Zinzendorf, Nikolaus von – Bittgebet der Gemeine.

Gib, großer Hoherpriester,
Für Deine Kreuzgeschwister
Viel Rauchwerk zum Gebet,
Recht kindlich frohe Herzen
Und helle Glaubenskerzen,
Die keine fremde Luft verweht;

Ein Ohr, das Gnade höret;
Ein Auge, das Nichts störet,
Dich kindlich anzuseh’n;
Und priesterliche Lippen,
Und Füße, die die Klippen
Der Welt mit Dir getrost durchgeh’n.

Die Hände müssen segnen,
Die Seele Dir begegnen,
Der Leib Dein Tempel sein;
Den Geist beleb‘ ein Wehen,
Das Niemand kann verstehen,
Als Du und Dein Geschlecht allein!

(1736.)

Zinzendorf, Nikolaus von – Danklied.

Wir erheben Gott,
Der in aller Not
Mächtig bleibet zu beschützen,
Die in Seinem Schirme sitzen,
Und sie in der Tat
Oft errettet hat.

Dank sei Deiner Huld,
Welche mit Geduld
Unsre große Schwachheit träget,
Die sich oft zu Tage leget,
Und uns noch zur Zeit
Immer benedeit!

Wenn wir Alle nicht
Für Dein Gnadenlicht
Deine Wundergüte priesen,
Sondern uns noch stumm erwiesen,
Wären wir nicht wert,
Dass Du uns erhört.

Drum in dieser Stund‘
Wollest Du den Bund,
HErr, mit unserm Geist erneuen,
Und mit Deinem Geist und Treuen
Fahre hier und dort
Uns zu segnen fort!

(1720.)

Zinzendorf, Nikolaus von – Die Führung des HErrn.

(Matth. 5, 3-10.)

Hebe an, :,: Zion, heb‘ am Elend an,
An der Armut, an dem Staube,
So ist deine Sach‘ getan;
Habe gar Nichts, aber glaube,
Dass der HErr, der treue Seelenmann,
Helfen kann!

Selig sind, :,: die da arm im Geiste sind,
Die Nichts haben, und nicht wissen,
Wo man doch die Dinge sind‘,
Die die Seelen haben müssen:
Denen ist das Recht von Knecht und Magd
Unversagt.

Hoher Gott! :,: öffne Deines Namens Stadt,
Wo die abgejagte Seele
Eine solche Festung hat,
Wie die Taub‘ in ihrer Höhle!
Hilf uns (unser Elend jammert Dich)
Väterlich!

Selig sind, :,: die um’s Heil bekümmert sind,
Die ihr Elend recht bedauren,
Die sich kennen, dass sie blind,
Und in ihren Fesseln trauren;
Denen fällt der Trost in ihren Schoß:
„Ihr seid los!“

Unsre Tür :,: werde Christo aufgetan;
Komm, du Reich der Kraft und Gnade,
Und auf deiner Gassen Bahn
Sei kein Mangel und kein Schade;
Komm, du Reich der Unbeweglichkeit,
In die Zeit!

Seligkeit :,: ist in der Gelassenheit,
Wo die Seelen Nichts begehren,
und durch kurze Arbeitszeit
Sich zur langen Nuh‘ bewähren:
Denen wird der ganze Erdenplan
Untertan.

Herzensherr, :,: Deine Geister lieben Dich,
Die vor Dir vollendet grünen,
Und Nichts tun so williglich,
HErr, als Deinem Willen dienen;
Selig, wer auch in gelassner Still
Leiden will.

Selig ist, :,: wer dem Weltgeist abgesagt,
Und der Sündenlust vergisset,
Wer nach Lebenswasser fragt,
Und wo man das Manna isset;
Wer nach Christi Fülle Hunger hat,
Der wird satt.

Lebensbrot! :,: unentbehrlicher Genuss!
Du bist von dem Himmel kommen,
Weil die Seel verhungern muss,
Die Dich nicht in sich genommen.
Meine Seele hungert nur nach Dir:
Gib Dich mir!

Selig sind, :,: die, von Allem abgewandt,
Nichts als Seelen, Seelen suchen,
Deren Herz, in Lieb‘ entbrannt,
Auch den Feinden nicht kann fluchen!
Diese werden mit Barmherzigkeit
Benedeit.

Vaterherz! :,: Deine Wege sind so tief,
Dass man ihrer leichtlich fehlet;
Aber Der die Seelen rief,
Ehe sie sich Ihn erwählet,
Wird mir Armen (ich will auch verzeih’n!)
Gnädig sein!

