Justus Sieber – Süßer Christ

Süßer Christ,
Du, du bist
Meine Wonne;
Du bist meines Herzens Lust,
Dich trag ich in meiner Brust,
O du schöne Himmelssonne!

Du hast dich
Ja für mich
Lassen tödten;
Dein den Rosen gleiches Blut
Ist für meine Seele gut,
Wenn sie kämpft in höchsten Nöthen.

Ist nicht kund,
Daß dein Mund,
Dem verziehen,
Der im Tempel Reue trug
Und mit Weh ans Herze schlug?
Soll denn ich nun vor dir fliehen?

Nein! auf dich
Gründ‘ ich mich;
Du kannst retten,
Wenn mich gleich der blasse Tod,
Wenn mich Hölle, Qual und Noth
Allkbereit gefangen hätten.

Nimm mich auf,
Wenn mein Lauf
Wird geschlossen!
Laß in deiner Seiten Schrein
Meine Seele sicher sein,
Weil dein Blut für sie vergossen.

Fort, o Welt!
Mir gefällt
Nichts auf Erden;
Leid ist in der Eitelkeit,
Lust ist in der Seligkeit:
Jesu, laß mich selig werden!

Die evangelische Volksbibliothek
Fünfter Band
Die geistliche Dichtung von Luther bis Klopstock
ausgewählt und eingeleitet
von Paul Pressel
Stuttgart
Adolph Bechers Verlag (Gustav Hoffmann)
1863

Petrus Franck – Sterbelied

In Christo will ich sterben,
Wanns meinem Gott gefällt:
Hier ist nichts zu erwerben
In dieser argen Welt.
Es ist ein elend Leben
In dieser schnöden Zeit:
Dort wird ein bessers geben
Gott in der Ewigkeit.

Mit Christo will ich scheiden
Von dieser Erdenqual,
Der wird mich selber leiten
Durchs finstre Todtenthal.
Drum laß ich mir nicht grauen
Vor diesem Augenblick;
Bald werd ich ewig schauen
Mein bestes Theil und Stück.

Zu Christo will ich fahren
In das gelobte Land,
Der wird mich wohl bewahren
In seiner starken Hand.
Trotz sei dem Feind geboten,
Daß er mich reiß‘ heraus;
Dort will ich seiner spotten
Im schönen Friedenhaus.

Bei Christo will ich bleiben
In alle Ewigkeit,
Und ohn Aufhören treiben
Sein Lob mit höchster Freud:
Mit Jauchzen und mit Singen
Will ich ihm dankbar sein.
Nun laß mir’s, Herr, gelingen
Zu deinem Preis allein.

Die evangelische Volksbibliothek
Fünfter Band
Die geistliche Dichtung von Luther bis Klopstock
ausgewählt und eingeleitet
von Paul Pressel
Stuttgart
Adolph Bechers Verlag (Gustav Hoffmann)
1863

Theodor Isaak Hertzogenrath – Abendlied

Schöpfer, Herr und Gott
Himmels und der Erden,
Starker Zebaoth,
Vor dem auch die Nacht
Wie des Tages Pracht
Hell und licht muß werden!

Deine Vatertreu
Hast du lassen walten,
Diesen Tag aufs Neu‘
Ueber mich, o Gott!
Mich vor Leid und Noth
Gnädiglich erhalten.

Jetzund rufest du,
O du Licht der Frommen,
Meinen Leib zur Ruh:
Ach laß auch den Geist
Dadurch allermeist
Neue Kraft bekommen!

Aber eh sich noch
Meine Augen schließen,
Dank ich billig hoch
Deiner theuern Gnad,
Die du früh und spat
mir gibst zu genießen.

Schöpfer aller Ding‘,
Geist und Licht von oben,
Ich bin zu gering
Aller deiner Güt‘;
Möcht doch mein Gemüth
Dich dafür recht loben!

Laß dann hier auf Erd‘
Mich so vor dir leben,
Wie ich wünschen werd,
Wanns dereinst geschicht,
Daß sich zum Gericht
Jesus wird begeben.

Nun so leg ich mich
Still und sicher nieder,
Denn ich trau auf dich:
Wecke du, o Herr,
Mich zu deiner Ehr
Morgen fröhlich wieder.

