Claudius, Matthias – Sterben und Auferstehen.

Du Menschenkind, sieh‘ um dich her …
Und weißt du eine Lehre,
Die größer und die tröstlicher
Für uns hienieden wäre –

Dort, wo die Sieges-Palmen weh’n,
Ist Seien nur, ist kein Werden,
Kein Sterben und kein Aufersteh’n,
Wie hier bei uns auf Erden.

Dort freu’n sie ewig, ewig sich,
Ist ewig Licht und Friede,
Das Leben quillt dort mildiglich
Aus sich, und wird nicht müde.

Doch dieser Unterwelt ist nicht
Solch glorreich Los gegeben:
Hier ist ohn‘ Finsternis kein Licht,
Und ohne Tod kein Leben.

Der Löwe liegt und fäult und schwellt
Dann geht vom Fresser Speise;
Der Same in die Erde fällt
Und stirbt, – und keimt dann leise.

Und die Natur ein Spiegel ist;
Es wird darin vernommen,
Was deinem Geist du schuldig bist,
Soll er zum Leben kommen.

Willst du wahrhaftig glücklich sein,
Auf festem Grunde bauen;
Musst du den Dornenweg nicht scheu’n,
Der Rosenbahn nicht trauen.

Einst war ein großer Mann bedacht,
Uns darin einzuweihen,
Und führte durch die lange Nacht
Das Volk zum Fest der Mayen.

D’rum spare dir viel Ungemach,
Du Menschenkind, und höre,
Und denke der Verleugnung nach,
Und jener großen Lehre:

In uns ist zweierlei Natur,
Doch ein Gesetz für Beide;
Es geht durch Tod und Leiden nur
Der Weg zur wahren Freude.

Claudius, Matthias – P und C bei dem Begräbnis ihres I

So wie ein Ackersmann die Saat
Auf seinen Acker streuet,
Und, wenn er sie gestreuet hat,
Sich auf die Ernte freuet;

So freuen auch mit Tränen wir
Uns auf den Erntetag,
Und bringen unsern Knaben hier
Hin in sein Schlafgemach;

Dass er nach Ungemach und Not,
Die langsam ihn verzehrt,
Nun Ruhe habe, bis ihn Gott
In seiner Ruhe stört;

Wenn die Triumphposaune schallt,
Und er in seiner Gruft
Die Stimme hört, die mit Gewalt
Durch alle Gräber ruft;

Und dann hervor geht, jung und schön,
Nachdem es Gott gefällt;
Und wir ihn fröhlich wiederseh’n,
In einer bessern Welt,

Wie wir ihn hier in Elend sah’n,
Und er uns ungetrübt,
Uns ohne Ende lieben kann,
Wie er uns hier geliebt.

Schlaf‘ wohl denn, bis die Stimme ruft!
Wir gönnen dir dein Glück,
Und geben heim von deiner Gruft,
Und lassen dich zurück.

Claudius, Matthias – Kron‘ und Scepter.

Die sind keine Menschen-Habe,
Wie die Rede geht,
Sind ursprünglich Himmel’s-Gabe,
Heiliges Gerät,

Damit Gott den König zieren,
Und fein sanft und still,
Durch ihn seine Welt berühren
Und sie segnen will.

Jeder König sei des hehren
Großen Rufes wert!
Doch dann muss er nichts begehren,
Was ein Mensch begehrt;

Muss nicht seine Wege wandeln,
Alles Eignen rein
Nur vor Gott und mit Gott handeln,
Sonst ist er nicht sein;

Muss, wie Gott zu allen Zeiten,
Nur barmherzig sein,
Und nur Licht und Recht ausbreiten;
Sonst ist er nicht sein;

Und durch jede seiner Taten,
Wo er das vergisst,
Hat er Gott den Herrn verraten
Dessen Bild er ist;

Und der Königliche Segen,
Licht und Kraft und Glück,
Kehrt zu dem, von dessentwegen
Er sein war, zurück;

Kehrt zurück – der Geist entflieget,
Weil ihm Leid geschah.
Und die große Leiche lieget
Zur Verwesung da.

Menschen Will‘ und Werk vergehet
Wie die Wahrheit spricht;
Was, mit Gott gereinigt, stehet
Das vergehet nicht;

Kann nicht überwunden werden,
Und muss ewig steh’n,
Wie im Bimmel so auf Erden,
Und die Welt wird seh’n:

Dass nicht Dünkel glücklich mache,
Gottesfurcht und Scheu
Ewiglich die große Sache
Aller Menschen sei.

