Zinzendorff, Nikolaus von – Übergang in den Gnadenstand.

Als der HErr am Kreuz gestorben,
War die Macht des Todes hin:
Und da hat Er mich erworben,
Dass ich ewig Seine bin.

Seine sein – was will das sagen?
Tag für Tag bis in die Nacht
Seine Seel in Händen tragen:
Und, sobald man aufgewacht,

Seinen Heiland kindlich bitten,
Dass Er uns den ganzen Tag
Und bei allen Tritt- und Schritten,
Wie’s Ihm recht ist, leiten mag.

Das gibt eine sanfte Regung,
Ohne Plag‘ und Dunkelheit,
Eine liebliche Bewegung
Nach des Heilands Wirksamkeit.

Und ein Mensch, der also handelt,
Ist ein hochbeglückter Mann,
Weil er stets mit Jesu wandelt,
Und sich nicht verlieren kann.

Freilich maßt man dieser Gnade
Sich unangefragt nicht an;
Doch es geht auf einem Pfade,
Drauf ein Tor nicht irren kann.

Und je will’ger eine Seele,
Die da weiß, was Wahrheit sei,
Eingeht in die dunkle Höhle:
Desto schneller ist sie frei.

Die um Ihn erregten Sorgen,
Die Sein Geist an’s Herz gebracht,
Machen einen trüben Morgen,
Auch wohl eine bange Nacht,

Denn wir hören eine Frage:
Ob wir an den Bund gedacht,
Den am frühsten Lebenstage
Gottes Sohn mit uns gemacht?

Und indem wir daran denken,
Zittert uns wohl Mark und Bein;
Darauf folgt ein sel’ges Kränken,
Dass wir abgefallen sei’n.

Das erpresst ein Maß von Tränen:
„Ach, wo krieg‘ ich Jesum her?“
Und ein kindlich banges Sehnen:
„Wenn Er doch mein Heiland wär‘!“

Augenblicklich steht der Fürste
Mit der offnen Seite da,
Und man fühlt es, wie Er dürste,
Dass Er unsre Seel‘ umfah‘.

Damit geht die Seele über
In die durchgegrab’ne Hand;
Und er hat sie so viel lieber,
Als Er viel an sie gewandt.

Da bekommt sie so geschwinde,
Als sie kaum darum geweint,
Die Vergebung aller Sünde,
Und das Lamm zum ew’gen Freund.

(1740.)

Zinzendorff, Nikolaus von – Bei’m heiligen Abendmahle.

O Leib, für unsre Sündlichkeit
Am Kreuze aufgehangen;
O Seele, durch den blut’gen Streit
In’s Heiligtum gegangen!

Hier schickt sich Deine Jüngerschaft,
Zu essen und zu trinken,
In’s Meer der Gotteslieb‘ und Kraft
Anbetend hinzusinken.

Wird die Gemeine nicht gestillt
Aus Deinem Heiligtume?
Sie lebt ja, weil es leben gilt
Nur ihrem HErrn zum Ruhme!

Führ‘ sie zum Streitermahl herein
Und heil in diesen Stunden
Ihr Innerstes, Seel‘ und Gebein
Durch Deine Todeswunden!

O dass der wahre Heldenmut
Des Zeugengeist’s auf Erden
In unser Aller Pilgerblut
Möcht ausgegossen werden!

Wir schwören Dir die Herzlichkeit,
Die Blutsverwandte fühlen,
Und wollen unsre Lebenszeit
Dir dienen und Dir spielen.

(1735.)

Zinzendorff, Nikolaus von – Zum heiligen Abendmahl.

Lamm Gottes, heiliger HErr und Gott!
Der Du uns tröstest in aller Not,
Und gibst Dich uns selber im Abendmahle:
Mach‘ uns bis hin zum Vollendungssaale
Dein Blut zur Kraft!

