Unbekannt – Ich ruf‘ zu dir, Herr Jesu Christ!

Ich ruf‘ zu dir, Herr Jesu Christ!
Ich bitt‘, erhör‘ mein Klagen,
Verleih‘ mir Gnad‘ zu dieser Frist,
Laß mich doch nicht verzagen!
Den rechten Weg, o Herr, ich mein‘;
Den wolltest du mir geben,
Dir zu leben,
Mei’m Nächsten nütz‘ seyn,
Dein Wort zu halten eben.

Ich bitt‘ noch mehr, o Herre Gott;
Du kannst es mir wohl geben:
Daß ich nicht wieder werd‘ zu Spott!
Die Hoffnung gieb daneben,
Voraus wenn ich muß hie davon.
Daß ich dir mög‘ vertrauen,
Und nicht bauen
Auf alles mein Thun;
Sonst würd’s mich ewig reuen.

Verleih‘, daß ich aus Herzengrund
Mein’n Feinden mög‘ vergeben!
Verzeih‘ mir auch zu dieser Stund‘,
Schaff‘ mir ein neues Leben!
Dein Wort mein‘ Speis‘ laß allweg‘ seyn,
Damit mein‘ Seel zu nähren,
Mich zu wehren,
Wenn Unglück geht her,
Das mich bald mögt‘ verkehren.

Laß mich kein‘ Lust noch Furcht von dir
In dieser Welt abwenden;
Beständig seyn in’s End‘, gieb mir;
Du hast’s allein in Händen!
Und wem du’s giebst, der hat’s umsonst;
Es mag niemand erwerben
Noch ererben
Durch Werke dein‘ Gnad‘,
Die uns errett’t vom Sterben.

Ich lieg‘ im Streit und widerstreb‘;
Hilf, o Herr Christ, dem Schwachen!
An deiner Gnad‘ allein ich kleb‘;
Du kannst mich stärker machen.
Kommt nu Anfechtung her, so wehr,
Daß sie mich nicht umstoße!
Du kannst’s maßen,
Daß mir’s nicht bringt G’fahr!
Ich weiß, du wirst’s nicht lassen.

E. S. – Dies Irae

Tag des Zorns, der, zu vergelten,
Brennen wird zu Staub die Welten,
Wie Sibyll‘ und David melden.

Welches Zittern, Zagen, Weinen,
Wenn der Richter wird erscheinen,
Prüft das Mark in den Gebeinen.

Die Posaun‘ im Schreckenstone
Schallt durch Gräber jeder Zone,
Treibet Alle zu dem Throne.

Tod und Schöpfung staunend sehen
Alles aus den Gräbern gehen,
Um dem Richter Red‘ zu stehen!

Dieser wird das Buch entfalten,
Das zum Urtheil wird enthalten
Alles Thun und alles Walten.

Setzt der Richter sich zu richten,
Wird er das Verborgne lichten,
Alles, Alles strenge schlichten.

Was kann dann ich Armer sagen?
Wen um Schutz zu bitten wagen,
Wo Gerechte selbst verzagen?

König, furchtbar und erhaben!
Frei verschenkst du deine Gaben,
Lass daran auch mich Theil haben!

Güt’ger Jesus, deinen Erben,
Dem du wolltest leben, sterben,
Lass am Ende nicht verderben.

Mich zu suchen wollt’st du leben,
Dich für mich dem Tod hingeben,
Lass nicht fruchtlos sein dies Streben!

Drum so lass für meine Sünden,
Richter, deine Gnad‘ mich finden,
Eh‘ dein Zorn sich wird entzünden!

Schwer bin ich mit Schuld befangen,
Scham bedecket meine Wangen,
Gott, lass Gnade mich erlangen!

Du hast jenem Weib verziehen,
Hast dem Mörder Heil verliehen,
Lässt auch mir noch Hoffnung blühen.

Zwar auf mich darf ich nicht bauen,
Deiner Huld jedoch vertrauen,
Rett‘ mich vor der Hölle Grauen!

Fern von Böcken, fern von Schlechten,
Zu den Schafen, den Gerechten,
Stelle mich zu deiner Rechten!

Hast du, die im Fluche blieben,
Schambedeckt zur Höll‘ getrieben,
Rufe mich zu deinen Lieben!

Reuzerknirschten Herzens wende
Ich zu dir gefalt’ne Hände:
Nimm dich meiner an am Ende!

Trauertag voll Angst und Wehen,
So wir aus dem Staub erstehen,
Schuldbewusst den Richter sehen!

