Gerhardt, Paul – Nun freut euch hier und überall

1. Nun freut euch hier und überall,
ihr Christen, lieben Brüder!
Das Heil, das durch den Todesfall
Gesunken, stehet wieder.
Des Lebens lebet noch,
Sein Arm hat aller Feinde Joch
mit aller Macht zerbrochen.

2. Der Held, der alles hält, er lag
im Grab als überwunden,
Er lag, bis daß der dritte Tag
sich in die Welt gefunden;
Da dieser kam, kam auch die Zeit,
Da, der uns in dem Tod erfreut,
sich aus dem Tod erhube.

3. Die Morgenröte war noch nicht
mit ihrem Licht vorhanden,
und siehe, da war schon das Licht,
das ewig leucht, erstanden;
Die Sonne war noch nicht erwacht,
da wacht und ging in voller Macht
die unerschaffne Sonne.

4. Das wußte nicht die fromme Schar,
die Christo angehangen,
drum als nunmehr der Sabbat war
zu End hinabgegangen,
Begunnt Maria Magdalen
und andre mit auszugehn
und Spezerei zu kaufen.

5. Ihr Herz und Sinn ist hoch bemüht,
ein Salböl darzugeben
für Jesu, dessen teure Güt
uns salbt zum ewigen Leben.
Ach, liebes Herz, der seinen Geit
vom Himmel in die Herzen geußt,
Darf keines Öls noch Salben.

6. Ja du, o heilger Jungfrausohn,
bist schon gnug balsamieret
als König, der im Himmelsthron
und überall regieret!
Dein Balsam ist die ewge Kraft,
dadurch Gott Erd und Himmel schafft,
die läßt dich nicht verwesen.

7. Doch geht die fromme Einfalt hin
bald in dem frühsten Morgen,
Sie gehn, und plötzlich wird ihr Sinn
voll großer schwerer Sorgen.
Ei, sprechen sie, wer wälzt den Stein
vons Grabes Tür und läßt uns ein
zum Leichnam unsres Herren?

8. So sorgten sie zur selben Zeit
für das, was schon bestellet,
Es war der Stein ja allbereit
erhoben und gefället
Durch einen, der des Erdreichs Wucht
erbeben macht und in Flucht
des Grabes Hüter jagte.

9. Das war ein Diener aus der Höh,
von denen, die uns schützen,
Sein Kleid war weißer als der Schnee,
Sein Ansehn gleich den Blitzen,
der hat das fest verschlossne Grab
eröffnet und den Stein herab
vons Grabes Tür gewälzet.

10. Das Weiberhäuflein kam und ging
hinein ohn alle Mühe.
Hör aber, was für Wunderding
sich da begab! Denn siehe,
Das, was sie suchten, findt sich nicht
und wo ihr Herz nicht hingericht,
das ist allda zur Stelle.

11. Sie suchten ihrer Seelenhort
und finden sein Gewande,
Sie hören aus der Engelwort
Wies gar viel anderes Stünde,
als ihr betrübtes Herz gemeint:
Daß billig wär bisher geweint,
nun jauchzen soll und lachen.

12. Sie sehn das Grab entledigt stehn,
und als sie das gesehen,
Da läuft Maria Magdalen,
Zu sagen, was geschehen.
Die andere Schar ist Kummers voll
und weiß nicht, was sie machen soll,
Verharret bei dem Grabe.

13. Da stellen sich in heller Zier
zween edle Himmelsboten,
Die sprechen: ,Ei, was suchet ihr
Das Leben bei den Toten?
Der Heiland lebt! Er ist nicht hier!
Heut ist er, glaubt uns, Heute früh
ist er vom Tod erstanden.´

14. Gedenkt und sinnt ein wenig nach
Den Reden, die er triebe,
Du er so klar und deutlich sprach,
Wie er zwar würd aus Liebe
Den Tod ausstehn und große Plag,
jedennoch an dem dritten Tag
auch herrlich triumphieren.

15. Da dachten sie an Christi Wort
und gingen von dem Grabe
hin zu der elf Apostel Ort
und sagten, was sich habe
Erzeigt in ihrem Angesicht;
Man hielt es aber anderes nicht,
als ob es Märlein wären.

16. Maria, die betrübt´, sich gibt
in schnelles Abescheiden,
findt Petrum und den Jesus liebt,
erzählet allen beiden:
Ach, spricht sie, unser Herr ist hin,
und niemand ist, der, wo man ihn
hab hingelegt will wissen.

