Arnold, Gottfried – Ums ewige Leben durch’s Sterben.

Dein Blut, Herr, ist mein Element,
Das such‘ ich zu erreichen;
Ich fühl ein finstres Regiment,
Noch durch die Seele schleichen,
Mit seinem falschen Glanz und Schein
In dieser Luft, in diesem Sein;
Doch Jesus ist mir Alles.

Ein falsches Regiment hält mich
In diesem Fleisch gebunden;
Die Seele rufet dürftiglich,
Die Du hast überwunden;
Ein ander Leben muss hier sein,
Sonst lieg‘ ich ewig unter Pein!
Mein Jesus ist mir Alles.

Ich kann nicht rufen Tag noch Nacht,
Noch rechten Frieden finden,
Bis ich bin da binein gebracht,
Wo Alles muss verschwinden,
Wo das erneute Leben quillt,
Und des Gesetzes Treiben stillt.
Mein Jesus ist mir Alles.

Mach mich begier- und willenlos!
Das bitt‘ ich Dich von Herzen;
Wenn ich nicht ruh‘ in deinem Schoß,
So bin ich voller Schmerzen,
Voll Streit und Widerwärtigkeit,
Davon mich Nichts, denn Du befreit.
Mein Jesus ist mir Alles.

Ich frage Nichts nach Menschenpreis,
Der tut hier Nichts zur Sache;
Es muss sein eine andre Speis
Die satt und himmlisch mache:
Es muss sein dein durchdringend Blut,
Dadurch ich komm‘ ins höchste Gut!
Mein Jesus ist mir Alles.

Es ist des Geistes Lichtnatur,
Die muss uns ganz erneuen,
Dass keine andre Kreatur
Sich mög‘ uns erfreuen.
Bei den Geschöpfen such‘ ich Nichts,
Ich will zum Urquell alles Lichts!
Mein Jesus ist mir alles.

O komm‘, du großer Ozean,
Lass mich in Dir versinken,
Dass ich auf sel’ger Todesbahn,
Mög‘ ew’ges Leben trinken;
Dass Nichts von mir mehr leb‘ in mir,
Nein, Alles Du, und ich in Dir!
Mein Jesus ist mir Alles.

Dann hört Figur und Schatten auf,
Gedanken, Lust und Willen,
Zusamt dem ganzen Himmelslauf;
Du musst allein erfüllen
Gedanken, Willen, Lust und Schein,
Und Alles mir in Allem sein.
Mein Jesus ist mein Alles.

Nun, höchste Freiheit, mach mich frei
Von Allem, was mich bindet!
Es ist doch Alles Sklaverei,
Worin man Dich nicht findet.
Ich möchte sein zum Nichts gebracht,
Und Etwas sein durch deine Macht!
Mein Jesus ist mir Alles.

Gottfried Arnold – Leben durch’s Ersterben.

Das Weizenkorn gelanget nicht
Zur Kraft und zu dem Frühligslicht,
Bis man’s der Erde gibt nach Pflicht;
Dann siehet man’s mit Macht durchdringen
Und die gewünschten Früchte bringen,
Wenn’s durch die harten Schollen bricht.
Sein Kampf ist nur der Weg zum Leben,
Die Feindschaft selbst muss Liebe geben..

Wer in den Weinstock sich ergibt,
Wird von der Erde wohl gesiebt,
Und von dem Himmel doch geliebt.
Wenn’s durch die rauhe Nacht gegangen,
So kann’s mit Lust am Tage prangen,
Und wird hinfort nicht mehr betrübt.
Je tiefer er die Wurzel setzet,
Je höher es der Landmann schätzet.

Willst du ein Zweig am Weinstock sein,
So mach‘ dich Ihm durch’s Kreuz gemein,
Auf daß du dadurch werdest rein.
Willst du im Sommer lieblich spielen,
So musst du auch den Sohnitt mitfühlen,
Sonst gibt es keinen edeln Wein.
Was recht in Kält und Hitze reifet,
Das ist es, was Gott recht ergreifet.

Nur eine Stunde ist die Zeit,
Die sich der Mensch allhier erfreut,
Dann kommt die lange Ewigkeit.
Nur eine Stunde währt das Leiden,
Drum muss sich Geist vom Fleische scheiden,
Dann ist er von der Pein befreit.
Will man mit in den Himmel sitzen,
Muss man erst mit am Ölberg schwitzen.

Brächt‘ leider nicht das höchste Gut,
Was brauchten wir dann Christi Blut
Und seiner Tränenheiße Flut?
Er ist’s, der uns vorangegangen,
Das rechte Erbteil zu erlangen.
So wir nun seine Liebesglut
Und seine Pracht mit wollen erben,
So müssen wir auch mit Ihm sterben.

Gottfried Arnold – Reichtum in dem Gekreuzigten.