Jesus, lass nur Gnade gelten;
Führe Alle, Herr der Welten,
Ein zu deinen ew’gen Zelten!

Palmblätter, Würzburg, 1826

unbekannter Verfasser (1823) – Dies Irae

Der Vergeltung Tag, der schwere,
Tilgt die Welt im Flammenmeere,
Laut der heil’gen Seher Lehre.

Welch‘ Entsetzen wird da walten,
Kommt der Richter, Recht zu halten,
und ob Allem streng zu schalten!

Die Posaune hehr, mit Klängen,
So des Erdballs Grüfte sprengen,
Wird zum Thron die Menschen drängen!

Tod dann und Natur erbeben,
Wann die Leichen sich erheben,
Rechenschaft dem Herrn zu geben.

Gottes Schrift, im hellsten Lichte
Zeigend aller Zeit Geschichte,
Rollt sich auf zum Weltgerichte.

Da, vom Throne, Recht zu sprechen,
Wird der Richter die Verbrechen
All‘ enthüllen, Alle rächen.

Ach, was werd‘ ich Armer sagen?
Zum Vertreter wen erfragen,
Wo Gerechte selbst noch zagen?

Herr des Weltalls! furchtbar Hehrer!
Freien Gnadenheils Bescheerer!
Rette mich, du Huldgewährer!

Gnad‘ ist, Jesu, ja dein Wesen!
Kamst du doch, mich zu erlösen!
Lass mich jenes Tags genesen!

Mich erwarbst du, letzten Strebens,
Noch am Kreuz, am Ziel des Lebens,
Solch ein Preis sei nicht vergebens!

Rächer mit gerechter Waage,
Lass die Schuld, die schwer ich trage,
Gnädig nach vor jenem Tage!

Strafbar seufz‘ ich auf voll Bangen,
Scham durchglühet meine Wangen,
Mög‘ ich flehend Gnad‘ erlangen!

Dass der Sünd’rin du verziehen,
Und dem Schächer Heil verliehen,
Lässt auch mir noch Hoffnung blühen.

Nicht verdien‘ ich’s, doch zur Ehre
Deiner Huld, o Heiland, wehre,
Dass nicht ew’ge Glut mich zehre!

Dir zur Rechten lass mich kommen,
Fern der Frevler Rott‘ entnommen,
Gieb mir Raum bei deinen Frommen!

Sind dann Jene überwiesen,
In die Flammenpein verwiesen,
Rufe segnend mich mit Diesen!

Knieend, hochgestreckt die Hände,
Trau’rvoll bet‘ ich: Mittler, wende
Rettend dich zu meinem Ende!

unbekannter Verfasser (1821) – Dies Irae

Schreckenstag und Trauerstunde!
Da die Erd‘ im Feuerschlunde
Glühen wird nach Davids Munde.

Welches Zittern wird entstehen,
Wenn wir einst den Richter sehen,
Ungerührt von unserm Flehen!

Der Posaune Schall wird klingen,
Durch der Erde Gräber dringen,
Alle zum Gerichte zwingen.

Tod, Natur, ihr werdet beben,
Da, erweckt zum neuen Leben,
Rechenschaft der Mensch wird geben.

Gottes Buch wird aufgeschlagen,
Treu enthält es eingetragen
Jede That aus diesen Tagen.

Wenn der ernste Richter schlichtet,
Und der Herzen Dunkel lichtet,
Bleibt nichts Böses ungerichtet.

Was soll dann ich Sünder sagen,
Wenn auch die Gerechten zagen
Und den Richter kaum ertragen?

Herr, der du erhaben thronest,
Und aus Güte unser schonest,
Sieh‘ auf mich, wenn du belohnest!

Milder Jesus, denk‘ im Segen:
Ich war’s Ziel von deinen Wegen,
Viel war dir an mir gelegen.

Viel hast du für mich ertragen,
Bis man dich an’s Kreuz geschlagen,
Wirst du mir den Werth versagen?

Mit Versöhnungsblut besprenge,
Jesus, meiner Sünden Menge
Vor dem Tage deiner Strenge!

Röthe färbt des Schuld’gen Wangen,
Das Gewissen quält mich Bangen,
Lass, ach lass mich Gnad‘ erlangen!

Marien hast du entsündet,
Selbst dem Mörder Heil verkündet,
Und mein Hoffen fest begründet.

Doch was nützen meine Zähren?
Du nur kannst der Hölle wehren,
Dass mich Himmelsfreuden nähren.

