Elisa von der Recke – Morgenlied eines Kranken.

Nach einer schmerzensvollen Nacht
Seh‘ ich den Morgen wieder.
Dein Auge, Gott, hat mich bewacht;
Dich preisen meine Lieder:
In großer Angst verliehst du mir
Nicht Trost allein, ich danke dir,
Mein Gott! auch Seelenstärke.

So trag‘ ich gern der Krankheit Schmerz
Und jedes meiner Leiden:
Zu dir erhebe sich mein Herz,
Du Geber wahrer Freuden!
Durch Leiden zogst du mich zu dir,
Und nun, mein Vater, bist du mir
Ein Fels, auf den ich baue.

Ich weiß, dass Gott mich nicht verlässt,
Wenn auch der Tod erscheinet,
Ihn hält mein Glaube dann noch fest,
Wenn alles um mich weinet;
Ich bin getrost, wenn, wer mich liebt,
Mein Sterbelager, tief betrübt,
Mit frommen Tränen badet.

Auch sie verlässt mein Vater nicht,
Er stärket ihre Herzen,
Gibt Trost und frohe Zuversicht,
Und mildert ihre Schmerzen;
Ja, dir empfehl ich sie, o Herr!
Sei du ihr Schutz, Allgütiger;
Dann sind sie wohl versorget.

Doch sollten meiner Tage viel
Auf dieser Erden werden,
Wär‘ ich noch fern von meinem Ziel,
Dem Ende der Beschwerden:
So gib mir, Schöpfer, deine Kraft,
Die mir auch Mut im Leiden schafft
Und in der Not mich stärket.

Elisa von der Recke – Zufriedenheit mit den Wegen der Vorsehung.

Was Gott für mich bestimmet hat
Nehm‘ ich mit Dank entgegen.
Ich weiß, sein ewig weiser Rat
Ist lauter Heil und Segen.
Wer ihm vertraut,
Fest auf ihn baut,
Hat Trost in Kümmernissen,
Wo Andre zagen müssen.

Drum zag‘ ich nie, auch bitt ich nicht
Um freudenvolles Leben;
Nur frohen Mut zu jeder Pflicht,
Den wolle Gott mir geben.
Und sinkt mein Herz,
Bei herbem Schmers,
Dann wird mein Gott mich stärken
Zu neuen guten Werken.

Auch bitt‘ ich nicht, Allliebender!
Um Güter dieser Erden;
An Tugend lass, o Gott mein Herr!
Mein Herz stets reicher werden.
Vertraun zu dir,
Dies gib du mir,
Und Kräfte deinen Willen
Mit Freuden zu erfüllen.

Kein langes Ziel erfleh ich mir:
Ein dir geweihtes Leben
Ist nur mein Wunsch, um mich zu dir
Dein würdig zu erheben!
Doch hat mein Ziel
Der Tage viel,
So schenk mir reiche Saaten
Zu dir geweihten Taten.

Und ist ein kranker Leib mein Teil,
Sind traurig meine Tage,
So gib Geduld, o. Gott, mein Heil,
Dass ich auch da noch sage:
Gott ziehet mich
Durch Kreuz zu sich,
Ihn preis‘ ich selbst für Leiden:
Sie sind der Weg zu Freuden.

Elisa von der Recke – Sterbelied.

Das Ziel von meinen Tagen
Ist mir vielleicht bald nah
Doch soll mein Geist nicht zagen,
Wär’s auch schon heute da.
Des Todes Bitterkeiten
Wie bald verfliegen die!
Und gegen Ewigkeiten
Voll Wonne, was sind sie?

Ja, guten frommen Seelen
Gewährt der Tod nur Glück!
Was, kann sie weiter quälen?
Sie schaun befreit zurück.
Der Erden Kümmernisse
Kennt jene Heimat nicht:
Und alle Finsternisse
Verwandeln sich in Licht.

Des Himmels Wonne lehret
Zwar Menschen Weisheit nie:
Kein Ohr hat es gehöret,
Kein Aug‘ erblickte sie.
Wir kommen zu dem Freunde,
Der unser Glück erwarb,
Zu ihm, der selbst für Feinde
Noch flehte da er starb.

