Zinzendorf, Nikolaus von – Bei einer großen Gefahr.

Der Glaube bricht durch Stahl und Stein,
Und kann die Allmacht fassen;
Er wirket Alles und allein,
Wenn wir Ihn walten lassen.
Wenn Einer Nichts als glauben kann,
So kann er Alles machen;
Der Erden Kräfte sieht er an
Als ganz geringe Sachen.

Gelobet sei die Tapferkeit
Der Streiter unsers Fürsten;
Verlacht sei die Verwegenheit,
Nach ihrem Blut zu dürsten!
Wie gut und sicher dient sich’s nicht
Dem ewigen Monarchen!
Im Feuer ist Er Zuversicht,
Fürs Wasser baut Er Archen.

Und wenn die treuen Zeugen seh’n,
Worauf sie’s Leben wagen,
So mögen sie nicht widersteh’n,
Und lassen sich erschlagen.
Sie wollen der Erlösung nicht,
Die sie vor’m Leiden birget;
Um jener Auferstehung Licht
Ward Mancher gern erwürget.

Die Zeugen Jesu waren ja
Vordem auch Glaubenshelden,
Die man in Pelzen wandeln sah,
Verhungern in den Wälden;
Und Des die Welt nicht würdig war,
Der ist im Elend gangen;
Den Fürsten über Gottes Schar
Hat man ans Holz gehangen. (Ebr. 4,37.)

Wir wollen unter Gottes Schutz,
Den Satan zu vertreiben,
Und seinem Hohngeschrei zum Trutz
Mit unsern Vätern gläuben;
Und sollen wir nach Rosenart
Auch unter Dornen weiden,
Wie’s Jesu einst beschieden ward,
So wollen wir dann leiden!

Zinzendorf, Nikolaus von – Des Heilandes Treue.

Liebe, die in fremde Not
Sich selbst hineingestürzt,
Und die damit dem ew’gen Tod
Den Stachel abgekürzt!

Wir sehen Deine Herrlichkeit
Im Tal der Demut blüh’n,
Und uns durch Dein empfindlich Leid
Aus allem Leiden zieh’n.

Dass Du nun unser Bürge bist,
Das heißt man wohlgetan,
Und nimmt den Menschen Jesum Christ
Zum Sündentilger an.

Allein wie Wenige wird man seh’n,
Die darauf gehen ein,
Dass Niemand kann ins Leben geh’n,
Als durch des Kreuzes Pein!

So gib denn Deinem Wort vom Kreuz
In unsern Seelen Kraft,
Bis es dieselben allerseits
Mit hin zum Kreuze rafft!

Denn Das ist einmal ganz gewiss:
Du bist zu gleicher Zeit
Ein Gegengift fürs Todes Biss,
Und eig’ne Heiligkeit.

Drum, der Du einst gekommen bist,
In Knechtsgestalt zu geh’n,
Des Weise nie gewesen ist,
Sich selber zu erhöh’n:

Komm! winke unsrer stolzen Art
Ins edle Nichts hinein,
Darin sich erstlich offenbart,
Dass wir Gott Etwas sei’n!

Der Du noch in der letzten Nacht,
Eh‘ Du für uns erblasst,
Den Deinen von der Liebe Macht
So schön gepredigt hast:

Erinn’re Deine kleine Schar,
Die sich so leicht entzweit,
Dass Deine letzte Sorge war
Der Glieder Einigkeit!

Du opferst Deine Jünger noch
Dem Vater im Gebet.
O würden unsre Sinnen doch
Oft im Gebet erhöht!

Der Du um unsre Seligkeit
Mit blut’gem Schweiße rangst,
Und durch der Tränen bangen Streit
Des Satans Macht verdrangst:

Erschütt’re doch den trägen Sinn,
Der nichts von Arbeit weiß,
Und reiß ihn aus der Trägheit hin
Zu Deinem Kampf und Schweiß.

Der Du Dich Deines Vaters Zorn
Zum Pfande eingetan,
Nimm uns, aus Deinem Geist gebor’n,
Zum Gegenpfande an.

