
Die Kindlein lasset kommen!
Hab ich aus Lieb zu ihnen doch
Die Kindheit angenommen.
Ja, wie ein arm elendes Kind,
Gebüßet und beweint die Sünd,
Der Kinder, die mich hören.

2.) Ich hab am Kreuz für sie mein Blut
Mit bittrem Schmerz vergossen,
Dadurch gelöscht der Hölle Glut,
Den Himmel aufgeschlossen.
Nun steh und ruf ich mit Begier:
‚Kommt, Kinder, kommet her zu mir,
ich will euch selig machen!‘

3.) Zu mir, zu mir, nicht zu der Welt
Und ihren Eitelkeiten,
Die auch euch Kindern sehr nachstellt
Und lockt auf allen Seiten.
Drum sieh dich vor, mein Kind, und tu
Vor ihr dein Aug und Herze zu,
Sie stürzt dich ins Verderben!

4.) Sie beut dir an Lust, Ehre, Pracht,
Freud, Schönheit, Ruh und Schätze.
Doch, wenn man’s alles wohl betracht’t,
So sind’s nur Strick und Netze,
Die Satan braucht, dadurch die Seel
Zu fangen und zu führ’n zur Höll
Auf ebnen, breiten Wegen.

5.) Die Welt gibt Wollust, die zerfließt
Im Blick, und dann folgt Pressen.
Wie bald ist eine Lust gebüßt,
Ein Leckerbisschen ‚gessen!
Und dafür muss die Seele dann
Auf ewig mit dem reichen Mann
Dort in der Flamme darben.

6.) Weltehre, Lieb, Lob, Gunst und Gnad
Ist kaum mit Müh zu kriegen,
Und wem sie’s heut gegeben hat,
Den lässt sie Morgen liegen
In Schmach, Verachtung, Spott und Kot.
Und hielt man’s gleich bis an den Tod,
Folgt dann doch ew’ge Schande.

7.) Ihr Prangen, Pracht und Herrlichkeit,
Ihr Säubern und ihr Zieren
Ihr Phantasie und Eitelkeit,
Zeit-, Müh- und Seelverlieren,
Die, wann der Leib im schwarzen Schoß
Der Erde liegt, muss nackt und bloß,
Mit Kot beschmutzt hinfahren.

8.) Ihr Scherzen, Lachen, Tanzen, Freud
Geht nimmer recht von Herzen
Und wird gar leicht verkehrt in Leid,
Bringt endlich ew’ge Schmerzen.
Dein Schönheit, die sie so hoch acht’t,
Liegt bald verwelket und veracht’t,
Dann hast du ausgedienet.

9.) Die Welt auch Ruhe dir anbeut,
Doch kann sie gar nichts geben
Als Unruh, Grämen, Müh und Streit,
Ein jammervolles Leben.
Und gibt sie Ruh, so ruhet man
Am Höllenrand, drein stürzt sie dann
Im Tod dich plötzlich nieder.

10.) Ihr Reichtum, Schätze, Geld und Gut –
Drum muss man von dem Morgen
Bis in die Nacht, ja bis in’n Tod
Stets laufen, wühlen, sorgen.
Hat man’s, gar leicht verliert man’s noch,
Verliert man’s nicht, so muss man’s doch
Im Tode all’s verlassen.

11.) Nun sieh, mein Kind, dies ist’s wie viel
Die Welt vermag zu geben.
Hüt dich vor ihrem Trauerspiel,
Es gilt dir Leib und Leben.
Merk doch aufs End, du musst davon!
Sonst wirst du einst vorm Richterthron
‚Geht weg von mir!‘ anhören.

12.) Nun ruf ich noch mit süßer Stimm:
‚Kommt her zu mir, ihr Kinder!‘
Steh still und es zu Herzen nimm,
Ich gebe dir nicht minder!
Denn des die Welt so rühmet sich,
Ist Schatten nur und wesentlich
Allein in mir zu finden.

13.) Die Lüste, die ich tropfweis gieß
Schon jetzt in keusche Herzen
Zart, kräftig, innig, übersüß,
Geist, Seel und Leib ergötzen.
Schmeckt hier so meine Freundlichkeit,
Was wird’s denn sein, in Ewigkeit
Aus Wollustströmen trinken!