Lass mich zu den Schafen gehen,
Nicht bei Böcken trostlos flehen,
Sondern dir zur Rechten stehen.

Wenn verflucht die Sünder fliehen,
Und zu ihrer Strafe ziehen,
Dann sprich: Dir ist Heil verliehen!

Meine Sünden sind mir leide,
Schmerz durchwühlt mein Eingeweide,
Schon, wenn ich von hinnen scheide!

Schreckenstag, an dem die Bangen
Aus der Gruft vor dich gelangen,
Nach Gebühre zu empfangen.

Dann verschone, Gott, verschone!
Jesus auf dem Richterthrone!
Dass im sel’gen Frieden wohne
Deine Christenschaar. Amen.

unbekannt – Ueber den Kirchhof gieng ich allein

Ueber den Kirchhof gieng ich allein,
Zu meines Liebchens Kämmerlein,
Und als ich wollt von dannen gehn,
Da hielt es mich, ich mußt da stehn.

Ein Seel stand traurig an eim Grab,
Und schrie mit heller Stimm hinab:
»Steh auf mein Leib, verantwort dich,
Dann ich bin hier, beschuldge dich.«

Da hebet sich des Grabes Stein,
Und geht hervor ein weiß Gebein,
Der Leib steht auf gar bald und schnell,
Und geht dahin, spricht zu der Seel:

»Wer ist daraus, der mein begehrt,
Der mich da rufet aus der Erd,
Bist du es Seele, die vor Jahren
Aus meinem Leibe ist gefahren?«

Die Seel sprach: »Hab ich beten wöllen,
Da pflegtest du dich krank zu stellen,
Wenn ich anfieng das Abendgebet,
Da hast du dich gleich schlafen gelegt.«

Der Leib sprach: »Ach ich schien nur faul,
Und gähnte, macht ein schiefes Maul,
Und war zum niederknien verdrossen,
Denn ich hatt einen Bettgenossen.«

»Ach weh! Ach weh, antwort die Seel,
Daß ich gewesen dein Gesell,
Wovon die Ursach du allein
Darum leid ich die Höllenpein.

Im Thal Josaphat am Jüngsten Tag,
Da will ich führen grosse Klag,
Alsdann wird angehn auch dein Leid,
Du wirst brennen in Ewigkeit.«

Da sprach der Leib: »Du seyst verklagt,
Du warst die Frau, und ich die Magd,
Du trägst mit mir die Sündenlast,
Weil du mich bös geführet hast.«

Die Seel wollt da noch widersprechen,
Da thät der Morgenstern anbrechen,
Sankt Petrus Vogel thät auch krähen,
Da waren beid nicht mehr zu sehn.

Ich aber schrieb dies Liedelein,
Und steckts an Liebchens Fensterlein,
»Ich war mit Leib und Seel zu Gast,
‚S ist mir leid, wenn du auf mich gewartet hast.«

unbekannt – Dein holder König kommt zu Dir

Dein holder König kommt zu Dir;
O Zion freue dich!
Sein Herz entbrennt in Lieb’sbegier;
Umfass‘ Ihn inniglich!

2. Er kehrt bei dir als Heiland ein
Mit seinem Hab‘ und Gut;
Er selbst und was Er hat, ist dein,
Sein Leib, sein Fleisch und Blut.

3. Er ist dein Hirte, Brod und Quell,
Dein Schmuck und Ehrenkleid;
In Freud‘ und Leiden dein Gesell,
Ja, deine Herrlichkeit.

4. Lab‘ dich an seinem Bruderherz
Vertraut und brüderlich;
Er kennt und fühlet deinen Schmerz,
Gewiß, Er liebet dich!

5. Er macht dich heilig durch sein Blut,
Von Sünden rein und los;
Er setzt dich in das höchste Gut
In seines Vaters Schoß.

6. Ach, hör aus seinem süßen Mund,
Wie dich der Vater liebt!
Wie Er aus eben diesem Grund
Dir seinen Liebling gibt!

7. Sprich: König, komm! besitze mich,
Beherrsche Leib und Seel.
Und nimm mich ewig Hin in Dich,
mein Immanuel!

unbekannt – Geist vom Vater und vom Sohn

Geist vom Vater und vom Sohn,
Weihe Dir mein Herz zum Thron!
Schenke Dich mir immerdar,
So wie einst der Jünger Schar!

2. Geist der Wahrheit, leite mich!
Eigne Leitung täuschet sich,
Da sie leicht des Wegs verfehlt,
und den Schein für Wahrheit wählt.