Das Blut, so Jesu vergossen ward,
Schmelzt unser Herze, wenn’s noch so hart,
Und macht es zu Seinen durchgrab’nen Füßen
Als ein geschmolzenes Wachs zerfließen
Durch Seine Glut.

Das Blut, das eh’mals vergossen ist,
Als unser König, HErr Jesus Christ,
Unsre Sünden büßte, das hilft den Seelen,
Die sich um ihre Verderbnis quälen,
Aus allem Bann.

Das ist die Ursach der Seligkeit,
Das ist das einzige Hochzeitkleid,
Drin man ehrlich bleibet; sonst wird man irre,
Und mit dem größesten Angstgewirre
Hinaus getan.

So geht’s im Reiche der Gnaden zu,
So geht’s im Sitze der ew’gen Ruh‘!
Die das Kleid der Unschuld und Gnade tragen,
Dürfen dereinst auch im Meere baden
Der Herrlichkeit!

Dies Blut ist’s Zeichen an uns’rer Tür;
Das hält der Glaube dem Tode für,
Dass der Seelenwürger uns nicht kann rühren,
Wenn er und seine Genossen spüren
Des Siegels Kraft.

Wenn eine Seele begnadigt ist,
Und Du, mein Heiland, ihr Alles bist,
Hat sie Durst und Hunger nach Deinem Blute,
Und nach dem Leibe, der uns zu gute
Den Tod geschmeckt.

Wenn wir nur haben den ew’gen Trost,
Der Dich Dein Leben und Blut gekost’t;
Und im Abendmahle die selge Speise,
Den süßen Wundertrank auf die Reise
Zur Ewigkeit.

So bleiben wir unverändert froh;
Wir schmecken, sehen und fühlen so
Unsern süßen Heiland, und alles Lehren,
Das auf was Andres uns wollte kehren,
Ist uns ein Fluch.

Ja, wenn ein Engel vom Himmel käm‘,
Und Wundersprachen gar mit sich nähm‘,
Uns von Jesu Kreuze hinwegzuführen,
Wollten kein Wort wir mit ihm verlieren:
Wir bannten ihn. (Gal. 1, 8. 9.)

(15. Novbr. 1740.)

Zinzendorff, Nikolaus von – Bei dem ersten Abendmahle.

Ist’s? ja, es ist geschehen:
Ich habe Gott gesehen;
Er hat sich eingefunden,
Und sich mit mir verbunden.

Er hat mich armen Kranken
(O sel’ge Friedsgedanken!)
Zu Seinem Tisch geleitet,
Und Abendmahl bereitet.

Wie dank‘ ich’s Seiner Liebe,
Die, aus dem treusten Triebe,
Sich, um mich zu erheben,
In’s Niedrige gegeben!

Wie dank ich’s Seinem Herzen,
Das so viel herbe Schmerzen
Für mich, der sie verschuldet,
Aus lauter Lieb‘ erduldet!

Wie dank‘ ich’s Seinem Leiden,
Dem Ursprung meiner Freuden!!
Wie dank‘ ich’s Seinem Stöhnen
Und heißvergossnen Tränen!

Wie dank‘ ich’s Seinem Dürsten,
Da Ihm, dem Lebensfürsten,
Die Zung‘ am Gaumen klebte,
Auf dass mich Kraft belebte!

Wie dank‘ ich’s Seinem Sterben!
Es hilft mir vom Verderben;
Sein letztes Angstgetöne
Klingt meinen Ohren schöne.

Die Fahrt zur Grabesschwelle
Und zu der Tür der Hölle
Bewahrt mich vor den Schlünden,
Die nimmer zu ergründen.

Du herzvertraute Liebe,
Entzünde meine Triebe,
Damit sie ohne Schweigen
Von Deiner Tugend zeugen!

Lass Deinen Tod und Sterben
Dein ritterlich Erwerben
Den hartgebund’nen Seelen
Mich öffentlich erzählen!

Und nach dem teuren Mahle
Gib, dass ich Dir bezahle
Die seligen Gelübde,
Darin sich Jesus übte! (Joh. 4, 34.)

