Herman, Nikolaus – Ein Gebet und Dancksagung vor und nach dem Essen.

ALle die Augen warten, HErr, auf dich,
und auff deine güte verlassen sich,
Zu rechter zeit gibst jn jr speis
und nehrest sie mit allem vleis.

Die Blümblein schmückstu auff den felden,
die Beumelein kleidest in welden,
Es ist kein Thier, das hunger stirbt,
alls du erhelst, das nichts verdirbt.

Wenn in der lufft die Vögelein singen,
die Hewschrecken im grass hrumbspringen,
Ir speis sie finden allezeit
durch deine güt und miltigkeit.

Wenn zu dir schreien die jungen Reblein,
jr narung schaffstu jn ins nest hinnein,
Deins gleichen man kein Vater find,
der also sorgt für seine Kind.

Wie solstu denn unser vergessen,
das wir an Kleidern und essen
Solten abbruch und mangel han,
die im Glauben dich ruffen an?

O HErr, du wollest gebenedeien,
die speis, das sie uns gedeien!
Segen uns, HErr, und deine Gab,
das Leib und Seel sich wol gehab!

Und speis auch unser Seel mit Himelbrot,
das uns erhalt für dem ewigen tod,
Uff das wir nach der bösen zeit
mit dir leben in ewigkeit! Amen.

Wackernagel – Das deutsche Kirchenlied von Martin Luther bis auf Nicolaus Herman und Ambrosius Blaurer

Knopken, Andreas – Psalm 25.

Van allen minschen affgewant
Tho dy myne Seel erhaben
Heb ick allein, o Here myn Godt;
Lath my nicht werden bewagen.
All myn vortruwent steit up dy;
Lath nicht tho schanden werden my,
Dat sick myne viende nicht frouwen.

Dar wert nemandt beschemet stan
Van den, de up dy buwen,
Inn dyner handt se seker ghan,
De koep wert en nicht ruwen.
Vorschamet möthen alle de syn,
De lident an don den armen dyn
Ane recht und alle sake.

Wiß dyne wege, oo Here, my,
Tho dy den stig my lere,
Inn dyner warheit leide my,
Wente du bist, Godt myn Here,
Myn heil unde trost, myn hülp und radt,
Darup ick my alle tidt vorlath
Unde stedes puche unde trotze.

Lath dy, myn Here, tho herten ghan
Unde wil daran gedencken,
Wo all de dynen mit dy stan,
Den du dyne gnade schenckest,
Van ewicheit en uthvorseen,
Bewaret jnn dem rade dyn,
Dorch welcke se salich werden.

Myner jöget unwetenheit
Unde all myner schulde
Wil, Here Godt, yo gedencken nicht,
Sondern na dyner hulde
Myner erbarmen wil yo dy;
Van allen sünden frie my
Umme dyner güde willen.

De Here ys söte unde upgericht
Alle den, de an em hangen;
Wenn se all jn dem wege feilen,
Wert he se doch entfangen
Unde leren en den willen syn,
Geschreven jn er herte syn
Na synem wolgefallen.

Alle wege des Heren sint warheit,
Güde unde blote gnade,
Syne gelöffte holdt he truwelick
Unde gifft se den gar drade,
De fragen na dem worde syn
Unde löven, wat he lavet darin,
Als uns de schrifft affmalet.

Umme dynes namen willen, o Here,
Gnade myner sünde.
Ick früchte my, es ys gar vel
Unde wassen alle stunde.
Darumme my dyn gesette lere,
Dat ick den weg mach utherwelen,
De dy ys wolgefellich.

Des minschen Seele, de God früchtet,
Wert syne güder erven,
All de ym geloven em volgen na,
De werden nicht vorderven.
De Here ys er vorborgen schild,
Syn Testament he en öpen wil
Und synen geist en geven.

Myn ogen stedes sint tho dy,
O Here Godt, gerichtet,
Dat du helpest uth dem nette my,
Darin ick bin vorstricket.
Er barm dy myner unde see my an,
Went arm bin ick, van yederman
Sta ick ock gantz vorlaten.

Mynes herten wee ys mannigerley,
Uth myner nodt my redde
Schouw an, wo ick vornichtet bin,
Van arbeide gantz ligge nedder.
Darumme giff tho de sünde myn,
See an, wo veel der viende syn,
De my ane sake vorfolgen.

Beschütte myne Seel unde dedde my,
Dat ick nicht werde beschamet;
Myn höpen steit allein up dy,
Des frouwen sick de framen.
So help nu, God, uth aller nodt
Israel dynem armen hupen,
De dy allein anhanget.

