Franck, Johann – Um fruchtbaren Regen

Weise: Herr, ich habe missgehandelt

Gott, des Güte sich nicht endet,
Hast du denn die Vaterhand
Gänzlich von uns abgewendet?
Willst du uns und unser Land
Mit den vielgedräuten Plagen
Ganz und gar zu Boden schlagen?

2. Warum willst du, Gott der Götter,
Über uns so zornig sein?
Ach, was sind wir? Stoppeln, Blätter,
Würmer, Schaum, ein leerer Schein.
Lass Doch unsre heißen Zähren
Deinen Zorn in Gnade kehren.

3. Sieh, o Herr, das Feld muss trauern,
Weil es nicht getränket wird,
Unsre Äcker sind wie Mauern,
So ist alles ausgedürrt.
Unsre Gründe sind ganz trocken,
Und die Saat die bleibet stocken.

4. Ist der Himmel denn verschlossen,
Soll hinfort das Wolkenfass
Nicht mehr werden ausgegossen?
Soll hinfort des Himmels Nass
Nicht mehr unser Feld ergötzen,
Nicht mehr unser Feld benetzen?

5. Soll das Land nun eisern werden,
Soll das Feld nun öde stehn?
Sollen wir samt unsern Herden
Gar verschmachten, gar vergehn?
Ach Herr, lass dich doch bewegen,
Lass doch deinen Zorn sich legen!

6. Denke doch an deinen Bogen,
Den du in die Luft gestellt,
Als Du Deinen Bund vollzogen
Nach der Sündflut erster Welt.
Du, Herr, hast noch nie gebrochen,
Was Du damals hast versprochen.

7. Ja, du hast mit deinem Segen
Und zu jeder Zeit beschenkt,
Hast mit früh- und spätem Regen
Unser dürres Land getränkt;
Denn dein Wort bleibt ewig stehen,
Muss gleich Erd‘ und Luft vergehen.

8. Drum, o Herr, wir wollen trauen,
Du wirst unsre Bitt‘ erhör’n,
Du wirst unsre Kelter bauen
Und derselben Früchte mehr’n,
Du wirst uns mit Fülle speisen,
Dass wir dich drum werden preisen.

Franck, Johann – Christlicher Soldaten Türkenlied.

Weise: Freu dich sehr, o meine Seele.

Auf, und eile dich zu rüsten,
Fast ein’n tapfern Heldenmut,
O du kleine Schar der Christen,
Sei getrost, die Sach‘ ist gut.
Unser Heerzug und Gefecht
Ist vor Gott und Menschen recht,
Jesus selbst wird mit uns kämpfen
Und des Tartar’s Hochmut dämpfen.

2. Ob wir gleich zu Felde liegen
Schwach an Zahl, an Kräften leer,
Wie ein‘ Herde kleiner Ziegen
Gegen dieses große Heer;
Doch hat Gottes Macht kein Ziel,
Er ist selber mit im Spiel,
Ja er steht vorn an der Spitzen
Und will uns getreulich schützen.

3. Drum fort, fort! nur fort zum Streiten,
Jesus soll die Losung sein,
Der steh‘ uns allhier zur Seiten,
Gebe selbst den Schleuderstein
Unserm David in die Faust,
Wenn der Goliath jetzt braust,
Dass er diesem Ungeheure
Seinen frechen Frevel steure.

4. Steh‘, o Sonn‘, am Himmel stille,
Und du, Monde, weiche nicht,
Bis der Christen Heer erfülle
Seiner Tapferkeiten Pflicht.
Unser’s Feldgeschreies Macht
Wer‘ jetzt jenem gleich geacht’t,
Da zu Jericho mit Knallen
Türm‘ und Mauern mussten fallen.

5. Lass sie unsre Waffen schmecken,
Herr, gib unsrer Ritterschaft
Simsons Kinnback‘, Samgar’s Stecken
Und des Jerub-Baal’s Kraft.
Uns müss‘ jedes Tages Schein
Ein Tag guter Botschaft sein,
Dran man freudig höre sagen:
Unsre Feinde sind geschlagen!

