Albert Zeller – Herz und Hände hocherhoben

Herz und Hände hocherhoben
Tret ich vor dein Angesicht;
Meine Zunge ist voll Loben
Und mein Auge voller Licht,
Hoch begnadigt, hoch beglücket
Schau ich, was du mir getan,
Und im tiefsten Geist entzücket
Darf ich meinem Heiland nahn.

Als ich wähnte zu verderben,
Und mein Sein in Nichts zerbrach,
Meine Seele wollte sterben,
Riefst du diesen Morgen wach;
Und in eitel Sieg verschlungen
Ist durch deine Hand der Tod,
Und die Seele losgerungen
Von der Erde Lust und Not.

Herr, wie hast du angesehen
Deines Dieners Niedrigkeit!
Denen, die in Lilien gehen,
Hast auch ihn du eingereiht.
Um mich leuchten, um mich weben
Seh ich froh dein heilig Reich,
Und mein altes Sein und Leben
Einer fernen Wolke gleich.

Ach wie himmlisch, ach wie prächtig
Ist es großer Gott bei dir!
Heilig, wunderbar und mächtig
Ist dein Name für und für.
Über alle Höhn und Weiten,
Streckt sich die Barmherzigkeit;
Wer dich fürchtet, den begleiten
Heil und Frieden allezeit.

Die Gewaltgen stößt vom Stuhle
Deines Armes große Kraft,
Und in des Verderbens Pfuhle,
Stirbt der Hoffart Leidenschaft;
Aber, die in Demut wandeln,
Ziehst du nah zu deinem Thron,
Und der Einfalt schlichtes Handeln
Krönest du mit hohem Lohn.

Und die Hungrigen die füllest
Du mit Gütern reich und hehr,
Und, wie du ihr Sehnen stillest,
Lässest du die Reichen leer.
In des Leidens tiefste Wunden
Gießest du des Heiles Del;
Ja, du hilfst zu allen Stunden
Deinem Diener Israel.

Wie du einst zu unsern Vätern
Sprachst dein gnadenreiches Wort,
Tönt es allen deinen Betern
Heute noch und immer fort.
Köstlich ist es, Ja und Amen;
Wer es hört, der freuet sich,
Und dein auserwählter Samen
Lebt und grünet ewiglich.

Albert Zeller – Wo anders als zu Jesu Füßen

Wo anders als zu Jesu Füßen,
Wo anders als in seiner Schar
Sucht dich mein Sehnen und mein Grüßen,
Find ich es wieder wie es war?

Ich kenn dich nicht mehr nach dem Fleische
Und nach der irdischen Gestalt,
Und was ich hoffe, was ich Heische,
Dient einer himmlischen Gewalt.

Ich sah dich blühen und vergehen,
Und in die dunkle Gruft gesenkt;
Und wie du solltest auferstehen,
Zu ahnen ist mirs nicht geschenkt.

Das Weizenkorn fällt in die Erde,
Der Leib verwest, wie ihm gehört;
Mehr als ich ahnte und begehrte,
Wird dennoch dir und mir beschert.

Es ist der Leib der Offenbarung,
Wenn Gottes Ratschluss sich erfüllt,
Der deinen Geist zu heilger Wahrung
Mit Kraft durchdringt, mit Licht umhüllt.

„Noch heute,“ sprach im Tod der Meister,
„Sollst du im Paradiese sein;“
Wir kennen nicht die Zeit der Geister,
Und dringen nur im Glauben ein.

Das aber dürfen wir erfahren,
Dass unser Herr und Heiland lebt,
Und über unsern Totenbahren
Sein Auferstehungsbanner schwebt;

Dass er vor uns mit Geistesschritten
In tausend Liebesweisen geht,
Und in dem Bund der Treuen mitten
Als König der Versieglung steht.

Und wie am reichsten Gottes Segen
Schon hier aus Menschenherzen quillt,
Und seine Liebe allerwegen
Durch Brüder unser Sehnen stillt:

So hat er vor des Thrones Stufen
Zu höhrem Werke sie geweiht,
Und seine Seligen berufen
Zu Dienern seiner Seligkeit.

Dein Kommen war so sanft und leise,
So ungesehn und wunderbar;
So recht nach selger Geister Weise,
Und meinem Herzen dennoch klar.

Möcht ich nur immer stiller, freier
Dich lieben, wie du jetzt mich liebst, .
Und schon in der Vollendung Feier
Dich selber mir zu lieben gibst!