Geistliche Lieder

Knopken, Andreas – Psalm 23.

Wat kan uns kamen an vor nodt,
So uns de Here weidet,
Unde spiset uns mit hemmelbrodt
Unde up de weide leidet,
Darto vorquicket unse nodt
Unde kölet mit dem water söt
Synes werden hilligen Geistes?

Umme dynes namen willen uns
He vört up rechter strate,
Lett uns tho neuer tidt trostlos
In schad unde ock jun bate.
Darüm wy stedes mödig syn,
Ock jnn des dodes schem unde pyn,
Went du bist mit uns, Here.

De stock unde staff unses pastores
Uns trösten unde straffen.
Dat crütze dempt des flesches lust,
Das ydt nicht schaden schaffet
Dem geiste dorch de sünde gifft,
De jn dem sterffliken live ys
Unde deit sick stedes rögen.

Du heffst bereit uns einen disch,
Den wy stedes anschouwen,
Dyns hilligen wordes werde spiss,
De wy jm herten kowen.
Wenn uns des viendes list angript,
Desülff denn unse seel erquickt
Sampt dynes geistes fülle.

Dyne güde unde bamherticheit
Darumme, Here, volgen
Van nu an bet jn ewicheit,
Du bist unse vorsorger,
Dat wy hyr dorch den loven syn,
Börger unde husgenoten.

Des helb uns unse Here Jhesu Christ,
De uns herte buwet
Dorch rechten loven und leve up sick,
Dat wy den Vader schouwen
Dorch en sampt dem hilligen Geist.
Welckeren de wünsch to herten gheit,
Spreken einmödich Ame

Geistliche Lieder

Krummacher, Friedrich Wilhelm – Der vom Holze Du regierest

Der vom Kreuze1) Du regierest
Und Davids Kron‘ und Scepter führest,
Hort Abrahams und Jakobs Fels!
Laß die Wolken Gnade regnen,
Streck aus die Priesterhand zum Segnen
Und thue wohl, Fürst Israels!
Sieh an dieß arme Kind,
In Sünden todt und blind!
Jesu, Jesu! Nimm’s gnädig ein
Zum Busen Dein,
Und hauch ihm Geist und Odem ein!

Tauf es selbst auf Deinen Namen,
Gebär es neu zu Deinem Samen,
O komm mit Wasser, Geist und Blut!
Zähl es unter Deine Erben,
Schenk ihm die Frucht von Deinem Sterben,
Versenk’s in Deine Gnadenfluth!
Als Lohn für Deinen Schmerz,
Nimm’s hin, Du Mutterherz!
Jesu, Jesu! Sprich, du bist Mein
Und bind es ein
In’s Bündlein der Lebend’gen Dein.

Herr, Dir ist’s nun übergeben,
Nun grün es auf mit Deinen Reben
Und werde stark in Deinem Licht!
Halt’s in Deines Bundes Schranken,
Und möcht es weichen, Herr, und wanken,
Ach, Deine Gnade wanke nicht!
Holdsel’ger Bräutigam,
Barmherzig Gotteslamm,
Halt ihm Treue! Wie’s immer geh,
Dein Bund besteh,
Dein Lieben heißt ja „je und je!“

Schaff – Deutsches Gesangbuch
1) ursprünglich: vom Holze

Mentzer, Johann – Der am Kreuz

Der am Kreuz ist meine Liebe,
Meine Lieb‘ ist Jesus Christ!
Weg, ihr argen Seelendiebe,
Satan, Welt und Fleischeslist!
Eure Lieb‘ ist nicht von Gott,
Eure Lieb‘ ist gar der Tod.
Der am Kreuz ist meine Liebe,
Weil ich mich im Glauben übe.

Der am Kreuz ist meine Liebe!
Frevler, was befremdet’s dich;
Daß ich mich im Glauben übe?
Jesus gab Sich Selbst für mich.
So ward Er mein Friedeschild,
Aber auch mein Lebensbild.
Der am Kreuz ist meine Liebe,
Weil ich mich im Glauben übe!

Der am Kreuz ist meine Liebe!
Sünde, du bist mir verhaßt.
Weh‘ mir, wenn ich Dich betrübe,
Der für mich am Kreuz erblaßt.
Kreuzigt ich nicht Gottes Sohn?
Trät ich nicht Sein Blut mit Hohn?
Der am Kreuz ist meine Liebe,
Weil ich mich im Glauben übe.

Der am Kreuz ist meine Liebe!
D’rum, Tyranne, foltre, stoß!
Hunger, Blöße, Henkershiebe,
Nichts macht mich von Jesu los;
Nicht Gewalt, nicht Gold, nicht Ruhm,
Engel nicht, kein Fürstenthum.
Der am Kreuz ist meine Liebe,
Weil ich mich im Glauben übe.