6. Lass sie in die Luft zerstreuen,
Lass des Achmet’s ganzen Stamm
Gleich des Jabin’s Schützen schreien;
Und lass sie vom Bileam
Hören einen harten Spruch.
Gib uns Segen, ihnen Fluch,
Lass sie an des Ebals Höhen
Und uns auf dem Grisim1Der Berg in Samaria, auf dem der Segen über Israel erteilt wurde, im Gegensatz zu dem Fluch, der auf dem Berg Ebal ausgesprochen wurde (5. Mo 11,29; 27,12; Jos 8,33; Ri 9,7). stehen.

7. Nun, o Herr, in deinem Namen
Greifen wir den Feind frisch an,
Sprich hierzu dein kräftig Amen
Als der große Siegesmann.
Doch wo uns ja durch das Schwert
Unser End‘ hier ist beschert:
Ei, so bleibet uns doch heute
Gar der Himmel selbst zur Beute.

Franck, Johann – Lied eines Predigers um göttlichen Beistand in seinem Amte.

Nach dem Latein. des Johann Magnus.
Weise: Von Gott will ich nicht lassen.

Christe, groß von Namen,
Wort von Ewigkeit,
Der du des Wortes Samen
Hast reichlich ausgestreut:
Erhalt uns dessen Saft,
Lass es mit Andacht hören,
Gib Diener, die es lehren,
Beschütze sie mit Kraft.

2. Auch mich, den du geladen,
Dein Bot‘ und Knecht zu sein,
Regier, o Herr, mit Gnaden,
Dein Geist zieh in mir ein.
Zum Amte gib auch du,
O Jesu, neuen Segen,
Geuß deinen Himmelsregen
Auf meine Hörer zu.

3. Indem ich jetzt mit Treuen
Dein Säwerk pflanz‘ und, düng‘,
O Herr, so gib Gedeihen,
Damit mein Werk geling‘.
All‘ unser Fleiß zerrinnt,
All‘ Arbeit ist vergebens,
Wofern, o Brunn des Lebens,
Dein‘ Hilfe sich nicht find’t.

4. Wenn du mich wirst regieren
Durch deines Segens Schein,
So kann, Herr, mein Studieren
Nicht ohne Nutzen sein.
Stehst du bei mir, Herr Christ,
So acht‘ ich Niemand’s Neiden,
Kein Feind kann mich beleiden,
Wenn du mir nahe bist.

5. Wenn ich mich dir ergebe
Und du mir wohnest bei,
Ist mir die Spinnenwebe
Ein Bollwerk und Bastei.
Hingegen wenn dein Heil
Bei mir jetzt will zerrinnen,
Ist das Geweb‘ der Spinnen
Mir wie ein tödlich Pfeil.

6. Wohlan! der Herr behüte
Mein Leben für und für,
Es wohne seine Güte
In, bei und über mir.
Der Herr‘ behüt‘ allzeit
Den Eingang und daneben
Den Ausgang aus dem Leben
In ew’ge Ewigkeit.

Johann Anastasius Freylinghausen – Die rechte Weisheit.

Weise: Freu dich sehr, o meine Seele.

1. Kommt, ihr Menschen, lasst euch lehren,
Kommt und lernet allzumal,
Welche die sind, die gehören
In der rechten Weisen Zahl,
Und die billig jedermann
Als verständig siehet an,
Ob gleich viele sie verlegen
Und ihr Tun für Torheit schätzen.

2. Weise sind, die sich selbst kennen,
Wie so gar verderbt sie sind;
Die sich selber Toren nennen
Und befinden, wie so blind
Beides, Wille und Verstand,
Weil sie sich von Gott gewandt;
Die sich ihrer Torheit schämen
Und zur Buße sich bequemen.

3. Weise sind, die Christum wissen
Durch des Geistes Glaubenslicht;
Die ihn als die Weisheit küssen,
Der es nie an Licht gebricht;
Die die Weisheit dieser Welt
Und was sonst die Welt hochhält
Fahren lassen aus den Sinnen,
Um nur Christum zu gewinnen.

