Arndt, Ernst Moritz – Jesus mein Licht

Wann ich traurig wanke
Und auch der Gedanke
Blind wird wie die Nacht,
Wann ich nichts kann finden,
Tappend unter Blinden,
Was mir’s helle macht,
Wer zündt dann
Das Licht mir an?

Das thust du, o Wonne
Meines Glaubens, Sonne
In der dunkeln Nacht;
Durch dich muß verschwinden,
Was im Thal der Sünden
Alles düster macht:
Du zündst an,
Was leuchten kann.

Das thust du, mein Leben,
Der das dumpfe Beben
Mit der Nacht verscheucht:
Alle Nebel fliehen,
Erd‘ und Himmel blühen
Und der Trug entweicht.
Du machst fest,
Du tröstest best.

Helles Licht der Herzen,
Sichrer Trost der Schmerzen,
Süßer Jesu Christ,
Das kannst du alleine,
Der vom Himmelscheine
Niederkommen ist:
Hort und Held
Und Licht der Welt.

Das kannst du alleine,
Der die Gnadenscheine
In uns niederstrahlt,
Daß sich selbst in Sünden
In den düstern Gründen
Goldne Hoffnung malt:
Du allein
Kannst Tröster jern.

O so bleibe, bleibe
Ewig in mir! schreibe
Mir es fest ins Herz!
Alles mag verschwinden,
Der Gedank‘ erblinden
In dem dunkeln Schmerz
Süßes Licht,
Du dunkelst nicht.

Arndt, Ernst Moritz – Das Wort.

Was ist die Macht, was ist die Kraft,
Des Christen stolze Ritterschaft,
Der Schirm und Schild und Schmuck der Ehren,
Die ungebrochne Wehr der Wehren,
In jeder Noth und Fahr der Hort?
Das ist das Wort, das feste Wort.

Was kann wie ein zweischneidig Schwerdt,
Das blitzend aus der Scheibe fährt,
Mark und Gebein im Hui zerschneiden,
Die Geister und die Leiber scheiden?
Was hat so freißlich scharfen Ort?
Das ist das Wort, das feste Wort.

Was braust daher wie Windesbraut
Und überdonnert Donners Laut?
Was donnert in der Sünder Ohren,
Gleich einem Schwur von Gott geschworen?
Was ists, was durch die Seelen bohrt?
Das ist das Wort, das feste Wort.

Was säuselt wie ein Westenwind
Vom Frühlingshimmel sanft und lind?
Was säuselt lieblich durch die Herzen,
Ein Trost und Balsam aller Schmerzen?
Was wehet alle Sorgen fort?
Das thut das Wort, das feste Wort.

O Wort der Macht, o Wort der Kraft,
Das so gewaltig wirkt und schafft,
O Wort der Schrecken und der Freuden,
Zum Heilen mächtig und Zerschneiden!
Du warest eh’r als Zeit und Ort,
Du starkes Wort, du festes Wort.

O Wort der Macht, o Wort der Kraft,
Du meines Herzens Ritterschaft,
Wollst ewig in und bei mir bleiben,
Durch Donner und durch Säusel treiben
Zum rechten Kampfe fort und fort,
Mein starkes Wort, mein festes Wort.

Zinzendorf, Nikolaus Ludwig Graf von – Weil die Worte Wahrheit sind

Weil die Worte Wahrheit sind:
Daß man Nichts bei Gott gewinnt,
Nichts durch des Gesetzes Werke,
Nichts durch eig’ne Kraft und Stärke,
Nichts durch eigenen Verstand,
Nichts durch eine milde Hand;

Nichts durch eig’nes Heiligsein,
Wenn’s gleich mehr als Augenschein,
Wenn’s gleich Kraft und Wesen wäre;
Auch Nichts durch die reine Lehre:
Daß kein Tugendbild die Gnad‘
Näher, als ein Sünder, hat:

So ist’s billig, daß man auch
Jenen sonderbaren Brauch,
Der in heil’ger Schrift zu lesen,
Wohl bedenk‘ im tiefsten Wesen:
Niemand geht zum Himmel ein,
Als ein Kindlein, arm und klein!“

Es ist Einem wahrlich gut,
Wenn man Gottes Willen thut;
Und ein Leidens-Beispiel werden,
Das ist auch ein Glück auf Erden;
Wenn du aber müde bist,
Und dein Herz voll Wehmuth ist:

Dann ist ein ganz leichter Rath
Es bestärket ihn die That:
Man geht und fällt Ihm zu Füßen,
Und sagt Nichts von Thun noch Büßen,
Sondern spricht zum Menschensohn:
„Jesu! bin ich nicht Dein Lohn?