Wann ich auch hernach –
O wann wirds geschehen! –
An dem großen Tag,
Aus der Erden Staub
Wie ein frisches Laub
Werde auferstehen.

Herr, dann wollest du
Das vollselge Leben
Und die süße Ruh,
Die ganz unzerstört
Nimmermehr aufhört,
Meiner Seelen geben!

Die evangelische Volksbibliothek
Fünfter Band
Die geistliche Dichtung von Luther bis Klopstock
ausgewählt und eingeleitet
von Paul Pressel
Stuttgart
Adolph Bechers Verlag (Gustav Hoffmann)
1863

Theodor Isaak Hertzogenrath – Morgenlied

Wundervoller Gott,
Glanz und Licht der Erden,
Starker Zebaoth,
vor dem auch die Nacht
Und des Todes Nacht
Hell und licht muß werden.

Deine starke Hand,
Hoch und mächtig droben,
Geht durch alle Land:
Finsterniß und Licht
Hast du zugericht‘,
Und sehr weis‘ erhoben!

Denn dein fester Bund
Bleibet, wie wir sehen,
Noch zu dieser Stund,
So auch Tag und Nacht,
Unter deiner Macht
Unverändert stehen.

Alles weiß die Zeit,
Die du hast gesetzet,
Und ist schnell bereit,
Nach dem Ort und Ziel,
Da dein hoher Will
Solches hingeschätzet.

Nun hat meine Seel,
Die dir ist verbunden,
In der freien Höhl
Deiner Sicherheit
Auch zu dieser Zeit
Ihre Ruh gefunden.

Darum mein Gemüth,
Das dich heilig liebet,
Durch dein‘ große Güt‘,
Gleichsam als entzückt,
Und vom Schlaf erquickt,
Dir die Ehre gibet.

Laß mich diesen Tag
Also vor dir leben,
Wie ich wünsch hernach,
Wann das große Licht,
Jesus, mein Gesicht
Einmal wird umgeben.

Und damit ich heut
Unter deinem Segen
Mein‘ Beruf mit Freud
Und auf alle Weis
Zu dein’s Namens Preis
Vor dir ab mög‘ legen.

Wollst du, theurer Herr,
Durch ein süß Gedeihen
Mich zu deiner Ehre
Leiten und damit
Meine Gäng und Tritt
Jederzeit erfreuen.

Wenn ich auch zuletzt
Meine Zeit vollende,
Die du hast gesetzt,
ach so hilf du mir,
Jesu, mein Begier,
Daß ich selig ende.

Die evangelische Volksbibliothek
Fünfter Band
Die geistliche Dichtung von Luther bis Klopstock
ausgewählt und eingeleitet
von Paul Pressel
Stuttgart
Adolph Bechers Verlag (Gustav Hoffmann)
1863

Friedrich Adolf Lampe – Pilgerlied

Mein Leben ist ein Pilgrimstand.
Ich reise nach dem Vaterland
Nach dem Jerusalem, das droben
Gott selbst als eine feste Stadt
Auf Bundesblut gegründet hat.
Da werd‘ ich Jakobs Hirten loben.
Mein Leben ist ein Pilgrimstand,
Ich reise nach dem Vaterland.

So schnell ich Land und Sand verlaß,
So schnell lauft meines Lebens Glas,
Und was vorbei ist, kommt nicht wieder.
Ich eile zu der Ewigkeit.
Herr Jesu, mach‘ mich nur bereit,
Eröffne meine augenlider,
Daß ich, was zeitlich ist, veracht,
Und nur nach dem was ewig, tracht.

Kein Reisen ist ohn‘ Ungemach.
Der Lebensweg hat auch sein Ach.
Man wandelt nicht auf weichen Rosen.
Der Steg ist eng, der Feinde viel,
Die mich abreißen von dem Ziel.
Ich muß mich oft in Dornen stoßen,
Ich muß durch dürre Wüsten geh’n,
Und kann selbst keinen Ausweg seh’n.

Der Sonne Glanz mir oft entbricht,
Der Sonne, die mit Gnadenlicht
In unverfälschte Herzen strahlet.
Wind, Regen stürmen auf mich zu;
Mein matter Geist find‘ nirgend ruh.
Doch alle Müh‘ ist schon bezahlet,
Wann ich die güld’ne Himmelsthür
Mir stell‘ im Glaub’n und Hoffnung für.