Claudius, Matthias – Hochzeitlied

Stand ein junges Veilchen auf der Weiden,
Lieb und herzig, in sich, und bescheiden;
Und ein wack’rer Jüngling über Land
Kam hin, da das Veilchen stand.

Und er sah das Veilchen auf der Weiden
Lieb und herzig, in sich, und bescheiden;
Sah es an mit Liebe und mit Lust,
Wünscht es sich an seine Brust.

Heute wird das Blümchen ihm gegeben,
Dass er’s trag‘ an seiner Brust durch’s Leben!
Und ein Kreis von edeln Menschen steht
Ernst und feiert mit Gebet.

Seid denn glücklich! Gott mit Euch, Ihr Beide!
Seine „Sonn‘ am Bimmel“ schein‘ Euch Freude;
Und, in Eurer Freud‘, in Euerm Schmerze
Seine „bessre“ Euch in’s Herz!

Claudius, Matthias – An Frau Rebecca bei der silbernen Hochzeit, den 15. März 1797.

Ich habe Dich geliebet, und ich will Dich lieben,
So lang‘ Du goldner Engel bist;
In diesem wüsten Lande hier und drüben,
Im Lande, wo es besser ist.

Ich will nicht von Dir sagen, will nicht von Dir singen;
Was soll uns Loblied und Gedicht?
Doch muss ich heut‘ der Wahrheit Zeugnis bringen,
Denn unerkenntlich bin ich nicht.

Ich danke Dir mein Wohl, mein Glück in diesem Leben.
Ich war wohl klug, dass ich Dich fand
Doch ich fand nicht. GOTT hat Dich mir gegeben;
So segnet keine and’re Hand.

Sein Tun ist je und je großmütig und verborgen;
und darum hoff‘ ich fromm und blind,
Er werde auch für uns’re Kinder sorgen,
Die unser Schatz und Reichtum sind.

Und werde sie regieren, werde für sie wachen,
Sie an sich halten Tag und Nacht,
Dass sie wert werden, und auch glücklich machen,
Wie ihre Mutter glücklich macht.

Uns hat gewogt die Freude, wie es wogt und flutet
Im Meer, so weit und breit und hoch! –
Doch, manchmal auch hat uns das Herz geblutet,
Geblutet . . . Ach, und blutet noch.

Es gibt in dieser Welt nicht lauter gute Tage,
Wir kommen hier zu leiden her;
Und jeder Mensch hat seine eigne Plage,
Und noch sein heimlich Grève-coeur((Herzschlag)).

Heut‘ aber schlag‘ ich aus dem Sinn mir alles Trübe,
Vergesse alle meinen Schmerz;
Und drücke fröhlich Dich, mit voller Liebe,
Vor Gottes Antlitz an mein Herz.

Claudius, Matthias – In der Allee zu Pyrmont, Morgens bei’m Aufgang der Sonne.

Einige Brunnengäste.

Da kommt sie her. Der Berg frohlocket laut
Und bringt ihr seinen Rauch!
Das Tal frohlockt, geschmückt wie eine Braut!
Und wir frohlocken auch!

Alle.

Und wir frohlocken auch!

Einige.

Auf, denkt an den, der sie geschaffen hat!
Der ist ein großer Herr!
Held, Friedefürst und Vater, Kraft und Rat;
und keiner ist, wie Er!

Alle.

Und keiner ist, wie Er.

Einige.

Ihm wird’s nicht Tag; Er hat kein Schlafgemach;
Er schläft und schlummert nicht!
Sein Vaterherz ist ewig, ewig wach!
Und ewig Lieb‘ und Licht!

Alle.

Und ewig Lieb‘ und Licht!

Einige.

Er sitzt dort hoch in stiller Einsamkeit,
Und sinnt auf unser Wohl,
Den großen Schoß voll Wohltat weit und breit,
und beide Hände voll!

Alle.

Und beide Hände voll!

Einige.

Und sieht herab auf Sterne, Land und Meer
Mit unverwandtem Blick!
Sieht seine Kinder alle rund umher,
Ihr Elend und ihr Glück!

Alle.

Ihr Elend und ihr Glück!

Einige.

Er sieht auch uns hier, traurig, arm und bleich
An Stock und Krücken geh’n –
Dort fließt der Brunnen, dass er wieder reich
Und froh uns mach‘ und schön!