Selig sind, :,: die verlangt nach Himmelsfrucht,
Ihrer Seelen nicht vergessen,
Und nur nach des Geistes Zucht
Äußeres und Inn’res messen!
Diese sollen einst in Klarheit steh’n
Und Gott seh’n!

Reiner Geist! :,: sei uns ernstlich, leide Nichts,
Was Dein heilig Antlitz scheuet:
Weil uns aber Licht gebricht,
O so lehr‘ uns, was gedeihet,
Und beschirm‘ uns vor der Schlange Stich
Ritterlich!

Selig ist, :,: wer im treuen Glaubensstreit
Christi Wesen angenommen,
Und zur wahren Friedsamkeit
Mit den Kreaturen kommen;
Solchem gibt den Geist zum Kindschaftspfand
Gottes Hand.

Selig ist, :,: wem nichts Andres übrig ist,
Weil sein Fleisch und Blut gezäumet,
Als dass ihm der Widerchrist
Gift und Gall‘ entgegen schäumet,
Der den letzten Feind am Siegestag
Übermag!

Du bist HErr; :;: Deine Knechte bleiben wir;
Deines Reichs zahllose Weiten,
Deiner Kräfte offre Tür,
Deine ew’gen Herrlichkeiten
Werden uns von auß- und innen klar:
Das ist wahr!

(Im Juni 1731 zu Kopenhagen gedichtet; der Markgräfin Sophia Christina, Mutter der Königin von Dänemark, gewidmet.)

Zeller, Albert – Lasst den Toten ihre Toten

Lasst den Toten ihre Toten,
Lasst sie graben Grab für Grab!
Aber ihr, des Lebens Boten,
Greifet froh zum Wanderstab!

Blickt hinauf und nicht zurücke,
Haltet in dem Lauf nicht still,
Wenn das Herz von seinem Glücke
Auch im Tod nicht lassen will!

Suchet nicht in Modergrüften,
Was der Erde längst entschwebt,
Und in reinen Himmelslüften
Auferstanden, selig lebt!

Geht hinaus in alle Weiten,
Tuet, wie der Herr euch heißt,
Und verkündiget mit Freuden
Seine Gnade, seinen Geist!

Rühmt euch keines Staubgebor‘nen,
Wie er auch begnadigt sei,
Trauert nicht als die Verlornen,
Wenn sein ird’scher Tag vorbei!

Eingetragen ist sein Leben
In das göttliche Geschick;
Was Gott gab, das wird er geben
Schöner, als er‘s nahm, zurück.

Alles ist ja euer eigen,
Was von Schätzen ruht und lebt
Und in unsichtbarem Reigen
Durch der Himmel Fülle schwebt,

Tod und Leben, Macht und Krone,
Was vor Gott euch wohlgefällt,
Mag es oben, unten wohnen,
Es sei Kephas, sei die Welt.

Aber ihr, ihr seid des Einen,
Der dazu erschienen ist,
Erd‘ und Himmel zu vereinen,
Ihr gehöret Jesu Christ,

Der mit seinem teuren Blute
Euer Selbst erkaufet hat
Und mit göttlich treuem Mute
Litt und starb an Eurer Statt.

Wenn das Haupt einst der Gemeinde
Gottes ew‘ger Majestät
Als der Sieger aller Feinde
Im Triumph entgegen geht,

Und das Reich im Morgenschimmer
Strahlt von der Vollendung Glanz,
Fehlen auch die Seinen nimmer,
Blätter in dem Siegeskranz.

Zeller, Albert – Was kannst du fordern, als das Deine

Was kannst du fordern, als das Deine,
Du Herr, der mir ja Alles gab?
Was bleibt vom Meinen denn das Meine,
Zieht deine Hand von mir sich ab?

Darf ich von Opfergaben sprechen,
Die ich dir bringen soll und will? –
Wenn du willst Blüten, Früchte brechen,
So hält dir deine Pflanze still.

Trag ich nicht Alles nur zu Leben
Von deiner Allmacht Schöpferhuld?
Was du gebeutst1gebietest, das muss geschehen:
Dein ist das Recht, mein ist die Schuld.

Was ists, das ich zu opfern habe,
Als meines Herzens Widerstreit,
Den Hang und Drang nach süßer Labe,
Nach Glück und ird‘scher Seligkeit?

Du suchest nicht, was uns gehöret,
Du suchest uns, uns ganz und gar;
Wir aber nehmen tief betöret
Nur den Verlust, nicht dich gewahr,

Der du in allen unsern Nöten
Dich selber nur uns geben willst
Und selbst im schmerzenreichen Töten
Nur unser tiefstes Sehnen stillst.