17. Der Hochgeliebte läuft geschwind
und kommt zuerst zum Grabe;
Er guckt, und da er nichts mehr findt
als Leinen, weicht er abe.
Da aber Simon Petrus kommt,
geht er ins Grab hinein und nimmt
das Werk recht in die Augen.

18. Er sieht die Leinen für sich dar,
zu voraus, wie mit Fleiße
gelegt und eingewickelt war
das Haupttuch zu dem Schweiße:
Da ging auch, der am Ersten kam,
hinein, wie Petrus tat und nahm,
was er da sah, zu Herze.

19. Da glauben sie nun dem Bericht,
weil sie mit Augen schauen,
Was sie zwar als ein Gedicht
gehöret von den Frauen;
Doch werden sie Verwunderns voll,
denn keiner weiß, das Christus soll
von Toten auferwachen.

20. Maria steht vorm Grab und weint,
und plötzlich wird sie innen,
Daß zween in weißen Kleidern sind
vor ihr im Grabe drinnen,
Die sprechen: ,Weib, was weinst du?´
Sie haben meines Herzensruh,
Sprach sie, hinweggenommen.

21. Mein Herr ist weg, und ich weiß nicht,
Wo ich soll suchen gehen.
Indessen wendt sie ihr Gesicht
und siehet Jesum stehen.
der spricht: ,O Weib, was fehlet dir?
Was weinest du, was sucht du hier?´-
Sie meint, der Gärtner rede.

22. Ach, spricht sie: ,Herr, hast du´s getan,
So sag es unverhohlen,
Wo liegt mein Herr? Wo komm ich an?
So will ich mir ihn holen.´
Der Herr spricht mit gewohnter Stimm:
Maria! Da wendt sie sich um
und spricht: Sieh du da, Rabbuni!´

23. Rühr mich nicht an! Ich bin noch nicht
zum Vater aufgefahren,
geh aber hin, sprach unser Licht,
Sage meiner Brüder Scharen:
Ich fahr als eures Todes Tod
zu meinem und zu eurem Gott
und unser aller Vater.

24. Maria ist das arme Weib,
von welcher unser Meister,
der starke Helfer, vormals treib
auf einmal lieben Geister.
Die, die ists, welcher Jesu Christ
zum ersten Mal erschienen ist
am heiligen Ostertage.

25. Nun, sie ging hin, täts denen kund,
die mit ihr Jesum liebten
und über ihn von Herzensgrund
sich grämten und betrübten.
kein einzger aber fiel ihr bei,
ein jeder hielts für Fantasei,
und wollt es niemand glauben.

26. Es gingen auch ins Grab hinein
die andere Schar der Frauen,
Da gab sich ihrem Augenschein
ein Jüngling anzuschauen
in einem langen weißen Kleid,
Der sprach: ,Habt Freud und Trost und seid
ohn alle Furcht und Strecken.

27. Ihr Sucht den Held von Nazareth,
der doch hier nicht vorhanden;
seht, das ist seines Lagers Stätt,
von der er auferstanden.
Geht schnell, sagts Petro und der Zahl
der andern Jünger allzumal:
ihr Herr und Meister lebe,-

28. Die Weiber eilen schnell davon,
den Jüngern Post zu bringen,
und siehe da, die Freudensonn,
nach der sie alle gingen,
Die geht daher, und sehen sie
im Leben, den sie also früh
als einen Toten suchten.

29. Sein süßer Mund macht all ihr Leid
mit seinem Grüßen süße,
Sie treten zu mit großer Freud
und greifen seine Füße.
Er aber spricht: ,Seid gutes Mute!
geht hin, sagt meinen Brüdern Guts,
Berichtet, was ihr sahet.

30. Sprecht, daß sie nunmehr also fort
in Galiläam gehen,
Allda will ich, Kraft meiner Wort,
vor ihren Augen stehen.-
Und hiermit Schloß er sein Gebot.
Die Weiber gehn und loben Gott,
Berichten, was befohlen.

31. O Lebensfürst, o starker Leu
aus Judä Stamm erstanden,
so bist du nun wahrhaftig frei
von Todes-Strick und Banden.
Du hast gesiegt und trägst zu Lohn
ein allzeit unverwelkte Kron
als Herr all deiner Feinde.

32. Was fragt du nach des Teufels Spott
und ungereimten Klagen!
Man hat, spricht er und seine Rott,
ihn heimlich weggetragen.
Die Jünger haben ihn bei Nacht
gestohlen und bei Seit gebracht,
indem wir feste schliefen.

33. O Bosheit! War dein Schlaf so fest,
Wie hast du können sehen?
Ist denn dein Auge wach gewest,
Wie läßt´st dus so geschehen,
daß durch der Jünger schwache Hand
der Stein und seines Siegelsband
wurd auf- und abgelöset?

