Arndt, Ernst Moritz – Der Liebe Unaussprechlichkeit

O könnt‘ ich doch von Liebe sprechen,
Wie Liebe unergründlich ist,
Wie sie in Adern Quellen Bächen
Und Strömen jede Brust durchfließt!
Dann würde dieses Herz ein Schall,
Der klänge durch das weite All.

O könnt‘ ich doch von Liebe klingen,
Wie Liebe süß von Tönen klingt,
Wie sie, das ew’ge Wort, den Dingen
Geheimnißvoll das Leben bringt!
Dann würde dieses Herz ein Klang
Vom Aufgang bis zum Niedergang.

O könnt‘ ich doch von Liebe girren,
Wie Liebe zärtlich lockt und girrt,
In Lerchenliedern aufwärts schwirren,
Wie’s nur in mir lebendig wird!
Dann würd‘ ich bald im süßen Schall
Die hellste Liebesnachtigall.

O süße Liebe, fromme Liebe,
Die auf die Welt hernieder kam,
Aus unermeßlich reichem Triebe
Für uns den Tod am Kreuze nahm,
O süße Liebe, sel’ge Brunst!
In dir zerrinnet jede Kunst.

O süße Liebe, fromme Liebe!
O ungestillter Sehnsucht Schmerz!
Die gern uns all‘ auf einmal hübe
Empor an deines Vaters Herz,
Ich fühle deines Athems Wehn,
Und Wort und Stimme muß vergehn.

Arndt, Ernst Moritz – Des Reisenden Abendlied

Gegangen ist das Sonnenlicht,
Still schweiget Feld und Hain,
Und hell am Firmamente bricht
Hervor der Sterne Schein,
Und hell aus stiller Seele blitzt
Ein wundersamer Strahl
Von dem, der ewig waltend sitzt
Im hohen Himmelssaal.

Wie wäre doch das Menschenkind
So elend, so allein,
Wenn nicht von oben zart und lind
Ihm käme dieser Schein!
Es wäre nichts als Trug und Wahn,
Ein zitternd Blatt am Baum,
Ein Körnlein Sand im Ocean,
Ein Traumbild fast vom Traum.

Das Leben wallt von Ort zu Ort,
Hat nimmer Ruh noch Rast,
Und treibt im wilden Fluge fort,
Geschnellt durch eigne Hast;
Es brauset wie ein schäumend Meer,
Das keine Ufer kennt,
Und wirft uns Tropfen hin und her
Im wilden Element.

Drum komm, o du, der Frieden bringt,
Du Gott, in stiller Nacht,
Wo hell die Engelglocke klingt
Bei goldner Sterne Pracht –
Komm, wirf den frommen Liebesstrahl
Mir warm ins arm Herz,
Und die Gedanken allzumal
O zieh sie himmelwärts!

Drum komm mit deinem Engelheer,
Du lieber Vater gut!
Du bist die einzig feste Wehr,
Die einzig sichre Hut;
Gar nichtig ist der Menschen Macht,
Die eitle Eitelkeit,
Was Gott bewacht, ist wohl bewacht
Hier und in Ewigkeit.

Arndt, Ernst Moritz – Des Knaben Abendlied

Die Welt thut ihre Augen zu
Und alles wird so still,
Auch ich bin müde und zur Ruh
Ich auch mich legen will:
Ich leg‘ im stillen Kämmerlein
Mich in mein Bettchen warm,
Und Engel sollen Wächter seyn
Vor jedem Trug und Harm.

Du lieber Gott, der uns die Nacht
Mit Mond und Sternen schuf,
Der himmlisch uns das Herz gemacht
Für himmlischen Beruf,
Der uns den lichten Himmelschein
Gesenkt in tiefe Brust,
Damit wir sollen selig seyn
Durch deiner Liebe Lust;

Du lieber Gott, du gehst mit mir
Ins stille Kämmerlein,
Und stellst die Wächter an die Thür,
Die Engel fromm und fein;
Sie treten leis‘ und sanft daher
Und halten treue Hut,
Daß diese Nacht und nimmermehr
Mir nichts was Leides thut.