Der am Kreuz ist meine Liebe!
Komm, Tod, komm, mein bester Freund!
Wenn ich, wie ein Staub, zerstiebe,
Wird mein Jesus mir vereint.
Da, da schau ich Gottes Lamm,
Meiner Seelen Bräutigam.
Der am Kreuz ist meine Liebe,
Weil ich mich im Glauben übe.

Schaff – Deutsches Gesangbuch

Musculus, Wolfgang – Der XCI. Psalm

Qui habitat in adutoris altißimi rc.

WEr underm schirm des höchsten helt
sin schatten weldt,
den allmächtigen laßt walten,
Der spricht zum Herrn: Min zuuersicht,
min burg und pflicht,
min Gott, uff den ich halten!
Der wirt mich dick vons jegers strick
erretten wyt zur bösen zyt
vor allem gifft der listigkeit.

Er wirdt mit den fetichen syn
dich decken fyn,
sinn flüglen wirst vertruwen,
Din schilt und schutz sind sine trüw
machend dich fry
von forcht unnd nachtes gruwen,
Das idch tags pfyl nit überyl,
kein finstre plag erstrychen mag,
ouch wz verderbt zu mittemtag.

Ob tusend fallend in der zyt
von diner syt,
zehntusent von dinr grechten,
So wirt es doch nit langen dich,
mit ougen sich
din lust in solchem fechten
Zu widergelt der schnöden wält,
o Herr, wöllst sin die hoffnung min!
zum höchsgten stadt die zuflucht din.

Kein übels dir begegnen mag,
ouch sunst kein plag
sich umb din huß wirt legen!
Dann er hat sinen englen schon
befelch gethon,
zhüten din in allwegen,
Zetragen dich gantz sicherlich
in henden syn, das die füß din
sich nit stossen an einen stein!

Wirst uff löwen und natern gon,
tretten und ston
uff jung löwen und trachen!
Dann er gärt min von hertzen gar,
wil jm fürwar
helffen uß allen sachen.
Ich bin sin schutz vor allem trutz,
dwyl er behend sich zu mir wendt,
dann er hat minen namen kennt.

Er rufft mich an als sinen Gott,
in angst und not
wil ich sin gbätt erhören,
Ich wil jn von der schanden huß
ruffen heruß,
groß machen unnd zu eeren.
Sins läbens zil sol werden vil,
nach disem zeyt zeig ich jm breit
min heil und früud in ewigkeit.

Wackernagel – Das deutsche Kirchenlied von Martin Luther bis auf Nicolaus Herman und Ambrosius Blaurer

Musculus, Wolfgang – Der 82. Psalm

GOtt stadt in sinder gmeinde recht,
ist undern göttern richter:
O küng, fürst, richter, gwalt und knecht,
wie lang wölt jr vernichten
Min arms volck mit unrechtem gricht?
gottlose wicht
und arg person, die nempt ir an,
der arm muß wyt dorthinden stan!

Den armen richtend in der not,
dem weißlin und dem schlechten!
Helfft dem ellenden uf, durch Gott,
dem dürfftigen zum rechten!
Den gringen rettend in sim zwang,
sumpt üch nit lang!
des armen band zrings umb im land,
lößt jn uß der gottlosen hand!

Aber, Herr Gott, sy wüssends nicht,
das du stäts in dinr gmeinde,
Ouch merckends nit, wär uff sy sicht,
meinen, syens alleine.
Sy wandlend blind im finstern tal
nach jrer wal,
biß doch zeletst des lands grunduest
umbfallen wirt durch frömbde gest.

Jr küng, ich sag üch unnd ist waar:
götter sind jr nit minder,
Von Gott verordnet alle gar
der allerhöchsten kinder.
Doch sterbend jr als dmenschen hie,
üwr keinr weißt wie,
zu welcher zyt, morn oder hüt,
falln ist üch fürsten ein gmein püt.

O Gott, darumb so mach dich uff,
richt selbs in allen landen!
Die götter hast verordnet druff,
laß sy nit werden zschanden!
Denn du bist Herr über all wält,
din gricht und feld
gibst uns zum bscheid barmhertzigkeit,
dir sy die eer in ewigkeit!

Wackernagel – Das deutsche Kirchenlied von Martin Luther bis auf Nicolaus Herman und Ambrosius Blaurer

Neander, Joachim – Zeuch mich

Zeuch mich, zeuch mich mit den Armen
Deiner großen Freundlichkeit,
Jesu Christe, dein Erbarmen
Helfe meiner Blödigkeit;
Wirst du mich nicht zu dir ziehen,
Ach so muß ich von dir fliehen.