34. Es ist dein hart verstockter Sinn,
der dich zum Lügen leitet,
So fahr auch nun zum Abgrund hin,
da dir dein Lohn bereitet!
Ich aber will, Herr Jesu Christ,
So lang ein Leben in mir ist.
Bekennen, daß du lebest.

35. Ich will dich rühmen, wie du seist
die Pest und Gift der Höllen,
Ich will auch, Herr, durch deinen Geist
mich dir zur Seiten stellen
und mit dir sterben, wie du stirbst,
und was du in dem Leid erwirbst,
Soll meine Beute bleiben.

36. Ich will von Sünden auferstehn,
Wie du vom Grab aufstehest:
Ich will zum andern Leben gehn,
Wie du zum Himmel gehest
Dies Leben ist doch lauter Tod,
drum komm und reiß aus aller Not
uns in das rechte Leben!

Gerhardt, Paul – Gegrüßet seist du, Gott, mein Heil

  1. Gegrüßet seist du, Gott, mein Heil,
    Mein ein’ge Lieb und schönstes Teil;
    Gegrüßet seist du, werte Brust,
    Du Gottessohn, du Menschenlust,
    Du Träger aller Bürd und Last,
    Du aller Müden Ruh und Rast.
  2. Mein Jesu, neige dich zu mir
    Mit deiner Brust, damit von dir
    Mein Herz in deiner Lieb entbrenn
    Und von der ganzen Welt sich trenn.
    Halt Herz und Brust in Andacht reich
    Und mich ganz deinen Willen gleich.
  3. Mach, Herr, durch deines Herzens Quell
    Mein Herz vom Unflat rein und hell;
    Der du bist Gottes Glanz und Bild
    Und aller Armen Trost und Schild,
    Teil aus dem Schatze deiner Gnad
    Auch mir mit Gnade, Rat und Tat.
  4. O süße Brust, tu mir die Gunst
    Und fülle mich mit deiner Brunst!
    Du bist der Weisheit tiefer Grund,
    Dich lobt und singt der Engel Mund,
    Aus dir entspringt die edle Frucht,
    Die dein Johannes bei dir sucht.
  5. In dir wohnt alle Gottesfüll,
    Hast alles, was ich wünsch und will,
    Du bist das rechte Gotteshaus,
    Drum, wann zur Welt ich muß hinaus,
    So schleuß mich treulich in dir ein
    Und laß mich ewig bei dir sein.

Gerhardt, Paul – O Du allersüßte Freude

O du allersüßte Freude,
o du allerhöchstes Licht,
der du uns in Lieb und Leide
unbesuchet lässest nicht.
Geist des Höchsten, höchster Fürst,
der du hältst und halten wirst
ohn Aufhören aller Dinge,
höre, höre, was ich singe.

Du bist ja die beste Gabe,
die ein Mensch nur nennen kann;
wenn ich dich erwünsch und habe,
geb ich alles Wünschen dran.
Ach, so gibt dich, komm zu mir
in mein Herze, das du dir,
da ich in die Welt geboren
selbst zum Tempel auserkoren.

Du wirst als ein milder Regen
ausgegossen von dem Thron,
bringst uns nichts als lauter Segen
von dem Vater und dem Sohn.
Laß doch, o du werter Gast,
Gottes Segen, den du hast
und verteilst nach deinem Willen,
mich an Leib und Seele füllen.

Du bist weise, voll Verstandes,
was geheim ist, ist dir kund;
zählst den Staub des kleinen Sandes,
gründst des tiefen Meeres Grund.
Nun du weißt auch zweifelsfrei,
wie verderbt und blind ich sei;
drum gib Weisheit und vor allen,
wie ich möge Gott gefallen.

Du bist heilig, läßt dich finden,
wo man rein und redlich ist,
fleuchst hingegen Schand und Sünden,
hassest Schlangentrug und List.
Mache du, o Gnadenquell,
meine Seele rein und hell;
laß mich fliehen, was du fliehest,
gib mir, was du gerne siehest.

Du bist, wie ein Schäflein pfleget,
frommes Herzens, sanftes Muts,
bleibst im Lieben unbeweget,
tust uns Bösen alles Guts.
Ach, verleih und gib mir auch
diesen edlen Sinn und Brauch,
daß ich Freund und Feinde liebe,
keinen, den du liebst, betrübe.