War zu der Herrlichkeit die Schmach
Dein ordentlicher Weg:
So geht Dir Deine Herde nach
Auch nur auf diesem Steg.

Gekreuzigter, den Seine Lieb‘
Bis in den Tod geführt,
Ach! würd‘ auch unser Liebestrieb
Zum Tode treu verspürt!

Drum leit‘ auf Deiner Leidensbahn
Uns selber an der Hand,
Weil dort nur mitregieren kann,
Wer hier mitüberwand!

Zinzendorf, Nikolaus von – Um den Sieg Christi auf Erden.

Erschienen ist der herrlich‘ Tag,
Dran sich Niemand g’nug freuen mag,
Weil unser König triumphiert,
Und Sein Volk aus der Sünde führt.

Ach, wär‘ ein jeder Puls ein Dank,
Und jeder Odem ein Gesang!
So rufet vor Immanuel
Nun die erlöste, arme Seel‘.

Seitdem das Feu’r von Jesu Christ
Auf Erden angezündet ist,
Wird Alles mit Gerechtigkeit
Als wie mit Funken überstreut.

Man sehe hin, man sehe her:
Was sieht man, das nicht Seine wär‘?
Wo ist ein Herz vom Menschenstand,
An das er nicht Sein Blut gewandt?

Red’t man mit einem armen Mohr,
So sagt man ihm vom Blute vor,
Und vom Verdienste Jesu Christ,
Und dass sein Herz kein Sklave ist.

Da gibt er gern die Glieder her
Zu Seinem Dienst, zu Gottes Ehr‘,
und danket dem HErrn Jesu Christ,
Dass seine Seel‘ in Freiheit ist.

Hört irgendwo ein Hottentott‘
Von unserm kreuzerhöhten Gott:
So wird sein Herze gleich erweicht,
Dem sonsten Nichts beweglich deucht.

Das wildeste, das kältste Land,
Das setzet dieses Blut in Brand;
Manch Herz, verschlossen, tot und stumm,
Begreift das Evangelium.

Und wär‘ ein Herz so hart als Stein:
Lässt’s nur die sel’ge Botschaft ein,
So fühlt’s die Kraft von Jesu Blut,
Und achtet’s für sein höchstes Gut.

Ein Herz, das seinen Heiland kennt,
Das Er hinwieder Seine nennt,
Und das der heil’ge Geist regiert,
Das Er als Vormund lenkt und führt:

Das wird von aller Engel Macht
Mit Herzenskräften überwacht;
Die Gnade ist sein Liebsgefühl,
Und Christi Blut sein Freudenspiel.

Wir wollen Nichts in dieser Welt,
Als Christi teures Lösegeld;
Wir haben auch für Nichts sonst Platz,
Als nur für diesen heil’gen Schatz!

Das ist ein unbegreiflich Ding!
Wenn’s nur an Menschenworten hing‘
Und käm‘ auf unsern Ausdruck an,
So wär‘ es wohl bald abgetan.

Allein so lang‘ wir irdisch sind,
Sind wir für Gottes Tiefen blind,
Und glauben: am kristall’nen Meer
Singt dieses das verklärte Heer.

Drum führt uns Jesus an der Hand,
Und schont der Schwachen Unverstand;
Fehlt’s auch an Worten ganz und gar:
Dem Glauben wird dies Wunder klar!

Wenn wir auf’s Herz des Heilands seh’n,
So kann uns gar nicht mehr gescheh’n,
Was Andern zu begegnen pflegt,
In welchen eigne Kraft sich regt.

Die Engel rufen überall
Mit einem donnerlauten Schall:
„Ihr Plagen, schlaget ringsum zu!
Die Lämmer Christi lasst in Nuh!“

Gelobet seist Du, Jesu Christ,
Dass Du ein Mensch geboren bist!
Wir schreiben unsre sel‘ge Ruh‘
Alleine Deiner Menschheit zu.

Wir sind ein Punkt in Deinem Reich;
Die Millionen allzugleich,
Sie stehen um Dich hergedrängt,
Ein Tropfen, der am Eimer hängt.