Dass ich mit dir mich froh bereite,
Wie du mich jetzt schon weihst und zierst,
Bis du mich einst mit Himmelsfreude
In deine ewge Hütte führst.

Albert Zeller – Die steilsten Wege musst allein du gehn

Die steilsten Wege musst allein du gehn,
Ob du allein, ob Tausend um dich stehn.
Die liebsten Freunde ziehen von uns fort,
Sei es für immer, seis von Ort zu Ort.
Der letzte Liebesruf, der dir erscholl,
Was ist er, als das letzte Lebewohl?
Doch klingt er dir in tiefster Tiefe nach,
Wenn schon dein Aug für diese Sonne brach;
Die Treusten stehn am Ufer festgebannt,
Dein Schifflein schwebt zum unsichtbaren Land.
Es brennt ihr Herz voll lieb und Traurigkeit;
Wie gerne gäben sie dir das Geleit!
Wohin du jetzt gehst, können sie nicht gehn:
Wann werden sie dein Antlitz wiedersehn?
Wer hat mit deinem Heiland einst gewacht
In seiner schwersten, längsten Leidensnacht,
Als er gerungen mit dem tiefsten Weh
Dort in dem Garten zu Gethsemane?
Wer starb mit ihm, als er am Kreuze hing
Und in den Tod für seine Brüder ging?
Allein hat er den letzten Gang gemacht,
Allein den Kampf, allein sein Werk vollbracht.
O selger Trost! Wer ist nun noch allein
In jeder Lebens-, jener Sterbenspein?
Er hats durchlebt bis in den tiefsten Grund;
Erbebend sprach es sein erbleichter Mund:
„Allein, verlassen, o mein Gott, mein Gott!“
Die Freunde stumm und laut der Feinde Rott!
Kein Menschenherz, das liebste nicht gewährt,
Was all dein Sehnen fort und fort begehrt;
Nur Gott allein füllt eine Seele aus,
Im Himmel nur bist gänzlich du zu Haus!

Zinzendorf, Nikolaus von – Die Natur der Christen.

Christen sind ein göttlich Volk,
Aus dem Geist des HErrn gezeuget,
Ihm gebeuget,
Und von Seiner Flammen Macht
Angefacht:
Vor des Bräut’gams Augen schweben,
Das ist ihrer Seelen Leben,
Und Sein Blut ist ihre Pracht.

Königskronen sind zu bleich
Für der Gottverlobten Würde;
Eine Hürde
Wird zum himmlischen Palast;
Und die Last,
Drunter sich die Helden klagen,
Wird den Kindern leicht zu tragen,
Die des Kreuzes Kraft gefasst.

Ehe Jesus unser wird,
Ehe wir uns selbst vergessen,
Und gesessen
Zu den Füßen unsers HErrn:
Sind wir fern
Von der ew’gen Bundesgnade,
Von dem schmalen Lebenspfade,
Von dem hellen Morgenstern.

Pilgrimschaft zur Ewigkeit
Bleibet immerdar beschwerlich,
Ja gefährlich;
Bis man ringt und dringt zu Dir,
Enge Tür,
Ein’ge Ursach der Vergebung,
Glut der göttlichen Belebung,
Jesu, unser Liebspanier!

Zeuch uns hin, erhöhter Freund!
Zeuch uns an Dein Herz der Liebe!
Deine Triebe
Führen mich, Du Siegesheld!
Durch die Welt,
Dass ich Deine Seele bleibe
Und so lange an Dich gläube,
Bis ich lieb im innern Zelt!

Da ist meine Hand und Herz:
Du hast Deine Seel‘ gewaget,
unverzaget,
Und das Alles bloß allein,
Dass ich Dein,
Und Du meine heißen könntest;
Wenn Du nicht vor Liebe brenntest,
Hätte das nicht können sein.

Nun, ihr Kronen, fahret hin,
Fahre hin, erlaubte Freude!
Meine Weide
Sei des HErren letztes Mahl
Vor der Qual,
Meine Ehre Seine Schande,
Meine Freiheit Seine Bande,
Und mein Schmuck die Ros‘ im Tal!

Zinzendorf, Nikolaus von – Durch Selbstverleugnung zum Erbe!

(Matth. 5, 5.)

Seelen, die alles ihr Gutes vom Himmel,
Ohne die Welt zu begehren, erlangt,
Prangen ganz stille und fern vom Getümmel,
Höher, als wer mit der Eitelkeit prangt;
Jesus ist ihre vollkomm’ne Vergnügung,
Er ist ihr Meister des Glücks und der Fügung.