Mein Hort, ich bin wohl zufrieden,
wenn du mich nur nicht verstößt;
bleib ich von dir ungeschieden,
so bin ich genug getröst.
Laß mich sein dein Eigentum,
ich versprech hinwiederum,
hier und dort all mein Vermögen
dir zu Ehren anzulegen;

Ich entsage alle deme,
was dir deinen Ruhm benimmt,
ich will, daß mein Herz annehme
nun allein, was von dir kömmt.
Was der Satan will und sucht,
will ich halten als verflucht,
ich will seinen schnöden Wegen
mich mit Ernst zuwiderlegen.

Nur allein, daß du mich stärkest
und mir treulich stehest bei.
Hilf, mein Helfer, wo du merkest,
daß mir Hilfe nötig sei.
Brich des Fleisches bösen Sinn,
nimm den alten Willen hin,
mach ihn allerdinge neue,
daß sich mein Gott meiner freue.

Sei mein Retter, führ mich eben;
wenn ich sinke, sei mein Stab;
wenn ich sterbe, sei mein Leben;
wenn ich liege, sei mein Grab.
Wenn ich wieder aufersteh,
ei, so hilf mir, daß ich geh
hin, da du in ewgen Freuden
wirst dein‘ Auserwählten weiden.

Gerhardt, Paul – Siehe, mein getreuer Knecht

  1. Siehe, mein getreuer Knecht,
    Der wird weislich handeln,
    Ohne Tadel, schlecht und recht
    Auf der Erden wandeln;
    Sein getreuer, frommer Sinn
    Wird in Einfalt gehen,
    Und nach dennoch wird man ihn
    An das Kreuz erhöhen.
  2. Hoch am Kreuz wird mein Sohn
    Große Marter leiden,
    Und viel werden ihn mit Hohn
    Als ein Scheusal meiden.
    Aber also wird sein Blut
    Auf die Heiden springen
    Und das ewge wahre Gut
    In ihr Herze bringen.
  3. Kön‘ge werden ihren Mund
    Gegen ihn verhalten
    Und aus innerm Herzensgrund
    Ihre Hände falten.
    Das verblend´te taube Heer
    Wird ihn sehn und hören
    Und mit Lust zu seiner Ehr
    Ihren Glauben mehren.
  4. Aber da, wo Gottes Licht
    Reichlich wird gespüret,
    Hält man sich mit nichten nicht
    Wie es sich gebühret:
    Denn wer glaubt im Judenland
    Unser Predigt Worten!
    Wem wird Gottes Arm bekannt
    In Israels Orten?
  5. Niemand will fast seinen Preis
    Ihm hie lassen werden,
    Denn er schießt auf wie ein Reis
    Aus der dürren Erden,
    Krank, verdorret, ungestalt,
    Voller Blut und Schmerzen,
    Daher scheut ihn jung und alt
    Mit gewandten Herzen.
  6. Ei, was hat er denn getan?
    Was sind seine Schulden,
    Daß er da für jedermann
    Solche Schmach muß dulden?
    Hat er etwa Gott betrübt
    An gesunden Tagen,
    Daß er ihm anitzo gibt
    Seinen Lohn mit Plagen?
  7. Nein, fürwahr! Wahrhaftig nein!
    Er ist ohne Sünden.
    Sondern was der Mensch an Pein
    Billig sollt empfanden,
    Was an Krankheit, Angst und Weh
    Uns von Recht gebühret,
    Das ist´s, was ihn in die Höh
    An das Kreuz geführet.
  8. Daß ihn Gott so heftig schlägt,
    Tut er unsertwillen,
    Daß er solche Bürden trägt,
    Damit will er stillen
    Gottes Zorn und großen Grimm,
    Daß wir Frieden haben
    Durch sein Leiden und in ihm
    Leib und Seele laben.
  9. Wir sinds, die wir in der Irr
    Als die Schafe gingen
    Und noch stets zur Höllentür
    Als die Tollen dringen.
    Aber Gott, der fromm und treu,
    Nimmt, was wir verdienen
    Und legts seinem Sohne bei,
    Der muß uns versühnen.
  10. Nun, er tut es herzlich gern,
    Ach, des frommen Herzen!
    Er nimmt an den Zorn des Herrn
    Mit viel tausend Schmerzen
    Und ist allzeit voll Geduld,
    Laßt kein Wörtlein hören
    Wider die, so ohne Schuld
    Ihn so hoch beschweren.
  11. Wie ein Lämmlein sich dahin
    Läßt zur Schlachtbank selten
    Und hat in dem frommen Sinn
    Gar kein Widerstreiten,
    Läßt sich handeln, wie man will,
    Fangen, binden, zähmen
    Und dazu in großer Still
    Auch sein Leben nehmen.
  12. Also läßt auch Gottes Lamm
    Ohne Widersprechen
    Ihm sein Herz am Kreuzesstamm
    Unsertwegen brechen.
    Er sinkt in Tod hinab,
    Den er selbst doch bindet,
    Weil er sterbend Tod und Grab
    Mächtig überwindet.
  13. Er wird aus der Angst und Qual
    Endlich ausgerissen,
    Tritt den Feinden allzumal
    Ihren Kopf mit Füßen.
    Wer will seines Lebens Läng
    Immer mehr ausrechnen?
    Seiner Tag und Jahre Meng
    Ist nicht auszusprechen.
  14. Doch ist er wahrhaftig hier
    für sein Volk gestorben
    Und hat völlig mir und dir
    Heil und Gnad erworben,
    Kommt auch in das Grab hinein
    Herrlich eingehüllet,
    Wie die, so mit Reichtum sein
    In der Welt erfüllet.
  15. Er wird als ein böser Mann
    Für die Welt geplaget,
    Da er doch nach nie getan,
    Auch noch nie gelogen,
    Was da bös und unrecht wär;
    Er hat nie betrogen.
    Nie verletzt Gottes Ehr,
    Seinem heilgen Namen.
  16. Ach, er ist für fremde Sünd
    In den Tod gegeben,
    Auf daß du, o Menschenkind,
    Durch ihn möchtest leben,
    Daß er mehrte sein Geschlecht,
    Den gerechten Samen,
    Der Gott dient und Opfer brächt
    Seinem heiligen Namen.
  17. Denn das ist sein höchste Freud
    Und des Vaters Wille,
    Daß den Erdkreis weit und breit
    Sein Erkenntnis fülle,
    Damit der gerechte Knecht,
    Der vollkommne Sühner,
    Gläubig mach und recht gerecht
    Alle Sündendiener.
  18. Große Menge wird ihm Gott
    Zur Verehrung schenken,
    Darum daß er sich mit Spott
    Für uns lassen kränken,
    Da er denen gleich gesetzt,
    Die sehr übertreten,
    auch die, so ihn hoch verletzt,
    Bei Gott selbst verbeten.