Zu dem uns zu erheben
Ist dies nicht wahres Glück?
Drum wart‘ ich ohne Beben,
Tod, deinen Augenblick!
Wann Freunde trostlos weinen,
Dann tröste dies ihr Herz!
Der Tod wird uns vereinen
Und gibt uns Glück für Schmerz.

Elisa von der Recke – Von der Vorsorge Gottes.

Ehe ich noch war, da sorgtest du
Für mich und für mein Leben.
Gott! welch ein Trost, der Seele Ruh
Und Freudigkeit zu geben!
Du übersahst mein Schicksal, Herr!
Und wähltest das, Allliebender,
Was mir zum Besten diente.

Da wählte deine Huld für mich
Voll Weisheit meine Freuden.
Für sie preist meine Seele dich,
So wie für meine Leiden.
Auch die sind heilsam mir und gut:
Nur, Höchster! stärke meinen Mut
Sie standhaft zu ertragen.

Der Welten schuf und sie beglückt,
Der ists auf den ich baue,
Er ist, wenn mich ein Kummer drückt,
Der Helfer, dem ich traue.
Und scheint mir manches wunderbar:
Einst wird es mir doch offenbar,
Wie gut er mich geführet.

Recke, Elisabeth von der – Sterbelied.

Wie schnell verfließen sie, wie schnell
Die uns geliehnen Jahre!
Dem Frommen ist die Aussicht hell,
Er blicket seine Bahre,
Wie seinen Freund, so treulich an,
Ist froh in dieser Welt, froh, wann
Sein Gott hinaus ihn winket.

Die Jahre dieser Pilgerzeit
Sind uns zum Heil gegeben;
Wir sollen mit Zufriedenheit
Nach weiser Tugend streben;
Uns jeder Gabe Gottes freun,
Ihm unsre ganze Seele weihn,
Wie er die Menschen lieben.

Wenn wir sein göttliches Gebot
Gern zu befolgen eilen,
Wird er durch einen sanften Tod
Uns neues Glück erteilen;
Zu höhern Freuden gehen wir
Durchs Todestal, wenn wir schon hier
Die Tugend freudig übten.

Der Treubefundne jauchzt nun da,
Wo ewig Freude wohnet,
Und ist des Frommen Stunde nah,
Die sein Vertraun belohnet;
Die zu der kalten Todesgruft –
Nein! – zu dem bessern Leben ruft,
Wie froh kann er entschlummern!

Ja, dieser Stunde harr auch ich
Mit hoffnungsvoller Seele;
Sie führt zu einer Wonne mich,
Von der sich meine Seele
Nur schwach das Glück hier denken kann,
Das meiner wartet, und mir dann
Ein ewig Erbteil bleibet.

Recke, Elisabeth von der – Abendlied

Erloschen ist der Sonne Pracht!
Geschmückt durch Sternenheere
Erscheint in ihrem Glanz die Nacht,
Und predigt Gottes Ehre.
Sie predigt seine Herrlichkeit,
Des Herrschers über Welt und Zeit,
Durch den wir sind und leben.

So groß er ist, so klein ich bin!
Schon sinken meine Glieder:
Mein Auge sinkt in Schlummer hin,
und sie aufs Lager nieder.
Da lieg ich fühllos: Aber du
Wachst, Vater, über meine Ruh,
Dass mich kein Unfall treffe!

Indes lass meinen Geist zu dir
Auch noch im Schlafe wachen,
Mich von dir träumen, und so mir
Durch dich ihn heilig machen.
Entschlummre ich in die Todesnacht,
So führe mich durch deine Macht,
Zur Schar der selgen Geister!

Recke, Elisabeth von der – Morgenlied.

Zu dieses Lebens Sorgen,
Der neuen Tagespflicht,
Weckt mich der junge Morgen;
Allein ich zage nicht.
des guten Vaters Treu,
Die mich im Schlaf bedeckte,
Dass mich kein Unfall weckte,
Erwacht mit ihm aufs neu.

Preis dir, du Gott der Gnade!
O leite mich, dein Kind,
Auch heut auf solche Pfade,
Die dir gefällig sind!
Gib mir Gelegenheit
Viel Gutes auszurichten,
Und zu den schwersten Pflichten
Lust, Mut und Tätigkeit!

Willst du mir Leiden schicken,
So lindre meinen Schmerz!
Soll mich ein Gut beglücken,
Gib mir ein dankbar Herz!
Soll meine Lebenszeit
Kurz oder lange währen;
Stets sei es dir zu Ehren
Und mir zur Seligkeit.