3. Geist des Lichtes! mehr in mir
Meinen Glauben für und für,
Der mich Christo einverleibt,
Und durch liebe Früchte treibt.

4. Geist der Andacht, schenke mir
Salbung, Inbrunst, Feu’r von Dir!
Laß mein Bitten innig, rein
Und vor Gott erhörlich sein.

5. Geist der liebe, Kraft und Zucht!
Wenn mich Welt und Fleisch versucht,
O dann unterstütze mich!
Daß ich ringe; rette mich!

6. Geist der Heiligung verklär‘
Jesum in mir mehr und mehr,
Und erquicke innerlich
Durch den Frieden Gottes mich!

7. Geist der Hoffnung, führe Du
Mich dem Himmels-Erbe zu!
Laß mein Herz sich Deiner freun,
Und in Hoffnung selig sein!

unbekannt – Du sahst auch mich in Christo an

Du sahst auch mich in Christo an,
Hold, wie ein Vater blicket,
Und hast mit Heil mich angethan,
Gleich einer Braut geschmücket,
Mit Deinem Sohne mich vermählt,
Und Deinen Kindern zugezählt,
Daß ich darf „Vater“ rufen!

2 O Gott, wie lob‘ und preis ich Dich
Für solche hohe Gnade!
Nun liebest und erhöhst Du mich
Im allerhöchsten Grade;
Denn, was kann wohl an Glanz und Schein
Noch herrlicher, noch schöner sein,
Als Gottes Kind zu werden?

3. Wenn mir was fehlt, so sag‘ ich’s Dir,
Dann kann mir nichts mehr fehlen;
Wenn mich was trifft, so hilfst Du mir,
Ich brauch‘ mich nicht zu quälen.
Bin ich Dein Kind, o süßes Wort!
So bin ich auch mit Christo dort
Ein Erbe Deines Reiches.

unbekannt – O Heilige Dreieinigkeit!

O Heilige Dreieinigkeit!
Wer kann Dich doch ergründen?
Du unzertrennte Einigkeit,
Vernunft kann Dich nicht finden!
Die Engel decken ihr Gesicht;
Wie sollte sich mein dunkles Licht
Zu schau’n Dich unterwinden?

2. O süßer Trost! o Gnadenzeit!
mich nun verdammen?
Mich schützt ja die Dreieinigkeit
Mit ew’gen Liebesflammen!
Der Vater, Sohn und Heilige Geist,
Ein Gott, der Gnade mir erweis’t,
Ist in dem Sohn beisammen.

3. Des Vaters Liebe steh‘ mir bei,
Und allzeit mich behüte;
Des Sohns und Heil’gen Geistes Treu‘
Erquicke mein Gemüthe,
Bis ich dort mit der Engel Schar,
Dreiein’ger Gott, Dir immerdar
Lobsing‘ für Deine Güte!

unbekannt – Meine Zukunft ist die Liebe

Meine Zukunft ist die Liebe,
Die für mich in’s Elend kam,
Und aus ewig-treuem Triebe
Schuld und Strafen übernahm,
Die den Tod für mich geschmecket,
Die der Höll‘ ein Schrecken ward,
Die sich nach mir ausgestrecket,
Die verschonend mein geharrt.

2. Meine Zuflucht ist die Liebe,
Die mich endlich zu sich zog,
Und durch ihre Allmachtstriebe
Meinen Jammer überwog;
Die mich gnädig überwunden,
Mich der falschen Lust entrückt,
Mich an’s sanfte Joch gebunden,
Und mich an ihr Herz gedrückt.

3. Meine Zuflucht ist die Liebe,
Die mich hebet, die mich trägt,
Die die allerzartsten Triebe,
Um mich zu vollenden, hegt,
Die mich Tag und Nacht bewachet,
Die ohn‘ End‘ an meiner Statt
Sorget, wirket, Alles machet,
Und mein Heil vor Augen hat!

4. Meine Zuflucht ist die Liebe,
Die der Trübsal Schmerzen stillt,
Die vom Reichthum ihrer Triebe
Mich mit süßem Trost erfüllt,
Die das Leiden dieser Zeiten
Auf’s Vollkommenste besiegt,
Und durch reine Seligkeiten
Unvergleichlich überwiegt.

5. Meine Zuflucht ist die Liebe,
Die in Noth und Tod besteht,
Die mit unumschränktem Triebe
Auf die Ewigkeiten geht,
Die mich bis zum Throne bringet,
Die mein freigemachter Mund
Dann mit ew’gem Dank besinget.
Jesu, denk an deinen Bund!