Alle.

Und froh uns mach‘ und schön!

Einige.
O du Barmherziger! Du Gnädiger!
Barmherzig für und für!
Du Gnädiger! O du Barmherziger!
Herr Gott, dich loben wir!

Alle.

Herr Gott, dich loben wir!
Herr Gott, wir danken dir!
Dich, Gott Vater in Ewigkeit,
Ehret die Welt weit und breit.
Al‘ Engel und Himmels Heer
Und was dienet deiner Ehr‘.

Claudius, Matthias – Lied der Schulkinder an ihre kranke Wohltäterin.

Die Knaben.

Einst unser Herr auf Erden war,
Uns hergesandt von Gott;
Der war ein Retter in Gefahr,
Ein Helfer in der Not!

Die Mädchen.

Er zog umher von Haus zu Haus
In niedriger Gestalt,
Und eine Kraft ging von ihm aus,
Die heilete die Welt.

Die Knaben.

Wer elend war, blieb schüchtern steh’n,
Und klagte ihm sein Leid;
Ein Wort, ein Blick … dann war’s gescheh’n!
Das war ’ne sel’ge Zeit.

Die Mädchen.

Wie kamen sie doch, jung und alt,
Auf Bett‘ und Bahr‘ zu ihm!
Und gingen alle alsobald
Geholfen wieder heim.

Die Knaben.

Geholfen gingen sie davon,
Und fröhlich all‘ und frisch,
Der „Knecht“, der „blindgeborne Sohn,“
Das „Hündlein unter’m Tisch;“

Die Mädchen.

Der „arme Knabe, taub und stumm“,
„Jairus Töchterlein“,
„Der durch’s Dach zu Capernaum
Im Bette kam herein;“

Die Knaben.

Und jene Frau, die all‘ ihr Gut
Mit Ärzten schier vertan;
Sie hatte nicht zu sprechen Mut,
Und rührte heimlich an.

Die Mädchen.

Sie stand und stand, und wagt‘ es kaum,
Und trat von hinten her,
Und rührte an des Kleides Saum
und hatte ihr Begehr.

Die Knaben.

O, wär‘ er hier doch dieser Mann!
Wir liefen gleich zur Stund‘
Für dich zu ihm, und rührten an –
Und dann wärst du gesund!

Die Mädchen.

O, wär‘ er hier doch, dieser Mann!
Wir liefen gleich zur Stund‘
Für dich zu ihm, und rührten an –
Und dann wärst du gesund!

Knaben und Mädchen.

Und dann wärst du gesund!

Claudius, Matthias – Die Geschichte von Goliath und David, in Reime bracht.

1. War einst ein Riese Goliath,
Gar ein gefährlich Mann!
Er hatte Treffen auf dem Hut,
Mit einem Klunker dran,
und einen Rock von Drap d’argent,
Und Alles so nach advenant.

2. An seinen Schnurrbart sah man nur
Mit Grausen und mit Graus,
Und dabei sah er von Natur,
Pur, wie der – aus.
Sein Sarras war, man glaubt es kaum,
So groß schier als ein Weberbaum.

3. Er hatte Knochen wie ein Gaul,
Und eine freche Stirn,
Und ein entsetzlich großes Maul,
Und nur ein kleines Hirn;
Gab jedem einen Rippenstoß,
Und flunkerte und prahlte groß.

4. So kam er alle Tage her,
Und sprach Israel Hohn.
„Wer ist der Mann? Wer wagt’s mit mir?
Sey Vater oder Sohn,
Er komme her der Lumpenhund,
Ich box’n nieder auf den Grund.“

5. Da kam in seinem Schäferrock
Ein Jüngling zart und fein;
Er hatte nichts als seinen Stock,
Als Schleuder und den Stein;
Und sprach: „Du hast viel Stolz und Wehr,
Ich komm‘ im Namen Gottes her.“

6. Und damit schleudert er auf ihn,
Und traf die Stirne gar,
Da fiel der große Esel hin,
So lang und dick er war;
Und David haut in guter Ruh‘
Ihm nun den Kopf noch ab dazu.

Trau‘ nicht auf deinen Tressenhut,
Noch auf den Klunker d’ran!
Ein großes Maul es auch nicht tut,
Das lern vom langen Mann;
Und von dem kleinen lerne wohl,
Wie man mit Ehren fechten soll.