Albert Zeller – „Ich selbst will deine Liebe sein!“

„Ich selbst will deine Liebe sein!“
So hat der Herr zu mir gesprochen,
Als mir in höchster Not und Pein
Das Herz vor Gram und Leid gebrochen.
Wie sanft dies Wort zur Seele drang,
Und bald den schlimmsten Sturm beschworen,
Im Schrei der Kreatur verklang
Der Trost; doch blieb er unverloren.

Und immer neu und neu erscholl
Dein Ruf in stillen, selgen Weisen,
Wenn mir die Brust vor Jammer schwoll,
Der Nerv des Lebens wollt zerreißen,
Bis ich zu deinen Füßen sank,
Und du mich liebend aufgehoben,
Und ich aus deinem Kelche trank
Geduld und Frieden, Dank und loben.

„Wo euer Schatz, ist euer Herz;“
So sprachst du in der Erde Tagen;
Wie sollt ich fort und fort im Schmerz
Um mein geraubtes Kleinod klagen?
Ist das geraubt, was du doch hegst,
Was ich an deiner Brust seh funkeln,
An die du mich erbarmend legst,
An der ich ruh, wenn es will dunkeln?

Und wie es hier mein Höchstes war,
Mit ihr dein heilig Mahl zu teilen,
So möcht ich wieder zum Altar
Vor dich, du ewger Priester, eilen,
Vor dem die Lust der Welt verschwand,
Die Lieb in Andacht sich verklärte,
Und Jedes tief und klar empfand,
Dass nur der Geist dem Geist gehörte.

Wie lieb ich nun dein Eigentum,
Die gottdurchdrungne Himmelsseele,
Die nun zu deines Namens Ruhm
Dir dienet ohne Schuld und Fehle,
Die Strahlen deines Angesichts
Darf ohne Hüll und Decke schauen,
Und, wie die Ströme deines Lichts,
Zu unsrer Erde niedertauen!

Auch auf mein aufgerichtet Haupt
Fällt einer deiner Strahlen nieder;
Und, was der Tod mir hat geraubt,
Fass ich mit Glaubensarmen wieder;
Du selbst willst meine Liebe sein:
Ich werd es immer stiller inne,
Und meine Sehnsucht gehet ein
Zur Fülle deiner Gottesminne.

Albert Zeller – Kommt er wohl morgen, kommt er heut,

Kommt er wohl morgen, kommt er heut,
Den meine Seele liebt,
Dem sie so gerne hocherfreut
Ihr Ein und Alles gibt?

Von dem sie selber Alles hat,
Was ihr gehört, gefällt;
Daran sie sich auch nimmer satt
Erquickt und stündlich hält;

Den sie mit keinem Aug gesehn,
Und dessen göttlich Bild
Sie immer siehet vor sich stehn
Von Lieb und Dank erfüllt.

Wie schmückt sich festlich Herz und Haus
Für solchen teuren Gast!
Man wirket still, blickt froh hinaus
Und achtet keine Last.

Die Arbeit fliegt, sie ist für ihm,
Der Liebe glückt es leicht;
Ihr wird, wenn er noch will verziehn,
Ein süßer Trunk gereicht.

Da weiß man nichts von Ungeduld;
Wie viel ist noch zu tun,
Bis man in seiner ganzen Huld
Darf von der Arbeit ruhn!

Und köstlich wird der Augenblick,
Der uns noch übrig bleibt,
Wo uns ein göttliches Geschick
Allmächtig vorwärts treibt.

Wem so in stiller Herrlichkeit
Die Hochzeitlampe brennt,
Dem wird die ganze Erdenzeit
Zum fröhlichen Advent.

Albert Zeller – „Wer ist mein Bruder, meine Mutter, wer?“

„Wer ist mein Bruder, meine Mutter, wer?“
So sprach der Herr, als sie ihn rufen wollten;
Wie fällt dies Wort auf unsre Seele schwer,
Wenn wir bedenken, wie wir lieben sollten!

Wir fragen bange, soll denn unsre Hand
Die liebsten Bande wissentlich durchschneiden,
Und, was wir als das Eigenste erkannt,
Als Aller Gut zerstreun in alle Weiten?

Ist das der Rede schmerzensreicher Sinn,
Und gilt es nur Verleugnen und Entsagen,
Und unsres Herzens süßesten Gewinn
In tausend kleine Stücke zu zerschlagen?

Sieh, was der Herr auf Erden selbst getan,
Der Alle liebte, Allen kam zu helfen,
Dem Jeder sich vertrauend durfte nahn,
Erkor er sich nicht einen Kreis von Zwölfen?