Andere mögen mit täglichem Kränken,
Unruh‘ und Sorgen geängstiget sein;
Gott ist ihr Erbteil, ihr Wollen und Denken,
Mitten im Sturme, da schlafen sie ein,
So dass ein Wetter sie wenig erschrecket,
Teufel und Hölle sie selber nicht wecket.

Auf denn, mein Herze, da Wahrheit und Glauben
Laut von dem König der Hoffnung erschallt!
Bete, dass Satan, dir solche zu rauben,
Obenher keine Erlaubnis erhalt‘!
Nimmt er auch seine Macht alle zusammen,
Kann er ein Gotteskind doch nicht verdammen.

Gott auch ist nicht ein Versucher zum Bösen,
Gibt dir gleich dieses die Ungeduld ein;
Er versucht Niemand, den Er Sich erlesen,
Bei Ihm in Gnaden und Ehren zu sein:
Ob du dich aber nicht selber kannst kränken,
Hast du mit größerem Recht zu bedenken.

Räume hinweg, was die Trägheit erneuet,
Nimm dich des Werkes mit Heldenmut an;
Ehre dagegen den Vater, der dräuet,
Aber aus Liebe nur züchtigen kann;
Öffne die Pforten dem himmlischen Triebe,
Nahe dich Ihm mit der innigsten Liebe!

Gib dich in eine gesegnete Stille,
Füge dich willig der gnädigen Zucht;
Und ist dein Leiden des Weisesten Wille,
Seele, so glaube: dein Heil wird gesucht;
Auf die Beschwerung folgt lauter Erquicken,
Über ein Kleines soll’s völlig dir glücken!

Zinzendorf, Nikolaus von – Von der Mäßigkeit und Gelassenheit.

Ruhe ist das beste Gut:
Unruh schwächet unser Leben.
Dämpfe das erhitzte Blut,
Oder du wirst preisgegeben.
Lerne leiden, eh‘ du musst,
Prange nicht mit falscher Lust!

Höre Jesum, wenn Er spricht:
„Es verleugne sich ein Jeder!
Kreuz ist ohne Mühe nicht;
Komm denn her zu Mir, du Müder!
Bist du selbst nicht von Bestand,
Eile! hier ist Meine Hand!

Raste unter Meiner Last,
Trage Meine leichten Bürden,
Und wenn du getragen hast,
Schlafe unter Meinen Hürden;
Von der Welt erwartest du
Ohne Grund die wahre Ruh‘:

Niemand, der die Dornen scheut,
Geht in Meine Rosenbüsche;
Reichlich aber wird erfreut
Droben an der Väter Tische
Nach dem ausgestand’nen Schmerz
Ein Mir überlass’nes Herz!“

Gottfried Arnold – Um völlige Jesusliebe.

Mein Heiland, lehre mich recht lieben Dich!
Ach, ohne Dich lebt man gar jämmerlich;
Du aber hast ja Lust zum Leben nur,
Drum führe mich auf deine Liebesspur!

Ich kann ja von mir selbst Dich lieben nicht;
Drum gib mir Du den rechten Unterricht,
Dass ich Dich lieb‘, dein Lieben fasse recht,
Und bleib‘ in deiner Liebe recht und schlecht.

Dies ist dein größtes Wert; das schaff in mir,
Dass ich, o Herr, Dich liebe für und für!
Ach lass mich ohne Dich nicht leben mehr,
Gib mir Dich ganz mit deiner Liebe her!

In fremden Dingen kann das Herz nicht ruh’n,
Ohn‘ deine Liebe kann’s nur Sünde tun;
Drum leid‘ es nicht, o Liebe, dass in mir
Zur Liebe sich was rege außer Dir!

Gibst Du Dich mir, o große Liebesmacht,
So liebst Du Dich in mir selbst Tag und Nacht!
Aus mir, o Herr, kommt falsche Liebe her;
In Dir ich wahre Liebe nur begehr‘.

Ach gib Dich mir, weil Du die liebe bist!
Sei Du das Brot, das meine Seele isst!
lass keine andre Kraft mich nehmen ein,
Als jene Macht, Dich stets zu lieben rein!

Komm, schaff in mir, dass ich Dich lieben kann,
O Jesu Christ, Du bist der rechte Mann!
Du, der zuerst so zärtlich mich geliebt,
Bist würdig, dass die Seele Dir sich gibt!

Gottfried Arnold – Die Seligkeit des Nichts.

