Gerhard Tersteegen – Beruf’ne Seelen, schlafet nicht (Wachet und betet)

Beruf’ne Seelen, schlafet nicht,
Zur Ewigkeit steht aufgericht’t.
Wir wandeln nur im Schatten hier,
Was träumen wir,
Und zärteln unser träges Tier?

Legt ab die Last, und was euch hält,
Lust, Gunst und Umgang dieser Welt,
Geht aus Natur und Eigenheit.
Seid stets bereit;
Der Bräut’gam kommt, er ist nicht weit.

Wir wollen ihm entgegen geh’n,
Und, was hier stehet, lassen steh’n.
Nehmt seinen Ruf im Geiste wahr,
Hier wird er gar
Den reinen Herzen offenbar.

Bleibt eingekehrt, da man’s geneußt,
Und betet immerdar im Geist,
Dass man euch Zeit und Kraft nicht stehl‘;
Ach, sammelt Öl,
Jetzt, jetzt, damit euch’s dann nicht fehl‘.

Nun, ganz für Gott! dort gilt kein Schein;
Herr, flöß‘ uns Öl der Liebe ein,
Zu uns’res Lebens Treibgewicht
Und Seelenlicht,
Das auch im Tod verlösche nicht.

O Jesu, weck uns selber auf
Zum innig muntern Pilgerlauf:
Hilf wachen, beten, sterben nun,
Und nirgend’s ruh’n,
Bis du uns findest also tun.

Magdalena Sibylla Rieger – Mein Jesu! lehr‘ mich beten!

Mein Jesu! lehr‘ mich beten!
Zeig‘, wie ich andachtsvoll
Vor Gott, den Vater, treten
Und mit ihm reden soll!
Du siehst mein Unvermögen;
Du kennest Fleisch und Blut,
Das gegen Gottes Segen
Oft lau und fremde tut.

Was beten sei, das lehre
Mich durch den Heilgen Geist!
Gib, dass ich nichts begehre,
Was Er nicht fordern heißt!
Zünd‘ heil’ge Lust und Liebe
In meinem Innern an,
Dass ich aus reinem Triebe
Mein Herz Dir bringen kann!

Wenn nun in deinem Namen,
O Herr, ich bitt‘ und fleh‘,
So sprich dazu dein Amen
Und gieb, dass es gescheh‘!
Sei Du vor deinem Vater,
Wie mir dein Wort verspricht,
Mein Mittler und Berater
Und meine Zuversicht!

Behüt‘ und stärk‘ den Glauben,
Dass er, wenn diese Welt
Ihn feindlich mir will rauben,
Den vollen Sieg behält!
In Dir darf froh ich hoffen,
Mein Bitten sei gewährt,
Zeig mir den Himmel offen,
Nach dem mein Herz begehrt! Amen.

Recke, Elisabeth von der – Das Glück und die Art zu beten.

Wann ich vor meinen Schöpfer trete,
Und hier in heilger Einsamkeit
Zu ihm aus voller Seele bete,
Was fühl ich da für Seligkeit!
Ganz werd ich Geist, und alles flieht,
Was mich zur Erde niederzieht.

Dann lach ich jener falschen Freuden,
Durch die, in ihrer Flitterpracht,
Die Menschen, die sich drun beneiden,
Die Welt zu ihren Sklaven macht;
Und fühle: Gott gefällig sein,
Das, das ist wahre Freud‘ allein.

Dann weichen auch die schwersten Sorgen,
Das bängste Leiden, das mich drückt;
Ich weiß, sie sind dem nicht verborgen,
Der in des Herzens Tiefen blickt.
Der Gutes seinen Kindern gibt,
Bleibt Vater, wann er sie betrübt.

Ja, das Gebet gibt Kraft im Leiden,
Erhöht zur Tugend unsern Geist,
Und hilft uns alles alles meiden,
Was uns der Tugend sonst entreißt;
Nur müssen unsre Bitten rein
Und eines Christen würdig sein.

Drum bitt‘ ich nicht in meinen Leiden:
„O Vater! nimm du sie von mir!“
Auch bitte ich nicht in meinen Freuden;
Erhalte, Schöpfer, diese mir!
Nur um ein Gott ergebnes Herz
Bet‘ ich in Freuden und im Schmerz.