Nun habe Dank für diesen Tag
Und Dank für jede Freud‘!
Ich weiß nicht, was ich beten mag
Mit rechter Herzlichkeit;
Du weißt am besten, was ich will,
Du liebster, treuster Hort,
Drum bin ich mit den Lippen still,
Gott ist mein einzig Wort.

Arndt, Ernst Moritz – Unendlichkeit Gottes

Wer hat den Sand gezählt,
Welcher im Wasser haust?
Wem hat kein Blatt gefehlt,
Wann der November braust?
Wer weiß im Januar,
Wie viel der Flocken wehn?
Wie viele auf ein Haar
Tropfen auf’s Weltmeer gehn?

Wer mißt den Ocean,
Wo er am tiefsten fließt?
Wer mag die Strahlen fah’n,
Welche die Sonne schießt?
Wer holt das Lichtgespann
Fliegender Blitze ein?
Nenne den Wundermann!
Keiner mag größer seyn.

Gott ist der Ohnezahl,
Vor dem die Zahl vergeht,
Der durch den Sternensaal
Sonnen wie Flocken weht;
Gott ist der Ueberall,
Gott ist der Ohnegrund,
Schneller als Licht und Schall,
Tiefer als Meeresgrund.

Sandkörner zählest du,
Nimmer die Freundlichkeit,
Weltmeere missest du,
Nie die Barmherzigkeit,
Sonnenstrahl holst du ein,
Nimmer die Liebe doch,
Womit sein Gnadenschein
Sündern entgegen flog.

Arndt, Ernst Moritz – Morgengebet

Die Nacht ist nun vergangen,
Der Morgen steht so herrlich da,
Und alle Blumen prangen
Und alle Bäume fern und nah;
Auf Feldern und auf Wiesen,
In Wald und Berg und Thal
Wird Gottes Macht gepriesen
Von Stimmen ohne Zahl.

Die frommen Nachtigallen
Sie klingen hellen Freudenklang,
Die Lerchen höchst vor allen
Zum Himmel tragen sie Gesang,
Der Kukuk auf den Zweigen
Und auch der Zeisig klein
Sie wollen sich dankbar zeigen,
’s will keiner hinten seyn.

Und ich? Ich sollte schweigen?
Ich, Gottes reiches Ebenbild?
Durch das mit Liebesneigen
Der Feuerstrom der Gottheit quillt,
Dem er die Sternenlichter
Zur Brüderschar geweiht
Und Engelangesichter
Verklärt in Herrlichkeit?

Das Wild im grünen Walde,
Der Vogel auf dem grünen Baum,
Sie priesen also balde
Den Vater überm Sternenraum?
Es sumsete die Imme,
Das Würmchgen seine Lust,
Und ich hätt‘ keine Stimme
Des Lobes in der Brust?

Nein, Vater aller Güte,
Du meiner Seele Freudenlicht,
Wie gern will mein Gemüthe!
Doch meine Worte können nicht.
Wer mag dich würdig preisen,
Durch den die Welten sind,
Von dem die tiefsten Weisen
Kaum lallen wie ein Kind?

O Herr, la0 mich auch heute
In deiner Liebe wandeln treu,
Daß ich der Sünden Beute,
Der Eitelkeiten Spiel nicht sey;
Laß mich nach deinem Bilde
Den Weg der Tugend gehn:
So wird der Tag mir milde,
So kommt der Abend schön.

Arndt, Ernst Moritz – Himmelssehnsucht

Es lebt ein Geist, durch welchen alles lebt,
Durch den die Sonne kreist,
Der Blumenbusch die goldnen Köpfchen hebt,
Den Lenz der Vogel preist;

Durch den das Menschenherz, das Wunderding,
Vor eignen Wundern bebt,
Wenn er es mächtig zu dem Sonnenring
In tiefster Sehnsucht hebt.

O Geist der Geister! knieend bet‘ ich an,
Was keine Zunge spricht.
Zieh‘, ew’ges Licht, den kleinen Funken an!
Er will zu deinem Licht.