4. Weise sind, die Gott stets flehen
Um den Geist, der weise macht;
Die nach dessen Leitung gehen
Und darauf stets haben Acht;
Denn die Gottes Geist nicht lehrt,
Bleiben töricht und verkehrt,
Ob sie gleich von Geistessachen
Können kluge Worte machen.

5. Weise sind, die sich erwählen
Gottes Wort zum Prüfestein,
Damit sie nicht mögen fehlen,
Zu erkennen Kraft und Schein.
Wer will den betrügen leicht,
Der von Gottes Wort nicht weicht,
Das, wenn alles auch vergehet,
Ohn Aufhören doch bestehet?

6. Weise sind, die das nicht suchen,
Was nicht ewig währen mag,
Und die kurze Lust verfluchen,
Die da bringt ein langes Ach;
Die nicht lieben in der Welt
Ehre, Wollust, Gut und Geld,
Sondern allem dem absagen,
Weil es doch nur mehrt die Plagen.

7. Weise sind, die Gott ergreifen
Als ihr höchst und bestes Teil,
Und nicht lang um ihn herschweifen,
Weil doch ohne Gott kein Heil;
Die sich ihn zum Zweck gesetzt,
Die sonst nichts als er ergötzt
Und ihm zu gefallen trachten,
Die kann man recht weise achten.

8. Weise sind, die sich nicht schämen,
Sondern deren Sinn sich lenkt,
Christi Kreuz auf sich zu nehmen,
Den man selbst ans Kreuz gehenkt.
Christi Kreuz bringt lauter Licht,
Das verdunkelt nimmer nicht;
Wer recht weise denkt zu werden,
Liebe Christi Kreuz auf Erden.

9. Weise sind und voll Verstandes,
Die, so lang sie wallen hier,
Ihres rechten Vaterlandes
Mit entzündeter Begier
Sind und bleiben eingedenk
Und nicht mit der großen Meng
Andrer sich hier feste setzen,
Sondern sich als Pilgrim schätzen.

10. Herr, des Weisheit zu erreichen
Keinem möglich hier auf Erd,
Hilf, dass dieser Weisheit Zeichen
Ich aus Gnaden fähig werd;
Gib, dass ich mich selbst recht kenn,
Christum meine Weisheit nenn,
Dich um seinen Geist stets flehe
Und vom Worte nie abgehe.

11. Dass ich alles Eitle hasse
Und nur dich allein erwähl,
Christi Schmach und Kreuz auffasse
Und stets meine Tage zähl.
Vater, hilf samt deinem Sohn
Und dem Geist von deinem Thron,
Dass ich möge hier auf Erden
Doch so klug und weise werden.

Johann Anastasius Freylinghausen – Der erste Psalm Davids.

Weise: Schönster aller Schönen, meines Herzens Lust.

1. Wohl dem, der nicht wandelt in der Bösen Rat,
Und der keinen Teil nimmt an der Sünder Tat;
Der den Spötter fliehet und sich ihm entziehet,
Wenn er Trug und List in seinem Sinn vor hat.

2. Wohl dem, der mit Freuden und mit Lust erwägt,
Was uns Gott vom Himmel durch sein Wort vorlegt;
Der drauf fleißig achtet, der es recht betrachtet
Und, dran alles liegt, es tief ins Herze prägt.

3. Er ist zu vergleichen einem Baum am Fluss,
Der auch, wenn es dürr ist, Frucht bringt ohn Verdruss,
Dessen Blätter bleiben und sich nie zerreiben;
Was er macht ihm alles wohl gelingen muss.

4. Aber die Gottlosen sind wie leichte Spreu,
Blühen sie gleich heute, morgen sind sie Heu.
Wenn der Herr wird kommen zum Trost aller Frommen,
Werden jene fühlen, dass Gott Richter sei.

5. Er wird ihnen lohnen, wie sie es verdient,
Und weil sie in Zeiten sich nicht ausgesühnt
Mit ihm, wird sein Schrecken flutenweis sie decken,
Wenn der Frommen Schar hingegen vor ihm grünt.