Hast Du etwa mich allein
Nicht erkauft, um Dein zu sein?
Da Dir Deine Müh‘ und Frohnen
Ein unzählbar Heer soll lohnen,
Würdest Du doch meiner froh,
Und ich Deiner ebenso!

Kommt mir etwa in den Sinn:
Ob ich auch in Gnaden bin?
So gedenk‘ ich an die Züge
Deines Vaters, seit der Wiege,
Und daneben denke ich:
Willst Du, Jesu! richte mich!“

Amen hat die Weise nicht, (Offb. 3,14.)
Daß Er sich so widerspricht;
Er, die Stirn voll Freudenöle,
Spricht: „Ich richte keine Seele!“.
Das muß, trotz dem Augenschein,
Eine ew’ge Wahrheit sein!

Aber wie kommt man dazu,
Daß man in der Gnade ruh‘?
Daß man nicht nur nicht verderbe,
Sondern auch den Segen erbe?
Das erfordert zweierlei:
Daß man arm und sündig sei.

Arm, das heißt: man siehet sich
Elend, blind und jämmerlich,
Und weiß nun an keiner Ecke,
Wie man seine Blöße decke;
Armuth stellt sich selber ein:
Doch man muß auch Sünder sein.

Liebe Seelen, sucht’s nicht weit!
Eure Kält‘ und Fremdigkeit
Gegen Jesum seit der Jugend
Macht den Strich durch eure Tugend!
Fühlt doch eure Dürftigkeit,
Und seht, daß ihr Sünder seid!

König Jesu! das ist wahr,
Alles das ist sonnenklar;
Eines fehlet Deiner Taube,
Nur das einzige Wörtlein: Glaube!
Ohne das kriegt Niemand Ruh,
Und wer theilt es aus, als Du?

Nun, ich weiß: mein arm Gebet
Wird vom Heiland nicht verschmäht.
Seine Armuth, seine Thränen
Helfen auch dem stillsten Sehnen.
Ich will kindlich weinen geh’n,
Bis mir ewig wohl gescheh’n.

(In Berlin 1738 seiner Mutter gedichtet.)

/aktualisiert am 20.3.2022/

Arndt, Ernst Moritz – Blick nach oben.

Lockst du mich, du Gottesfrieden,
Zu den schönen Himmelsauen,
Die wir Dunkle ach! hienieden
Nur in blassen Schatten schauen?
Lockst du mich, o Sehnsucht, immer,
Wie die Frommen Glockenläuten,
Wieder hin zum Sternenschimmer?
Wieder in die alten Zeiten?

In die Zeiten längst vergangen?
In der Seelen Kindertage?
Dahin schmachtest du, Verlangen?
Dahin, Herz, mit jedem Schlage?
Ja der Funke will zur Sonne
Und die Seele will zum Himmel,
Zu des stillen Lebens Wonne
Aus dem tollen Erdgewimmel.

Nein, es ist kein Wahn der Träume,
Ist kein Irrlicht düstrer Nächte,
Mein sind jene Sternenräume,
Mein sind jene Götterrechte:
Fremdling bin ich nur im Staube,
Meine Heimat such‘ ich wieder,
Meine grüne Himmelslaube,
Meine Himmelsblumen wieder.

Was soll ich hienieden streben
Zwischen Kummer stets und Freude
In dem unruhvollen Leben
Der Minuten schnelle Beute?
Wie die Vöglein auf den Zweigen
Wechselnd hin und wieder fliegen,
Schwebt des Menschen Thun und Neigen,
Schwebt sein Wünschen, sein Vergnügen.

Was soll ich hienieden finden,
Das die heiße Liebe stillet,
Wo die Unruh wilder Sünden
Aus der Erdenfreude quillet?
Wo wir heute lassen müssen,
Dem wir gestern angehangen?
Wo Begierde und Gewissen
Sind in stetem Krieg befangen?

Was soll ich hienieden schaffen?
Hier, wo nichts beständig bleibet?
Wo vom Staub und Blut der Waffen
Stets die wilde Rennbahn stäubet?
Wo die Lüge auf dem Throne
Gaukelnde Orakel singet
Und mit blut‘ger Dornenkrone
Wahrheit kaum vernommen klinget?