Recke, Elisabeth von der – Trostlied

Ich hoff auf Gott mit festem Mut
Er wird mir Hülfe geben.
Wie Gott mich führt, so ist es gut,
Sein ist mein ganzes Leben.
Schickt er mir Leidensstunden zu,
So schafft er mir auch Trost und Ruh
Und hilft mir überwinden.

Zwar wird es meiner Seele schwer
Wenn Leiden mich ergreifen.
Oft ist mein Herz am Troste leer,
Wenn sie zu stark sich häufen.
Doch seufz‘ ich Gott zu dir hinauf,
Dann richtest du mich wieder auf
Du Tröster meiner Seele!

Verlassen hab ich mich auf dich
Seit frühsten Jugendtagen;
Du treuster Gott, wirst ferner mich
Auf Vater-Armen tragen.
Ich hoff auf Gott, auf Gott allein!
Dies soll mein Trost und Labsal sein
Im Leiden und im Sterben.

Recke, Elisabeth von der – Am Geburtstag

Durch dein allmächtig Werde
Ward, Gott, dies Leben mein!
Wie Himmel, Sonn‘ und Erde
Riefst du auch mich ins Sein.
Und einst als ich, erblickte
Dies schöne Tageslicht,
Mit wie viel Segen schmückte
Mich Deine Güte nicht!

Was in dem Pilgerleben
Zu meinem Glücke nützt
Hast du mir da gegeben,
Und gibst es mir noch izt1jetzt.
Du gabst mir viele Freuden
Und manchen treuen Freund,
Und schicktest du mir Leiden
So war mein Glück gemeint.

Du gabst von deinem Willen
Genug Erkenntnis mir,
Und gern ihn zu erfüllen
Auch Wollen und Begier.
Lief ich Gefahr zu gleiten,
Irrt ich in meinem Lauf
So warst du mir zur Seiten
Und halfst mir wieder auf.

O, Schöpfer meiner Tage,
Stärk in der Tugend mich!
Und wenn ichs einsam klage,
Dann zeig als Vater dich,
Der auch auf stille Tränen
Mit weiser Güte blickt,
Und der nach diesen Tränen
Doch wieder mich beglückt!

Und ist in diesem Leben
Sein glücklich Los mein Teil,
Willst du mir Leiden geben,
So gib auch Mut, mein Heil!
Doch sollen frohe Tage
Für mich auf Erden sein,
So hilf mir in die Lage
Auch Andre zu erfreun!

Recke, Elisa von der – Die Huld Christi gegen den gefallenen Petrus

Mitten unter deinen Schmerzen
Sieht dein holder Blick herab,
Auf den Freund, der deinem Herzen,
Jesu, neues Leiden gab.
Da noch zeigt sich dein Gemüte
Reich an göttlich großer Güte;
Es vergisst den eignen Schmerz,
für den Freund sorgt nur dein Herz.

Ihn vom Falle zu erheben
Blickst du ihn voll Mitleid an.
Dein Blick sagt: „Es ist vergeben,
Sei an Mut und Treu ein Mann,
Und zu deines Meisters Ehre
Gib durch deinen Fall die Lehre
Dass auch selbst der Starke irrt,
Wenn er zu vermessen wird.“

O was fühlt dein Freund für Leiden
Bei dem liebevollen Blick!
Sonst erfüllt er ihn mit Freuden,
Doch nun lässt er Schmerz zurück;
Jammert, dass er ihn beleidigt,
Dessen Huld ihn selbst verteidigt,
Dem er treu zu sein verhieß,
Wenn ihn alle Welt verließ.

Tränen bittrer Reue fließen
Nun von seinem Angesicht:
Und sie schämt sich zu vergießen
Der gerührte Jünger nicht.
Er enteilet dem Getümmel,
Flehet brünstig zu dem Himmel,
Dass Gott ihm die Schuld verzeih,
Und im Schwachen mächtig sei!

Deinem Freunde bin ich ähnlich,
Ach erbarm auch meiner dich!
Sieh‘, ich fleh zu dir so sehnliche,
Stärke, leite, bessre mich!
Stets auf deinem Pfad zu wandeln,
Liebevoll wie du zu handeln,
Bis im Tod dir treu zu sein,
Dies sei meine Lust allein!