6. Jesu, großer Richter, wahrer Menschensohn,
Der du mit dem Vater sitzest auf dem Thron,
Lass mich Sünde hassen und, was gut, nicht lassen,
Bis du kommst, und mit dir kommen wird dein Lohn.

Johann Anastasius Freylinghausen – O unbegreiflich herrlich Wesen.

Weise: Wo ist der Schönste, den ich liebe.

1. O unbegreiflich herrlich Wesen,
teur und allerhöchstes Gut,
An welchem klebt mein Sinn und Mut,
Das ich zu meinem Teil erlesen;
O Quell, nach der mein Herze schreiet,
Und mein Geist dürstet Tag und Nacht,
Indem mein alles sich erfreuet,
Wenn deine Füll mich trunken macht.

2. Soll ich jetzt, wie ich bin, bekennen
Und sagen, wie mir ist ums Herz,
Ob dich bewegen möcht mein Schmerz,
So mag ich einen Hirsch mich nennen,
Den Hitz und Dürre heftig plaget,
Und den sein Durst fast ganz entseelt,
Der aber über nichts mehr klaget,
Als dass es ihm an Wasser fehlt.

3. Darum ich meine Stimm erhebe,
Ich schreie auch wohl ohne Stimm
Und seufze nur: Ach Herr, vernimm,
Vernimm es doch, damit ich lebe,
Und mich nicht Hitz und Durst verzehre,
Ohn dass ich eine Labung spür!
Dein Trank, o Gnadenquell, mich nähre,
So lang ich muss noch wallen hier.

4. Was ist es, das mich sonst erquicket,
Als dieser reine Lebenssaft
In dieser meiner Pilgrimschaft,
Darin noch manche Not mich drücket?
Der Trost, den uns die Welt einschenket,
Ist Gift mit Zucker untermischt;
Dein Wasser aber, das uns tränket,
Jesu, Geist und Seel erfrischt.

5. Sag an, den meine Seele liebet,
Mein auserkorner Bräutigam,
Mein holder Hirt und auch mein Lamm,
Was für ein Ort die Weide gibet?
Was für ein Brünnlein du ersehen?
Doch du bist selbst mein Quell und Brunn;
Wie gern wollt ich doch bei dir stehen,
Ja, gar in deinem Schoße ruhn!

6. So eile denn mit vollem Springen
Zu mir gleich einem Hirsch und Reh,
Da ich selbst, wo ich geh und steh,
In dich so suche einzudringen.
Mein Trost, verweile nicht so lange,
Der Hirsch muss bald gekühlet sein;
Lass ihn nicht immer sein so bange,
Du bist ja sein und er ist dein.

Johann Anastasius Freylinghausen – Höchste Vollkommenheit, seligstes Wesen.

Weise: Seligstes Wesen, unendliche Wonne,

1. Höchste Vollkommenheit, seligstes Wesen,
Reineste Wollust, Beherrscher der Welt,
Herrlichste Majestät, die sich erlesen
Zu ihrer Hofstadt das himmlische Zelt,
Allwo dich preisen
Mit tausend Weisen
So viel im Lichte vereinigte Scharen
Der Seraphinen, die auf- und abfahren.

2. Selig sind alle mit diesen zu schätzen,
Die vor dem Throne der Herrlichkeit stehn,
Die an der Fülle des Lichts sich ergötzen
Und ohne Vorhang dich wie du bist sehn,
Deren Gemüte
Der Strom der Güte
Völlig und sonder Abwechslung durchfließet,
Da man hienieden kaum Tröpflein genießet.

3. Wär doch mein Geist erst von hinnen geführet
Und in das Luftschloss des Himmels versetzt,
Wo das vollendete Heer triumphieret
Und sich in ewigen Freuden ergötzt!
Wenn soll ich sehen
Die Zeit angehen,
Die mich so selig und herrlich beglücket
Und mich zu jener Gesellschaft hinrücket?