Gerhardt, Paul – O Welt, sieh hier dein Leben

O Welt, sieh hier dein Leben
am Stamm des Kreuzes schweben,
dein Heil sinkt in den Tod.
Der große Fürst der Ehren
läßt willig sich beschweren
mit Schlägen, Hohn und großem Spott.

Tritt her und schau mit Fleiße,
sein Leib ist ganz mit Schweiße
des Blutes überfüllt;
aus seinem edlen Herzen
vor unerschöpften Schmerzen
ein Seufzer nach dem andern quillt.

Wer hat dich so geschlagen,
mein Heil, und dich mit plagen
so übel zugericht‘t?
Du bist ja nicht ein Sünder,
wie wir und unsre Kinder,
von Übeltaten weißt du nicht.

Ich, ich und meine Sünden,
die sich wie Körnlein finden
des Sandes an dem Meer,
die haben dir erreget
das Elend, das dich schläget,
und das betrübte Marterheer.

Ich bins, ich sollte büßen,
an Händen und an Füßen
gebunden in der Höll;
die Geißeln und die Banden
und was du ausgestanden,
das hat verdienet meine Seel.

Du nimmst auf deinen Rücken
die Lasten, die mich drücken
viel schwerer als ein Stein.
Du wirst ein Fluch, dagegen
Verehrst du mir den Segen;
Dein Schmerzen muss mein Labsal sein.

Du setzest dich zum Bürgen,
ja lässest dich erwürgen
für mich und meine Schuld;
mir lässest du dich krönen,
mit Dornen, die dich höhnen,
und leidest alles mit Geduld.

Du springst ins Todes Rachen,
mich frei und los zu machen
von solchem Ungeheur.
Mein Sterben nimmst du abe,
vergräbst es in dem Grabe,
O unerhörtes Liebesfeur!

Ich bin, mein Heil, verbunden
all Augenblick und Stunden
dir überhoch und hehr;
was Leib und Seel vermögen,
das will ich dankbar legen
allzeit an deinen Dienst und Ehr.

Nun, ich kann nicht viel geben
in diesem armen Leben,
eins aber will ich tun:
es soll dein Tod und Leiden,
bis Leib und Seele scheiden,
mir stets in meinem Herzen ruhn.

Ich wills vor Augen setzen,
mich stets daran ergötzen,
ich sei auch, wo ich sei.
Es soll mir sein ein Spiegel
der Unschuld und ein Siegel
der Lieb und unverfälschten Treu.