14.) Bei mir ist Ehre unverrückt,
Ich liebe, die mich lieben,
Auch ew’ge Gnade man erblickt
Nach wenigem Betrüben.
Ich steh in Not und Tod dir bei,
Ich bleibe ewig dir getreu:
Das hat gar viel zu sagen.

15.) Ich will die Seel mit Heiligkeit
Und Tugendschmuck umhangen,
Drin sie auf’m Thron in Herrlichkeit
Als Königin wird prangen.
Der Leib auf der Posaunen Hall
Wird aufstehn glänzend wie Kristall,
Durch meinen Geist verkläret.

16.) Bei mir ist wahre Freud die Füll,
Die Welt noch Feind kann rühren.
Die macht im Kreuz und Leiden still,
Im Tod wohl jubilieren.
Flieh, eitle Schönheit, die nur Wust,
So werd ich ewig meine Lust
An deiner Schönheit haben!

17.) Ich bin dein’s Geistes Ruhestell‘,
Ich kann ihn nur vergnügen.
Es kann kein Sturmwind, Furcht noch Höll‘
Auf meinem Schoß ihn rügen.
Komm her zu mir, ich rufe noch,
Mein Kind, nimm auf mein sanftes Joch,
So wirst du Ruhe finden!

18.) Mein Reichtum ist beständig’s Gut,
Den ich umsonst will schenken,
Kein Rost, kein Dieb, kein Feu’r noch Flut
Kann solchen ewig kränken.
Ich hab‘ ein ganzes Himmelreich,
Viel‘ Königsschätze drin zugleich,
Die wirst du all‘ ererben.

19.) Sieh da, mein Kind, was Jesus sei,
Wo du nicht ganz ein Blinder.
Folg meiner Stimm‘, weil ich noch schrei:
‚Kommt her zu mir ihr Kinder!‘
Folgst du nun jetzt dem Rufen nach,
So sollst du auch an jenem Tag
‚Komm her zu mir!‘ dann hören.

20.) Wenn dann die Welt samt Lust und Pracht
Im Feuer wird vergehen,
Dann wirst du werden zu mir bracht
Und freudig mit mir gehen.
Zu meinem Reiche, da wirst du
Auf meinen Armen finden Ruh‘,
Und ich dich ewig herzen.

21.) In meiner Liebe, Furcht und Ehr‘
Die schönen Jugendjahren
Und zarte Blüt‘ der Kraft verzehr,
Lass Schein und Schatten fahren,
Kein’n Augenblick verschieb es nicht,
Eh dir der Lebensfaden bricht.
Gib mir, mein Kind, dein Herze!

22.) Der Frommen kleines Häufelein
Sei deine Lust auf Erden,
So wirst auch du ein Engelein
Mit ihnen nachmals werden.
Mein‘ Engel hier bewahren dich,
Mit welchen du wirst ewiglich
im Paradies spazieren.

Tersteegen, Gerhard – Wo bleibt die Pracht sonst grüner Bäume

1.) Wo bleibt die Pracht sonst grüner Bäume?
So mancher schönen Blume Zier?
Und wo im Tod der Narren Träume?
Wer will, such seinen Himmel hier.
Mein unverwelklich schöner Garten
Steht schon im blühn, kann ja warten.

2.) Merk, Seel‘, was nackte Bäume lehren,
Und jetzt im Herbst das kahle Feld.
Lass dich kein’n Schein noch Traum betören,
Gar nichts besteht in dieser Welt.
Such nackt ein ewig-himmlisch Leben,
Das Jesu Einfluss nur kann geben.

3.) Dir, Gott, sei Dank, dass wir gesehen
Dein anmutsvolles Frühlingslicht.
Dass du uns auch, zum Leibbestehen,
Gabst reichlich manche Sommerfrücht:
Jetzt fallen alle Blätter nieder,
Und geben dir ihr Schönes wieder.

4.) Mein’s Lebens eitle Frühlingsjahre,
Mein muntrer Sommer ist auch hin:
Ich weiß, ich fühle und erfahre,
Dass ich im Herbst mein’s Lebens bin.
Ich fall auch, wie die Blätter, nieder,
Und geb dir Kraft und Schönheit wieder.