4. Doch warum wünsch ich entrücket zu werden,
Eh denn es Zeit ist, dem Stückwerk der Zeit?
Gnug, dass ich selig auch hier schon auf Erden,
Obgleich der Geist noch nicht völlig befreit.
Darf ich doch wagen,
Hoffend zu sagen,
Dass ich zu rechter Zeit auch werd erlangen
Das, womit jene, die droben sind, prangen.

5. Lass nur inmittelst mein Dichten und Trachten
Ja, Herr, auf nichts hier gerichtet sonst sein,
Als wie ich möge, was irdisch, verachten
Und dir anhangen, dem seligsten Ein.
Was da will hindern
Und in mir mindern
Den Durst des Geistes nach dir, o mein Leben,
Müsse sein Leben zum Tode hingeben.

6. Stärke hingegen das zarte Verlangen
Nach einer nähern Gemeinschaft mit dir.
Dich, das vergnüglichste Gut, zu umfangen,
Lass sich stets mehren der Liebe Begier.
Lehre mich eilen
Und nicht verweilen,
Nach dir, dem höchsten Zweck, mich stets zu lenken
Und mich dir gänzlich zum Opfer zu schenken.

7. Sollt ich auch etwa, wie oftmals geschehen
Und dir Allwissendem wohl ist bewusst,
Eh ichs vermerke mich von dir vergehen
Durch die Verwirrung betrüglicher Lust,
So lass mein Weichen
Dazu gereichen,
Dass ich aufs künftige treuer dich liebe
Und mich im Wachen und Beten stets übe.

8. Nun, ich begehre dich ewig zu haben
Und auch ohn Ende dein eigen zu sein;
Himmel und Erde und was sie für Gaben
In sich besitzen sind ohne dich Pein.
Ich wills nicht achten,
Ob schon verschmachten
Mein Leib und Seele, ja ob ich auch sterbe,
Wenn du nur bleibest mein Teil und mein Erbe.

Salomon Liscovius – Vom heiligen Geiste.

Weise: Ach Gott und Herr.

1. Gott heilger Geist,
Der du verheißt,
Bei Frommen einzuziehen:
Komm auch zu mir,
Dass ich mit dir
Das Böse möge fliehen.

2. Komm süßer Gast,
Nimm weg die Last
Und Gräulichkeit der Sünden,
Dass deine Gunst
Und Liebesbrunst
Bei mir sich möge finden:

3. Du bist ein Geist,
Der unterweist
Und alle Blöden lehret;
Durch deinen Mund
Wird Gottes Bund
Und Gnadenreich vermehret.

4. Du bist ein Geist
Der nährt und speist
Durch’s Wort und deine Gaben;
Du bist das Brot,
Das in der Not
Mich kräftiglich kann laben.

5. Ich bitte dich:
Beschenke mich
Mit deinen werten Schätzen,
Auch wöllest du
Zur steten Ruh
Dich in mein Herze setzen.

6. Du Lebenssaft,
Lass deine Kraft
Mich trösten und erquicken,
Dass mich die Not
Und auch der Tod
Nicht mögen unterdrücken.

7. Du liebes Pfand,
Lass deine Hand
Mein Kreuz und Leid versüßen,
Auch dort bei dir
Mich für und für
Die Seligkeit genießen.

Albert Zeller – Mit selgem Schauer lese ich die Züge

Mit selgem Schauer lese ich die Züge
Von deiner teuren, vielgeliebten Hand;
Ist es mir doch, wenn ich sie seh, als trüge
Ein Engel mich zu dir ins ferne Land;
Du bist mir nah und Raum und Zeit verschwinden,
Wie sie uns einst in leichtem Geistesflug
Weit über Land und Meere ließen finden,
So lang mein Leber seine Krone trug.

Du tot, und diese Liebeszeichen leben
In flüchtgen Lettern Flüchtigem vertraut?
Du tot, und was du im Vorüberschweben
Berührt, als wärs aus Ewigem gebaut?
Was du mir Treues, Liebes hast geschrieben,
Von deinem Licht ein holder, milder Schein,
Wie jetztgezaubert, und dein ganzes Lieben,
Dein Licht, dein Herz in einem Totenschrein?