O du Hirte meiner Seelen,
Suche dein verirrtes Schaf;
Wem soll ich mich sonst befehlen?
Weck mich aus dem Sündenschlaf.
Guter Meister, laß mich laufen
Nach dir und nach deinem Haufen.

Wie ein Wolf den Wald erfüllet
Mit Geheul bei finstrer Nacht:
Also auch der Satan brüllet,
Um mich wie ein Löwe wacht.
Herr, er will dein Kind verschlingen,
Hilf im Glauben ihn bezwingen.

Seelenmörder, alte Schlange,
Tausendkünstler, schäme dich,
Schäme dich, mir ist nicht bange,
Denn mein Jesus tröstet mich;
Weil er ziehet, muß ich laufen,
Er will mich ihm selbst erkaufen.

Zeuch mich in den Liebesseilen,
Zeuch mich kräftig, o mein Gott,
Ach wie lange, lange Weilen,
Machst du mir, Herr Zebaoth;
Doch ich hoff in allen Nöthen,
Wenn du mich gleich wolltest tödten.

Mutterherze will zerbrechen
Ueber ihres Kindes Schmerz:
Du wirst dich an mir nicht rächen,
O du mehr als Mutterherz.
Zeuch mich von dem bösen Haufen,
Nach dir, Jesu, will ich laufen.

Mützell – Geistliche Lieder der evangelischen Kirche aus dem sechszehnten Jahrhundert

Neander, Joachim – Wo soll ich hin

Wo soll ich hin, wer hilfet mir?
Wer führet mich zum Leben?
Zu Niemand, Herr, als nur zu Dir,
Will ich mich frei begeben.
Du bist’s, der das Verlorne sucht,
Du segnest, was sonst war verflucht:
Hilf, Jesu, dem Elenden!

Herr, meine Sünden ängsten mich,
Der Todesleib mich plaget;
O Lebensgott, erbarme Dich,
Vergieb mir, was mich naget.
Die weißt es wohl, was mir gebricht;
Ich fühl’s, doch sagen kann ich’s nicht:
Hilf, Jesu, dem Betrübten.

Du sprichst, ich soll mich fürchten nicht;
Du rufst: Ich bin das Leben!
Drum ist mein Trost auf Dich gericht’t,
Du kannst mir Alles geben.
Im Tode kannst Du bei mir stehn,
In Noth als Herzog vor mir gehn:
Hilf, Jesu, dem Zerknirschten!

Du bist der Arzt, der Kranke trägt,
Auf Dich will ich mich legen.
Du bist der Hirt, der Schwache pflegt,
Erquicke mich mit Segen.
Ich bin gefährlich krank und schwach,
Heil und verbind, hör an die Klag‘:
Hilf, Jesu, dem Zerschlagnen!

Ich thue nicht, Herr, was ich soll,
Wie kann ich doch bestehen?
Es drücket mich, das weißt Du wohl,
Wie wird es endlich gehen?
Elender ich, wer wird mich doch
Erlösen von des Todes Joch?
Ich danke Gott durch Christum!

Schaff – Deutsches Gesangbuch

Neander, Joachim – In der stillen Einsamkeit

In der stillen Einsamkeit
Findest Du Dein Lob bereit;
Großer Gott, erhöre mich;
Meine Seele suchet Dich!

Der Du alle Sterne führst
Und der Jahre Lauf regierst,
Unveränderlich bist Du,
Nimmer still, und doch in Ruh‘.

Diese kalte Winterlust
Kräftig in die Herzen rufst:
„Seht, wo ist der Sommer hin?
Nur der Herr erwecket ihn!“

Gleich wie Wolle fällt der Schnee
Und bedecket Land und See;
Wehet aber Gottes Wind,
So zerfließet er geschwind.

Reif, wie Asche, nah und fern
Streuet aus die Hand des Herrn;
Wer kann bleiben vor dem Frost,
Wenn es weht von Nord und Ost?

O Beherrscher der Natur!
Allem zeigst Du Zeit und Spur;
Frühling, Sommer, Herbst und Eis
Nahn und fliehn auf Dein Geheiß.

Folgte Deines Worts Befehl
Auch so willig meine Seel‘!
O daß, Jesu, Deine Lieb‘
In mir lenkte jeden Trieb!

Friert da draußen Alles ein,
Soll mein Herz doch brennend sein;
Leuchte, o mein Heil, in mir,
O so glüht und lebt es Dir!

Schaff – Deutsches Gesangbuch