Als ich das Nichts nahm wohl in Acht,
Und mich darin ergeben,
Ward ich zum rechten Ziel gebracht,
Wonach ein Christ soll streben;
Ich ward lebendig aus dem Tod,
O Wunder ohne Maßen!
Ich fand das höchste Gut in Gott,
Sobald ich mich verlassen.

Sobald der Kreaturen Dunst
Ich floh und ganz lies fahren,
Da wollte Gott in höchster Gunst
Mit meinem Geist sich paaren.
Da fand ich Ihn nach langem Streit,
Den meine Seel‘ begehret,
Und lebe nun in voller Freud‘,
Die mir nicht ist verwehret.

Weil ich ein blödes Kind nun bin,
Und Alles lasse sinken,
So find‘ ich Gott in meinem Sinn,
Der mir sein Licht lässt blinken.
Selbst Finsternis ist jetzt mein Licht,
Weil ich im Nichts mich übe;
Das Nichts eröffnet mein Gesicht,
Nichts führt ins Land der Liebe!

Nichts quält, und wär‘ es noch so scharf,
Den, der im Nichts stets wohnet;
Weil Nichts ist, das ein Mensch bedarf,
Den Gott mit Sich selbst lohnet.
Lass, Gott zu schau’n mit reiner Brust,
Die Welt nichts in Dir werden;
Es löscht sonst nichts der Seele Lust
Als dieses Nichts auf Erden!

Wer Etwas ist in dieser Welt
Sucht nicht das Nichts zu schauen;
Nichts hat sich ganz in Gott gestellt,
Und will sonst auf Nichts bauen.
Wohl mir, dass ich in dieser Zunft
Werd‘ gläubig stehend funden,
Weil ich die blinde Unvernunft
Hiedurch hab‘ überwunden!

Die Liebe kann mit ihrem Gut,
Das Gott ist, also handeln:
Das Nichts durch ihre Feuerglut
Muss sich in Alles wandeln!
Nichts ist so arm, bloß, schwach und klein,
Es kann ans Nichts sich binden;
Drum sucht es all sein Gut allein
Im lautern Nichts zu finden.

Als ich dies dunkle Nichts erwählt,
zu geh’n auf seinen Wegen,
Ward ich von Dem nicht mehr gequält,
Das mir erst stand entgegen.
Ich konnt in diesem reichen Nichts
Nichts Kreatürlichs lieben,
Weil ich im Glanz des Gotteslichts
All‘ meine Zeit vertrieben.

Gelehrte, kommt zum Nichts Heran,
Sonst ist eu’r Tun Gewirre!
Wer sich nicht kehrt auf diese Bahn,
Bleibt ewig in der Irre.
Ohn Nichts ist nichts, was je geschieht;
Im Nichts muss ich verschwinden,
Wenn Etwas sein will mein Gemüt,
Ist nichts darin zu finden!

Es hat die enge Lebenspfort,
Die Christus hoch gepriesen,
Vom Etwas mich geführet fort,
Und bloß zum Nichts gewiesen.
Wer seine Seele hier verliert,
Und sich als Nichts empfunden,
Der wird zur Allheit eingeführt,
Und ganz von ihr umwunden.

Fürwahr! aus Nichts kommt Alles her,
Was jemals war verborgen!
Nichts macht das leben ohn‘ Beschwer,
Nichts hat für Nichts zu sorgen;
Wer ist der Reichste dieser Welt?
Der Ärmste am Begehren!
Denn was er mehr als Nichts behält,
Kann ihn vom All abkehren.

Das Nichts ist arm, das nichts ist reich
Vor allen andern Dingen;
Es achtet Unflat Alles gleich;
Das Nichts kann Nichts bezwingen.
Das Nichts, es spricht; das Nichts ist stumm,
Sein Rufen ist ein Schweigen;
Sein ganzes Leben um und um
Ist: sich in Gott zu neigen.

Nichts ruhet stets, Nichts läuft und hüpft,
Sein Lauf ist stilles Bleiben;
Das Nichts ist ganz mit Nichts verknüpft,
Nichts kann sein Ruh’n vertreiben.
Das Nichts ists Schwerste vom Gewicht,
Und ist doch leicht zu tragen.
Nichts hat das schärfeste Gesicht,
Nichts weiß von nichts zu klagen:

Nichts ist ganz los und höchst befreit,
Ist Herr, und wird’s wohl bleiben;
Sein Herrschen streckt sich weit und breit,
Kann jeden Feind‘ vertreiben.
Das Nichts ist von so edler Art:
Es kann’s kein Mund aussprechen.
Wer sich dem Nichts nur einmal paart,
Dem kann nichts mehr gebrechen.