Wie heftig unsre Sünden
den frommen Gott entzünden,
wie Rach und Eifer gehen,
wie grausam seine Ruten,
wie zornig seine Fluten,
will ich aus diesem Leiden sehn.

Ich will daraus studieren,
wie ich mein Herz soll zieren
mit stillem, sanftem Mut,
und wie ich die soll lieben,
die mich doch sehr betrüben
mit Werken, so die Bosheit tut.

Wenn böse Zungen stechen,
mir Glimpf und Namen brechen,
so will ich zähmen mich;
das Unrecht will ich dulden,
dem Nächsten seine Schulden
verzeihen gern und williglich.

Ich will ans Kreuz mich schlagen
mit dir und dem absagen,
was meinem Fleisch gefällt;
was deine Augen hassen,
das will ich fliehn und lassen,
gefiel es auch der ganzen Welt.

Dein Seufzen und dein Stöhnen
und die viel tausend Tränen,
die dir geflossen zu,
die sollen mich am Ende
in deinen Schoß und Hände
begleiten zu der ewgen Ruh.

Gerhardt, Paul – Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld

Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld
der Welt und ihrer Kinder,
es geht und träget in Geduld
die Sünden aller Sünder;
es geht dahin, wird matt und krank,
ergibt sich auf die Würgebank,
entsaget allen Freuden;
es nimmt auf sich Schmach, Hohn und Spott,
Angst, Wunden, Striemen, Kreuz und Tod,
und spricht: Ich wills gern leiden.

Das Lämmlein ist der große Freund
und Heiland meiner Seelen;
den, den hat Gott zum Sündenfeind
und Sühner wollen wählen.
„Geh hin, mein Kind, und nimm dich an
der Kinder, die von Anfang an
verdient des Zornes Ruten;
die Straf ist schwer, der Zorn ist groß,
du kannst und sollst sie machen los
durch Sterben und durch Bluten.“

„Ja, Vater, ja, von Herzensgrund,
leg auf, ich will dies tragen;
mein Wollen liegt an deinem Mund,
mein Wirken ist dein Sagen.“
O Wunderlieb, o Liebesmacht!
Du kannst, was nie ein Mensch gedacht,
Gott seinen Sohn abringen.
O Liebe, Liebe! Du bist stark,
du strecktest den in Grab und Sarg,
vor dem die Felsen springen.

Du marterst ihn am Kreuzesstamm
mit Nägeln und mit Spießen
du schlachtest ihn als wie ein Lamm,
machst Herz und Adern fließen:
das Herze mit der Seufzer Kraft,
die Adern mit dem edlen Saft
des purpurroten Blutes.
O süßes Lamm, was soll ich dir
erweisen dafür, daß du mir,
erweisest so viel Gutes?

Mein Lebetage will ich dich
aus meinem Sinn nicht lassen,
dich will ich stets, gleich wie du mich,
mit Liebesarmen fassen;
du sollst sein meines Herzens Licht,
und wenn mein Herz in Stücke bricht,
sollst du mein Herze bleiben;
ich will mich dir, mein höchster Ruhm,
hiermit zu deinem Eigentum
beständiglich verschreiben.

Ich will von deiner Lieblichkeit
bei Nacht und Tage singen,
mich selbst auch dir zu aller Zeit
zum Freudenopfer bringen.
Mein Bach des Lebens soll sich dir
und deinem Namen für und für
in Dankbarkeit ergießen;
und was du mir zu gut getan,
das will ich stets, so tief ich kann,
in mein Gedächtnis schließen.

Erweitre dich, mein Herzensschrein,
du sollst ein Schatzhaus werden
der Schätze, die viel größer sein
als Himmel, Meer und Erden.
Weg mit dem Gold Arabia!
Weg Kalmus, Myrrhen, Kassia!
Ich hab ein Bessers funden:
Mein großer Schatz, Herr Jesu Christ,
ist dieses, was geflossen ist
aus deines Leibes Wunden.

Das soll und will ich mir zu nutz
zu allen Zeiten machen;
im Streite soll es sein mein Schutz,
in Traurigkeit mein Lachen,
in Fröhlichkeit mein Saitenspiel,
und wenn mir nichts mehr schmecken will,
soll mich dies Manna speisen.
Im Durst solls sein mein Wasserquell,
in Einsamkeit mein Sprachgesell,
zu Haus und auch auf Reisen.

Was schadet mir des Todes Gift?
Dein Blut, das ist mein Leben.
Wenn mich der Sonnen Hitze trifft,
so kann mirs Schatten geben.
Setzt mir der Wehmut Schmerzen zu,
so findt ich bei dir meine Ruh
als auf dem Bett ein Kranker.
Und wenn des Kreuzes Ungestüm
mein Schifflein treibet üm und üm,
so bist du dann mein Anker.