Er floß vom sel’gen Götterlande aus
Herab zur Erdenflur
Und sehnt sich ewig nach dem Sonnenhaus,
Nach himmlischer Natur.

O Geist der Geister, trage mich empor!
Und mache ganz mich dein!
Es ist mein Vaterland, was ich verlor:
Der Himmel ist ja mein.

Wylhelm Forstenborch – Ein schön geistlick Ledt

In Lyfflandt.

Ach Godt wil my erhören,
Ick rope van herten leidt,
De sünde in my sick rogen,
Wercket thorn unde grote vordret.
Tho dy darum ick rope,
Du bist myn trost allein,
Tho du steit all myn höpen,
Make my dyner gnade gemein.

De Düvel um my schwevet
Mit gewalt und arge list,
Wol kan nen wedderstreven,
So du nicht helpen wilt.
In sünden hölt he my gefangen,
Bedecket mit flesches lust,
Mit der werlt präl behangen;
Sin ernst was my unbewust.

Das Gesette my ock drouwet,
De Helle vor ogen steit.
Min sünd my hertlick rüwet,
Bekenne und is my leidt.
Noch moth ick, Herr, vortzagen
In dyner gerechticheit,
So du nicht uth bloter gnade
Bedeckest mine swackheit.

Wol dem, de up dy buwet,
O Christ, der gnaden thron,
Und dynem worde gelövet,
De ist gehilliget schon.
Kamet her, de gy sint beladen,
Bekennet juwe sünde und nodt;
Ick will juw all begnaden,
Dat gy nicht wercken den dodt.

Mynen Geiist will ick ock schencken,
De juw regeren schall,
Den olden Adam tho dempen,
Dat he frisch averall.
Hert, modt, sinn und wille
Regere na miner lehr,
Holdt hir im geloven stille,
So bistu gebaren weer.

Myne ware trüwe tho gedencken,
Dar ick mede leve dy,
Holdt dy an myne Sacramente,
Dat du vast trüwest up my;
Lerest de sünde afsterven,
Thonemen in gerechticheit,
So is de gnade erworven,
Dat du levest in ewicheit.

Myne seele dy hyr vor priset,
Godt Vader in ewicheit.
Godt Sön, de du my wisest
Den wech thor salicheit,
Dörch den hilligen Geist erholde
Im rechten worde dyn,
Dat ick nicht in leve erkolde
Jegen dy unde dem negesten myn.

Schweiger, Rupert – Exulantenlied

In Gottes Namen tret‘ ich an
Den Weg und die Verfolgungsbahn,
Gott geht mit uns und steht uns bei,
Ob es auch finster um uns sei.

Um Gottes Wort war ich betrübt,
Das ich verborgen hab‘ geübt,
Dieß war mein Trost in Sorg und Leid,
In Trübsal und in Traurigkeit.

Mein Gott, ich folg‘ dir willig nach,
Durch Hohn und Spott, durch alle Schmach;
Denn wer da will dein Jünger sein,
Der muß nicht scheuen Schmach und Pein.

Ich nehm‘ den Stab in meine Hand,
Zeuch mit Jacob in fremde Land;
Bin ich schon arm und elend hier,
Bin ich, o Gott! doch reich bei dir.

Bloß um der reinen Glaubenslehr‘
Werd‘ ich verjagt, Gott sei die Ehr‘;
Dem Jünger soll’s nicht besser gehn,
Als selbst dem Meister ist geschehn.

O Gott, du bist mein Wanderstab,
So lang’ich leb‘, bis in mein Grab,
Du führst mich durch das Todesthal
Zu dir in schönen Himmelsaal.

Du trägest uns auf deiner Hand
Nach unserm rechten Vaterland,
Herr, wer dich hat, ist reich genug
Auf seinem Exulantenzug.

Das zeitlich Gut mag fahren hin,
Wann nur der Himmel mein Gewinn.
Wer Jesum hat, ist reich genug
Auf seinem Exulantenzug.