Das Nichts macht ihn durchaus vergnügt;
Wer hat dies je vernommen?
Ein Sturm, wenn er das Nichts bekriegt,
Muss bald zur Ruhe kommen.
Das Nichts allein trifft’s rechte Ziel;
Etwas kann nicht Nichts richten;
Nichts, mit dem reichsten All im Spiel,
Kann alle Zwietracht schlichten.

Wie denen Nichts beliebt,
Weil man so viel muss fassen!
Denn wer dem Nichts nur Etwas gibt,
Der muss sich selber hassen.
Nichts findet sich, das Nichts will sein,
Das Nichts heißt Ich auf Erden;
Es ist dem Ich die schwerste Pein,
Wenn es zunicht sollt werden.

Allein das Nichts, wie arm es ist,
Kann Spreu vom Weizen scheiden;
Der Böse kann zu keiner Frist
Das in dem Herzen leiden.
Dem Ich ist bei dem Nichts nicht wohl;
Es ist ihm ganz entgegen,
Dass man am Ich nicht hängen soll,
Und sich aufs Nichts soll legen.

Nichts führt dahin, wo der Verstand
Sich selber muss entwöhnen,
Sofern er sucht das reiche Pfand,
Sich nach dem Nichts zu sehnen.
Nichts kennen, macht das au bekannt;
Nichts seh’n, ist klärlich schauen;
Nichts führt uns aus dem Erdenband,
Lässt Gott mit Grund vertrauen.

Vertrau’n, wo nicht Gewissheit ist,
Kämpft gegen unsre Sinnen;
Natur, Vernunft und kluge List
Hält’s für ein blind Beginnen.
Nichts aber bietet Sicherheit,
Da ist kein‘ Weh zu spüren;
Leid ist ihm Freud‘, und Freud‘ wie Leid,
Denn Nichts kann nichts verlieren.

O selges Nichts, des Preises wert!
Du Fels, drauf’s All sich gründet!
Der steigt gen Himmel von der Erd‘,
Wer Dich wahrhaftig findet.
Nun komm ich auch durchs Nichts zum Ziel,
Weil ich den Schluss mir ziehe:
Dass, wer Gott selber finden will,
Sich Nichts zu sein bemühe!

Gottfried Arnold – Um alleinige Führung durch Christum.

O Jesu, Du mein Licht und Leben!
Wann soll ich Dich ganz finden?
Wann soll die Sünd‘ den Geist aufgeben?
Wann willst Du überwinden?
O, dass doch nichts mehr in mir blieb,
Als deine sel’ge Auferstehungslieb‘!

Gedenkst Du noch daran, o Liebe,
Was Du mir ast versprochen:
Du wollst mir schenken reine Triebe,
Wenn Du Dich ganz gerochen
An Adams sünd’gem Fleisch und Blut? –
Drum werde mir im Sieg mein höchstes Gut!

Komm! stärke mich mit deiner Treue,
Und mache mich stets heiter,
Dass mich dein Freudenlicht erneue
In Liebe täglich weiter!
Ich geh‘, wohin dein reiner Geist
Mich durch den Zug der ew’gen Gnade weist!

Gottfried Arnold – Ein Ziel bei vielen Wegen.

Gar mancher Weg, gar manche Bahn
Führt hin zum großen Ozean,
Und Jeder sehe nur darauf,
Dass er recht gehe seinen Lauf!

Geht’s in die länge, Quer und Breit‘:
Der große Ozean ist weit!
Komm du von Ost, Süd, West und Nord:
Wenn du nur kommst zum rechten Port!

Der Wege sind unzählig viel,
Ein jeder hat sein eigen Ziel;
Drum sehe Jeder fleißig zu:
Führt auch mein Weg dem Hafen zu?

Der Weg ist darum nicht das Meer;
Es geh’n drin Ströme hin und her;
Manch Schiff auf einem Meerstrom blinkt,
Das doch auf off’ner See versinkt. –

Es ist nicht Ein’s des Andern Weg,
Nur Jesus Christ ist aller Steg;
Lass jeden Bruder, wo er ist,
Und bleibe treulich, wo du bist!

So sollen All‘ in Einigkeit
Beisammen sein in dieser Zeit; –
Das Meer ist groß, man fasst es kaum,
Für alle ist genugsam Raum.

Ein Weg ist kurz, der andre lang;
Was geht’s dich an? Geh‘ deinen Gang;
Und siehe, dass dein Schiff am Tag
Des Heils den Port erreichen mag!