Wann endlich ich soll treten ein
in deines Reiches Freuden,
so soll dein Blut mein Purpur sein,
ich will mich darin kleiden;
es soll sein meines Hauptes Kron,
in welcher ich will vor den Thron
des höchsten Vaters gehen
und dir, dem er mich anvertraut
als eine wohlgeschmückte Braut
an deiner Seite stehen.

Gerhardt, Paul – Wach auf, mein Herz, und singe

  1. Wach auf, mein Herz, und singe
    dem Schöpfer aller Dinge,
    dem Geber aller Güter,
    dem frommen Menschenhüter.
  2. Heut, als die dunklen Schatten
    mich ganz umgeben hatten,
    hat Satan mein begehret;
    Gott aber hat’s gewehret.
  3. Ja, Vater, als er suchte,
    daß er mich fressen möchte,
    war ich in deinem Schoße,
    dein Flügel mich beschlosse.
  4. Du sprachst: Mein Kind, nun liege,
    trotz dem, der dich betrüge;
    schlaf wohl, laß dir nicht grauen,
    du sollst die Sonne schauen.
  5. Dein Wort, das ist geschehen:
    Ich kann das Licht noch sehen,
    von Not bin ich befreiet,
    dein Schutz hat mich erneuet.
  6. Du willst ein Opfer haben,
    hier bring ich meine Gaben:
    mein Weihrauch und mein Widder
    sind mein Gebet und Lieder.
  7. Die wirst du nicht verschmähen;
    du kannst ins Herze sehen;
    denn du weißt, daß zur Gabe
    ich ja nichts Bessers habe.
  8. So wollst du nun vollenden
    dein Werk an mir und senden,
    der mich an diesem Tage
    auf seinen Händen trage.
  9. Sprich Ja zu meinen Taten,
    hilf selbst das Beste raten;
    den Anfang, Mitt und Ende,
    ach Herr, zum besten wende.
  10. Mich segne, mich behüte,
    mein Herz sei deine Hütte,
    dein Wort sei meine Speise,
    bis ich gen Himmel reise.

Gerhardt, Paul – Nun laßt uns gehn und treten

Nun laßt uns gehn und treten
mit Singen und mit Beten
zum Herrn, der unserm Leben
bis hieher Kraft gegeben.

Wir gehn dahin und wandern
von einem Jahr zum andern,
wir leben und gedeihen
vom alten zu dem neuen;

Durch soviel Angst und Plagen,
durch Zittern und durch Zagen,
durch Krieg und große Schrecken,
Die alle Welt bedecken.

Denn wie von treuen Müttern
in schweren Ungewittern
die Kindlein hier auf Erden
mit Fleiß bewahret werden.

Also auch und nicht minder
läßt Gott uns, seine Kinder,
wenn Not und Trübsal blitzen,
in seinem Schoße sitzen.

Ach, Hüter unsers Lebens,
fürwahr, es ist vergebens
mit unserm Tun und Machen,
wo nicht dein Augen wachen.

Gelobt sei deine Treue,
die alle Morgen neue,
Lob sei den starken Händen,
die alles Herzleid wenden.

Laß ferner dich erbitten,
o Vater, und bleib mitten
in unserm Kreuz und Leiden
ein Brunnen unsrer Freuden.

Gib mir und allen denen,
die sich von Herzen sehnen
nach dir und deiner Hulde,
ein Herz, das sich gedulde.

Schleuß zu die Jammerpforten
Und laß an allen Orten
Auf so viel Blutvergießen
Die Freudenströme fließen.

Sprich deinen milden Segen
zu allen unsern Wegen,
laß Großen und auch Kleinen
die Gnadensonne scheinen.

Sei der Verlassnen Vater,
der Irrenden Berater,
der Unversorgten Gabe,
der Armen Gut und Habe.

Hilf gnädig allen Kranken,
gib fröhliche Gedanken
den hochbetrübten Seelen,
die sich mit Schwermut quälen.

Und endlich, was das Meiste,
füll uns mit deinem Geiste,
der uns hier herrlich ziere
und dort zum Himmel führe.

Das alles wollst du geben,
o meines Lebens Leben,
mir und der Christenschare
zum selgen neuen Jahre.

Gerhardt, Paul – Kommt und laßt uns Christum ehren

Kommt und laßt uns Christum ehren,
Herz und Sinnen zu ihm kehren;
singet fröhlich, laßt euch hören,
wertes Volk der Christenheit.