Kein Acker, Wiesen, Haus noch Geld,
Nimmt man mit sich von dieser Welt;
D’rum mögen sie zurücke stehn,
Weil wir als Pilgrim davon gehn.

Leb‘ wohl, du werthes Vaterland,
Dem ich den Rücken hab‘ gewandt;
Gott sei mit dir und auch mit mir,
Ich reis‘ in Gottes Schutz von dir.

Schaitberger, Joseph – Exulantenliede

I bin ein armer Exulant,
A so thu i mi schreiba,
Ma thuet mi aus dem Vaterland
Um Gottes Wort vertreiba.

Das waß i wol, Herr Jesu mein,
Es iß dir a so ganga,
Itzt will i dein Nachfolger sein,
Herr! mach nach dei’m Verlanga.

Ei Pilgram bin i halt nunmehr,
Muß rasa fremde Strosa.
Das bitt i di, mein Gott und Herr,
Du wirst mi nit verlosa.

Den Glauba hob i frei bekennt,
Des darf i mi nit schäma,
Wenn mo mi glei ein Kezer nennt,
Und thuet mir’s Leba nehma.

Ketha und Banda wor mi men Ehr,
Um Jesu willa z’dulta,
Un dieses macht die Glaubenslehr‘,
Und nit mein böß Verschulda.

Muß i glei in das Elend fort,
Will i mi do nit wehra,
So hoff i do, Gott wird mir dort
Och gute Fründ beschera.

Herr, wie du wilt, so gib mi drein,
Bei dir wil i verbleiba,
I wil mi gern dem Wille dein
G’dultig unterschreiba.

Müß i glei fort, in Gottes Nom‘!
Un wird mir alles genomma,
So was i wol, die Himmelkron‘
Wer i onmal bekomma.

So müß i heut von meinem Haus,
Die Kinderl müß i losa,
Mein Gott, es treibt mir Zährel aus,
Zu wandern fremde Strosa.

Mein Gott, führ mi in ene Stodt,
Wo i dein Wort kann hoba,
Darin will i di früh und spot
In meinem Herzl loba.

Sol i in diesem Jammerthol
Noch länger in Armuth leba,
So hoff i do, Gott wird mir dort
Ein bess’re Wohnung geba.

Claudius, Matthias – Anfang der „Wandsbecker Romanze“

Gesetzt, du wärst, dich zu erfreun,
Und ob des Leibes Stärke,
In Hamburg (Fleisch und Fisch und Wein
Sind hier sehr gut, das merke!)

Und hättest Wandsbeck Lust zu sehn,
Und bist nicht etwa Reiter;
So mußt du aus dem Thore gehn,
Und so allmählich weiter.

Zu Wagen kannst du freilich auch,
Das kann dir niemand wehren;
Doch mußt du erst nach altem Brauch
Des Fuhrmanns Meinung hören;

Und wenn der nichts dagegen hat,
So hab‘ ich nichts zu sagen.
Reit‘ oder geh‘, doch in der That
Am besten ist’s zu Wagen.

Nur siehe fleißig vor dich hin,
So wirst du schaun und sehen
Da einen Wald, wo mitten d’rin
Lang Thurm und Häuser stehen.

Ad vocem Thurm fällt mir gleich ein,
Daß einst im Pisa-Lande
Mit dreien Kindern, jung und fein!
Ein Mann von hohem Stande

Verriegelt worden jämmerlich;
’s ist schrecklich zu erzählen,
Wie da der Alte mußte sich,
Wie sich die Kinder quälen.

Wer nicht versteht Reim und Gedicht
Kann ihre Qual nicht sprechen;
Sie saßen da und hatten nicht
Zu beißen noch zu brechen,

Und hatten Hunger – ach, der Tod
War hier Geschenk und Gabe,
Drei Tage lang bat Gaddo Brod,
Dann starb der arme Knabe.

Um seine kleine Leiche her
Wankt Vater, wanken Brüder,
Und starben alle so wie er
Nur später – aber wieder

Zu kommen auf dem Thurm im Wald,
Den du thust schaun und sehen,
So merke nun auch wasgestalt
Mit dem die Sachen stehen.