Israels Hüter, Jesu Christ,
Der du ein Pilgrim worden bist,
Da du mein Fleisch hast angenommen,
Zeig‘ mir im Worte deine Tritt.
Laß mich bei einem jeden Schritt
Zu deinem Heil stets näher kommen.
Mein Leben fleucht, ach eile du,
Und fleuch, gleichwie ein Hirsch, herzu.

Durch deinen Geist mich heilig leit‘,
Gib in Geduld Beständigkeit.
Für Straucheln meinen Fuß beschütze.
Ich falle stündlich: hilf mir auf,
Zeuch mich, damit ich dir nachlauf‘.
Sei mir ein Schirm in trübsalshitze.
Laß deinen süßen Gnadenschein
In Finsterniß nie ferne sein.

Wann mir mein Herz, o Gnadenfüll‘!
Vor Durst nach dir verschmachten will,
So laß mich dich zum Ladsal finden.
Und wann ich schließ die Augen zu,
So bring‘ mich zu der stolzen Ruh,
Da Streit und alle Müh verschwinden:
Laß mich da sein in Abrah’ms Schooß
Dein Liebling und dein Hausgenoß.

Bin ich in diesem Mesechsland
Der blinden Welt schon unbekannt,
Dort sind die Freunde, die mich kennen,
Dort werd‘ ich mit der Himmelsschaar
Dir jauchzend dienen immerdar,
Und in der reinsten Liebe brennen.
Mein Bräutigam, komm, bleib‘ nicht lang,
In Kedars Hütten wird mir bang.

Die evangelische Volksbibliothek
Fünfter Band
Die geistliche Dichtung von Luther bis Klopstock
ausgewählt und eingeleitet
von Paul Pressel
Stuttgart
Adolph Bechers Verlag (Gustav Hoffmann)
1863

Lörs, Arnold – Der Morgenwecker

Der Tag des Heils kommt freudenreich,
Die Nacht der Sünd‘ und Schatten weich‘,
‚Die Nacht der Trübsal bald verschwind‘,
Des Todes Nacht uns süß entbind‘!

Die Quell‘ des Lichts bringt Licht herfür,
Der Geist klopft an: die Treue spür‘,
Vom Schlaf erwach, dem Gast aufthu‘,
Mit Frucht und Nutz den Tag bring zu!

Das Lied der Morgenröth‘ stimm an,
Den Herren lob, was loben kann,
Die Morgensterne schweigen nicht,
Es jauchzen Gottes Söhn‘ im Licht.

Die Himmelsfackel leucht‘ und strahlt,
Die güldne Sonn‘ das Rund bemalt,
Das aug der Welt jetzt funkelt hell,
Der Läufer eilt und rinnet schnell.

Dem Vorgang folg‘ und Gott vertrau:
Dich stärk‘ der frische Morgenthau,
Es glänz‘ des Frommen Pfad ohn‘ Klag,
Und schein‘ bis auf den vollen Tag!

Das Ewig‘ such, die Zeit auskauf‘,
Setz fort den guten Kampf und Lauf,
Der nach dem Vornen sich ausstreckt,
Den Preis ergreift, und fürgesteckt.

Der Mensch, die kleine Wunderwelt,
Kein‘ Wollust such‘, kein‘ Ehr noch Geld:
Wie bald verblüht der Lüsten Blum‘,
Da nicht vergeht der Tugend Ruhm.

An Gott gedenk, ihn fürcht und ehr‘,
Nach Jesu dürst‘, sein Reich vermehr‘,
Zum Himmel hin der Geist dich leit‘,
Im Herzen schmeck‘ die Süßigkeit!

Den Nächsten bau undschaff dein Heil;
Geschwind uns trifft des Todes Pfeil:
Leb, daß du lebst, stirb, eh du stirbst.
Unsterblich bist und nie verdirbst.

Dreieinig Gott, dreifacher Stand,
Erhalt‘ in Fried und Liebesband,
Lehr, wahr‘ und nähr‘, voll Segen sei,
Ein Jeder thu sein‘ Pflicht dabei!

Die evangelische Volksbibliothek
Fünfter Band
Die geistliche Dichtung von Luther bis Klopstock
ausgewählt und eingeleitet
von Paul Pressel
Stuttgart
Adolph Bechers Verlag (Gustav Hoffmann)
1863