Fahre hin, du Land der Thränen!
Hin, du Land der süßen Lügen!
Damit wir uns hinnen sehnen,
Darum mußt du viel betrügen;
Damit wir das Beste wollen,
Darum muß in dir nichts bleiben,
Alles durcheinander rollen
Und die Welle Wellen treiben.

Locke, stiller Gottesfrieden!
Süße Sehnsucht, schweige nimmer!
Werfet Himmelschein hienieden
Auf der Nichtigkeiten Trümmer,
Daß die Seelen inne werden
Unter Zittern, unter Bangen:
Wahres gibt es nicht auf Erden,
Jenseits sollen wir erlangen.

Zinzendorf, Nikolaus Ludwig Graf von – Christi Blut und Gerechtigkeit

Christi Blut und Gerechtigkeit,
Das ist mein Schmuck und Ehrenkleid;
Damit will ich vor Gott bestehn,
Wenn ich zum Himmel werd‘ eingehn.

Denn tret‘ ich gleich mit vor’s Gericht,
Es kommt zu keiner Klage nicht;
Das macht, ich bin schon absolvirt,
Und meine Schuld ist abgeführt.

Die Rechnung hängt am Kreuzes holz,
Da siehet sie des Teufels Stolz;
Die Nägel, die das Lamm verwund’t,
Zerrissen ganz den alten Bund.

Wenn er nun noch so hart und schwer
Mit meinem Blut geschrieben wär‘,
So ist’s nun völlig aus damit,
Und ich bin aller Ford’rung quitt.

Ich weiß, der Teufel glaubt’s zuvor,
Daß er uns so durch’s Recht verlor,
Und alle die gefangnen Leut‘
Mit der höchsten Gerechtigkeit.

Nun, das heilig – unschuld’ge Lamm,
Das an dem rauhen Kreuzesstamm
Für meine Seel‘ gestorben ist,
Erkenn‘ ich für den HErrn und Christ.

Ich glaube, daß Sein theures Blut
Das allerunschätzbarste Gut,
Und daß es Gottes Schätze füllt,
Und ewig in dem Himmel gilt.

Nun soll auch Alles Zeuge sein,
Wie ich will in den Himmel ein.
Ihr lieben Engel allzumal,
Hört’s auch mit an in’s Himmels Saal.

Und wär‘ ich durch des HErrn Verdienst
Auch noch so treu in Seinem Dienst,
Gewänn’s auch allem Bösen ab,
Sündigte nicht mehr bis zum Grab:

So will ich, wenn ich zu euch komm‘,
Nicht denken mehr an gut noch fromm,
Sondern: Da kommt ein Sünder her,
Der gern für’s Losgeld selig wär‘.

Da singt der Vater Abraham
Mit allen Heiligen dem Lamm;
Und sieht man in ihr Buch hinein,
So steht’s, daß sie auch Sünder sei’n.

Wird dann die Frage vorgebracht:
Was hast du in der Welt gemacht?
So sprech‘ ich: ich dank’s meinem HErrn,
Konnt ich was Gut’s thun, that ich’s gern.

Und weil ich wußte, daß Sein Blut
Die Sünd‘ wegschwemmt mit einer Flut,
Und daß man nicht muß will’gen ein,
Ließ ich mir’s eine Freude sein.

Wenn nun kam eine böse Lust,
So dankt‘ ich Gott, daß ich nicht mußt‘;
Ich sprach zur Lust, zum Stolz und Geiz:
„Dafür hing unser HErr am Kreuz!“

Da macht‘ ich keinen Disputat,
Sondern das war der kürz’ste Rath:
Ich klagt es meinem HErrn so bloß,
Dann wurd‘ ich’s immer wieder los.

Da werden alle Heil’gen sich
Mit mir erfreuen inniglich,
und preisen unsern Schmerzensmann;
Dann stimm‘ ich auch mit ihnen an:

„Dem Lamm gebühret Alles gar,
Weil es für uns geschlachtet war:
Es hat die Sünde weggebracht,
Hat uns Gott angenehm gemacht!“

Nun, weil ich noch im Leben bin,
So steht mein ganzes Herz dahin,
Daß ich dem Volk der Christenheit
Drauf helfen will zu aller Zeit,

Daß unser hochgeliebter Gott
Mit Seines Kindes Blut und Tod
Uns also hoch geliebet hat,
Daß es kein Mensch faßt in der That.