5.) Du gabest meiner Gnadenjugend,
Mein’m Geistessommer, manche Kraft,
Ernst, Gaben, Schönheit, Licht und Tugend,
Worein sich Selbstheit leicht vergafft.
Mein Herbst dir nackt erwartend dienet,
Bis mein Gebeine wieder grünet.

6.) Gott gab’s, Gott nahm’s, ich will ihn ehren,
Du Gott bist nur beständig schön.
Mein g’nugsam’s Heil, mein ganz Begehren,
Mein Nichts, mein Staub, soll dich erhöhn.
Gibst du mir einst die Ehrenkrone,
Leg ich sie freudig dir zum Throne.

Tersteegen, Gerhard – Willkommen, verklärter Gottes Sohn

1.) Willkommen, verklärter Gottes Sohn,
Der im Triumph bist auferstanden!
Im Himmel schallt der Freudenton:
Es sind entzwei des Todes Banden!
Ich jauchze mit, dein Sieg erfreuet mich:
Mein Jesus lebt und herrschet ewiglich!

2.) Es betet dich der Himmel an,
Der Engel Scharen fallen nieder.
Die Jünger haben’s auch getan,
Ich ehre dich durch meine Lieder.
Du bist mein Gott, mein König nur allein,
Ich geb mich dir, mein ganzes Herz ist dein.

3.) Nun steht der andre Adam da,
In’s Paradies auf’s neu versetzet.
Die offne Pfort‘ im Geist ist nah.
Wer mit ihm stirbt, wird mit ergetzet.
Das Haupt ist durch und zieht die Glieder nach,
Durch Kreuz und Tod, zum sel’gen Ostertag.

4.) Das göttlich‘ Leben, das in mir
Und allen durch die Sünd‘ erstorben,
Nun grünet aus dem Tod herfür.
Mein Heiland hat’s so teu’r erworben.
Es leuchtet klar aus seinem Angesicht
Der Gottheit Bild, der Unschuld schönes Licht.

5.) Man kann aus deiner Gegenwart,
Erstandner Held, viel Wunder lesen:
Wie göttlich, herrlich, rein und zart,
Wie liebenswürdig ist dein Wesen!
O Jesu, schau, wie finster bin ich noch,
Verkläre mich nach deinem Bilde doch.

6.) Ich werfe, mit Maria, mich,
Mein Herr und Gott, zu deinen Füßen.
Und wenn ich dürfte, wollt ich dich,
Mit ihr, in Demut innigst küssen:
Sprich auch ein Wort mit Kraft in’s Herze mir,
So schau ich dich, so freu ich mich in dir.

7.) Verklärtes Haupt, nun lebest du.
Ach, lass mich, als dein Glied, auch leben.
Kannst du dem Elend sehen zu?
Willst du dein Kind nicht auch erheben
Aus Not und Tod, aus Sünd‘ und Eigenheit,
Zu leben dir in wahrer Heiligkeit?

8.) Du lebest fremde dieser Erd‘,
Im Paradies, in Gottes Frieden.
Gib, dass ich auch im Geiste werd‘
Also von allem abgeschieden.
Dem Eiteln tot, und dir im Geist gemein,
So leb in mir, o Lebensfürst, allein.

9.) Brich durch, er koste, was es will.
Was du nicht bist, lass in mir sterben,
Dass ich auch mög dies frohe Ziel,
Den Auferstehungsstand, ererben.
Ich kann ja nichts, ich lieg im Tod verhaft‘,
Wirk du in mir durch deines Lebens Kraft.

10.) Wirk du in mir, zieh himmelwärts
Begierden, Sinnen und Gedanken,
Dass, wo du bist, mein ganzes Herz
Von nun an leben mag ohn‘ Wanken:
Du bist nicht fern. Wer dich nur liebet rein,
Der kann im Geist bei dir im Himmel sein.

Tersteegen, Gerhard – Will er nach meinem Zustand fragen

1.) Will er nach meinem Zustand fragen,
Wie es mit mir beschaffen sei?
Ich muss gar heimlich etwas tragen,
Das ich scheu zu entdecken frei.
Doch ich mich nicht enthalten kann,
Etwas davon zu zeigen an.