Wenn schon dem Blatt, das hier die Hand berühret,
Unsterbliches die Liebe eingehaucht,
Ist nicht der Geist, der diese Hand geführet,
In Morgenlicht und Ewigkeit getaucht?
Er ist und bleibet, was er ist gewesen;
Die Strahlen sind die Sonne selber nicht,
Und was von Gottes Zügen er gelesen,
Vergisst er auch in Ewigkeiten nicht.

War nicht dein Herz, so lang es hier geschlagen,
Ein Brief des Herrn von seiner eignen Hand?
O eitle Furcht, dass je ein solches Tagen
Für immer sich in Nacht und Tod gewandt!
Was Gottes Geist mit Flammenschrift geschrieben
In ein lebendges, warmes Menschenherz,
Das trägt das Zeichen von dem ewgen Lieben,
Und seine Schrift ist dauernder als Erz.

Und wenn das Klarheit hatte, was vergangen,
Was Tod und Leben in einander trug,
Wie steht es nun in lichtem Himmelsprangen,
Seit sich das Leben von dem Tod entschlug!
Wie spiegelt sich in ihm des Herren Klarheit
Mit aufgedecktem, heilgem Angesicht,
Verklärend sich von Wahrheit fort zu Wahrheit,
Und seine Leuchte strahlt und endet nicht!

O dass wir Augen hätten, sie zu schauen,
Dass uns die Decke wäre abgetan!
Geduld, Geduld und gläubiges Vertrauen,
So dürfen wir auch unsrer Sonne nahn.
O dass wir wollten! Gottes Wunder lägen
Schon jetzt vor uns als wie der helle Tag,
Der nur dem blinden und dem sinnesträgen
Gemüt sich immer neu verdunkeln mag.

Der Geist des Herrn ist Freiheit; frei erheben
Wir schon im Staub zu ihm das Haupt empor;
Wie wird das Herz in Licht und Wonne schweben,
Bricht einst die ganze Herrlichkeit hervor!
In Allen soll sich seine Klarheit spiegeln,
Und was er jetzt noch schonend uns verhüllt,
Er wird es uns zu seiner Zeit entsiegeln,
Und seines Wortes Eidschwur wird erfüllt.

Albert Zeller – Als du, o Herr, aus deiner Grabesnacht,

Als du, o Herr, aus deiner Grabesnacht,
Ein Lebensfürst bist siegreich auferstanden,
Und kühn hervor in deiner Heldenmacht
Tratst aus den Allen unlösbaren Banden,
Da bist du erst der Deinen nächstem Kreis,
Den heilgen Fraun, der Jünger Schar erschienen,
Die auf dein fest prophetisches Geheiß
Auch tief im Leid dir treulich wollten dienen.

Sie, die du einst mit Einem Gotteswort
Auf ewig hattest an dich selbst gebunden,
Sie hatten deine Treue fort und fort
Bis zu dem letzten Seufzer tief empfunden;
Ihr Leben und ihr ganzes Lieben war
Mit dir gestorben und mit dir begraben;
So ward dein Grab zum festlichen Altar,
Auf dem sie niederlegten ihre Gaben.

Und ihnen galt dein erster Friedensgruß:
So treu und hold bliebst du im Tod den Deinen;
Du stilltest sanft der bittern Klage Fluss,
Und wandeltest in Jauchzen um ihr Weinen;
Das Band, das ewiglich zerrissen schien,
Du knüpftest es nur fester noch zusammen:
So wurde bald dein Sterben zum Gewinn
Und höher stiegen ihre Freudenflammen.

O Herr, der du in Allem Vorbild bist,
Ist es vermessen, dahin es zu segnen,
Dass wir zuerst nach kurzer Trennungsfrist
Den Unsern dort im Morgenlicht begegnen?
Dass sie zuerst den neuen Lebensgruß,
Den jubelnden aus unsrem Mund empfangen,
Und sie zuerst den Auferstehungskuss
Uns hauchen auf die jugendlichen Wangen?