Gelobet seist Du, Jesus Christ,
Daß Du ein Mensch geboren bist.
Und hast für mich und alle Welt
Bezahlt ein ewig Lösegeld.

Ach, hilf’s uns nun auch predigen,
Und aus der Grub‘ erledigen, (Zach. 11,9.)
Was nur aus Deiner blut’gen Füll‘,
Als Sünder, Gnade nehmen will!

Du Ehrenkönig, Jesu Christ!
Gott Vaters ein’ger Sohn Du bist:
Erbarme Dich der ganzen Welt,
Und segne, was sich zu Dir hält!

Ich will nach meiner Gnadenwahl
Hier fleißig seh’n in’s Wundenmaal,
Und droben prangen in dem Kleid
Dein’s Blutes und Gerechtigkeit.

(Auf St. Eustachius 1738.)
/aktualisiert 20.3.2022/

E. S. – Dies Irae

Tag des Zorns, der, zu vergelten,
Brennen wird zu Staub die Welten,
Wie Sibyll‘ und David melden.

Welches Zittern, Zagen, Weinen,
Wenn der Richter wird erscheinen,
Prüft das Mark in den Gebeinen.

Die Posaun‘ im Schreckenstone
Schallt durch Gräber jeder Zone,
Treibet Alle zu dem Throne.

Tod und Schöpfung staunend sehen
Alles aus den Gräbern gehen,
Um dem Richter Red‘ zu stehen!

Dieser wird das Buch entfalten,
Das zum Urtheil wird enthalten
Alles Thun und alles Walten.

Setzt der Richter sich zu richten,
Wird er das Verborgne lichten,
Alles, Alles strenge schlichten.

Was kann dann ich Armer sagen?
Wen um Schutz zu bitten wagen,
Wo Gerechte selbst verzagen?

König, furchtbar und erhaben!
Frei verschenkst du deine Gaben,
Lass daran auch mich Theil haben!

Güt’ger Jesus, deinen Erben,
Dem du wolltest leben, sterben,
Lass am Ende nicht verderben.

Mich zu suchen wollt’st du leben,
Dich für mich dem Tod hingeben,
Lass nicht fruchtlos sein dies Streben!

Drum so lass für meine Sünden,
Richter, deine Gnad‘ mich finden,
Eh‘ dein Zorn sich wird entzünden!

Schwer bin ich mit Schuld befangen,
Scham bedecket meine Wangen,
Gott, lass Gnade mich erlangen!

Du hast jenem Weib verziehen,
Hast dem Mörder Heil verliehen,
Lässt auch mir noch Hoffnung blühen.

Zwar auf mich darf ich nicht bauen,
Deiner Huld jedoch vertrauen,
Rett‘ mich vor der Hölle Grauen!

Fern von Böcken, fern von Schlechten,
Zu den Schafen, den Gerechten,
Stelle mich zu deiner Rechten!

Hast du, die im Fluche blieben,
Schambedeckt zur Höll‘ getrieben,
Rufe mich zu deinen Lieben!

Reuzerknirschten Herzens wende
Ich zu dir gefalt’ne Hände:
Nimm dich meiner an am Ende!

Trauertag voll Angst und Wehen,
So wir aus dem Staub erstehen,
Schuldbewusst den Richter sehen!

Jesus, lass nur Gnade gelten;
Führe Alle, Herr der Welten,
Ein zu deinen ew’gen Zelten!

Palmblätter, Würzburg, 1826

Christian Mensch – Dies Irae

Jener Tag der Zornesfülle
Löst die Welt zu Aschenhülle;
David zeugt’s und die Sibylle.

Welcher Schreck wird uns vernichten,
Wann der Richter kommt zu richten,
Aller Leben streng zu sichten!

Die Posaun‘ im Wundertone
Treibt aus Gräbern jeder Zone
Rings uns Alle hin zum Throne.

Tod, Natur, mit Staunen sehen,
Wie Entschlaf’ne auferstehen,
Um zum Richterstuhl zu gehen.

Gottes Buch wird aufgeschlagen,
Wo man Alles eingetragen,
Um der Welt das Recht zu sagen.

Wird der Richter dann beginnen,
Wir Verborgnes Licht gewinnen,
Keine Schuld der Straf‘ entrinnen.