Sünd und Hölle mag sich grämen,
Tod und Teufel mag sich schämen;
wir, die unser Heil annehmen,
werfen allen Kummer hin.

Sehet, was hat Gott gegeben!
Seinen Sohn zum ewgen Leben,
Dieser kann und will uns heben
aus dem Leid ins Himmels Freud.

Seine Seel ist uns gewogen,
Lieb und Gunst hat ihn gezogen,
uns, die Satanas betrogen,
zu besuchen aus der Höh.

Jakobs Stern ist aufgegangen,
stillt das sehnliche Verlangen,
bricht den Kopf der alten Schlangen
und zerstört der Höllen Reich.

Unser Kerker, da wir saßen
und mit Sorgen ohne Maßen
Uns das Herze selbst abfraßen,
Ist entzwei und wir sind frei.

O du hochgesegnte  Stunde,
da wir das von Herzensgrunde
glauben und mit unserm Munde
danken dir, o Jesulein!

Schönstes Kindlein in dem Stalle,
sei uns freundlich, bring uns alle
dahin, da mit süßem Schalle
dich der Engel Heer erhöht.

Gerhardt, Paul – Schaut, schaut, was ist für Wunder bar

1. Schaut, schaut, was ist für Wunder dar?
Die schwarze Nacht wird hell und klar,
Ein großes Licht bricht jetzt herein,
Ihm weichet aller Sternen Schein.

2. Es ist ein rechtes Wunderlicht
Und gar die alte Sonne nicht,
Weils wider die Natur die Nacht
Zu einem hellen Tage macht.

3. Was wird hierdurch uns zeigen an,
Der die Natur so ändern kann?
Es muß ein großes Werk geschehn,
Wie wir aus solchen Zeichen sehn.

4. Sollt auch erscheinen dieser Zeit
Die Sonne der Gerechtigkeit,
Der helle Stern aus Jakobs Stamm,
Der Heiden Licht, des Weibes Sam?

5. Es ist also. Des Himmels Heer,
Das bringt uns jetzt die Freudenmähr,
Wie sich nunmehr hat eingestellt
Zu Bethlehem das Heil der Welt.

6. O Gütigkeit, was lange Jahr
Sich hat der frommen Väter Schar
Gewünscht und sehnlich oft begehrt,
Des werden wir von Gott gewährt.

7. Drum auf, ihr Menschenkinder, auf,
Auf, auf und nehmet euren Lauf
Mit mir hin zu der Stell und Ort,
Davon gemeldt der Engel Wort.

8. Schaut hin, dort liegt im finstern Stall,
Des Herrschaft gehet überall,
Da Speise vormals sucht ein Kind,
Da ruhet jetzt der Jungfrau Kind.

9. O Menschenkind, betracht es recht,
Und strauchle nicht, dieweil so schlecht,
So elend scheint dies Kindelein,
Es ist und soll auch groß uns sein.

10. Es wird im Fleisch hier vorgestellt,
Der alles schuf und noch erhält,
Das Wort, so bald im Anfang war
Bei Gott, selbst Gott, das lieget dar.

11. Es ist der eingeborne Sohn
Des Vaters, unser Gnadenthron,
Das A und O, der große Gott,
Der Siegesfürst, Herr Zebaoth.

12. Denn weil die Zeit nunmehr erfüllt,
Da Gottes Zorn muß sein gestillt,
Wird sein Sohn Mensch, trägt unsre Schuld,
Wirbt uns durch sein Blut Gottes Huld.

13. Dies ist die rechte Freudenzeit,
Weg Trauern, weg, weg alles Leid.
Trotz dem, der ferner uns verhöhnt,
Gott selbst ist Mensch, wir sind versöhnt.

14. Der Sündenbüßer ist nun hier,
Den Schlangentreter haben wir,
Der Höllen Pest, des Todes Gift,
Des Lebens Fürst man hier antrifft.

15. Es hat mit uns nun keine Not,
Weil Sünde, Teufel, Höll und Tod
Zu Spott und Schanden sind gemacht
In dieser großen Wundernacht.

16. O selig, selig alle Welt,
Die sich an dieses Kindlein hält.
Wohl dem, der dieses recht erkennt
Und gläubig seinen Heiland nennt.

17. Es danke Gott, wer danken kann,
Der unser sich so hoch nimmt an
Und sendet aus des Himmels Thron
Uns, seinen Feinden, seinen Sohn.

18. Drum stimmt an mit der Engel Heer:
Gott in der Höhe sei nun Ehr,
Auf Erden Friede jederzeit,
Den Menschen Wonn und Fröhlichkeit.