So warst Du, große Majestät,
Eh‘ Dich der Vater noch erhöht
Zu dieser neuen Herrlichkeit,
Die Dir Dein Martertum bereit’t.

Jetzt nimmst Du auf des Vaters Thron
Allmählig hin den Schmerzenslohn,
Den Dir Dein Blut verdienet hat;
Der Menschen Heil nur macht Dich satt.

Wer wäre nicht mit ganzer Macht
Auf Deine Sättigung bedacht?
Wer wollt in unserer Gemein‘
Nicht selbst nach Seelen durstig sein?

Wem ist sein Leben noch zu lieb,
Dass er mit Ruh‘ zu Hause blieb‘,
Wenn, selbst mit Kummer und Beschwer,
Nur ein Herz zu gewinnen wär‘.

Ein kleiner Anfang ist gemacht,
Der Erdkreis ist noch voller Nacht;
Ach, brich hervor zu unsrer Zeit,
Du Sonne der Gerechtigkeit!

O spannt den Zeugenwagen an,
Und lauft die vorgesteckte Bahn
So voller Freuden, als ein Held,
Durch die mit Blut geweihte Welt!

Das Feuer aus der Ewigkeit,
Des Lammes blutbesprengtes Kleid,
Und Sein liebreicher Segensblick,
Die machen euer Zeugenglück.

Nur legt den Grund zur Gotteskraft
In einer wahren Sünderschaft
Und ganzer Übergebenheit,
Weil ihr selbst unvermögend seid!

So geh’n wir unsern Pilgergang,
Bei Müh‘ und Schmach und Lobgesang,
Und helfen Ihm im Jammertal
Vermehren Seiner Kinder Zahl.

Zinzendorf, Nikolaus von – Bitte um die Nähe Jesu.

Ach, das Nichtseh’n und Gläuben,
Das kann ich gut beschreiben;
Die Seligkeit erfahre
Ich schon bald fünfzig Jahre.

Doch, wie dem sei, ich finde:
Wenn ich mein Glück verstände,
Müsst ich so nah Ihm gehen,
Dass ich fast könnte sehen.

Er wolle mein gedenken,
Dass Ihm mein stilles Kränken,
Um Seine nächste Nähe
Aufs Neu‘ zu Herzen gehe!

Ach, einem Thomasglücke (Joh. 20,27.)
Für ein paar Augenblicke,
Dem wollt ich zu Gefallen
Gern tausend Meilen wallen,

Mich zum Gerippe sehnen,
Und einen Bach von Tränen
Aus beiden Augen schütten,
Wenn Er sich ließ‘ erbitten!

Doch, lieber Gott, was wähl ich?
Mach‘ mich beim Glauben selig:
Willst Du die Augen binden,
Mein Herz kann blindlings finden!

Zinzendorf, Nikolaus von – Einer leidenden Schwester.

Ach, käme doch der schöne Tag,
Darauf wir Alle sehnlich hoffen,
Der Tag, an dem man jauchzen mag,
Das Ziel, das wir noch nicht getroffen!
Ach, käme doch die liebe Zeit,
Die uns vom Tode selbst befreit!

Wie lange geh’n und klagen wir!
Wie ängstlich müssen wir erwarten,
Wann uns der HErr gen Salem führ‘!
Durch mancherlei Versuchungsgarten,
Durch täglich aufgehäufte Pein
Geht unser Geist zur Heimat ein.

Geduld! Ich bin so sehr beklemmt,
Als Deine stille Seele stöhnet;
Ich werde äußerlich gedämmt,
Wenn sich Dein Geist von innen sehnet.
Die Krankheit ist Dir hinderlich,
Und alle Menschen hindern mich.

Geduld! Zu Nain war es gut:
Da kam ein Toter aus den Mauern;
Doch siehe, was das Leben tut!
Er konnte nicht im Tode dauern.
So schauerlich der Tod erscheint,
So litt ihn doch der Seelenfreund.

