Gott der Tage, Gott der Nächte,
Meine Seele harret dein,
Lehnet sich an deine Rechte:
Nie kannst du mir ferne sein,
Vater, nie dein Kind verlassen,
Immer kann ich dich umfassen,
Deine weise Güt und Macht
Leitet mich bei Tag und Nacht.
Kann mein Aug den Schlaf nicht finden,
Ruhet meine Seele nicht,
Schweben meiner Jugend Sünden
Mir vorm müden Angesicht;
Fehler jüngst entwichner Tage,
Werden sie mir Last und Plage;
Jeder dir entzogne Blick,
Fällt er auf mein Herz zurück:
Vater, dann umfass ich wieder,
Küsse kindlich deine Hand;
Milde blickst du auf mich nieder,
Du, den, wer dich suchte, fand.
O, in stiller Nächte Stunden
Hat dich manches Herz gefunden,
Das bei Tage von dir lief,
Einsam wieder nach dir rief.
Vater aller Menschenkinder,
Hüter deiner ganzen Welt,
Dulder auch der frechsten Sünder,
Der die Schwachen führt und hält,
Täglich Gutes zeigt und gibet,
Immer segnet, alle liebet,
Alle fliehet, leitet, kennt,
Allen alles Gute gönnt!
Vater, still an dich zu denken,
D, wie das das Herz erfreut!
Geist und Herz in dich zu senken,
Höchste Menschenseligkeit!
Dich empfinden, dich genießen,
Oder unaussprechlich süßen,
Unaussprechlich nahen Lust!
Unerkannt in jeder Brust!
Gottes Nähe, Gottes Nähe,
Quell der stillsten Wonne mir!
Wie, wenn dich mein Auge sähe,
Eilt die Seele hin zu dir,
Gott, der Tag und Nächte sendet,
Freuden ausströmt, Unglück wendet,
Vater, der bei Tag und Nacht
Über Wurm und Engel wacht!
Vater, dir aus deinem vollen
Herzen quillet Kraft und Geist!
Vater, der die Sonnen rollen,
Sanft den Mond uns leuchten heißt!
Vater, dem von tausend Zungen
Tag und Nacht wird Preis gesungen,
Vater, der bei Tag beglückt,
Leidende des Nachts erquickt!
Vater, viele Brüder weinen,
Viele Schwestern schmachten nun,
Aber du verlässest keinen,
Heißest wachen, heißest ruhn,
Trocknest unzählbare Tränen,
Weckest und erfüllst das Sehnen
Unzählbarer Leidenden,
Die um Ruh und Lindrung flehn.
Vater, sende Mut den Schwachen,
Licht in jedes dunkle Herz;
Allen, die beklommen wachen,
Mildere den heißen Schmerz!
Lass die Witwen und die Waisen,
Vater, deine Liebe preisen;
Gönne Kranken sanfte Ruh,
Sterbenden sei Tröstung du!
O du treuer Menschenhüter,
Nacht ist vor dir wie der Tag;
Allgewaltiger Gebieter,
Du verwandelst Schmerz und Plag
Unversehns in Dank und Freuden;
Lass, dass alle, die jetzt leiden
Unerlöst, erlöst aus Pein,
Deiner Vaterhuld sich freun!
Vater! dieser Nam erweitert
Jede Brust, voll Angst und Schmerz.
Wie der Mond die Nacht erheitert,
Blickst du Ruh in jedes Herz,
Das nach deiner Tröstung weinet,
Eh die Sonne wieder scheinet.
O, wie oft verwandelst du
Heißen Schmerz in süße Ruh!
Jesu Christe, manche Nächte
Hast du für uns durchgewacht,
Hast dem menschlichen Geschlechte
Ruhestunden viel erwacht!
Immer Tröster der Betrübten,
Gönnst du Schlummer den Geliebten,
Weichst von ihnen – schlafen sie,
Oder wachen – weichest nie!