Wärst du nicht selbst für uns gestorben,
Wie könnten wir solch Tun versteh‘n?
Du hast im Tod für uns geworden,
Auf dass wir ein zum Leben geh‘n.

So nimm das Herz, das dir gehöret,
Nimm es mit seinem ganzen Leid!
Wer zu der Fahne Christi schwöret,
Der muss auch halten seinen Eid.

Du nimmst die Lieben uns vom Herzen;
Die Liebe selber nimmst du nicht,
Und aus dem Quell der bitter‘n Schmerzen
Ein Strom von Seligkeiten bricht.

Drum stille von den Opfergaben!
Du warst das Opfer, du allein
Wir aber, was wir sind und haben,
Sind dein und bleiben ewig dein.

Zeller, Albert – Wie Vieles hofft das Herz in seinem Wahn

Wie Vieles hofft das Herz in seinem Wahn,
Was es darf nun und nimmermehr empfahn1empfangen!
Wie viel, was es zu hoffen nie gewagt,
Wird ihm zu Teil, noch eh es drum gefragt!
So anders geht es immer als sein Sinn,
Und zum Verlust wird selber der Gewinn:
Es hofft so gut und hat so gründlich schlecht,
Wird Tag für Tag ums beste Gut geschwächt,
Bis mans, von Wunsch und Reu‘ stets neu bewegt,
Am Ende still und tot zu Grabe trägt.
Und ist das weise, arme Seele? sprich!
Meint es der Herr mit dir so jämmerlich?
Hoff gut, hab gut, mach gut, und leide still,
Was seine Gnade dir bescheren will,
Und nach der Erde schnell durchmess‘nem Lauf
Geht dir der Himmel überherrlich auf.

Zeller, Albert – Ich will mein Kreuz mit Freuden tragen

Ich will mein Kreuz mit Freuden tragen
Vom Morgen- bis zum Abendstrahl,
So lang der Herr es mir lässt tagen
Auf Höhen und im tiefen Tal,
Ja durch den Strom der bitter‘n Leiden,
Der an des Lebens Ufer schlägt:
O möge Gott mich nur begleiten,
So lang ein Hauch in mir sich regt!

Was ist mein Kreuz und meine Freude?
Dass ich den irren Wandersmann,
Der auf Stromes düstrer Seite
Kommt klagend und verzagend an,
Darf durch die Flut hinüber tragen
Ans Ufer, das ihm Rettung beut1bietet
Und auf den Lauf von seinen Tagen
Aufs Neue Licht und Hoffnung streut.

O welche Wonne, welch Entzücken,
Wenn seine Rettung ganz gelingt!
Wie nehm‘ ich fröhlich auf den Rücken,
Was mir die nächste Stunde bringt!
O könnt ich immer davon zeugen!
Doch anders will es Gottes Rat,
Ich muss verstummen und mich beugen,
Auch wenn sich Tod und Unheil naht.

Wie braust der Strom oft so gewaltig
In trüben Wogen wild einher!
Wie droht die Not so tausendfaltig,
Wie wird die teure Last so schwer,
Dass es mir ist, als wenn ich trüge
Auf meinen Schultern eine Welt:
Da schau ich eines Kindes Züge,
Das leise mich umschlungen hält.

Es ist mein Heiland, den ich trage!
Wie hab ich das so sehr verkannt?
Zum Jubel wird die stumme Klage,
Er reicht mir lächelnd seine Hand,
Und neue Kraft durchströmt die Glieder
Vom Haupt zur Sohle wunderbar,
Der Sturm verbraust und ruhig wieder
Fließt das Gewässer, rein und klar.

Kurz war die himmlische Erscheinung,
Ich trag die alte Kreuzeslast;
Doch hab ich ihre tiefste Meinung
Ins innerste Gemüt gefasst:
Ich habe meinen Herrn gesehen
In seiner Kindeslieblichkeit,
Ich darf zufrieden weiter gehen
Durch alle Strömung dieser Zeit.

Und reißt sie heute oder morgen
Mich nieder mit der lieben Last,
Ich will darum nicht weiter sorgen,
Bin ich hienieden doch nur Gast:
Der mein und aller Menschen Sünden
Auf seines Lammesschultern trug,
Er lässt auch mich die Heimat finden,
Wenn er einst spricht: Es ist genug!

Zeller, Albert – Hindurch, hindurch mit Freuden!