In Ihm ist Leben und der Tod
Gleich angenehm, gleich honigsüße;
In Ihm verschwindet beider Not,
und Seines Mundes holde Grüße
Sind wunderbare Lebensfrucht
Für jede Seele, die Ihn sucht.

Wohlan, o Schwester! dieser Tag,
Da wir der Auferstehung denken,
Da wir den Tod mit aller Plag‘
Auf ewig in den Abgrund senken,
Der müsse Dir ein Sonnenschein
Und Deines Herzens Labsal sein!

Zinzendorf, Nikolaus von – Des HErrn Himmelfahrt.

„Ihr, die ihr Christi Ehre seid,
Die ihr zum Volk des HErrn gehöret,
Und durch den Sohn den Vater ehret:
Was ist’s? was seid ihr so erfreut?“

Wir seh’n mit tiefem Wundern an
Den jauchzenden Triumph der Geister:
Sie bringen ihren Herrn und Meister!
„Wer ist’s?“ Es ist der Schmerzensmann!

Der Schmerzensmann, vom HErrn verwund’t,
Ja, Der, der unsre Last getragen,
Den unser Gott für uns geschlagen,
Das Lamm, das Opferlamm beim Bund.

Das Auge blickt noch überwärts,
Und Ehrfurcht hält es nicht zurücke,
Dass es beständig Ihm nachblicke:
Zu Boden, Leib und Seel‘ und Herz!

So viel man, aus sich selbst entrückt,
Denkt oder redet vor Erstaunen,
So viel sei Christi Siegsposaunen
„Glück zu dem König!“ nachgeschickt.

Kommt, tretet in die Harmonie,
Ihr muntern Feuerflammenwagen,
Die ihr den HErrn hinaufgetragen:
Tönt Jesu droben, wir tun’s hie!

Zinzendorf, Nikolaus von – Erwartung des HErrn.

Ach, Bein von meinen Beinen,
Du edles Angesicht!
Wie bald Du wirst erscheinen
Leibhaftig, weiß ich nicht,
So, wie die Elf einmal
Dich sah’n in ihrem Saal:
Indes komm und erscheine
Im Geist uns tausendmal!

Du lebst, wir sollen leben!
Du wirst von Deiner Schar
Bald den, bald die erheben,
Zu schau’n Dein Antlitz klar.
O Martermann, so schön!
Dem wir entgegengeh’n:
Stärk‘ uns so lang‘ im Glauben,
Bis wir Dich Alle seh’n.

Zinzendorf, Nikolaus von – Bitte um den heiligen Geist.

Ei, bittet Gott den heiligen Geist,
Der uns auf unsern Versöhner weist,
Dass Er uns verleihe die edlen Gaben,
Die man aus Christi Verdienst kann haben!
Erbarm‘ Dich, HErr!

Du heil’ger Meister! hab‘ ewig Dank
Für den zum Vater gewirkten Gang;
Und was wir vom Sohne im Herzen hören,
Alles das danken wir Deinen Lehren.
Halleluja!

Du warst uns Armen ganz unbekannt,
Eh‘ Du, was Sünde ist, uns genannt;
Nämlich: das Nichtglauben an Jesu Wunden,
Die eine ewige Erlösung funden.
Erbarm Dich, HErr!

Sobald wir diese Not recht gefühlt,
Dass diese Sünd‘ uns das Herz durchwühlt,
Und um Gnad‘ und Glauben mit Tränen baten,
Hast Du uns gnädig damit beraten.
Halleluja.

So bleiben wir nun in Deiner Schul‘
Bis vor des Vaters und Christi Stuhl:
Zeug‘ in unsrem Geiste und in der Seele,
Und unsre Leiber zu Tempeln wähle!
Erbarm‘ Dich, HErr!

Ruf‘: „Abba, Vater!“ im Herzensgrund!
Denn wer sonst säng Ihm mit Herz und Mund?
Füll‘ die ganze Seele mit Gott dem Sohne,
Und in die Glieder komm Du und wohne!
Erbarm‘ Dich, HErr!