Es werd‘ an mir gesehen
Dein Tod und Auferstehen,
Dein Kampf und Überwinden,
Dein Suchen und Dein Finden!

(1714.)

Zinzendorff, Nikolaus von – Bei der Konfirmation.

Volk des HErrn! bring‘ dein Geschlechte
Nach dem alten Licht und Rechte
Her zum König aller Knechte,
Sprich: HErr, hier ist Dein Geschöpf!

Ehe es dem Satan diente,
Und in Fleischeslüsten grünte,
Und sich mit der Welt versühnte,
Eher hör‘ es auf zu sein!

Kommt, ihr Kinder, die wir haben
Als vielteure Gottesgaben!
Nehmt vom Schatz, dran wir uns laben,
Den euch zugedachten Teil:

Einen Teil am Liebesbande
Mit dem ew’gen Vaterlande,
Aber auch am Kreuzesstande
Und am Weltverleugnungssinn!

Wollet ihr euch binden lassen,
Und das Kreuz mit Freuden fassen,
Und die falsche Ruhe hassen?
Willst du, auserwähltes Pfand?

Ach, die ewigtreue Liebe
Schenk‘ euch ihre sel’gen Triebe,
Dass ein Jedes Glauben übe,
Bis ihr seht, was ihr geglaubt!

(1739.)

Zinzendorff, Nikolaus von – Tauflied.

Geist der Wahrheit, nahe Dich,
Und besiehe dieses Kindlein,
Wie es da so stille liegt,
Eingewickelt in die Windlein;
Wie es von den armen Eltern
Dem, den ihre Seele liebt,
Williglich, wird aufgeopfert;
Wie man Dir’s für Jesum gibt!

Seine Seele in das Band
Der Lebendigen zu schlingen,
Und dem frohen Bräutigam
Es in schnellem Lauf zu bringen,
Sei nicht fern mit Deiner Salbung,
Wenn es Jesu Hand berührt,
Und mit Seiner blutigen Gnade,
Als mit einer Krone, ziert!

(Berlin, 11. April 1738.)

Zinzendorff, Nikolaus von – Bei der Taufe eines Kindes.

Freundlicher Immanuel,
Des sich freuet Leib und Seel‘,
Welche Du mit Blut erkauft
Und in Deinen Tod getauft.

Schau‘, hier liegt vor Deinem Thron
Dieses Kind, ein weicher Ton,
Draus Du Dir ein liebes Bild
Gnadenvoll bereiten wilt.

Du bist auch ein Kind gewest,
Dass Du selbst erführst und sähst,
Wie dem lieben Kinderheer
Jederzeit zu Mute wär‘.

Deine Kindheit war ein Licht:
Dein holdselig Angesicht,
Dein Gehorsam, Deine Treu‘
Zeigte bald, was in Dir sei.

O so lass doch auch gescheh’n,
Dass wir an den Kindern seh’n,
Wessen man sich vor’ger Zeit
An dem Jesuskind gefreut!

Nimm hinweg den Eigensinn,
Stürz‘ auch alle Höh‘ dahin,
Die sich schon, wiewohl noch zart,
In den Kindern offenbart.

Lass die Zeit, da Du gewollt,
Dass ein Kindlein leben sollt,
Von dem heut’gen Tagesschein,
Von der Tauf‘ an Deine sein!

Gib, dass, wenn’s bei Jahren ist,
Es am Ziel der Gnadenfrist
Freudenvoll und ungekränkt
Habe, was Du ihm geschenkt!

Lass des Feindes List und Trug
Über ihm nicht Macht noch Fug;
Vor Verführung, die er schafft.
Schütze Du’s mit Geisteskraft!

Dieses ist’s, was Deiner Treu‘
Gläubig anbefohlen sei;
Es gedeih‘ zu Deinem Ruhm,
Und verbleib‘ Dein Eigentum!

(1724.)