Hindurch, hindurch mit Freuden!
Das soll die Losung sein!
Hindurch durch alle Leiden,
Durch Kreuz und Not und Pein!

Hindurch, hindurch mit Freuden
Mit Gottes Helm und Sieg
Durch Leiden und durch Streiten
In seinem heil‘gen Krieg!

Hindurch die öden Strecken
Von unsrer Wanderschaft,
Durch Klüfte und durch Schrecken
Mit seinem starken Schaft!

Hindurch durch das Gestrüppe,
Das an uns zerrt und reißt,
Und wie die ganze Sippe
Von kleinem Jammer heißt!

Hindurch durch alle Schmerzen,
Durch Kummer, List und Zorn!
Wir tragen tief im Herzen
Die Rose ohne Dorn!

Und wenn es schwül und traurig
Und trostlos allwärts steht
Und das Gewölke schaurig
Fast bis zur Erde geht:

Hindurch mit Adlerflügeln,
Mit Danken und Gebet,
Hin, wo auf ew‘gen Hügeln
Der Tempel Gottes steht!

Hindurch! hindurch mit Freuden
Selbst durch des Todes Nacht!
Hindurch die letzten Leiden,
Bis dass es heißt: „Vollbracht!“

Zeller, Albert – Lässt auch die Jungfrau von dem Schmuck?

Lässt auch die Jungfrau von dem Schmuck?
Die Braut von ihrem Schleier?
Der Sänger unter Not und Druck
Vom Lied und seiner Leier?

Von seiner Schleuder selbst der Knab?
Von seinem Schwert der Ritter?
Der Pilger von dem Pilgerstab
In Nacht und Ungewitter?

Lässt auch die Mutter von dem Kind,
Und wärs im Löwenrachen?
Der Schiffer unter Sturm und Wind
Vom Ruder und vom Nachen?

Ein Edler je von seinem Recht?
Von seinem sauren Lohne
Selbst der im Staub geborne Knecht?
Der König von der Krone?

Von Allem, was es meint und minnt,
Ein Herz voll lieb und Treue?
Es hegts, es ehrt es hochgesinnt
Und herzt es stets aufs Neue?

Ich freu mich jeder Lieblichkeit
Und jedes Schmucks hienieden,
Was Der und Dem in dieser Zeit
Von Lust und Kraft beschieden:

Und halt mein eignes Kleinod fest
Und trag es auf dem Herzen,
Wie Keiner von dem Seinen lässt,
Und will es nicht verscherzen.

Ich freue mich an seinem Schein
Und halt es an die Sonne
Im stillen Kämmerlein allein
Als meine Lust und Wonne.

Albert Zeller – Lasst den Toten ihre Toten

Lasst den Toten ihre Toten,
Lasst sie graben Grab für Grab!
Aber ihr, des Lebens Boten,
Greifet froh zum Wanderstab!
Blickt hinauf und nicht zurücke,
Haltet in dem Lauf nicht still,
Wenn das Herz von seinem Glücke
Auch im Tod nicht lassen will!

Suchet nicht in Modergrüften,
Was der Erde längst entschwebt,
Und in reinen Himmelslüften
Auferstanden, selig lebt!
Geht hinaus in alle Weiten,
Tuet, wie der Herr euch heißt,
Und verkündiget mit Freuden
Seine Gnade, seinen Geist!

Rühmt euch keines Staubgebornen,
Wie er auch begnadigt sei,
Trauert nicht als die Verlornen,
Wenn sein irdischer Tag vorbei!
Eingetragen ist sein Leben
In das göttliche Geschick:
Was Gott gab, das wird er geben
Schöner, als ers nahm, zurück.

Alles ist ja euer eigen,
Was von Schätzen ruht und lebt
Und in unsichtbarem Reigen
Durch der Himmel Fülle schwebt,
Tod und Leben, Macht und Krone,
Was vor Gott euch wohlgefällt,
Mag es oben, unten wohnen,
Es sei Kephas, sei die Welt.

Aber ihr, ihr seid des Einen,
Der dazu erschienen ist,
Erd und Himmel zu vereinen,
Ihr gehöret Jesu Christ,
Der mit seinem teuren Blute
Euer Selbst erkaufet hat
Und mit göttlich treuem Mute
Litt und starb an Eurer Statt.

Wenn das Haupt einst der Gemeinde
Gottes ewger Majestät
Als der Sieger aller Feinde
Im Triumph entgegen geht,
Und das Reich im Morgenschimmer
Strahlt von der Vollendung Glanz,
Fehlen auch die Seinen nimmer,
Blätter in dem Siegeskranz.