Und als er saß am letzten Abendmahl,
Und gab sein Testament der Welt zum Segen,
Da ist von seiner ganzen Jüngerzahl
Der Eine nur an seiner Brust gelegen.

Und als er hing am Kreuz zu Spott und Hohn,
Und sich begann sein blutend Haupt zu neigen,
Da gab er seiner Mutter ihn zum Sohn,
Und seiner Mutter diesen Sohn zu eigen.

Albert Zeller – Ich habs gewagt und will es wagen,

Ich habs gewagt und will es wagen,
Ich hab gebaut auf Gottes Treu;
Was auch die Welt mag tun und sagen,
Ich werd es wagen stets aufs Neu;
Ich will aufs Unsichtbare schauen
Was sichtbar ist, das muss vergehn:
Ich will aufs Unsichtbare bauen,
Und meinen Heiland werd ich sehn.

Das Jenseits liegt in uns verborgen;
Er lebt in jedem Herzensschlag,
Im eignen Geiste glüht sein Morgen,
Im eignen Geiste strahlt sein Tag.
Wie in dem Himmel so auf Erden
Des Vaters Wille ja geschehn:
Wie soll dies Wort erfüllet werden,
Wenn wir nicht hier im Ewgen stehn?

Ja mitten in dem Strom der Zeiten
Stehn wir auf diesem Felsengrund!
Was suchen wir in allen Weiten,
Was uns verkündet jede Stund?
Solch himmlisch Maß von Licht und Gnaden
Schmückt unser armes Leben hier,
Und alle sind wir eingeladen
Und dennoch stehn und zaudern wir!

Es gehen frohe Lebensboten
Von einem zu dem andern Land;
Wir aber reden noch von Toten
In unsrem irdschen Unverstand,
Und fühlen nicht in Leid und Grämen,
Dass nur die Kette hier zerreißt,
Indes in ungemessnen Strömen
Ein Dasein in das andre fleußt.

Wie Mann und Weib in Eins verbunden
Nach Gottes Rat durchs Leben gehn,
So will der Mann der Opferwunden
Getreu bei der Gemeine stehn;
Er will sie nähren, zieren, pflegen,
Wie nur der Mann sein liebend Weib;
Er will als Haupt die Glieder regen,
Und sie bewahrn als seinen Leib.

Hat sich in einem seiner Worte
Der Herr zu größrer Lieb bekannt?
Geöffnet ist des Himmels Pforte
Und das Geheimnis klar genannt.
O benedeite Menschenseele,
Die dieses Rätsels Reichtum fasst,
Und, was es uns auch noch verhehle,
Trägt willig ihres Kreuzes Last!

Ein selig Band hält uns umschlungen,
Die wir noch hier im Zwielicht gehn,
Und die zum Schauen durchgedrungen
Vor Gottes Strahlenthrone stehn,
Bis wir im Glauben und Erkennen
Hinan zu Einer Kraft gediehn,
Und im geheimnisvollen Trennen
Die letzten Erdenwolken fliehn.

Albert Zeller – In mich hast deine Seele du gehaucht;

In mich hast deine Seele du gehaucht;
Sie hat mein tiefstes Sein durchdrungen;
Die Glut der ird‘schen Liebe ist verraucht,
Die ew‘ge hat in Himmel sich geschwungen.

Mir fehlt des Herzens süßer Doppelschlag,
Des Lebens wonnereich Begegnen;
Doch deiner Liebe Zauberkraft vermag,
Auch in dem Tod mich wunderbar zu segnen.

Seit ich dich Teure aus dem Aug verlor,
Ist mir ein neues Sehen aufgegangen:
Mit dir heb ich die Hand zu Gott empor,
Und dein Gebet wird mein Verlangen.

Ein einz‘ger Blick in deine Seligkeit
Nimmt mir vom Munde meine Klage;
Ein einzig Wort von dir ich bin befreit,
Und freudig schau ich in die trübsten Tage.

Ist es ein Jetzt, ist es ein selig Einst?
Ich weiß nur Eins, was mich auch fürder quäle,
Dass du mich stündlich mehr mit dir vereinst
Im Zwiegespräch mit meiner eignen Seele.

Ist nicht die Liebe stärker als der Tod,
Und leiht mir nicht die Sehnsucht Adlerflügel?
So schwing ich mich hinein ins Morgenrot
Des ewgen Lichts von deinem Grabeshügel.