2.) Ich seh in mir gar tief verborgen
Ein’n Abgrund von Melancholei,
Der ist, wann ich erwach am Morgen,
Als wenn er immer würde neu.
Drin bringt ich jetzt die Tage zu
Und finde nirgends Rast und Ruh.

3.) Dies macht ein unaussprechlich Sehnen,
Dass ich schier wünsche nichts zu sein,
Als länger mich in Schwermut grämen
Und heimlich leiden solche Pein.
Doch endlich wird der kalte Tod
Zerbrechen diese Zentnernot.

Antwort des Autors auf vorige Reime

1.) Du darfst dein Kreuz nicht heimlich tragen,
Du musst dein Herz entdecken frei
Und Gott und treuen Freunden sagen,
Wie es mit dir beschaffen sei!
Ein schwerer Mut wird öfters leicht,
Wenn man die Schwermut andern zeigt.

2.) Melancholie, so heißt der Jammer,
Wovon du mir ein Vers’chen schreibst,
Melancholie, die dunkle Kammer,
Worin du traurig hangen bleibst.
Vielleicht lockt aus dem Trauerhaus
Dich meine Poesie heraus.

3.) Man muss es immer recht entscheiden.
Natur ist noch kein Christentum,
Natur hat Freud, Natur hat Leiden,
Dies macht vor Gott nicht bös noch fromm.
Lass, wie es will, im Äußern gehn,
Du musst dich nach dem Grund ansehn!

4.) So bist du, wie du bist inwendig.
Was liebst du, was begehrest du?
Bei diesem Sinn bleib nur beständig,
Bei diesem Grunde bleib in Ruh!
Vernunft mag denken, was sie kann,
Denk nur: Was geht Vernunft mich an?

5.) Lass dich von Jesu blindlings führen,
Verleugne dich und liebe nur,
Hüt dich vor allem Spekulieren,
Ein Kindersinn trifft leicht die Spur.
Und wenn Vernunft dir Zweifel macht,
So gib nicht auf ihr Zweifeln acht!

6.) Sag, würd’st du weinen oder lachen,
Wenn dich ein Blindgeborner gleich
Wollt an der Sonne zweifeln machen?
So ist Vernunft an Gottes Reich.
Ei, saug die Brust und dich nur nähr
Und forsch nicht, wie die Milch kommt her!

7.) Du musst von Gott nichts Arges denken,
Er ist ganz Liebe, Güt und Treu,
Er hat nicht Lust, dass wir uns kränken
Durch Schwermut und ihm bleiben scheu.
Denk, Gott will in dein Herz hinein,
Drum muss es weit und offen sein!

8.) Gott ist ein wonnesames Wesen,
Ganz freundlich, stille, sanft und froh.
Soll deine Krankheit recht genesen,
So muss dein Grund auch werde so.
Ei, diene Gott mit Freuden doch,
Zeig, dass sein Dienst ein sanftes Joch!

9.) Mit vielem Forschen durchzudringen,
Bringt größern Schaden, als man glaubt,
Gott lässt sich mit Gewalt nicht zwingen,
Brich deinen Willen, nicht das Haupt.
Erwart nur in gelassnem Grund
Der ew’gen Weisheit Zeit und Stund!

10.) Viel besser ist ein Handgeschäfte,
Als traurig sein beim Müßiggang.
Erquicke dann und wann die Kräfte
Durch einen guten Lobgesang,
Vergiss dein Elend und dich freu
In Gottes Herrlichkeit und Treu!

11.) Nimm auf dies Kreuz und alle Leiden
Und trag es Jesu willig nach!
Es folgen wesentliche Freuden
Nach langem, bangem O und Ach.
Der Glaube muss durch Proben gehn
Und glauben lernen ohne Sehn.

12.) Wohl dem, der ganz in Gott kann sterben
Der Kreatur und Eigenheit!
Der wird ein göttlichs Leben erben,
Von Kummer, Angst und Weh befreit.
Es kann fürwahr nur dieser Tod
Zerbrechen deine Zentnernot.