Dein Blut, Herr, ist mein Element,
Drin ich allein kann leben,
Dass meine Seele sonst nichts kennt,
Das ihr kann Labsal geben;
So leb‘ ich in des Vaters Schoß,
Und steh‘ von allen Dingen bloß,
Und bin in Gott versenket.

So thu‘ an mir, o Hirtentreu,
Dein Amt in allen Dingen,
Und mache mich von Fremdem frei,
Dir Früchte darzubringen,
Die retf und süß und heilsam find;
Dann bleib‘ ich ein gehorsam Kind
Und leb‘ in deinem Namen.

Komm selbst, o voller Lebensquell,
Dring‘ ein in Leib und Seele,
Dass nichts aus Adams Fal mich fäll,
Und durch die Sünde quäle!
Du musst in Allem Alles sein,
Soll anders deine Schöpfung rein
Und herrlich wieder werden.

Du bist mein Wiederbringer nur,
Ohn‘ Dich ist lauter Hölle;
Gib, daß sich mir die rechte Spur
Zu Dir ganz offen stelle,
Zu dringen tief in Dich hinein,
Und unverrückt in Dir zu sein,
Mein Leben und mein Alles!

Da, da ist Ruh‘ und Sicherheit,
Da mangelt kein Vergnügen!
Da hältst Du mir den Ort bereit,
Wo ich soll sanfte liegen;
Da ruh‘ ich, Herr, an deiner Brust
In einer kummerfreien Lust,
Vor der die Welt entweichet.

Bist Du mein Teil nicht immerdar,
Der Ursprung reiner Freude,
Ein lautrer Strom, kristallenklar,
Daran ich fröhlich weide?
Ja, liebstes Heil, allein nach Dir
Sei‘ all mein Sehnen für und für,
Bis ich auf ewig ruhe!

Gottfried Arnold – Sieg der ewigen Liebe.

Nun muss ich Ihn lieben, nun muss ich allein
Der göttlichen Liebe Verbundener sein.
Ihn lieben ist Freude und Seligkeit g’nug,
Drum folg‘ ich mit Wonne dem Heiligen Zug!

Was bringet die irdische Liebe, als Tod?
Was wirken die Lüste des Fleisches, als Not?
Wie bald ist ein Schimmer der Freude vorbei!
Da sieht man, wie flüchtig die Eitelkeit sei.

Der göttliche Funke kann nimmermehr ruh’n,
Als wenn er zum Urquell sich wieder kann tun;
Da findet er Freude, da gibt er sich ein,
Da wächset sein Leuchten vom lieblichsten Schein.

Und wenn er nun wächset, so mehrt sich die Kraft,
Die Gottes erquickende Liebe verschafft;
Dann stirbet das Fleisch, dann erstehet der Geist,
Den Christus sein Kind und sein Eigentum heißt!

Hier öffnet sich die paradiesische Lust,
Dabei den Erwählten nur Reinheit bewusst.
Da kämpfet und sieget vereinigte Stärk,
Und gürtet sich fröhlich zum göttlichen Werk.

Bewegst du, o Jesu, den innersten Grund,
So öffne des Glaubens erweiterten Grund;
Erfülle das Herz mit Liebe zu Dir,
Und bleibe in Schmerz und Freude bei mir!

Du hast ja die Fülle der Liebe für mich!
Drum such‘ ich bei Dir und bei Andern nicht;
Und kann ich unmöglich mehr ohne Dich sein,
Dann sink‘ ich in Deine Vollkommenheit ein!

Gottfried Arnold – Um volle Freiheit des Geistes.

Zeuch meinen Geist, o Herr, von hinnen
Ganz über sich, zu Dir hinauf!
Ich sehne mich mit Herz und Sinnen
Nach einem sel’gen Glaubenslauf.
Regier‘ mich nur nach deinem Willen,
Dir nachzufolgen ohne Trug!
Was kann sonst meine Sehnsucht stillen?
Wer tut mir außer Dir genug?

Weil aber so viel widerstrebet
Dem abgewandten Pilgergeist,
Der gern in Gottes Freiheit lebet
Und zum verheiß’nen Erbe reist:
So nimm mir ab die schweren Lasten
Der Sinnenlust und Eigenheit;
Den Geist lass in der Stille rasten,
Durch Dich von allem Bann befreit.

Sei das Erschaffine noch so schöne,
So muss es doch verlassen sein;
Wonach ich mich im Grunde sehne,
Nur das befriedigt mich allein.
Vom Andern kann ich nichts behalten,
Dich zieh‘ ich Selbst in mich, und Du
Zeuchst mich in Dich. Dich lass‘ ich walten,
Du schließest meine Sinnen zu.

Zwar kennt mein Geist noch manche Speisen,
Die geistlich und vergnüglich sind,
Doch kann ich sie nicht fröhlich preisen,
Wenn man darin auch Nahrung find’t.
Nein, Du nur bist das Brot der Seelen,
Und selig, himmlisch werden sein,
Die Dich mit voller Kraft erwählen,
Bis sie in Dich gesunken ein!