Wie wird mir das Wort vergehen!
Wen soll ich um Schutz anflehen,
Seit Gerechte kaum bestehen?

Grau’nsgott! Born doch der Verzeihung!
Frei ist deine Heilsverleihung,
Schenk‘ auch mir Heilsangedeihung!

Frommer Jesu, für dein Leben
War der Zweck mein Heil, um eben
Jüngsttags mir nicht Tod zu geben.

Ich war Endzweck deines Strebens,
Dein Kreuztod Preis meines Lebens
Solche Müh’n sei’n nicht vergebens!

Richter mit gerechter Waage,
Herr: Verziehen sei’s dir! sage
Mir vor’m letzten Rechnungstage!

Seufzer wollen, Gott! mich tödten,
Scham der Schuld mein Antlitz rödten,
Gnad‘ anfleht mein Jammer-Beten.

Du, der lossprachst einst Marien,
Und dem Schächer hast verziehen,
Lässest mir auch Hoffnung blühen.

Mein Anflehn ist nicht so theuer,
Aber (Gnad‘ um Recht!) o Treuer,
Schirme mich vor’m ew’gen Feuer!

Von den Böcken fern mich stelle,
Zu den Schafen mich geselle,
Deinem Thron zur Rechten stelle!

Hast du, die im Fluche leben,
Flammenqualen Preis gegeben,
Rufe mich zum sel’gen Leben!

Herz zu Staub zermalmet, wende
Ich auf Knie’n zu dir die Hände
Flehend: Sorge für mein Ende!

Thränentag voll grauser Wehen,
Wo aus Staub hervor wird gehen
Sünden-Mensch, vor Gott zu stehen!

Gott, doch seiner schone! schone!
Jesu auf dem Richterthrone,
Gib, dass er im Frieden wohne!

Johann Christoph von Zabuesnig – Dies Irae

Rechtstag, deine Schreckensfülle
Deckt die Welt mit Feuerhülle,
David spricht es und Sibylle.

Schaurig wird die Schöpfung zittern,
Kommt der Richter in Gewittern,
Die Gewissen zu erschüttern.

Auf der Klagposaune Schallen
Müssen aus der Grüfte Hallen
Leichen zum Gerichte wallen.

Tod, Natur, im Widerstreben,
Seh’n den Staub ersteh’n und leben,
Strenge Rechenschaft zu geben.

Aus dem Buch verletzter Pflichten
Wird der Herr die Menschheit sichten,
Und mit scharfer Waage richten.

Hat er seinen Stuhl bestiegen,
Wird Verborgnes offen liegen,
Kein Verbrechen bleibt verschwiegen.

Worte werden mir entgehen,
Einen Schützer anzuflehen,
Wo Gerechte kaum bestehen.

König, furchtbar und erhaben!
Ohn‘ Entgelt sind deine Gaben,
Lass an deiner Huld mich laben!

Guter Jesus, sei beschworen,
Auch für mich bist du geboren;
Schone! gib mich nicht verloren!

War ich Endzweck deines Strebens,
Theil am Opfer deines Lebens,
Sei Dein Aufwand nicht vergebens!

Höre meiner Seufzer Stöhnen,
Lass durch Reue dich versöhnen,
Eh‘ dein Urtheil wird ertönen!

Schwer bin ich mit Schuld befangen,
Scham bedecket meine Wangen;
Gott, lass Gnade mich erlangen!

Der Marien hat verziehen,
Der dem Mörder Heil verliehen,
Lässt für mich noch Hoffnung blühen!

Muss ich unwerth mich bekennen,
Darf ich doch dich Mittler nennen,
Lass mich dort nicht ewig brennen!

Weit von Böcken, weit von Schlechten,
Mit den Schafen, mit Gerechten,
Stelle mich zu deiner Rechten!

Hast du, die dir widerstreben,
Höllenflammen Preis gegeben,
Winke mir zum bessern Leben!

Lass mich mit erhobnen Händen
Herzzerknirschet zu dir wenden:
Lass versöhnt mich selig enden!

Tag, wo Thränen nicht versiegen,
Wo der Mensch, dem Grab entstiegen,
Wird vor Gott als Sünder liegen!

Herr, erbarme dich und schone,
Beim Erlöser, deinem Sohne,
Ew’ge Ruhe gib zum Lohne.