Tersteegen, Gerhard – Will er nach meinem Zustand fragen

Tersteegen, Gerhard – Will er nach meinem Zustand fragen

1.) Will er nach meinem Zustand fragen,
Wie es mit mir beschaffen sei?
Ich muss gar heimlich etwas tragen,
Das ich scheu zu entdecken frei.
Doch ich mich nicht enthalten kann,
Etwas davon zu zeigen an.

2.) Ich seh in mir gar tief verborgen
Ein’n Abgrund von Melancholei,
Der ist, wann ich erwach am Morgen,
Als wenn er immer würde neu.
Drin bringt ich jetzt die Tage zu
Und finde nirgends Rast und Ruh.

3.) Dies macht ein unaussprechlich Sehnen,
Dass ich schier wünsche nichts zu sein,
Als länger mich in Schwermut grämen
Und heimlich leiden solche Pein.
Doch endlich wird der kalte Tod
Zerbrechen diese Zentnernot.

Antwort des Autors auf vorige Reime

1.) Du darfst dein Kreuz nicht heimlich tragen,
Du musst dein Herz entdecken frei
Und Gott und treuen Freunden sagen,
Wie es mit dir beschaffen sei!
Ein schwerer Mut wird öfters leicht,
Wenn man die Schwermut andern zeigt.

2.) Melancholie, so heißt der Jammer,
Wovon du mir ein Vers’chen schreibst,
Melancholie, die dunkle Kammer,
Worin du traurig hangen bleibst.
Vielleicht lockt aus dem Trauerhaus
Dich meine Poesie heraus.

3.) Man muss es immer recht entscheiden.
Natur ist noch kein Christentum,
Natur hat Freud, Natur hat Leiden,
Dies macht vor Gott nicht bös noch fromm.
Lass, wie es will, im Äußern gehn,
Du musst dich nach dem Grund ansehn!

4.) So bist du, wie du bist inwendig.
Was liebst du, was begehrest du?
Bei diesem Sinn bleib nur beständig,
Bei diesem Grunde bleib in Ruh!
Vernunft mag denken, was sie kann,
Denk nur: Was geht Vernunft mich an?

5.) Lass dich von Jesu blindlings führen,
Verleugne dich und liebe nur,
Hüt dich vor allem Spekulieren,
Ein Kindersinn trifft leicht die Spur.
Und wenn Vernunft dir Zweifel macht,
So gib nicht auf ihr Zweifeln acht!

6.) Sag, würd’st du weinen oder lachen,
Wenn dich ein Blindgeborner gleich
Wollt an der Sonne zweifeln machen?
So ist Vernunft an Gottes Reich.
Ei, saug die Brust und dich nur nähr
Und forsch nicht, wie die Milch kommt her!

7.) Du musst von Gott nichts Arges denken,
Er ist ganz Liebe, Güt und Treu,
Er hat nicht Lust, dass wir uns kränken
Durch Schwermut und ihm bleiben scheu.
Denk, Gott will in dein Herz hinein,
Drum muss es weit und offen sein!

8.) Gott ist ein wonnesames Wesen,
Ganz freundlich, stille, sanft und froh.
Soll deine Krankheit recht genesen,
So muss dein Grund auch werde so.
Ei, diene Gott mit Freuden doch,
Zeig, dass sein Dienst ein sanftes Joch!

9.) Mit vielem Forschen durchzudringen,
Bringt größern Schaden, als man glaubt,
Gott lässt sich mit Gewalt nicht zwingen,
Brich deinen Willen, nicht das Haupt.
Erwart nur in gelassnem Grund
Der ew’gen Weisheit Zeit und Stund!

10.) Viel besser ist ein Handgeschäfte,
Als traurig sein beim Müßiggang.
Erquicke dann und wann die Kräfte
Durch einen guten Lobgesang,
Vergiss dein Elend und dich freu
In Gottes Herrlichkeit und Treu!

11.) Nimm auf dies Kreuz und alle Leiden
Und trag es Jesu willig nach!
Es folgen wesentliche Freuden
Nach langem, bangem O und Ach.
Der Glaube muss durch Proben gehn
Und glauben lernen ohne Sehn.

12.) Wohl dem, der ganz in Gott kann sterben
Der Kreatur und Eigenheit!
Der wird ein göttlichs Leben erben,
Von Kummer, Angst und Weh befreit.
Es kann fürwahr nur dieser Tod
Zerbrechen deine Zentnernot.

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